Nepal Mythos Himalaya

Von weitem schon sieht man den Rauch der brennenden Toten. Meterhohe Schwaden über den Feuerstätten an den Ufern des heiligen Flusses Bagmati bahnen sich ihren Weg zum Himmel. Die Tempelanlage von Pashupatinath hüllen sie in ein aschgraues, teils von den Flammen rotgefärbtes Licht. Gelbe Blumenketten treiben den Fluss entlang. Zum Atmen bleibt etwas Luft, die nach Feuer schmeckt.

Kahlgeschorene Männer tragen einen in orangefarbenen Tücher gewickelten Leichnam. Sie umrunden dreimal einen kunstvoll gestapelten Holzhaufen. Dann betten sie den Verstorbenen auf seine letzte Ruhestätte, während Frauen ihn mit rotem Henna bestreuen. Der Zeremonienpriester entfernt die oberen Tücher, legt den Kopf des Toten frei und bedeckt Gesicht und Körper mit feuchtem Schilf und Reisig, bevor er die unteren Holzscheite anzündet und das rote, züngelnde Flammenmeer über den Körper tobt und von ihm Besitz ergreift. Von einer anderen Feuerbestattungsstätte, die den ärmeren Schichten vorbehalten ist, dringt das Klagelied einer Witwe. Es vermischt sich mit den Klängen der Gebetsglocken, die aus dem Tempel dringen und dem Gemurmel der Yogis, jener Weltentsager, die durch Buße und Askese Erleuchtung erlangen wollen.

In den Geruch des Feuers mischen sich nach wilden Blumen und Hölzern riechende Räucherstäbchen, die die Götter gnädig stimmen sollen und denen eine meditative und reinigende Wirkung nachgesagt wird. Dann erscheint, eingehüllt in den Nebel der brennenden Stäbchen, eine Mutter, die ihren Sohn verloren hat. Halb wahnsinnig, gibt auch sie ihrem Schmerz freien Lauf.

Pashupatinath gilt neben dem indischen Benares (Varanasi) als wichtigstes Heiligtum der hinduistischen Welt. Wer hier stirbt, am Sitz von Gott Shiva in seiner Gestalt als Herr der Tiere, darf ohne den Umweg von Geburten und Wiedergeburten direkt nach Shivaloka, wo Gott Shiva wohnt.

Heutzutage können sich Familien an acht Feuerstätten vor dem Tempel von ihren Angehörigen verabschieden, wenn die Seelen der Toten ins Nirwana übergehen. Die Asche streuen die Söhne in den Fluss. Eine besonders reich verzierte Feuerstätte ist der einstigen Königsfamilie vorbehalten. Bereits im dritten Jahrhundert vor Christus, lange bevor der Pashupatinath-Tempel gebaut wurde, sollen sich hier heilige Stätten befunden haben.

Der Tempel wurde erstmals im vierten Jahrhundert erwähnt und unter der Malla-Dynastie am Ende des 17. Jahrhunderts neu aufgebaut. In seinem Inneren steht ein riesiger Phallus, lingam genannt, der als Wiedergeburt Shivas verehrt wird. Er ragt aus einem joni, dem Symbol für das weibliche Prinzip. Lingam und Joni stehen für Mann und Frau, Himmel und Erde. Sie symbolisieren die Gesamtheit der menschlichen und göttlichen Existenz. Sexualität und Tod, Geburt und Zerstörung, Mensch und Universum sind miteinander verwoben wie ein Spinnennetz. Im Glauben der Hindus treiben sie das ewige Rad des Lebens an.

Im Schatten des Tempels sitzt Anup, ein junger Hindu, mit Anuj, seinem Freund. Seine Haare sind frisch geschoren, die Jeans hat er gegen eine orangefarbene Hose getauscht. Die Brust ist nackt, denn für ihn ist die Zeit gekommen, ein vollwertiger Hindu zu werden. Die Priester zeichnen mit Reismehl ein großes, achteckiges Mandala auf den Boden. Den Göttern zum Opfer werfen sie mit Früchten vermengten Reisbrei ins Feuer und murmeln dabei "Om shawah". Sie geben Anup Zeichen. Siebenmal geht er im Inneren des Kreises, bis er von ihnen erfährt, was seine Aufgabe, was fortan sein Schicksal als Hindu ist.

Er, der Lächelnde, den alle in seinem Heimatdorf lieben, hört aufs Neue, was er schon als Knabe aufgesogen hat wie die Muttermilch: "Nicht für dich selbst zu leben, sondern für die anderen, ist die Bestimmung eines Hindus." Sein Onkel legt ihm eine Decke über den Kopf, flüstert dem Jüngling eine Zauberformel zu, bis der 18-Jährige wie ein Brahmane um Speisen und Gaben bittet. Von den Priestern erhält er ein langes Band, das er von nun an um den Hals tragen wird, als Zeichen eines Mannes, der heiraten und studieren darf. Das Band wird ihm Kraft geben, sein Leben lang. So wollen es die Götter, sagt die Tradition der Väter.

Unten in der Stadt, nur wenige Minuten von Pashupatinath entfernt, pilgern Buddhisten tagein, tagaus um den riesigen Stupa von Bodnath, einen jahrhundertealten Kuppelbau zur Verehrung Buddhas. Sie drehen ihre Kreise im Uhrzeigersinn, berühren zwischendurch die Gebetsmühlen und verneigen sich tief. Ein Pilger lässt zwei Tauben aufsteigen. Aus einem Haus klingen tibetische Lieder und vermischen sich mit den sanften Klängen Tausender Gebetsglocken. Viele Exiltibeter beten hier zusammen mit den zahlreichen Buddhisten aus Nepal. Vor dem Eingang zu den oberen Terrassen der Welterbestätte meditieren Mönche zu den Rhythmen mehrerer Trommeln. Rund um den Stupa verbindet sich der Rauch Tausender brennender Kerzen aus Yakbutter mit dem Smog der Neuzeit.

In einer goldenen Sänfte zieht am Durbar Square von Katmandu die lebende Göttin Kumari an jubelnden Menschenmassen vorbei. Sie trägt das "dritte Auge" auf der Stirn, das aufgemalte Zeichen der göttlichen Macht. Junge Männer tragen das fünf Jahre alte Mädchen zum Tempel der Göttin Taleju, wo der Oberpriester mit der Zeremonie beginnt. Einer Legende nach vergriff sich ein König aus der Malla-Dynastie an einem Mädchen, das nach der Vergewaltigung starb. Als Zeichen der Reue verehrte er fortan eine auserwählte Jungfrau als lebende Göttin. Da Nepal in verschiedene Königreiche aufgeteilt war, haben mehrere nepalesische Städte ihre eigene Kumari.

Nicht nur bei den lebenden Göttinnen wetteiferten die Hauptstädte der drei Königreiche von Bhaktapur, Patan und Katmandu um die Vormachtstellung, seitdem König Yakshya Malla das Land 1482 unter seinen Kindern aufteilte. Mit den prächtigsten Tempeln, kostbarsten Palästen und schönsten Künsten wollte jeder König den anderen übertreffen und Macht, Einfluss und Verbindung zur Götterwelt zur Schau stellen. Diesem Konkurrenzkampf ist es zu verdanken, dass die Durbar-Plätze der drei Städte zum Welterbe der Unesco gehören.

Die Frauen arbeiten, die Männer schauen zu

Wer durch die Gassen von Bhaktapur, Patan oder Katmandu geht, gelangt in eine faszinierende alte Welt. Im Strom der Menschen führt der Weg vorbei an fliegenden Händlern. Mädchen schöpfen Wasser aus alten Brunnen. Frauen in roten Gewändern zünden Kerzen an und huldigen den Göttern. Träger scheinen unter der Last ihrer riesigen Heuballen, reich verzierter Intarsienschränke oder von Zentnern von Feldfrüchten zusammenzubrechen. Wer sich darauf einlässt, die Geheimnisse der alten Königsstädte zu erfahren, dessen Seele wird von Tag zu Tag leichter, und er sammelt von Tag zu Tag neue Erkenntnisse in dem alten Land, das erst seit 1951 Ausländer einreisen lässt.

Das nur etwa 30 Kilometer lange und 20 Kilometer breite Katmandu-Tal birgt viele Schätze. Bhaktapur, Patan, Katmandu, Pashupatinath, Bouddhanath, Swayambunath und Changunarayan sind allein sieben Welterbestätten. Begünstigt wurde die kulturelle Entfaltung durch die wichtige Handelsroute von Indien nach China. Wegen der natürlichen Barriere des Himalaya-Massivs führte diese direkt durch das Katmandu-Tal und brachte über Jahrtausende kulturellen und wirtschaftlichen Austausch zwischen den Völkern. Mongolische Volksgruppen, die Naturreligionen oder dem Buddhismus anhängen, trafen auf Gruppen mit indogermanischen Sprachen und dem Hinduismus als Volksreligion.

In einen riesigem Blechtopf lässt Panchamaya, Mutter von vier Töchtern, momos in das kochende Wasser gleiten. Momos sind aus der tibetischen Küche stammende, mit Fleisch oder Gemüse gefüllte, Teigtaschen. Sie sind mittlerweile zum Nationalgericht der Himalaya- Region geworden. Die nach Koriander und Knoblauch duftenden Momos serviert die Mutter mit einer süßsauren Soße. Dazu reichen die Töchter Hirsebier. Wie viele andere verdient die Familie ihren Lebensunterhalt mit dem kleinen Restaurant, das sie in der eigenen Küche unterhält.

Auch die schöne 19-jährige Sabina arbeitet pausenlos. Tagein tagaus schleppt sie in ihrem makellosen, roten Kleid Zement und zentnerweise Steine zur nahe gelegenen Baustelle. Ihre Finger- und ihre Fußnägel sind rosa lackiert. Im Staub der Straße lächelt sie und zeigt dabei ihre strahlend weißen Zähne. Neun Stunden arbeitet sie jeden Tag zusammen mit Mutter und Schwester. Die drei verdienen je 300 Rupien am Tag, umgerechnet knapp drei Euro.

Männliche Arbeiter sieht man auf Nepals Baustellen kaum, abgesehen von wenigen Aufpassern und Vorarbeitern. Die Newarifrauen der Urbevölkerung sind es gewohnt, einen Hauptteil der Arbeit zu leisten. Nirgendwo sonst auf der Welt ist die Frauensterblichkeit höher als in Nepal. Die Männer schauen zu oder sind Yogis. Das Tragen schwerer Lasten kennen die Newaris schon von der Feldarbeit. Bereits im Kindesalter helfen die Mädchen mit, den Lebensunterhalt der Familien zu verdienen. Ein Viertel aller Mädchen hat in Nepal keine Chance, eine Schule zu besuchen. Unicef spricht von zwei Millionen arbeitenden Kindern, die ihre Familien unterstützen.

In Dakshinkali, am Ende des Katmandu-Tals wird in einem Tempel ein Ziegenbock zu Ehren der Göttin Khali geschlachtet. Manchmal sind es auch nur Hähne. Alte erzählen, dass vor Jahrzehnten hier noch Menschenopfer stattgefunden haben. Damit die Seelen der Tiere sofort ins "Hindu-Paradies" kommen, bittet der Priester die Tiere vorher um Erlaubnis. Wackeln sie mit dem Kopf, gilt dies in Nepal als Zeichen der Zustimmung. Nach der Opfergabe, bei der die Göttin Khali nur das Blut erhält, treten die Familien den Heimweg mit den toten Tieren an, um sie zu Hause festlich zu verspeisen.

Der Göttin Khali begegnet man im Katmandu-Tal vielerorts. In Bildern und Skulpturen sieht man die schwarze Göttin der Zerstörung oft breitbeinig auf ihrem Göttergemahl stehend, dem liegenden Gott Shiva. Dem Mythos nach konnte Shiva die rasende Wut der Blutgöttin nur durch eine List stoppen. Er legte sich mitten auf einen Weg und hoffte, dass Khali ihn nicht sehen würde. Tatsächlich erkannte sie Shiva aber erst, als sie bereits ihren Fuß auf ihn gesetzt hatte. Vor Schreck über den eigenen Frevel, die Gottheit getreten zu haben, bat sie ihren Gemahl um Verzeihung. So konnte Shiva seiner Frau das Versprechen abringen, mit dem Töten aufzuhören und der Schrecken nahm ein Ende.

Hoch oben auf dem Hügel von Swayambunath im Zentrum des Tals hat sich bereits um 6 Uhr eine Gruppe der Gläubigen eingefunden, um die heiligen Formeln der Mantras zu sprechen und zu singen. Swayambunath gilt neben Bodnath als wichtigstes buddhistisches Heiligtum Nepals. "Wie alle Stupas repräsentiert Swayambunath die fünf Elemente Erde, Wasser, Luft, Feuer und Raum", erklärt der Fremdenführer einer italienischen Reisegruppe. Dann bahnt er sich seinen Weg durch die Souvenir- und Bücherstände, die Heinrich Harrers "Sieben Jahre in Tibet" und Jon Krakauers "In eisige Höhen" feilhalten.

Hier, an der Grenze zwischen Himmel und Erde, am Fuße der höchsten Berge, trifft die Welt der Götter auf die Welt der Abenteurer. So bleibt der Mythos des Himalaya unsterblich, gerade weil er menschliche Sehnsüchte wie kaum ein anderer erfüllt.

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Autor:
Christoph Otto