Himalaya Der Mount Everest

Die Reise ins Zielgebiet hat Nebenwirkungen, Sonnenbrand dritten Grades und aufgeplatzte Lippen zählen noch zu den Kleinigkeiten.Wer es bis zu dieser Destination schafft, muss Schlimmeres fürchten. Windbrand, Kopfschmerzen, Schneeblindheit. Erbrechen, Hirnödeme, Atemnot. Wer überleben will, sollte sieben Liter am Tag trinken, Wasser oder Tee, gebraut aus geschmolzenem Schnee. Der Reisende muss topfit sein, lange ohne Schlaf auskommen und Essen zwanghaft in sich hineinstopfen, weil diese Region einem obendrein jeglichen Appetit raubt. Und oft genug das Leben.

Sie waren in der Todeszone gefangen, jener Höhenlage über 8000 Meter. Als die Bergsteiger ums Überleben kämpften, konnten sie oft nur eine Armlänge weit sehen. Dann sanken die Druckanzeigen ihrer Sauerstoffflaschen auf Null, wirres Denken, Symptome der Höhenkrankheit, ließen keine rationalen Überlegungen mehr zu. Erfrierungen machten sich bemerkbar, spätere Amputationen nicht nur denkbar, sondern wahrscheinlich. Der Dunkelheit und dem heulenden Sturm ausgeliefert, fing man an zu feilschen. Meine Finger für mein Leben? Meinetwegen. Aber lass mich leben!

So beschrieb der Bergsteiger Anatoli Boukreev eine sich 1996 anbahnende Katastrophe in eisiger Höhe. Allein Masochisten, so sollte man meinen, dürften danach streben, in solche Regionen aufzubrechen. Doch das Zielgebiet verfügt über nur allzu verlockende Superlative: Hier stehen die mächtigsten Berge des Planeten. Der Himalaya. Im Sanskrit der "Wohnsitz des Schnees". Ein Faltengebirge, Teil des alpidischen Gebirgsgürtels, nach dem Glauben einheimischer Bergvölker Sitz der Götter. Die Erde türmte sich hier auf, als die tektonischen Platten Indiens und Eurasiens vor über 50 Jahrmillionen kollidierten.

Ein hochalpines Wunderland, das sich fast 3000 Kilometer von Pakistan bis nach Burma zieht, Indien im Süden, das tibetische Hochland im Norden. Hier thronen die Superstars der Berge gleich reihenweise. Neun der 14 Achttausender liegen im Himalaya, fünf im angrenzenden pakistanischen Karakorum. Monströs kann man die Riesen in den Himmel ragen sehen, falls nicht gerade wieder Schneestürme über dem Panorama wüten. Argentiniens Aconcagua, mit 6962 Metern der höchste Berg der westlichen Hemisphäre, würde es nicht mal unter die Top-200 des Himalaya schaffen, von denen allein dreißig die 7600-Meter-Marke sprengen. Und alle überragt der Everest, der höchste, sagenumwehte und übermächtige Magnet unter all diesen Kolossen aus Fels, Eis und Schnee.

Dabei wurde erst Mitte des 19. Jahrhunderts bekannt, dass er der höchste Berg der Erde ist. Man schätzte seine Höhe zunächst auf 9200 Meter. 1856 schließlich, nach monatelangen wissenschaftlichen Expeditionen wie der Great Trigonometrical Survey, kam man auf 8840 Meter. Bis heute streiten Experten über die exakte Höhe, nach einer jüngeren Vermessung durch die National Geographic Society verlasen die Wissenschaftler 1999 die Zahl 8850, wobei die Nepalesen weiterhin auf die heute meist angegebene Höhe von 8848 Metern bestehen.

Doch der Everest ist längst nicht der einzige Gipfel, der den Himalaya zum hochalpinen Superrevier macht. Hier ragen der Kanchenjunga empor, der Dhaulagiri, der Nanga Parbat oder der berüchtigte K2, gelegen im Karakorum und mit 8611 Meter der zweit höchste und wegen seiner Pyramidenform schwierigste Berg der Erde. Die Giganten wurden Mitte des 19. Jahrhunderts in der westlichen Welt langsam bekannt. Und ihre enormen Höhen bald zu magischen Höchstmarken, die Bergsteiger aus aller Welt nicht mehr ruhig schlafen ließen.

Zwecks Erforschung des Erdmagnetismus aufgebrochen, waren die deutschen Gebrüder Schlagintweit 1854 die ersten Europäer, die den Nanga Parbat erblickten. Ihre Beschreibung des Bergs machte die Runde, versierte Kletterer wurden hellhörig. 1895 wagte der Brite Albert F. Mummery die Erstbesteigung. Er schaffte es auf 6600 Meter, blieb dann aber für immer verschollen. Mummerys Versuch könnte man als eine Art Initialzündung beschreiben - mit seiner Expedition begann der Run auf die Achttausender. Ein teils grotesker Wettlauf auf die Riesengipfel, der bis heute andauert und immer wieder Tote fordert.

Der Tod anderer Bergsteiger zog nur noch mehr Abenteurer an

Vor allem unter den europäischen Staaten wurde das Erklimmen der Rekordberge ab den 1920er Jahren zu einer Frage von Ehre und Ruhm. Die Gipfel versprachen Abenteuer und Prestige, in der Heimat verfolgten Tausende die haarsträubenden, oft über ein Jahr dauernden Reisen in den fernen Himalaya, die Sensationsgier war kaum geringer als heute. Die Franzosen hatten bald den Annapurna im Visier, die Italiener den K 2, die Deutschen den Nanga Parbat und die Engländer den Mount Everest. Die besten und mutigsten Alpinisten brachen auf, um als erste die Gipfel zu erreichen.

In Seidenunterwäsche, Wollpullis und beschlagenen Lederstiefeln stiegen sie in Klimazonen empor, wo ihnen Graupelgeschosse mit Orkanstärke um die Ohren flogen und der Wind ihnen mit minus 60 Grad das Leben aus den Gliedmaßen trieb. Die Höhenkrankheit war noch wenig erforscht, Fotos der Grate, Schluchten und Gletscher existieren nicht. Viele der Pioniere stapften schnurstracks ins Verderben. Sie stürzten 2000 Meter tiefe Steilwände hinab ab, krachten in Gletscherspalten oder kauerten sich hinter eine Schneewehe, um sich lethargisch oder delirierend dem Kältetod zu ergeben.

Doch der Tod vieler Bergsteiger schien andere nur noch mehr zu motivieren. Und natürlich war es der Mount Everest, der bald zum Maß aller Dinge wurde. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte man erstmals den Nordpol erreicht, bald darauf den Südpol. Nun fehlte nur noch er, der "Dritte Pol", der Everest. Die berühmteste Geschichte schrieb der Engländer George Mallory. Er galt als leicht zerstreuter, aber sehr versierter und intellektueller Alpinist, ein junger, gut aussehender Mann, der bald in die Idee vernarrt war, den Everest zu besiegen.

Dabei war es längst müßig geworden, über die Motive von Menschen zu mutmaßen, die ihr Leben riskieren, um in jene Todeszonen vorzudringen. Manche schrieben Extrem-Bergsteigern ein Getriebensein zu, Suizidlust, die Sucht nach Ruhm. 1923 gab Mallory eine lakonische und legendäre Antwort. Als man ihn fragte, warum er unbedingt auf den Everest wollte, sagte er: "Weil er da ist." Am 8. Juni 1924 wurden er und sein Gefährte Andrew Irvine durch ein Fernglas das letzte Mal gesehen, bevor sie unweit des Gipfels in den drohend aufziehenden Wolken verschwanden.

Die Frage, ob die beiden ganz oben waren, wurde die wohl meist diskutierte in der Historie des Bergsteigens. Erst im Mai 1999 findet der Amerikaner Conrad Anker die Leiche Mallorys in der Nordflanke, 650 Meter unterhalb des Gipfels. Ich ging näher heran und traute meinen Augen kaum, denn was mir als erstes auffiel, war ein nackter Fuß, der in die Luft ragte, die Ferse nach oben, die Zehen nach unten. … Als ich noch näher trat, erkannte ich an den Kleiderresten, dass es sich nicht um die Leiche eines Bergsteigers aus jüngerer Zeit handeln konnte. Der Everest hatte Mallorys Leiche mumifiziert. Durch ein Loch im Gesäß konnte man sehen, wie Gorakvögel seine Eingeweide im Laufe der Jahre weggefressen hatten; der Rücken aber blitzte noch intakt in der Sonne wie ein weißes Stück Marmor. Einige Fundstücke nahe der Leiche sowie neue Theorien lassen Experten heute vermuten, dass Mallory und Irvine es nie auf die Everest-Spitze schafften.

Die Gier nach dem ersten Gipfelerfolg wurde damals immer größer. Längst setzten die Kletterer Sauerstoffflaschen ein, nutzten die Hilfe der einheimischen Sherpas und der Lasten tragenden Yaks. In den 1930er Jahren wagten immer mehr den Vorstoß, die Briten starteten fast jedes Jahr eine Expedition, nach dem Zweiten Weltkrieg kamen die Schweizer und die Russen hinzu. Die Mutter der Berge, der Everest, war schon jetzt zum Mythos geworden: zum Symbol für den Kampf Mensch gegen Natur.

1932 überflog ihn erstmals ein Flugzeug und lieferte der Welt Bilder aus nächster Nähe. Ein zerklüftetes, von Höhenwinden gepeitschtes Massiv, das sich majestätisch aus den tiefen Kumuluswolken erhebt, die Grate, Schluchten und Steilhänge wie ein groteskes Relief der Erdgeschichte. Nun fielen im Himalaya immer mehr Bergsteiger ein. Doch schon das Ringen um den ersten Achttausender dauerte erstaunlich lange. Als wollten die Berge ihre Geheimnisse in den großen Höhen nicht preisgeben. Erst im Juni 1950 standen die französischen Alpinisten Louis Lachenal und Maurice Herzog auf dem Annapurna I in Nepal, 8091 Meter über Normal Null. Die magische Zahl 8000 war entzaubert.

Drei Jahre später schafften zwei Männer dann, was in die Annalen einging wie die erste Landung auf dem Mond. Am 29. Mai 1953 um 11: 30 Uhr stapfen der Sherpa Tensing Norgay und der Neuseeländer Edmund Hillary als erste Menschen offiziell die allerletzten Meter bis aufs Dach des Everest. Hillary beschreibt den Moment in einem persönlichen Bericht mit den Worten: Plötzlich fällt mir auf, dass der Grat sich nicht mehr nach oben, sondern nach unten neigt. Ein schneller Blick nach rechts - direkt über mir liegt ein schneebedeckter kleiner Hügel, so groß wie ein Heuhaufen. Der Gipfel. Mit dem Eispickel probiere ich vorsichtig die nächsten Schritte. Der Schnee ist dicht und fest. Die letzten Schritte taumeln wir.Wir sind da. Nichts mehr über uns. Die ganz Welt unter uns.

Der Everest - heute ein Rummelplatz für Sensationstouristen

Noch einmal elf Jahre sollte es dauern, bis auch der letzte Achttausender erreicht wurde. Im Mai 1964 standen Chinesen auf dem 8027 Meter hohen Shishapangma. Was sollte jetzt noch kommen? Der Mensch hatte auch diese Hürde genommen. Es folgte, was dem Menschen innezuwohnen scheint. Der Drang nach immer neuen Rekorden. Doch weil es nun kein Höher mehr gab, trug man die Jagd nach anderen Superlativen aus. Schneller, radikaler, extremer, länger, verrückter. Bergsteigerisch interessant war zwar noch die Entdeckung vieler neuer Routen, noch unbezwungener Nebengipfel.

Auch die Wissenschaft trieb es aus verschiedenen Vermessungsgründen auf die höchsten Berge. 1975 standen die ersten Frauen auf dem Mount Everest. Der Südtiroler Reinhold Messner und der Österreicher Peter Habeler eröffneten eine neue Ära, als ihnen 1978 die erste Besteigung ohne zusätzlichen Sauerstoff gelang. Messner schaffte später auch die erste Solobesteigung des Everest und meisterte als erster alle 14 Achttausender.

Doch die Liste der Rekorde verstieg sich schon bald ins Absurde. Eine Polin ließ sich als erste Europäerin feiern, die auf dem Everest stand. Es folgte die erste Winterbesteigung. Der erste Flug mit dem Paragleiter vom Gipfel. Der jüngste Mensch auf dem Everest. Das erste Ehepaar. Der schnellste Aufstieg von Norden. Mit 21,5 Stunden der längste Aufenthalt. Die erste Abfahrt mit Skiern vom Gipfel. Die älteste Frau auf dem Everest. Der erste Blinde. Der erste Schwarze. Der erste Mann ohne Beine. In den Neunzigern kamen Agenturen, die Kunden für mehrere zehntausend Dollar auf die Gipfel lotsten: "Everest - Gipfelerfolg garantiert!"

An legendären Etappen wie dem Hillary Step herrschte im Mai bald Stau. Börsenmillionäre, Journalistinnen und Skilehrer, die sich im Zustand völliger Erschöpfung voranquälten. Keinen hätte es gewundert, hätte sich auch noch der erste Mensch auf dem Gipfel feiern lassen, der ihn rückwärts und mit grünen Socken erreichte. Der Mount Everest - und viele andere Himalaya-Gipfel - war zum Geschäft geworden. Und das berühmte Basislager längst zur höchsten Müllhalde der Welt, überzogen von Essensresten, alten Atemflaschen, Dreck und Gaskochern.

Anatoli Boukreev beschrieb es 1997 wie das "Massenlager eines Rockkonzerts", ein anderer Kletterer verglich es mit einem "Zirkus, nur gab es in unseren Zelten mehr Clowns". Selbst untaugliche Bergsteiger wurden fortan in die Todeszone geschleppt. Edmund Hillary resümierte schon 1993: "Die bekannten Bergsteiger von heute sind ein bunter Haufen, viele nur noch Primadonnen. Ihr größter Ehrgeiz besteht darin, möglichst auffällig erfolgreich zu sein." Es waren der bunte Zirkus und die zahlreichen Berichte in der Presse, die den Berg banalisierten und einige vergessen ließen, dass jede Besteigung dieser Berge bis heute - trotz Hightech-Zelten, gesicherten Routen und Iridium-Handys - blitzschnell zu einem tödlichen Unterfangen werden kann.

Den Annapurna erklommen 154 Bergsteiger bis 2008, 59 fanden hier den Tod. Und wer den Everest besteigt - pro Jahr bis zu 500 Menschen -, kann selbst auf gängigen Routen an Dutzenden Toten vorbeikommen, die noch immer dort liegen. Die meisten Toten nahm der Berg 1996, zwölf Bergsteiger kamen um. Eine der schaurigsten Erinnerungen in der Himalaya-Geschichte dürften dabei jene Worte sein, die der Neuseeländer Rob Hall sprach, als er in 8750 Metern Höhe im rasenden Schneesturm festsaß, mit erfrorenen Händen, und es sicher war, dass er die zweite Nacht auf dem Grat nicht überleben würde. Über Satellitenfunk wurde er mit seiner Frau in Neuseeland verbunden. "Ich liebe dich. Schlaf gut, mein Schatz. Mach dir bitte nicht zu viele Sorgen." Dies waren seine letzten Worte.

Spätestens seit diesem schlimmsten Mai in der Everest-Geschichte werden zunehmend Rufe laut, die Berge im Himalaya in Frieden zu lassen und die ausufernden Gipfelversuche einzuschränken. Zu viel Müll, zu viel Kommerz und zu viele Tote. Die höchsten Berge der Welt verkommen zum Rummelplatz für Sensations-Touristen. Inzwischen hat der Kommerz am Berg noch groteskere Züge angenommen. Der Pulitzer- Preisträger Michael Kodas brachte 2008 ein Buch über den Everest heraus mit dem Titel "Der Gipfel des Verbrechens". Er berichtet von Betrug, Drogen und Diebstählen, von korrupten Veranstaltern und unseriösen Sherpas. Sogar von "Mord auf dem Dach der Welt" ist die Rede.

Derweil sind wieder reihenweise die Kletterer unterwegs aufs Dach der Welt. Werbewirksam gesponsorte Expeditionen, über die live im Internet berichtet wird und die Namen tragen wie Altitude Junkies, Peak Freaks oder Singapore Women. Die Junkies übertraf 2008 nur noch ein anderer Rekord. Zum ersten Mal waren Fallschirmspringer aus 9000 Meter, knapp über dem Everest-Gipfel, abgesprungen - und rasten im freien Fall an seinen Flanken vorbei. Als würden am Ende doch nicht die Menschen die Berge entlarven. Sondern die Berge die Menschen.

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Autor:
Marc Bielefeld