Neuseeland Wie werde ich Maori?

Der Auto-Konvoi schraubt sich auf der kurvigen Landstraße in immer dichtere Subtropen vor. Manchmal taucht rechts von der Straße ein Stück felsige Küste auf. Region Northland. Kühe, geflickt Schuppen, rostige Autos und Kinderfahrräder vor blassgelben oder lindgrünen Holzhäusern: Maori-Land. Im weißen Kleinbus sitzt Nichola mit neun weiteren Studenten. Seit der Abfahrt aus Auckland haben sie fast pausenlos gesungen. Nichola ist Studentin, 19, will Sportlehrerin werden und ist zur Hälfte Maori. "Eine Plastik-Maori", lacht sie. Mit 28 weiteren angehenden Lehrern, alle im zweiten Semester des Auckland College of Education, ist sie unterwegs zum einwöchigen Einführungskurs in die Maori-Kultur.

"Für viele europäischstämmige Neuseeländer ist es schwierig, sich in der Welt der Maori zurechtzufinden. Hier haben sie die Chance, in ihre Fußstapfen zu treten", sagt Maureen Legge. Sie ist Dozentin für te reo kori, die Bewegungskunst der Maori. Ihr Kursangebot ist einmalig: Nur in Neuseeland wird die Urbevölkerung in den Lehrplan integriert. Die drahtige 51-Jährige parkt ihr Auto vor einer Ansammlung einfacher Häuser. Das marae von Ngaiotonga, das Versammlungs- und Zeremonienhaus des Dorfes, wird für die nächsten Tage Herberge und Hörsaal der Studenten sein. Gerade mal hundert Menschen leben im Ort; an einem Baum hängt der Hinweis, auf Kinder, Hühner und Katzen achtzugeben, und an der Schule der Aufruf, diese doch bitte nicht zu schließen. Die Arbeitslosigkeit ist hoch im nördlichsten Teil des Landes, Ärzte und Lehrer sind rar. Trotzdem mehren sich die Stimmen derer, die behaupten, den Maori würden Geld, Stipendien und Subventionen hinterher geworfen. Die Zeichen für eine multikulturelle Verständigung stehen auf Sturmwarnung.

Das marae ist ein schlichtes weißes Holzhaus, und den Rasen davor darf keiner ohne Aufforderung überqueren. Die Studenten stehen still am Tor: powhiri, die offizielle Begrüßungszeremonie, beginnt mit Warten. In der Tür des Marae stehen einige Dorfbewohner vom Stamm der Ngati Wai, der "Wassermenschen". Nichola trägt einen schwarzen, knielangen Rock, wie es sich für diesen Anlass gehört. Sie ist nervös und aufgeregt; die Kulthandlung, die sie hier zum ersten Mal ausüben darf, hat eine lange Tradition: Zusammen mit einer Kommilitonin führt sie die Gruppe der Gäste an. Vor dem Marae zeigt ein Mann im Bastrock Drohgebärden mit seinem Speer. Er wirft dem Gegenüber aus der Gästeschar einen Zweig zu. Dieses wero, die Herausforderung, ist so etwas wie das Herzstück des Powhiri, der als heilig betrachteten Zeremonie.

Der Student hebt den Zweig auf, sieht dem Krieger fest in die Augen. Täte er dies nicht, wäre es eine Beleidigung - früher die Aufforderung zum Kampf. Nichola antwortet dem melodischen Ruf der Frau in der Tür mit den Worten, die ihr die eigene Großmutter beigebracht hat. Ihre Hände zittern, jetzt nicht mehr aus Angst, sondern weil dies zu der typischen Begrüßungsgeste der Frauen, karanga, gehört. Nicholas Worte klingen klar und deutlich, auch wenn die Aucklanderin wie die meisten Maori ihre eigene Sprache kaum beherrscht. Dann streifen alle 29 Studenten ihre Schuhe ab und ziehen auf Socken ins Versammlungshaus ein. Für jeden Fremden gibt es nacheinander einen hongi, den traditionellen Nasenkuss. Die zarte Berührung von Stirn und Nase ist ernst und freundlich - eine intime, spirituelle Geste, die den Lebenshauch symbolisiert, den man einander schenkt. Es geht weiter im Protokoll: Begrüßungsreden der Gastgeber auf Maori.

"Ich habe es mehr mit Love and Peace"

Die jungen Männer und Frauen sitzen still auf der Erde und lauschen den Worten, die sie nicht oder kaum verstehen. Der gewichtigste Redner, körperlich wie rhetorisch, ist derjenige, der die Studenten in dieser Woche an die Hand nehmen und in seine Welt einführen wird: Howard Reti vom Stamm der Ngati Wai, ehemaliger Sozialarbeiter und Freizeitpädagoge. Sein Lehrplan ist simpel, aber effektiv: Führe die Menschen zurück zu ihren Wurzeln, lasse sie die Kraft der Natur und der eingeborenen Kultur spüren, und sie werden ihre Differenzen überwinden. Der 47-Jährige ist ein perfekter Diplomat seines Volkes und seine Botschaft klar: "Hört hin. Lasst alles andere ruhen. Haltet an. Überlegt, was ihr sagt.Auch wenn ihr die Worte hier nicht versteht, finden sie ihren Weg. Sie wachsen in euch weiter."

Howards Körperfülle, das Lächeln seiner Augen, die weiche Stimme nehmen den Studenten die Anspannung. Jetzt treten aus ihrer Gruppe die Redner vor. Craig ist ein pakeha, ein europäischstämmiger Neuseeländer - wörtlich übersetzt ein "Besucher, der nicht mehr fortging". Er drückt seine weiße Herkunft gekonnt in Maori-Terminologie aus, bezieht sich auf sein Meer (den Hafen von Auckland), seinen Berg (Mt. Eden im Herzen der Großstadt). Die Studenten singen Lieder, die sie für diesen Anlass geübt haben. Eine weißhaarige Greisin in ihrem Sessel nickt wohlwollend mit dem Kopf. Die Besucher haben das Powhiri gemeistert. Nach der Zeremonie wird der Versammlungsraum in ein Matratzenlager umgewandelt. Eine der älteren Damen des Dorfes teilt Kissen und Laken aus, erteilt dabei strenge Anweisungen: "Kein Essen und Trinken hier drin - das entweiht den Raum. Und niemand setzt sich auf die Kopfkissen, hört ihr?" Der Kopf ist im Maori-Glauben der heiligste Teil des Körpers. Wo er ruht, hat der Hintern nichts zu suchen.

Nichola schiebt ihre Matratze an die Wand, unter der auf einer Tafel die "Roll of Honour" steht: 91 gefallene Maori-Soldaten der beiden Weltkriege, daneben das verblichene Konterfei der Queen. Keating packt seine Gitarre aus, er ist mit 30 Jahren der älteste der Studenten, seine Vorfahren kommen aus Irland. Nein, für die Kultur der Maori konnte er sich bisher nicht so recht begeistern, zu viel Rache und Hierarchie: "Ich habe es mehr mit Love and Peace." Er lächelt und greift in die Saiten. Nach dem Abendessen verschwinden die vier Maori-Studenten als erste in der Küche und waschen ab. "Für uns ist das normal, dass man mit anpackt", sagt Nichola, "auch wenn die anderen jetzt denken, wir wollen uns hier irgendwie wichtig machen." Die drei Polynesier in der Gruppe singen Lieder aus Samoa. Alle lachen, Geschirr klappert.

Zurück im Marae steht die erste von vielen Übungen an. In drei Untergruppen - nach Erstgeborenen, Letztgeborenen und mittleren Kindern getrennt - spricht jeder von seiner Position in der Familie. Howard erzählt, was Maori-Kinder in der Schule machen, wenn ihre älteren Geschwister in der Klasse oder in der Nähe sind: "Aus Respekt vor den Älteren trauen sie sich nicht zu reden. Und die Lehrer denken dann, diese Schüler seien dumm." Howard weiß, wovon er redet - er selbst hat zwölf Brüder und fünf Schwestern. Wie geht man als Lehrer damit um, ohne einen Traditionskonflikt auszulösen? - "Die Kinder trennen oder die Älteren im Stamm um Erlaubnis bitten, dass die Jüngeren sprechen können." Einige Studenten nicken, andere schauen zweifelnd. Als die Schlafsäcke ausgerollt werden, gibt Howard noch einen Tipp: "All diejenigen, die hier vor euch geschlafen haben, haben ihr Lachen und ihre Erlebnisse in diesen Wänden gelassen. Lasst euch im Traum auf die Erfahrungen ein."

Mit verbundenen Augen Reh und Jäger spielen

Früh am nächsten Morgen stellen sich alle in der Morgensonne im Kreis auf. Einer der drei Polynesier hat sich den Schädel rasiert. Er zeigt auf die helle Stelle auf seinem Kopf und lacht: "Ich will meine weiße Seite zeigen!" Howard schickt seine Schüler zu ihrem wairua spot, jenem spirituellen Platz, den sie sich im Gelände suchen sollen, um zu meditieren. Nichola setzt sich zu Füßen der Fahnenstange auf den Rasen. "Man spürt den Stolz dieses Marae", schreibt sie in ihr Tagebuch, das jeder der Teilnehmer über den Kurs führt. "So viele Gedanken gehen mir hier durch den Kopf. An diesem Platz sind Tragödien passiert, wurde Blut vergossen."

Nach dem Frühstück geht es in den Wald. Howard verbindet André, einem modebewussten Maori-Studenten mit Zungen-Piercing, die Augen. Dann dreht er ihn im Kreis, führt ihn im Zickzack zu einem großen Baum, lässt ihn die Rinde fühlen, den Stamm umfassen. "Los, finde deinen Baum wieder," befiehlt Howard, nachdem er André wieder zurück in den Kreis gelotst hat. "Whakarongo - höre richtig hin. Dein Baum wird dich rufen." Nach zehn Minuten ziellosen Umherirrens umarmt André plötzlich den richtigen Stamm. Für Howard ist das nicht erstaunlich: "Bäume haben ein korero, eine Sprache. Deshalb fragen wir die Bäume um Erlaubnis, bevor wir sie fällen. Machen eine Zeremonie daraus. Und für jeden gefällten pflanzen wir einen neuen Baum."

Nacheinander bedecken die Studenten sich mit Piniennadeln, Zweigen, Erde. Eingebettet im Schoß von Papatuanuku, Mutter Erde, schauen sie in die Wipfel und fühlen sich geborgen. Für manche ein archaisches Urgefühl - andere spüren mehr, wie Insekten in ihren Hosenbeinen hoch krabbeln. Bei der nächsten Übung spielt einer mit verbundenen Augen das Reh, der andere den sich anpirschenden Jäger: Das schärft die Instinkte. Dann wiederum stellt sich jeder vor, ein Baum zu sein, fühlt Blätter, prägt sich das grüne Dickicht ein. Tane mahuta, der Gott des Waldes, soll sinnlich erfahren werden. Hinter dem Marae haben Dorfbewohnerinnen inzwischen ihre Lektion über Flachs vorbereitet, eine den Maori heilige Pflanze: Sie gab ihnen einst Medizin und Kleidung, bis heute werden aus den Blättern Taschen und Matten geflochten. Eine der Frauen erzählt die Legende von Papatuanuku, Mutter Erde, und Ranginui, dem Himmelsvater, dessen Enkel Harakeke hieß. "So wurde der Flachs geboren", sagt Ella George im eindringlichen Ton."Wenn du weißt, dass die Pflanze eine Abstammung hat, ein whakapapa, begegnest du ihr anders. Du findest ihren richtigen Busch, rufst ihren Namen, schneidest sie. Und du bedankst dich bei ihr."

Auf der Toilette steht Alesha vor dem Spiegel.Die zierliche 18-Jährige ist stolz darauf, von den ersten Siedlern des Landes abzustammen, und wenig bekümmert, dass sie nichts über Maori weiß. "Stimmt das wirklich, dass man keinen Flachs pflücken darf, wenn man seine Periode hat?", fragt sie laut ihr Spiegelbild und verzieht spöttisch das Gesicht. "Ich meine - wie verrückt ist das denn?" Sie lacht, provozierend und unsicher zugleich. "Als ob der Flachs davon eine Ahnung hat, oder!?" Draußen gibt Paul eine Einführung in den Stockkampf, mau taiaha. Erstaunt fragt Alesha: "Aber dürfen wir Mädchen das denn? Ich dachte, darum ginge es im Film ,Whale Rider'." Niemand antwortet ihr. Paul erklärt den Sportstudenten den Sinn der Bewegungen, erzählt von Blutvergießen und Angriff, von Beleidigung und blinder Wut. "Das kommt bis heute vor", sagt er, "wir bemühen uns aber, keine Knochen zu brechen." Wieder verzieht Alesha ungläubig ihr Gesicht. "Aber dafür kommt man doch ins Gefängnis!" Nichola verdreht stumm die Augen.

Statt Roastbeef sollen sie Käferlarven essen

Am Abend gibt Howard seinen Unterricht. Ab sofort sollen in diesem Kurs Maori nur noch 'M' genannt werden und Pakeha 'P' - zur Neutralisierung. "Was macht eine Kultur aus?" fragt er und notiert die Antworten: Sprache, Religion, Kleidung, Architektur, Essen, Musik. Daneben zieht er zwei Spalten."Welche Sprachen sprechen wir in Neuseeland - M oder P ?", fragt er. "P", kommt es im Chor zurück."Welche Feste feiern wir?" Am Ende stehen nur Ps auf der Tafel. Einen langen Moment schweigt Howard. Dann bricht es aus ihm heraus: "Wir stecken in einer Krise. Unsere Kultur wird bald nur noch im Museum vorhanden sein. Wir sind dabei, auszusterben. Ms haben die höchste Rate von allen Negativen - Krankheit, Kriminalität, Arbeitslosigkeit. So sehr wir uns auch bemühen: Wir verlieren den Überlebenskampf. Wir brauchen Hilfe."

In den Reihen der Maori-Studentinnen regt sich Unmut. "Ich will kein Mitleid," protestiert Nichola. "Ich will lediglich, dass den anderen meine Herkunft bewusst ist." Die Diskussion wird schärfer; ein P-Student formuliert sein Gefühl, dass es den Ms nicht um bessere Chancen, sondern um Geld gehe. Nach einer Weile mischt Howard sich ein. "Manche Ms führen ein P-Leben mit Rosen und Schokolade. Andere sind betrunken oder bekifft, um nichts mehr zu fühlen. Wieder andere fordern Rache. Und es gibt solche, die ihre Wut überwunden haben und nach vorne gucken." Noch lange hängen seine Worte im Raum. Keating, der Gitarrenspieler mit irischen Vorfahren, hat den ganzen Abend geschwiegen.

Zum Abschluss erzählt Howard eine Geschichte. "Es war einmal ein Land mit wunderbaren Bräuchen. Die Menschen aßen Roastbeef, trugen Jeans, gingen zur Kirche, schickten ihre Kinder auf die Universität, hörten Pop-Musik. Eines Tages kamen Kanus übers Meer. Die Männer darin guckten sich um und sagten: ,Bringen wir ihnen eine richtige Sprache bei. Zeigen wir ihnen, wie sie Jäger und Krieger werden können. Wir brennen ihre Kirchen nieder und bauen stattdessen Maraes.Wir nehmen ihre Autos und geben ihnen Boote. Statt Roastbeef sollen sie Käferlarven essen. Wir nehmen ihnen alles, aber sie dürfen Rock 'n' Roll-Konzerte veranstalten und die bezahlen wir.'" Die Moral der Geschichte ist allen klar, aber die Lösung? Die Kolonialisten zurück in ihr Ursprungsland jagen? "Dann müsst ihr mich auf halber Strecke abwerfen. Ich habe nämlich schottisches Blut in mir, liebe Hokey-Pokey-Eis und will keine Käferlarven essen", sagt Howard.

Am nächsten Morgen geht es zum Strand, kai moana suchen - Fisch, Muscheln und Seeigel zum Essen. Nichola übt für einen weiteren Powhiri, heute soll eine Zeremonie am Lagerfeuer stattfinden. Als es dunkel ist, tastet sich ein Teil der Gruppe durch die Büsche in Richtung Fluss, voran Nichola und Alesha. Aus der Finsternis folgt ein Ruf, laut wie ein Schrei. Durch die Bäume flackert Feuerschein. Die jungen Frauen rufen im Singsang zurück, ihr karanga hallt von den Baumstämmen wieder: Es klingt nach Sehnsucht, Stolz, Vergangenheit. Von der Feuerstelle her ertönen rhythmische Laute - sechs junge Männer mit nackten, glänzenden Oberkörpern tanzen um die Flammen.

Spontane Begrüßung mit wero und karanga

Das Licht des Feuers vibriert auf ihrer hellen Haut, die Augen strahlen, die Arme fliegen in die Luft, klatschen auf die Schenkel. Als alle im Schneidersitz um das Feuer sitzen, bricht es aus Nichola heraus: "Ich bin überwältigt, dass ihr euch so anstrengt, mitzumachen!" Ihre Stimme klingt rau vor Ergriffenheit, Tränen schießen ihr in die Augen. "Es bedeutet mir so viel. Danke." Alesha streckt ihre Hand nach Nichola aus. Feuerschein flackert über bewegte Gesichter. Tahere, eine Maori sagt: "Heute Abend habt ihr gespürt, dass man berührt werden kann, auch wenn man kein Maori ist." Am nächsten Morgen schreibt Nichola in ihr Tagebuch: "Gestern war es, als ob alle Meinungen und Verletzungen zwischen unseren Kulturen verschwunden wären. Wir waren vereint. Ich hätte mir nicht mehr wünschen können."

Es ist Donnerstag, Tag der Bewährung: Kann die Gruppe in die Rolle der tangata whenua, der Gastgeber, schlüpfen? Einen Empfang vorbereiten mit großem Festmahl aus dem hangi, dem Erdofen? Es müssen Holzscheite gehackt, zum Glühen gebracht, Gemüse und Fleisch geschnitten, Fisch geräuchert und der Erdofen gefüllt, Meeresfrüchte ausgenommen, Reden und Tänze vorbereitet, Dekorationen und Geschenke für die Gäste gebastelt werden. Die Gruppe läuft zur Höchstform auf. Um drei Uhr liegen die mit Fleisch und Süßkartoffeln gefüllten Drahtkörbe im hangi.

Drei Stunden später, als die alten Leute aus dem Ort zusammen mit Howards Verwandtschaft eintreffen, ist alles gar. Der 77-jährige Eruera Garland steht im dunklen Sonntagsstaat in der Abendsonne, hält sich an seinem Stock fest und hört seiner Frau zu, die von Maori Television schwärmt - dem ersten Minderheiten-Fernsehsender, der gerade erfolgreich gestartet ist. Dann redet er, erzählt von früher, wie er als Sechsjähriger morgens zur Dorfschule ritt, in der nur die Kinder des weißen Schuldirektors Englisch beherrschten. Maori zu sprechen war verboten, also schwieg Garland damals vor Angst. Als er es nicht mehr aushielt, fragte er, ob er aufs Plumpsklo gehen dürfe. "Da hat mich der Direktor ausgepeitscht", erzählt der alte Mann und schaut auf die angehenden Lehrer, die Blumengestecke zurechtrücken und die Schuhe vor der Tür ordnen.

Diesmal steht Nichola in der Tür des Marae, zwei Studentinnen führen mit ihrem karanga-Gesang die Gästeschar an. Vor dem Fest hatte Howard die älteren Frauen des Dorfes erst davon überzeugen müssen, dass auch junge Studentinnen - Pakeha-Frauen!- ausnahmsweise diesen Part übernehmen dürfen. Drinnen im Saal erhebt sich eine 73-jährige Frau aus ihrem Sessel und lobt die jungen Gastgeber dafür, wie gut sie die Rituale vorgetragen haben. "Ich war bereits 38 Jahre, als ich das zum ersten Mal machen durfte", sagt sie. "Mir blieb vor Schreck damals fast die Stimme weg. Dies ist eine große Ausnahme - ihr habt wirklich Glück!" Drinnen biegen sich die Tische unter den Fleisch- und Gemüsebergen, die aus den Körben des hangi geschüttet werden.

Die Stimmung ist festlich, alle sind zufrieden. Auch Alesha probiert und verzieht nicht ihr Gesicht. Abfahrtstag. Vor dem Aufbruch werden selbst gemachte Überraschungen wie Gedichte, Muscheln, kleine Kunstwerke ausgetauscht. Das größte Geschenk erhält Alesha, als der Kommilitone Ed sagt: "Ich habe gesehen, wie dieser Mensch dazugelernt hat und gewachsen ist. Für jemanden, der einen völlig anderen Hintergrund hat, ist das ein großer Schritt. Es ist nicht alles so einfach, wie es auf den ersten Blick wirkt." Keating singt eine Maori-Ballade. Dann fahren die 29 Studenten zurück nach Auckland, zurück ins echte Leben. Als sich einige am Abend auf einen Drink in der Stadt treffen, begrüßen sie sich spontan mit wero und karanga. Ein powhiri in einem Nachtclub von Auckland! Howard wäre stolz.

Autor:
Anke Richter