Namibia Windhoek - eine saubere Hauptstadt

Das Geschäftszentrum von Windhoek ist eine Mogelpackung: Geschäftig wirkt hier kaum jemand. Gemächlich schlendern Passanten am Freitagnachmittag den breiten Gehsteig auf und ab, hier und dort hebt jemand die Hand zum Gruß, man bleibt stehen, unterhält sich. Im wenige Meter entfernten Zoo Park, der so gänzlich unafrikanisch sauber und ordentlich ist wie diese ganze Innenstadt unafrikanisch sauber und ordentlich ist, entspannen Menschen auf der grünen Wiese. Und auf der vierspurigen Independence Avenue fließt der Verkehr so betulich, als sei dies eine Tempo-30-Zone.

Einzig die Ampeln blinken hektisch, beinahe Aufforderung für eine Betriebsamkeit, die es nicht gibt, mitten in der Hauptstadt von Namibia. Aber wer weiß, vielleicht verbergen sich die wirklichen Geschäftsleute ja hinter den verspiegelten Fassaden des Mutual Tower, 2010 eingeweiht, nach streng ökologischen Maßstäben betrieben - und eine Art Ein-Mann-Skyline im Herzen des Geschäftsviertels.

Kaum fünf Gehminuten entfernt von der Independence Avenue auf dem Hügel der Robert Mugabe Avenue steht das bronzene Reiterdenkmal, ein Relikt aus der deutschen Kolonialzeit (1884-1915). Pferd und Reiter ehren die deutschen Soldaten, die während der Feldzüge gegen die Herero und Nama (1904-1907) fielen. Hätten die Namibier etwas für Bilderstürmerei übrig - das Denkmal wäre wohl spätestens mit der Unabhängigkeit 1990 wütend entfernt worden. Doch das namibische Naturell ist von Grund auf kein wütendes, eher ein stoisches, und so steht der 1912 enthüllte Reiter bis heute, ebenso wie die Alte Feste, das Offiziershaus, die Christuskirche und all die anderen Spuren deutschen Lebens und Wirkens in Namibia, und lockt jedes Jahr Scharen deutscher Touristen an.

Die Deutschen sieht man auch jetzt, rund um die Robert Mugabe Avenue, meist mit Kamera um den Hals und Rucksack auf den Schultern. Dabei steht an jedem Hotelausgang: "Bitte nicht mit Kamera und Rucksack in die Stadt gehen!" Der Ratschlag hat seinen Grund: Allein 2010 wurden über 2000 Raubüberfälle in Windhoek polizeilich registriert. Doch wer will es den deutschen Touristen verdenken, dass sie sich hier wie zuhause fühlen, bei all den deutschen Straßennamen, den deutschen Geschäftsschildern und der deutschen Sauberkeit. Dass fast 100 Jahre nach dem Ende der Kolonialzeit offiziell nur mehr zwei Prozent der Einwohner Windhoeks deutsche Muttersprachler sind, mag man hier im Stadtzentrum kaum glauben. Nicht umsonst wird Namibia in den Reisebüros daheim als "Afrika für Anfänger" vermarktet, eine Zuschreibung, die auf Windhoeks beschauliche Innenstadt allemal zutrifft.

Allerdings nur bei Tag, denn kurz nach Anbruch der Dunkelheit ist die Gegend um die Independence Avenue wie ausgestorben. Um 17 Uhr, spätestens 18 Uhr, schließen die Geschäfte, danach wird es in den Seitenstraßen gespenstisch - und nicht selten auch gefährlich. Cafés, Bars, Nachtleben: Fehlanzeige. Wer vorher die Gehsteige und Parks bevölkerte, hat sich nun in die Vororte zurückgezogen. Die rund 30.000 Weißen, daran hat sich auch fast zwei Jahrzehnte nach dem Ende der Apartheid nur wenig geändert, in ihre weißen, mit Elektrozaun abgesicherten Siedlungen in Avis, Eros und Klein-Windhoek, die Schwarzen in den Norden der Stadt. Wer eine Idee von "Afrika für Fortgeschrittene" bekommen möchte, muss dorthin fahren, nach Katutura.

Die Independence Avenue verbindet beide Welten

"Der Ort, an dem wir nicht bleiben möchten" - so heißt Katutura wörtlich übersetzt und dafür, dass niemand bleiben will, ist es hier ziemlich dicht besiedelt. Geschätzte 90 Prozent der Einwohner Windhoeks leben in den Hütten und kleinen Häuschen dieses Stadtteils, fast 400.000 sind es mittlerweile und es werden immer mehr: die Stadt wächst rapide, das jährliche Wachstum beträgt gut fünf Prozent.

Seinen Namen hat Katutura aus der Zeit der Apartheid, in der die schwarze Bevölkerung von den südafrikanischen Besatzern an den Stadtrand zwangsumgesiedelt wurde. Die Townships gehören in Namibia wie im benachbarten Südafrika bis heute zur traurigen Realität. Doch lässt man sich entlang der Evelyn Street treiben, Katuturas populärster Straße mit vielen improvisierten Musikbars ("Shebeens"), entsteht der Realität zum Trotz kein trauriger Eindruck. Viele Menschen in Katutura legen eine Freundlichkeit und Lebensfreude an den Tag, die jeden misanthropischen Mitteleuropäer die eigene Einstellung zu den Dingen zumindest gründlich überprüfen lässt.

Dabei hätten, zumindest statistisch, die meisten Menschen hier Grund zum Missmut: die offizielle Arbeitslosenquote in Namibia beträgt über 50 Prozent, die inoffizielle wird weit höher geschätzt. Wer irgendwie das Geld für ein Auto zusammenkratzen kann, verdingt sich als Taxifahrer, klebt sich eine Nummer auf die Tür und lässt sich einfach vom Fahrgast den Weg zum Ziel erklären. Aus den Taxiunternehmen wiederum ergibt sich Katuturas zweithäufigstes Geschäft: das Betreiben einer "Car Wash". Entlang der Evelyn Street gibt es etliche dieser Unterstände, und kehrt einmal ein Auto ein, stürzt sich meist ein ganzer Stoßtrupp mit Wassereimern und Schwämmen in die Arbeit.

Dass es in den Townships heute fließend Wasser gibt, ist eine positive Folge der zahlreichen infrastrukturellen Maßnahmen der Regierung in den vergangenen Jahren. Genau so oft jedoch landen Gelder im Abfluss: Namibias Korruptionsindex liegt aktuell bei schwachen 4,4 von 10 Punkten (Deutschland: 7,9), hinzu kommen hochoffizielle Geldverschwendungen wie das neue State House. Das pompöse Gebäude im Stadtteil Auasblick hat sich die Regierung geschätzte 60 Millionen Euro kosten lassen. Seit 2009 ist der Komplex teilweise im Betrieb, im Juni vergangenen Jahres zog Präsident Hifikepunye Pohamba ein. Immerhin - auf diese Weise kommt mal ein wenig schwarzes Leben in die traditionell weiße Gegend zwischen Klein-Windhoek und Olympia.

Dabei ist es nicht so, dass es in Windhoek keine schwarze Mittelschicht gäbe. Doch sie lebt bis auf wenige Ausnahmen in Katutura. Zu Zeiten der Apartheid wurden die Menschen selbst hier streng getrennt nach ihrer ethnischen Zugehörigkeit untergebracht - es gab Viertel für Ovambo, Damara, Herero und Nama. Heute verläuft die Grenze entlang der jeweiligen Einkommen, und so gibt es von primitiven Hütten bis hin zu kleinen Familienhäusern in Katutura alles zu sehen. Das Township ist wie eine Stadt in der Stadt, und doch ist man in nur 15 Minuten Fahrt wieder zurück im Zentrum. Der Weg ist denkbar einfach - die Independence Avenue verbindet beide Welten, wie ein seidener Faden, der die "Car Washes" und das Reiterdenkmal zusammenhält.

Einige Meter die Straße herunter soll noch diesen Sommer das erste Hilton Hotel Namibias seine Pforten öffnen. Das freut die Touristen mit den Kameras und den Rucksäcken. Den Einheimischen dürfte es herzlich egal sein. Sie werden sich weiterhin bei Anbruch der Dunkelheit in ihre Vororte zurückziehen, weiß zu weiß und schwarz zu schwarz, solange Bürger und Stadtverwaltung keine Anstrengungen unternehmen, der Innenstadt Leben einzuhauchen und mehr für das Miteinander zu tun. Von einem Melting Pot im Maßstab internationaler Hauptstädte ist Windhoek daher im Jahr 21 seiner Unabhängigkeit noch weit entfernt. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Zumindest die Ampeln blinken weiterhin fleißig vor sich hin und drängen zur Eile.

Autor:
Nico Cramer