New York China mitten in Queens

Verschleierte Frauen sitzen neben Latinas in Miniröcken, die ihre frisch lackierten Fingernägel bestaunen. Ihre Köpfe schwanken hin und her, während die Bahn der Linie 7 über eine Hochbahntrasse durch Queens rattert. Indische Rhythmen dringen aus iPods, und am Horizont verschwindet langsam die Skyline von Manhattan. Kurz vor der Haltestelle Flushing sitzen fast nur noch asiatisch aussehende Menschen im Zug, denn an der Endstation des 7-Trains landet man plötzlich in China.

Chinesische Schriftzeichen prangen auf Werbetafeln, und auch die Namen der Geschäfte lassen sich nicht mehr entziffern. Würden auf der Straße keine gelben Taxis fahren und die Straßenschilder nicht auf Englisch den Weg weisen, würde man glatt vergessen, dass man in New York ist. Das Auge weiß nicht, wohin es zuerst schauen soll: Auf die vielen Stände mit den Raubkopien chinesischer Filme, die fremdartigen Fische und Schnecken in den Supermärkten oder die Flugzeuge, die alle paar Minuten dicht über die Häuser in Richtung La Guardia Airport fliegen. Flushing ist die größte Chinatown von New York – läuft man hier durch die Straßen, glaubt man mehrere Kontinente überflogen zu haben, statt bloß eine halbe Stunde mit der Bahn vom Times Square gefahren zu sein.

Multikulti in Reinform: Einwanderer aus 150 Ländern leben in Queens

Zurück an Bord des 7-Trains in Richtung Manhattan steigen an jeder Station andere Nationen ein und wieder aus. Ein Mexikaner mit Cowboyhut spielt auf seiner Gitarre, ein Inder zupft an seinem Bart. Mit seinen zwei Millionen Einwohnern aus 150 Ländern ist New Yorks größtes Borough weit mehr als nur eine Schlafstadt gegenüber der Glitzermetropole Manhattan. In Queens setzt sich die Weltkarte wie ein buntes Patchworkmuster neu zusammen.

Nirgendwo sonst ist New York so sehr Einwandererstadt wie hier. An der Station 82 St-Jackson Heights sieht es aus wie in Mumbai. Die Kinos rund um die 74. Straße zeigen Bollywoodfilme, und in den Schaufenstern hängen Saris in leuchtenden Farben. Mehr Sikhs als an jedem anderen Ort außerhalb Indiens leben in der Gegend. Ein paar Haltestellen weiter landet man im ehemals irischen Viertel Woodside mitten in Spanish Queens, wo Zina aus Puerto Rico im Deli "El Mariachi" auf Spanisch die Bestellung aufnimmt.

Kurz bevor der 7-Train unter dem East River wieder nach Manhattan abtaucht, hält er an der Station 45th Road/Court House Square. Hier stellt Domenick Di Pietrantonio, Sohn italienischer Einwanderer, in der Galerie "Local Project" seine Bilder aus. Er liebt den Kulturmix von Queens, kennt aber auch die Probleme seines Heimatstadtteils. "Hier wimmelt es vor Menschen aus aller Welt, die vom American Dream angelockt werden. In Wirklichkeit verrichten die meisten Einwanderer in Manhattan Jobs, die sonst niemand machen will, und fahren dann abends erschöpft zurück nach Queens, wo sie unter sich bleiben. Es gibt Mexikaner, die mit 20 Personen in Zweizimmerwohnungen ohne Möbel wohnen, damit sie genug Platz zum Schlafen haben", erzählt Pientrantonio.

Unübersehbar: Graffiti gehört fast zum guten Ton in Queens.
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Unübersehbar: Graffiti gehört fast zum guten Ton in Queens.
"Auch meine Eltern haben sich in ihrer Pizzeria halb tot gearbeitet, damit ich in Manhattan zur Schule gehen konnte und dieselben Chancen auf dem Arbeitsmarkt bekomme wie ein Amerikaner.“ Neben der Galerie deutet der 29-Jährige auf ein altes Fabrikgebäude, das von oben bis unten mit Graffiti bedeckt ist. Das "5 Pointz Aerosol Art Center" ist eine Outdoor-Galerie für Graffiti, auf dessen Wänden sich schon berühmte Sprayer aus der ganzen Welt verewigt haben. "Graffiti sind wie Höhlenmalereien", meint Domenick. "Es geht darum, mit der Sprühdose sein Terrain zu markieren."

Die Gegend rund um seine Galerie wird immer mehr zum Revier von Kunstliebhabern aus aller Welt. Gegenüber liegt das "PS1 Contemporary Art Center", ein Ableger des Museum of Modern Art. Junge hippe Menschen wandeln hier durch die Gänge und schauen sich Fotografien und Multimedia-Installationen an. Nach Brooklyn könnte Queens schon bald das nächste coole Borough von New York werden. Die ersten Lofts und Studios werden bereits von Hipstern bewohnt, denen die Mieten in Brooklyn zu teuer werden. Bald werden Sushi und Starbucks Einzug einhalten in Queens, doch noch dominieren die authentischen Läden und Restaurants, mit denen sich Einwanderer eine Lebensgrundlage geschaffen haben. Draußen vor dem "5 Pointz" lässt sich derweil das philippinische HipHop-Duo New Yorks Finest Pinoyz ablichten. Angel John und G-Klef posieren mit verschränkten Armen für die Kamera.

"Wir lieben Queens, weil man hier mit Menschen aus allen Kontinenten abhängen kann", erzählen die beiden. Dann rappen sie sich warm für ihren Auftritt am Abend, bei dem sie sich mit anderen Rappern aus Kolumbien und Brasilien eine Freestyle-Battle liefern werden. Zurück in Manhattan ist der 7-Train wieder mit Geschäftsmännern in dunklen Anzügen und Touristen gefüllt. Die Weltreise endet am Times Square im Schein der Neon-Reklame zwischen Dunkin’-Donuts- und McDonalds-Filialen. Und schon beginnt man, die hässlichschönen Straßen und die aufregende Vielfalt von Queens zu vermissen.

INFOS

5 Pointz Aerosol Art Center, Outdoor-Graffiti-Galerie, Jackson Ave/Crane Street, Subway: 45th Road/Court House Square 
PS 1 Museum, Ableger des Museum of Modern Art für junge Kunst, 22-25 Jackson Ave, Subway: 45th Road/Court House Square
Rizzo’s Fine Pizza, Robert De Niros Lieblingsitaliener, 30-13 Steinway Street, Subway 30th Ave
Jackson Diner, das vielleicht beste indische Restaurant von Queens, 37-47 74th St, Subway: 82 St-Jackson Heights
Louis Armstrong House, Museum im einstigen Wohnhaus des Jazzmusikers, 34-56 107th Street, Subway: Junction Blvd.

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Autor:
Aileen Tiedemann