Namibia Auf Stippvisite in "Südwest"

Ist es real? Oder doch nur eine Fata Morgana? Schließlich ist man bis eben eine gefühlte Ewigkeit durch die Namib-Wüste gefahren, aus Richtung der Hauptstadt Windhoek immer die B2 entlang, links und rechts Dünen, voraus meist: nichts. Dann plötzlich in der Ferne ein Glitzern, der Atlantik, direkt davor Umrisse menschlicher Siedlungen. Und ehe man es sich versieht, steht man mitten in Swakopmund. Wüste zuende, Ort fängt an. Und hört wenige Meter weiter unten schon wieder auf, im Meer. War da was? Wie gesagt, so ganz sicher kann man sich nicht sein, dass dies keine Fata Morgana ist.

Zumal der Ort selbst alles dafür tut, sich den Anstrich des Unwirklichen zu geben. Geradezu grotesk breit ist die lehmig-braune Hauptstraße, die das Ende der Wüste und den Anfang von Swakopmund markiert. Hier könnte sich problemlos vierspuriger Verkehr in den Ort walzen - wenn es denn nur Verkehr gäbe. Im Ortskern fächert sich das Straßennetz auf in beschauliche Nebenstraßen, die penibel sauber gehalten sind und in deren Verlauf sich Bungalow über Bungalow wie an bunten Perlenketten aufreiht. Einladend wirken sie trotzdem nicht, eher hermetisch. Die Häuser sehen nach Menschen mit Geld aus, hier und dort sieht man welche davon, meist Weiße. Weiße? Ist das hier nicht Afrika? Die Sonne sengt, hinten ist die Wüste, vorne das Meer. Willkommen in Swakopmund, zweitgrößte Stadt Namibias - und größte deutsche Stadt im Land.

Gegründet wurde Swakopmund 1892, von einem deutschen Hauptmann. Namibia hieß damals Deutsch-Südwestafrika, und der Ort schien geeignet, um hier einen künstlichen Hafen anzulegen und das Landesinnere mit Gütern zu versorgen. 1915 kapitulierten die deutschen Truppen vor den Südafrikanern, der Güterfluss versiegte, der Hafen wurde geschlossen, und die Deutschen?

Sie blieben. Während Namibia nach der deutschen Besatzung die südafrikanische über sich ergehen lassen musste, 1990 schließlich unabhängig wurde und sich seitdem beachtlich entwickelt und verändert, scheint hier die Zeit stehen geblieben zu sein. Immerhin: Im Juli 2009 änderte die Stadtverwaltung das Wappen von Swakopmund, nach über 110 Jahren wurde die schwarz-weiß-rote deutsche Reichsflagge durch das Wappen Namibias ersetzt. Ansonsten jedoch kommt man sich hier eher vor wie in einem gemächlichen Seebad an der deutschen Ostsee, als in einem Ort an der Westküste Namibias.

Ein aufregendes Amalgam sieht anders aus

Wie wäre es beispielsweise mit einem saftigen Stück Schwarzwälder Kirschtorte zur besten Kuchenzeit? Kein Problem, einfach die Bismarckstraße in Richtung Kaiserliches Bezirksgericht hinablaufen und im Café Anton einkehren. Die schwarzen Bediensteten sprechen zwar kein deutsch, dafür aber die Gäste am Nebentisch, dem Aussehen nach zu urteilen Touristen auf Safari-Urlaub. Das Gespräch geht, kein Scherz, gerade um die Reichsmacht und die enge Verknüpfung Deutschlands mit "Südwest", wie Insider die ehemalige Kolonie gern abkürzen. Während am Nebentisch das Gespräch plänkelt, schweift der Blick ins Rund. Links und rechts wilhelminische Kolonialbauten, im Hintergrund sanft rauschend das Meer, dazu Palmen und eine angenehme Seebrise. Malerisch hier in Swakopmund. Wenn doch nur der Farbkasten nicht so eintönig bestückt wäre.

Laut Reiseführer war der Ort früher für seine Rückwärtsgewandtheit geradezu berüchtigt, die weißen Swakopmunder in ihrem Denken und Handeln mehr als irgendwo sonst im Land in der Kolonialzeit steckengeblieben. Das soll heute anders sein, deutsche Tugenden wie Ordnung und Sauberkeit hätten sich mit dem bunten Treiben afrikanischer Städte zu einem aufregenden Amalgam vermischt. Sagt das Buch.

Die Realität sieht anders aus, dafür genügt ein Rundgang durch den Ort. Am beliebten Strand vor dem Leuchtturm sonnenbadet weiß auf der linken Strandseite, schwarz tummelt sich rechts, im Supermarkt kauft weiß zu Beträgen ein, die locker ein namibisches (schwarzes) Monatsgehalt ausmachen, und im Kücki's, dem beliebtesten Pub des Ortes, sitzt an einem Freitagabend genau ein schwarzes Paar, Jägermeister-Red Bull trinkend, inmitten von Tischen mit Weißen. Die Topografie der Stadt malt ein eine ganz ähnliches Bild. Von den knapp 35.000 Einwohnern in Swakopmund wohnen 10.000, vornehmlich weiße, im Stadtkern, 25.000, ausschließlich schwarze, leben in Townships außerhalb der Stadt. Ein aufregendes Amalgam sieht anders aus.

Doch wer sucht schon nach Aufregung an einem Ort, der sich anfühlt wie ein großes Museum, merkwürdig zeitlos, und der sich eigenartig formlos an seinen Rändern in Wüste und Meer auflöst? Die Bewohner jedenfalls nicht, schwarz und weiß scheinen sich mit den jahrzehntelang eingeübten Zuständen gleichgültig arrangiert zu haben. Im alltäglichen Leben gibt man sich miteinander ab, hält das Museum namens Swakopmund am Laufen, Tag für Tag. Nur ab und zu blitzt mal die Realität durch, vor wenigen Tagen wurde ein britisches Ehepaar mit vorgehaltener Waffe bedroht, entnimmt man der (deutschsprachigen) Tageszeitung "AZ", außerdem wurden an der lokalen Schule bei einer Routinekontrolle zahlreiche Messer konfisziert.

Die Kriminalitätsrate ist in Swakopmund beträchtlich niedriger als beispielsweise in Windhoek. Dort hat jedes Grundstück eine Elektroumzäunung, hier grenzen die Bungalows direkt an die Straße. Selbst spät am Abend, auf dem Rückweg aus dem Kücki's, kann man unbehelligt durch den Ort streifen. Man passiert die deutsche Bäckerei, die deutsche Apotheke, die deutsche Metzgerei - und fragt sich, ob dieser Ort eigentlich real ist. Oder vielleicht doch eine Fata Morgana.

Autor:
Nico Cramer