Texas Rollergirls Rock´n´Roll beim Rollerderby

"Ich hab die ganze Strecke vollgesaut." Pussy Velour lacht grob. Dreimal, erzählt die zierliche Frau, habe sie sich bei ihren Auftritten mit den Hustlers bereits die Nase gebrochen. Und beim letzten Sturz aufs Gesicht sei ihr das Blut wie eine Fontäne aus den Nasenlöchern herausgeschossen.

Rollerderby ist halt kein Kindergarten. Nichts für verwöhnte Sensibelchen. Nichts für Pussys, auch wenn man so heißt. Rollerderby ist ein Vollkontaktsport, ein heißer, schneller Mix aus Rugby und Rollerdisco. Und wenn man dabei in mörderischem Tempo Runde für Runde im Kreis läuft und andere Mädels von der Strecke zu drängeln versucht, kracht es häufiger mal. Pussys Teamkollegin Cheap Trixie nickt, sie deutet auf ihr Gipsbein. Trainingsunfall. "Bald bin ich wieder dabei", sagt sie, zischt einen Schluck Bier hinunter und feuert lauthals ihre Mädels an.

Die Hustlers trainieren an diesem kalten Abend auf einem verlassenen Parkplatz in Austin, Texas. Flutlicht gibt es hier nicht, das Gelände wird mit einem auf einen Truck montierten Scheinwerfer spärlich erhellt. Als Umkleide nutzen die Rollergirls das Klo einer benachbarten Autowerkstatt. Zwei der Mechaniker schauen kurz beim Training zu, verschwinden dann aber schnell wieder in ihre warme Halle. Bei den Wettkämpfen im Playland Skate Center sieht das anders aus. Da kommen bis zu 700 Fans. Rollerderby, das ist eine einzige große Party.

Amy Sherman alias Electra Blu gehört zu den Veteraninnen. Sie ist so etwas wie die Großmutter der Hustlers, was man der 41-Jährigen jedoch nicht ins Gesicht sagen sollte. Sherman ist nicht nur beim Rollerderby knallhart. Sie gehört zur Gründergeneration der Rollergirls von Austin. "Bei uns in Texas hat das ja alles angefangen", sagt Sherman. Widersprechen will man ihr da nicht, auch wenn der beschriebene Anfang eher ein Comeback war. Rollerderby gab es in den USA bereits seit den dreißiger Jahren. In den achtziger Jahren war die Sportart allerdings in der totalen Versenkung verschwunden. Die Wiedergeburt des Rollerderbys fand erst fast 20 Jahre später in Austin statt.

2001 starteten Frauen in der alternativen Szene von Austin ihre erste Liga. Und zu den knapp 80 Mädels, die sich zum Verband Bad Girls, Good Women (BGGW) zusammengeschlossen hatten, gehörte auch Amy Sherman. Vier Teams traten anfangs gegeneinander an. Doch schon nach der ersten Saison kam es zum Streit. Es ging um Geld, Mitbestimmung und Krankenversicherungen. 65 der 80 Damen traten aus und gründeten ihre eigene Liga - die Texas Rollergirls. Und Amy Sherman lief vorneweg, sie war eine der Anführerinnen der Meuterei.

"Früher war das Rollerderby mehr wie eine Show ", erzählt Sherman von den Anfangszeiten vor nicht mal zehn Jahren. "Wir Mädels trugen heiße Outfits und schrilles Make-up." Die Strafen für Fouls wurden an einem Glücksrad ausgelost und bestanden schon einmal darin, Karaoke singen oder sich den Hintern vom Publikum versohlen lassen zu müssen. "Das hat sich zum Glück geändert", sagt Sherman. Heute ist Rollerderby ein echter Sport. Klare Regeln, harter Wettbewerb, viel Athletik und zwei miteinander konkurrierende Organisationen.

Denn aus den BGGW wurden die TXRD Lonestar Rollergirls. Im Gegensatz zur Konkurrenz von den Texas Rollergirls fahren die Lonestar Rollergirls spektakulär auf einer Steilbahn, wie man sie vom Sechs-Tage-Radrennen her kennt. Bei den Texas Rollergirls wird derweil weiter auf dem Flat Track - einem flachen Rundkurs - um jeden Meter gekämpft. Das ist deutlich weniger aufwendig und hat sich deshalb auch international durchgesetzt. Die 2004 gegründete Women's Flat Track Derby Association (WFTDA) verzeichnet inzwischen an die 10.000 Mitglieder weltweit. Keine schlechten Wachstumsraten, wenn man bedenkt, dass alles vor neun Jahren in Austin mit gerade einmal 80 Rollergirls begonnen hat.

Motivationshilfe "Natural Born Killers"

Veteranin Sherman hat ihre aktive Rollergirl-Karriere an den Nagel gehängt. "Ich kann mit den jungen Dingern nicht mehr mithalten", sagt sie. Der Abschied von den Hustlers, das gibt sie zu, sei ihr verdammt schwer gefallen. Inzwischen kümmert sich die 41-Jährige um die Sponsorenakquise für die Liga. Vom Bierbrauer über eine Fisch-Taco-Restaurantkette bis zum Fitnessstudio - Unterstützer gibt es reichlich. Wobei es den Texas Rollergirls ums Geldverdienen ohnehin nicht geht. Ihre Liga hat sich der Gemeinnützigkeit verschrieben. Das kommt gut an. Jüngst rief die Stadt Austin einen offiziellen Texas-Rollergirl-Tag aus. Der Bürgermeister höchstpersönlich gab den Startschuss in die neue Saison.

Eines hat sich auch innerhalb der letzten neun Jahre in Austin nicht verändert: Rollerderby ist noch immer Punkrock auf Rollschuhen. Kaum eine Spielerin, die nicht tätowiert ist, ein Piercing hat oder zumindest die Ramones hört. Fluchen gehört zum guten Ton und manchmal wird sich sogar beim Wettkampf richtig geprügelt. Danach wird allerdings ordentlich gefeiert - frei nach dem Motto: "Wir hassen uns auf der Strecke, aber wir lieben uns auf der Party danach." Aggressivität ist ein wichtiger Teil beim Rollerderby. "Ich habe mir früher immer den Anfang von 'Natural Born Killers' angeguckt, um in Stimmung für ein Match zu kommen", gesteht Hustler Vanna Whitetrash. Der Film von Oliver Stone beginnt mit einem brutalen Massaker.

Vanna Whitetrash, Cheap Trixie, Pussy Velour - phantasievolle Namen sind fester Bestandteil der Rollerderby-Szene. Möglichst doppeldeutig und anzüglich sollten sie sein. Wie The Angie Christ oder Pocahotass. Ganz wichtig: Jeden Namen darf es im Rollerderby-Universum nur einmal geben. Damit das so bleibt, gibt es eine offizielle Internetseite, auf der sich Rollergirls spitznamentlich registrieren lassen. Wenn es jemand wagt, einen Namen unerlaubt zu kopieren, droht Ärger. "Dann kriegt die Schlampe die Fresse poliert", sagt Cheap Trixie.

Die Namensnummer ist nicht die einzige Regel, die es zu beachten gilt. Wer zum Beispiel mit einem Texas Rollergirl anbändelt, der sollte es ernst meinen. "Typen, die es einmal versauen, bekommen keine weitere Chance mehr", erklärt Trixie. "Das gibt den kollektiven Cock Block." Soll heißen: Dem Mann droht ein Generalboykott von allen anderen Rollergirls.

Nicht nur der Rest der Welt, auch Hollywood hat dank der Texas Rollergirls aus Austin den harten Sport wieder für die Leinwand entdeckt. Nachdem zuletzt in den siebziger Jahren James Caan in "Rollerball" und Raquel Welch in "Kansas City Bomber" auf die Bahn durften, kam 2009 "Whip it!" in die US-Kinos. In der Komödie geht es um das Rollerderby in Austin. Hauptdarstellerin Ellen Page ("Juno") spielt das Rollergirl Babe Ruthless. Ein klarer Regelverstoß. Denn der Co-Kapitän der Hustlers heißt genauso.

Cheap Trixie ist davon sichtlich nicht begeistert, aber was soll man machen. Tagsüber arbeitet sie als Forscherin in der Wissenschaft, Vanna ist Hundefriseurin und Pussy zurzeit "zwischen zwei Jobs". Ansonsten bestehen die Hustlers aus Studenten, Lehrern und glücklicherweise auch einer Ärztin. Die ist gut dafür, wenn es mal wieder böse kracht. Also immer.

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Autor:
Denis Krah