Himalaya Reinhold Messner: Mythos Mount Everest

MERIAN.de: Es gibt Orte, deren Namen einen besonderen Klang haben. Der Himalaya gehört auch dazu. Was löste dieses Wort früher bei Ihnen aus, und woran denken Sie dabei heute?
Messner: Als ich noch ein junger Felskletterer war und kein Bergsteiger im klassischen Sinn, war der Himalaya weit weg und für mich völlig uninteressant. Erst als die wirklich hohen Berge zu meinem Fokus wurden, gewann der Name für mich an Bedeutung. Als ich den Himalaya dann kennenlernte, sah ich, dass diese Region noch wesentlich vielseitiger ist als die Alpen, auch was die Kulturen und Völker angeht. Für mich ist der Himalaya heute kein allgemeiner Begriff mehr, ich sehe ihn mit sehr vielen unterschiedlichen Facetten, Orten, Menschen und Bedingungen.

Fahren Sie noch heute in den Himalaya?
Ich fahre jedes zweite Jahr nach Katmandu oder Tibet. Was an den großen Bergen passiert, interessiert mich aber nur noch am Rande. Aus alpinhistorischer Sicht beschäftige ich mich vielmehr mit den Bergvölkern. Wie haben sie sich vermischt, welche Wanderungen haben die Sherpas in ihrer Geschichte erlebt? Außerdem sammele ich Kunstgegenstände aus dieser Region für mein Museum. Wenn neue Routen auf die Gipfel gefunden werden, höre ich genau hin. Aber ich würde mir niemals die Blamage antun, mit 65 Jahren und einem Sauerstoffgerät inmitten einer Hundertschaft von Touristen auf den Everest zu steigen. Das ist langweilig. Es hat mit dem, was die Pioniere oder Hillary getan haben, absolut nichts mehr zu tun. Das ist heute eine andere, völlig eigene Welt. Reiner Konsum-Alpinismus.

Was verstehen Sie darunter?
Ich habe dafür den Begriff des "Pisten-Alpinismus" geprägt. Es ist hier genau das Gleiche passiert wie mit dem Skifahren in den dreißiger Jahren. Früher war Skifahren ein Mittel, um entlegene Regionen zu erreichen, um Abenteuer zu erleben. In den dreißiger Jahren haben tüchtige Touristiker dann erkannt, dass man ein Geschäft daraus machen kann, wenn man Lifte baut und die Pisten präpariert. Man sorgte dafür, dass die Menschen ohne Anstrengung und Gefahren auf die Berge kamen und das Skifahren konsumieren konnten. Das Gleiche ist im Alpinismus geschehen, bis zur Spitze des Mount Everest. Die Routen sind heute mit Leitern versehen und mit Sicherungsseilen gespickt, damit die Kunden hinaufkommen.

Kein echtes Bergsteigen mehr?
Viele Leute klettern besser als früher, Technik, Training, Ausrüstung sind effizienter geworden. Aber die Haltung ist nicht mehr die gleiche. Die meisten gehen nur noch zum Berg, wenn er präpariert ist. Die Sherpas bauen zuvor Zelte auf, sichern die Aufstiegsrouten und legen Sauerstoffdepots in den Höhenlagern an. Die Agenturen, die den Kunden vorher das Geld abgenommen haben, zahlen für diese Leistungen. Am Everest sind heute im Jahr 2000, 3000 Leute unterwegs, 300 bis 500 schaffen es auf den Gipfel. Es werden da teils Leute hochgeschleppt, die vorher nie eigenständig einen Berg erklommen haben. Heute kann man auf dem Everest-Gipfel schon mit dem Handy telefonieren, Spezialhubschrauber fliegen angeblich bis auf 9000 Meter, Bergungen sind bis 7000 Meter möglich.

Ist es nicht klug, moderne Techniken zu nutzen?
Generell ist das alles legitim. Jeder Mensch kann für sich allein entscheiden, ob und wie er auf die Berge geht. Man muss sich nur darüber im Klaren sein, was man tut. Man kann heute nicht auf den Everest gehen und sagen, ich habe eine Großtat oder gar etwas wie Hillary vollbracht. Es hat mit dem Bergsteigen im alten Sinn absolut nichts gemein. Und es hat auch mit Abenteuer nichts mehr zu tun.

Was ist denn echtes Abenteuer?
Ich hatte für mich beim Bergsteigen drei Regeln: keinen zusätzlichen Sauerstoff, keine Bohrhaken, die man in den Fels setzt, und keine Kommunikation. Eine Art Verzichtsalpinismus. Das Wichtigste ist aber die Exposition, das Ausgesetztsein. Wie kann ich nur mit mir selbst, mit meinen eigenen Kräften in einem Gefahrenraum überleben? Bergsteigen bedeutet, Risiken anzunehmen, es beinhaltet immer auch die Möglichkeit des Todes. Nur in der Exposition verstehe ich wirklich, wie Natur und Gefahr mit mir spielen, was sie auslösen. Am Everest ist das heute auf ein Minimum reduziert. 99 Prozent der Leute, die dort hinaufgehen, würden ohne Infrastruktur gar nicht erst losmarschieren. Sie wären sofort verloren.

Wann waren Sie das letzte Mal am Base Camp des Everest?
Das letzte Mal 2003. Ich habe da nicht mal mehr fotografiert. Ich brauchte zwei Stunden, um vom unteren zum oberen Ende zu gelangen, alles war zugestellt, Zelte, Buden, Internetcafés. Es sah fürchterlich dort aus, es stank. Die Leute konsumieren den Berg, man zahlt und verlangt eine Leistung. Sie denken, sie haben ein Recht auf Erfolg und Sicherheit. Wenn sich die Bergsteiger auf den Routen begegnen, heißt es nur: "Summited?" - "Warst du oben?"

Ist das kommerzielle Bergsteigen nicht eine normale Entwicklung?
Der Everest ist die höchste Bühne, die wir auf der Erde haben. Deswegen sind ja alle Abenteurer, Spinner, alle Ehrgeizigen, alle Messners dort hingegangen. Ich nehme mich da nicht aus, ich bin selbstkritisch. Heute geht es aber immer weniger um die innere Erfahrung als vielmehr um äußere Aufmerksamkeit. Wenn die Leute auf dem Everest etwas aufführen, wird dies große Beachtung finden, allein der Name "Everest" garantiert Medieninteresse, Prestige, Aufsehen. Der Kommerz im heutigen Bergsteigen steht dabei als Symbol für die Entwicklung der Menschheit, für seine Hybris. Der Mensch will aber nicht nur um jeden Preis auffallen. Seit der Technologisierung glaubt er, alles zu beherrschen, auch die Berge. Aber er täuscht sich.

Viele der kommerziellen Anbieter sind in die Kritik geraten, weil sie vor allem auf Geld aus sind und verantwortungslos handeln. Haben Sie mal mit solchen Bergführern geredet?
Ich kenne nur ein paar von denen, die solche Gipfeltouren für viel Geld verkaufen. Es sind nicht meine Freunde. Ich habe ihnen immer wieder gesagt, dass dies die Umkehr des Bergsteigens ist. Abenteuer, mundgerecht gestaltet. Diese Leute haben keine Freude an mir. Aber letztlich sage ich: Macht doch, was ihr wollt. Ich selbst würde allerdings niemals die Verantwortung übernehmen, andere Menschen auf diese Gipfel zu führen. Das ist im Grunde so, als würde man Anfänger in Formel-1-Wagen setzen und auf öffentlichen Straßen Rennen fahren lassen. So etwas ist strafbar.

Woher kommt diese dermaßen übertriebene Entwicklung?
Dass die Zahl der Expeditionen so zugenommen hat, hängt auch mit der Wahrnehmung der Berge zusammen. Wenn ich in der Zeitung jedes Jahr lese, es sind wieder so und so viele hundert Menschen auf den Everest gegangen, darunter Einbeinige und Armlose, wenn man liest, dass da Leute mit Snowboards abfahren und mit Paragleitern herumfliegen, dann ist dies eine Banalisierung des Bergs. Verstehen Sie mich nicht falsch, alles ist legitim, und sicher sind das große Leistungen. Aber wenn die Leute dann noch lesen, ein Blinder sei auf den Everest gestiegen, wird der Berg in der Vorstellung von Laien zu einem Hügel degradiert. Die Leute glauben, "das kann ich auch". Irgendwo muss der Humbug aufhören.

Haben die Berge im Himalaya dadurch bereits Schaden genommen?
Es liegen dort oben Müll, Tausende alter Sauerstoffflaschen und Seile herum. Ich bin aber der Meinung, dass die Schäden durch die Kletterei noch marginal sind. Die Natur hat viel mehr Schaden genommen, weil die Welt sich verändert hat, weil wir alle das Klima verändert haben, da schließe ich mich nicht aus. Durch die Industrialisierung und sieben Milliarden Menschen hat es eine massive Luftverschmutzung gegeben, die das ganze Klima verändert. Das tut den großen Bergen mindestens so weh wie den Alpen. Wenn wir die Gletscher verlieren, wird dies ein ernstes Problem.

Wenn Sie über den Everest entscheiden könnten, was würden Sie tun?
Ich würde versuchen, den Everest als letzten Erfahrungsraum, als unaufgeschlüsselte Wildnis zu erhalten. Es gibt dort im Grunde nichts anderes zu holen als Erfahrung. Kein Holz, kein Heu, keine Steine, keine Kristalle, um diese in irgendeiner Form zu nutzen. Früher war dies der Grund, warum Menschen überhaupt auf Berge gingen. Ich habe 2003 mit Edmund Hillary den Ministerpräsidenten von Nepal besucht. Wir haben dafür plädiert, wie früher nur eine Genehmigung pro Saison und Aufstiegsroute zu vergeben. So würde man erstens das fürchterliche Gedränge am Berg vermeiden und zweitens auch weniger Tote haben. Der Präsident hat zugehört, einmal milde mit dem Kopf genickt, aber nicht mehr. Es kommen heute viele hunderttausend Euro für die Genehmigungen der Gipfeltouren ins Land. Aber das Geld bleibt in Katmandu, bei den entsprechenden Stellen. Die Bergvölker sehen davon nichts.

Gibt es noch Plätze im Himalaya, wo man das echte Abenteuer finden kann?
Vor allem im östlichen Teil liegen sehr viele unbestiegene, schwer zugängliche Berge, Sechstausender, Siebentausender. Viele der jungen Bergsteigerfreaks picken sich einige dieser Gipfel heraus und versuchen sie zu besteigen, ohne darüber zu berichten. Andere solche Aktionen haben im Grunde den Charakter des Gewollten, sie beinhalten etwas Koloniales, Absurdes in der heutigen Zeit. Überhaupt zu denken, man hat einen Berg erobert, zu denken, er gehört mir, ist einfach dumm.

Warum klettern Menschen auf Berge?
Jeder mag seine eigenen Gründe haben. Manche haben sie offenbart, andere versteckt, wieder andere haben sich selbst belogen. Die beste Antwort ist die des Dichters Gottfried Benn. Er sagte: "Bergsteigen ist am Tod provoziertes Leben." Das ist sehr schön. Der Tod ist eine Möglichkeit, das Leben intensiver zu spüren. Ohne Lebensgefahr ist das Bergsteigen im klassischen Sinne kein Bergsteigen. Man darf dies aber nicht falsch verstehen. Kein Bergsteiger rennt freiwillig in den Tod. Die Kunst liegt darin, das Leben trotz Todesgefahr zu erhalten. Wenn ich aber nicht umkommen kann, ist das Bergsteigen keine Kunst. Zu dieser Kunst gehört sehr viel. Das immer neue Einschätzen seiner Fähigkeiten, Technik, Wissen, Erfahrung. Ob man auf einem Gipfel stand oder nicht, ist im Prinzip uninteressant.

Viele sagen, sich absichtlich in Todesgefahr zu begeben, sei töricht.
Ich würde das nur teils bejahen. Wir werden ins Leben geworfen mit dem Wissen, dass wir sterben werden. Jeder hat die Freiheit zu entscheiden, wie er mit dieser Situation umgehen will. Natürlich trägt jeder Verantwortung, gegenüber der Familie, Eltern, Freunden. Aber diese Verantwortung kann nicht so weit gehen, dass wir unser Leben einschränken. Im Grunde geht es um eine Ur-Erfahrung jenseits der Zivilisation. Die Zivilisation ist entstanden, weil der Mensch nicht permanent exponiert sein wollte. So hat er sich Sicherheiten geschaffen: Feuer, Höhlen, Wohnungen, Kühlschränke, Städte. Wenn ich mich aus dieser Behütung hinauskatapultiere, erfahre ich Leben wie vor 100.000 Jahren. Du wirfst dich in einen Gefahrenraum, in dem das Dasein anstrengend ist, gefährlich, ungewiss. Du bist ganz auf dich allein gestellt. Dies ist die größtmögliche Erfahrungsquelle, die es auf der Erde gibt. Danach weiß man, wie man als Mensch tickt. Bergsteigen betreibt man nie aus Idealismus. Es dient immer der eigenen Erfahrung. Es hat immer mit Egoismus zu tun.

Sie haben alle Achttausender bestiegen. Sind die Momente auf den Gipfeln noch präsent?
Sicher. Den Gipfel des Everest etwa erreichte ich allein gegen 16 Uhr. Ich blieb etwa eine Stunde oben, um mich auszuruhen. Mein Hauptproblem war auf dem Weg nach unten die Orientierung. Ich war darauf angewiesen, meine eigenen Spuren zu finden, um zu meinem winzigen Zelt im Höhenlager zurückzugelangen.

Wie reagiert der Körper dort oben?
Alles wird durch die Erschöpfung und den Sauerstoffmangel langsam, reduziert. Uhr und Höhenmesser abzulesen, dauert viel länger als sonst. Es ist, als würde man sich beim Denken selbst in Zeitlupe beobachten. Dieser Zustand ist die große Gefahr. Es gab sehr gute Bergsteiger, die dort oben gestorben sind, weil sie keine klaren Gedanken mehr fassen konnten.

Einige Bergsteiger nennen die hohen Berge das schönste Grab auf Erden. Eine Ehre, dort ruhen zu dürfen.
Das ist bezeichnend für das, was heute passiert. Was soll ich dazu sagen? Das ist alles Kitsch. Fürchterlicher Kitsch.

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Autor:
Marc Bielefeld