Texas Deutsche Kultur mitten in Amerika

Günter Dirks spricht mit norddeutschem Akzent. Früher fuhr er als Kapitän zur See, dann eröffnete Dirks ein Reisebüro in Elmshorn nördlich von Hamburg. Vor fünf Jahren hatte er genug von Deutschland. Dirks verkaufte sein Geschäft und wanderte mit der Familie aus, nach New Braunfels im US-Bundesstaat Texas. Dort eröffnete er das "Friesenhaus". Der Name des Restaurants ist eine Reminiszenz an Friesland, die Heimat des Betreibers, Stilbrüche inklusive: Im bayrischen Dirndl begrüßt Dirks Ehefrau Cornelia die Gäste, das Bier wird im Maßkrug serviert und aus den Lautsprechern tönt bayrische Volksmusik.

"Das verstehen die Leute hier unter einem deutschen Restaurant", erklärt Dirks. "Und nichts anderes kriegen sie von uns." Den Texanern statt der Oktoberfest-Romantik die gastronomische Kultur Frieslands zu vermitteln, "das", sagt Dirks, "ist Zeitverschwendung." Und noch dazu: Der Laden brummt. Houston, Austin, San Antonio - aus dem ganzen großen Bundesstaat und von jenseits der Grenzen kommen die Gäste ins "Friesenhaus". Frikadellen, Curry-Wurst und Rollmops stehen auf der Karte. In New Braunfels isst man deutsch.

Das Ehepaar Dirks hätte sich kaum einen besseren Ort im Lone Star State suchen können, um das Restaurant zu eröffnen. In New Braunfels mag man die Deutschen. Zimmermann, Suhr und Lindheimer - solche Namen sind hier keine Seltenheit. Bis zu Beginn des Zweiten Weltkriegs sprachen die Leute in New Braunfels sogar eher Deutsch als Englisch, die Tageszeitung erschien zweisprachig und das Maskottchen des Golfplatzes ist bis heute ein "Sepp" in Lederhosen. Die Schuld an all dem "Kraut"-Tum trägt ein deutscher Prinz.

Zusammen mit 20 weiteren Adligen gründete Prinz Carl zu Solms-Braunfels 1842 im hessischen Biebrich, das heute der größte Stadtteil Wiesbadens ist, den "Verein zum Schutze deutscher Einwanderer in Texas". Eine Kolonie im fernen Amerika, das war der fixe Traum der Blaublüter. Keine drei Jahre später stand "Texas-Carl" - wie man zu Solms-Braunfels in der hessischen Heimat nannte - an einer Furt des Guadalupe zwischen San Antonio und Austin. Für 1111 Dollar hatte der Prinz mehr als 500 Hektar Land gekauft. Mit ein paar hundert deutschen Immigranten im Schlepptau gründete er hier am 21. März 1845 seine eigene Siedlung: New Braunfels. Dank der vielen fleißigen deutschen Handwerker wurde daraus binnen weniger Jahre eine wohlhabende Gemeinde. In den 1850er Jahren war New Braunfels sogar die viertgrößte Stadt in Texas.

Die Geisterstadt lebt wieder

Die deutschen Stadtgründer sind noch immer allgegenwärtig in New Braunfels. Sei es in Form einer Wandmalerei oder Gedenktafel. In der kleinen Innenstadt reiht sich ein geschichtsträchtiges Gebäude an das nächste: Vom ältesten Eisenwarenladen in Texas über ein kleines Fachwerkhaus bis zur ältesten Bäckerei des Bundesstaates - die Amerikaner kommen in Scharen, um das frühe deutsche Wirtschaftswunder in ihrem Land zu bestaunen.

Dabei landen nahezu alle Gäste auf der Suche nach german heritage irgendwann im historischen Viertel Gruene. In den 1840er Jahren pflanzte der deutsche Bauer Ernst Grüne hier Baumwolle an. Für seine Arbeiter stellte er ein kleines Dorf hin - inklusive einer Mühle, einem Gemischtwarenladen und einer Tanzhalle. In den 1920er Jahren verwandelte die Wirtschaftskrise den kleinen Ort vorübergehend in eine Geisterstadt. Seit 1974 ist Gruene allerdings wieder quicklebendig.

Pat Molak und Mary Jane Nalley, ein Paar aus San Antonio, kauften nacheinander die wichtigsten Gebäude des Viertels auf und sanierten sie. Sogar den alten Wasserturm retteten sie vor der Abrissbirne. "Pat und Mary haben für uns goldene Eier gelegt", freut sich Hotelier Cecil Eager. Sein Gruene Mansion Inn, ein viktorianischer Bed&Breakfast-Traum im historischen Viertel, ist gut gebucht. Die Leute lieben Gruene. Der Ort hat Charme.

Aus der Mühle ist inzwischen ein beliebtes Restaurant geworden, beim Krämer gibt's echte und nicht ganz so echte Antiquitäten und die Tanzhalle wird wieder regelmäßig bespielt, sie hat einen hohen Bekanntsheitsgrad. Denn die Gruene Hall ist Texas' ältester Countrymusik-Schuppen. "Hier haben alle Stars mal klein angefangen", sagt Judy Young von der örtlichen Handelskammer. Country-Legende George Strait hat sie hier für drei Dollar Eintritt gesehen, Garth Brooks für 2,50 Dollar. Auch Willie Nelson und Lyle Lovett haben in Gruene schon die Halle gerockt.

Ein Tourismusmagnet anderer Art ist die "Schlitterbahn" von New Braunfels. Der 26 Hektar große Wasservergnügungspark gehört zu den beliebtesten Ausflugszielen im Bundesstaat. Kaum eine Familie, die sich hier nicht schon in die kühlen Fluten gestürzt hat. Die nassen Fahrgeschäfte tragen deutsche Fantasienamen wie "Surfenburg" oder "Blastenhoff" und sehen gelegentlich verdächtig nach Schloss Neuschwanstein aus.

Der zehntägige Salut an die Wurst

Der absolute Vergnügungshöhepunkt im Terminkalender von New Braunfels ist allerdings das Wurstfest im November. Alljährlich ziehen die Männer sich ihre Lederhosen an, die Frauen schlagen im Dirndl auf und die freiwilligen Helfer der Texas-Wiesn tragen den niedlichen Ehrentitel "Opa". Ententanz, Polonäse, Polka - für die zünftige Musi sorgen einschlägige Bierzelt-Bands aus good ol' germany. Veranstaltet wird "der zehntägige Salut an die Wurst" in der riesigen Wursthalle, die direkt gegenüber vom Golfplatz liegt.

Der Stolz steht Bürgermeister Bruce Boyer ins Gesicht geschrieben. "Jedes Jahr fährt eine Abordnung von unserem Wurstfest-Verein nach Deutschland - immer in eine andere Region:" Demnächst soll es für die Wurstfreunde aus New Braunfels tatsächlich zum großen Oktoberfest nach München gehen. Die Vorfreude ist groß und Frank Suhr wird dann wieder einmal unverzichtbar sein.

Denn der gebürtige Texaner Suhr spricht tatsächlich ein wenig Deutsch. "Ohne meine Dolmetscherdienste würden die Jungs und Mädels auf unseren Reisen nach Deutschland wahrscheinlich verhungern", sagt Suhr. Der Anwalt liebt deutsches Bier, er ist Stammgast im "Friesenhaus" von Günter Dirks. 13 Sorten german Gerstensaft werden dort gezapft. "Und alle in den Original-Gläsern der jeweiligen Biermarke", freut sich Suhr. "Ich frage mich nur, warum Günter kein Jever hat, schließlich kommt er doch aus Friesland."

Günter Dirks ist mit seiner Auswahl an deutschen Bieren zufrieden. Richtig Freude machen ihm gerade allerdings die Zahlen der an seine Gäste verkauften Dirndl, Lederhosen und CDs mit Volksmusik. Das Geschäft läuft exzellent, so dass Dirks aus dem "Friesenhaus" eine Franchisekette machen will. Die Familie fühlt sich in der neuen Heimat pudelwohl. Man liebt den american way of life. Die beiden Söhne studieren am College. Günter hat sich eine Ranch gekauft. 16 Hektar amerikanische Prärie. "Allein für den Weg zur Mülltonne brauche ich fünf Minuten", sagt Ehefrau Cornelia. Nach Elmshorn will hier niemand mehr zurück.

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Autor:
Denis Krah