Nordrhein-Westfalen Unternehmer in Münster

Hülsta-Möbel: Die Magier der Schublade

Hülss in Stadtlohn, nichts anderes bedeutet der Name. Alois Hüls gründete 1940 eine Möbeltischlerei, Sohn Karl erweiterte sie 1961 zur Fabrik. Inzwischen ist das Unternehmen einer der bekanntesten Möbelhersteller Deutschlands. 1450 Mitarbeiter erwirtschaften pro Jahr 270 Millionen Umsatz; die Firma wächst stärker als die Branche. Der Bekanntheitsgrad liegt bei 60 Prozent - nicht schlecht für ein Marktsegment, in dem viele Menschen keinen einzigen Hersteller kennen. Und wo gibt es das schon, dass ein Betrieb dieser Größenordnung ausschließlich in Deutschland produziert? Kein Billigholz aus Rumänien, keine Rückenwand aus der Türkei!

Westfälische Vornehmheit, dass man bei Hülsta kein großes Thema daraus macht - hier sind sie noch nie dem Trend hinterhergelaufen: Man macht seine Arbeit, und wenn der Trend kommt, liegt das Passende parat. So auch bei der aktuellen Retro-Welle, von der Hülsta kräftig profitiert - obwohl man das so nicht sagen mag. "Wir hatten schon immer unsere Linie, und der bleiben wir treu", ist die Botschaft; und tatsächlich haben sich das klare Design und die schlichte Formensprache der Hülsta-Möbel über die Jahrzehnte kaum verändert. Geblieben ist auch das Streben nach Perfektion. Es ist schon nachgerade Besessenheit, mit der sie hier am Detail arbeiten: an spiegelnden Lackoberflächen oder kunstvoll gearbeiteten Zargen; an Leuchten, die hinter dünnsten Stäben oder Regalbrettern verborgen sind und deren raffiniert indirektes Licht mit einer Fernbedienung eingeschaltet wird, deren Design wiederum durch puren Minimalismus besticht.

 

Vor allem aber wird daran getüftelt, dass Schranktüren und Schubladen immer noch ein bisschen weicher und lautloser schließen. "Soft-Glide", "Soft-Flow" oder "Silent-Stop" heißen die Systeme, deren Wesen sanftes Gleiten ist. "Es ist nicht alles so perfekt wie unsere Möbel", heißt der aktuelle Werbeslogan. Eine Hülsta-Schranktür fällt nicht ins Schloss, sie knallt nicht gegen den Korpus; sie schmeichelt sich an ihn heran, bis sie irgendwann, unmerklich, mit ihm eins geworden ist. Ganz ruhig und friedlich.

Automanufaktur Wiesmann: Sexappeal auf Rädern

Staunen. Offener Mund. Zusammengekniffene Augen. Darf das wahr sein? Da materialisiert sich im Tageslicht ein Auto, das direkt aus den Abgründen des Unbewussten zu kommen scheint. Wenn man, frei nach C.G.Jung, einen Archetypus des klassischen Sportwagens in sich trägt, und der wird Realität - dann kann das nur so aussehen: eine schier animalische Anmutung mit Formen, die Sinnlichkeit, Muskelkraft und schiere Wollust zugleich signalisieren. Und dann der Sound! Die Auspuffanlage entlässt ein heiseres Brummen, das beim Gasgeben an Volumen gewinnt, sich zu einem kraftvollen Grollen wandelt - einer Verheißung, von der man weiß, dass sie wahr werden wird. Und dann ist er weg. Der Kopf erinnert sich daran, dass hier aus 4,8 Litern Hubraum 367 PS rausgeholt werden, dass ein maximales Drehmoment von 490 Newtonmetern anliegt und jedes PS nur 3,4 Kilo bewegen muss. Das sind absolute Sportwagen-Dimensionen. Der Bauch aber denkt nicht, da ist nur ein Gefühl: Haben-wollen!

Die Wiesmann-Autos, der offene Roadster und der geschlossene GT, gehören zu den individuellsten Modellen auf dem deutschen Automarkt. Die Brüder Friedhelm und Martin haben geschafft, wovon viele nur phantasieren - das eigene Traumauto zu bauen. BMW liefert die Motoren; Karosserie, Fahrwerk, Elektrik, Innenausstattung sind Eigenentwicklungen. Gearbeitet wird von Hand. Wer beschäftigt schon noch Sattler? Wiesmann braucht sie für die Lederauskleidung; auch die Verarbeitung des Stoffverdecks am Roadster ist Spezialistensache. Den Beruf des Fahrzeugbauers, der tatsächlich komplette Automobile zusammenbaut, kann man hier noch erlernen. Das Geschäft läuft, die Nachfrage steigt. Der GT bekam 2006 den begehrten "red dot design award", die Automanufaktur produzierte innerhalb von sechs Monaten über 150 Fahrzeuge.Gerade ist das Unternehmen in ein größeres Gebäude in Dülmen umgezogen, die Zahl der Mitarbeiter steigt. Dass man dem Wiesmann Roadster oder GT an jeder Ecke begegnet, ist unwahrscheinlich: Dafür sorgen schon die Preise zwischen 91.000 und 111.000 Euro in der Grundausstattung. Und die Wartezeiten. Exklusivität ist garantiert.

Gut Erpenbeck: Der Himmel hängt voller Schinken

Seit dem 13. Jahrhundert sitzen die Erpenbecks auf Gut Erpenbeck. Hart am Rand des Münsterlandes ruht der Hof inmitten der Wassergräben, die ihn vor Eindringlingen schützen sollten.Tritt man in den Innenhof, steht man vor dem riesigen Fachwerkhaus, das mit 18 Ständern eines der größten der Gegend ist. Im Deißigjährigen Krieg zogen hier die katholischen Truppen des Grafen Tilly durch und ließen eine Kriegskasse zurück, die der Hausherr heute noch stolz herzeigt. Acht Jahrhunderte Familientradition! Das kann lähmen - oder auch inspirieren. Letzteres hat Ulrich Erpenbeck erfahren. Immer schon wurde auf dem Gut ausprobiert - Milchvieh, Forstwirtschaft, Erdbeeren, Spargel; seit den sechziger Jahren aber beherrscht ein großes Thema das Gut: Schinken!

"Irgendwann habe ich mir gedacht, das geht doch nicht an, dass unsere Schweinehälften nach Italien gekarrt und dort zu Parmaschinken werden, wo wir hier genauso eine jahrhundertelange Tradition haben", erzählt Erpenbeck. Also gründete er die "Schutzgemeinschaft Westfälische Schinken- und Wurstwaren e.V.", die sich der traditionellen Erzeugung verpflichtet fühlt: Verzicht auf Konservierungsmittel, Antibiotika, Geschmackstoffe; keine Schnellreifung mit chemischen oder sonstigen Tricks, sondern wochenlanges Salzen und Räuchern. Sorgsame Handarbeit. Das gibt dem Knochenschinken, der am Knochen reift und erst ganz am Ende abgelöst wird, seinen besonderen Geschmack. Ein Jahrtausende altes Verfahren. Kein Wunder, dass man in Bauernhäusern den Bereich über dem offenen Kamin auch den "westfälischen Himmel" nennt: Hier wurde früher der Schinken aufgehängt.

Altbierbrauerei und Gaststätte Pinkus Müller: Prost Pinkus!

Was ist typisch für Münster? Studenten, Radfahrer, Katholiken, klar; und dann kommt aber gleich Pinkus Müller. Die Generationen ziehen vorüber, Studienpläne werden verworfen, Bischöfe kommen und gehen - die Gaststätte in der Kreuzstraße aber ist einfach da. So wie sie es immer schon war, mit ihren uralten Dielen, den geschnitzten Deckenbalken und dem riesigen, mit holländischen Kacheln umkleideten Kamin. Pinkus Müller ist eine Institution. Es gibt wohl kaum eine andere Stadt, in der ein Wirtshaus derart im Alleingang die Rolle als Traditionslokal ausfüllen muss. Denn das Müller'sche Lokal (mit der zugehörigen Brauerei, die heute auch außerhalb der Innenstadt produziert) ist das letzte seiner Art. 150 Altbierbrauereien gab es einst in Münster, die von Pinkus Müller hat als einzige überlebt. Woran das liegt? Sicher auch an dem nachhaltigen Schub, den der legendäre Carl Müller, genannt Pinkus (1899-1979), dem Haus verschafft hat.

Pinkus war ein Original, gleichermaßen begabt als Brauer, Gastwirt, Familienvater, Wohltäter wie als ausgebildeter klassischer Sänger, der von Oper bis Karneval keine Bühne ausließ, wenn er darum gebeten wurde. Er setzte ganz auf die Wirkung seiner Person und machte das Haus zu der Institution, die es heute noch ist. Die es aber sicher nicht geblieben wäre, wenn nicht die Nachfolger immer die Zeichen der Zeit erkannt hätten: So setzte Pinkus' Sohn Hans seit den achtziger Jahren zunehmend auf ökologische Rohstoffe - zunächst einfach, um die Geschmacks-Qualität zu halten; seit 1991 wird konsequent nur noch Öko-Bier gebraut. Und Tochter Barbara, die in der sechsten Generation das Unternehmen führt und wie ihre männlichen Vorgänger in der oberbayerischen Brauerschmiede Weihenstephan studiert hat, setzt voll auf die Mischung aus hohem Qualitätsanspruch und gewachsener Familientradition. Je nach Saison werden bis zu zehn Biersorten angeboten, davon drei alkoholfreie - und in die Welt exportiert. Denn auch der Japaner soll wissen: Gutes deutsches Bier muss nicht unbedingt aus Bayern kommen.

Von Büchern und Skateboards

Coppenrath und Hölker Verlag: Von einem, der sich und alle Kinder glücklich macht

Ach ja, Bücher machen sie auch. Sollte eigentlich nicht überraschen bei einem Verlag. Tut es aber doch: Denn was ein Buch ist und was ein Verlag so alles macht, das haben sie bei Coppenrath komplett neu definiert. Die Branche reibt sich die Augen und versucht mitzuhalten, aber irgendwie sind die Münsteraner immer einen Tick schneller. Dabei hatte der Verlag, der 1768 von Josef Heinrich Coppenrath gegründet worden war, mehr als 200 Jahre lang mehr oder weniger unauffällig vor sich hingewerkelt und vor allem heimat- und landeskundliche Werke verlegt. Bis 1977.

Da kam der gerade 29-jährige Wolfgang Hölker, ein sinnenfroher Kreativer, der als Grafiker arbeitete und bereits seinen eigenen Kochbuchverlag gegründet hatte. Er übernahm das Haus und begann damit, es energisch umzugestalten. 1992 wurde der Verlag noch um die Geschenkedition "Spiegelburg" erweitert. Konsequenter als alle anderen setzt Hölker hier besonders auf "Non-Book-Produkte" und liefert das Spielzeug zum Buch. So gibt es zur - bei kleinen Mädchen heißgeliebten - Prinzessin Lillifee passende Springseile,Haargummis, Armbänder, Spieluhren, Schminksets, Glitzertattoos und die ganze glitzernd rosafarbene Fanartikel-Welt.

 

Auch die Bücher selbst sind mehr als nur Bücher: An einem Kinderliederbuch hängt eine Mundharmonika, an Kochbüchern ein Salzstreuer und ein dicker Fettfleck glänzt auf dem Einband, Fahrzeugbilderbücher enthalten Pappschablonen - überall dreht sich was, lässt sich rausnehmen, auffalten oder verschieben, die Titel sind goldgeprägt, mit flauschigen Stoffen oder Reliefs verziert. Wo in anderen Verlagen die Hersteller sich die Haare raufen, die Controller ihre Mundwinkel nach unten ziehen, geht's bei Coppenrath erst richtig los.Das Durcheinander hat System, und natürlich einen Online-Shop. 1994 erschien der Hase Felix auf der Bildfläche, und seither herrscht in dem gut hundert Jahre alten Speichergebäude am Hafen endgültig eine Mischung aus Kreativworkshop, Börsenhausse und unaufgeräumtem Kinderzimmer.Kuschelhase Felix, der seiner Besitzerin abhanden kommt und zunächst unfreiwillig, dann immer begeisterter um den Globus reist, wurde weltweit zum Renner. Die Hasenbücher erscheinen in über 20 Ländern, der erste Film kam 2005 in die Kinos, der zweite im Februar dieses Jahres, es gibt Felix-CDs, -TV-Sendungen, die übliche Vielfalt an Nebenprodukten. Und Hölkers Begeisterung für seine Bücher wirkt so echt wie eh und je.

Schmitz Cargobull: Rastlose Lastesel

Auf der Autobahn zieht man an ihnen vorbei, wenn sie auf der ihre Waren schleppen - die Laster mit dem Logo des Elefanten und dem einprägsamen Namen: Cargobull. Dass man sie nicht noch öfter sieht, liegt daran, dass meist nur der Name des Spediteurs auf dem Hänger prangt. Denn Cargobull baut eben keine kompletten LKWs, sondern nur die Hänger. Dies aber besser als alle anderen: Das Unternehmen mit dem Stammsitz in Altenberge bei Münster ist europäischer Marktführer. Knapp 3800 Mitarbeiter erzielten im Geschäftsjahr 2004/2005 einen Umsatz von 1,2 Millionen Euro. Aber was heißt schon Hänger! Sattelpritsche, Planenauflieger, Kühlkoffer, Curtainsider. Groß ist die Vielfalt. Der Laie kann nur ahnen, wie viel Technik in solch einem Hänger steckt.

Es gibt Tiefkühlfahrzeuge mit geteilten Kammern, in denen unterschiedliche Temperaturen gehalten werden können, vorne für Tiefkühlkost, hinten für Frischgemüse. Muldenkipper haben eine Heizung im Boden, damit das Schüttgut nicht festfriert. Die Fahrgestelle werden nicht mehr geschweißt, sondern gebolzt, damit Aluminium und Stahl kombiniert werden können, das Fahrzeug leichter wird. Bei "Kofferaufliegern" kann zum schnelleren Entladen das Dach angehoben werden, und für das Rangieren gibt es die Rampenanfahrhilfe mit Ultraschall zum sanften Andocken. Europa wächst zusammen, der LKW-Verkehr nimmt zu, auch die Branche ändert sich.

Die Kunden bestellen kurzfristiger; ordern Fahrzeuge nach Erhalt eines großen Auftrags - und brauchen sie dann ganz schnell. Schmitz stellt sich darauf ein, produziert Standardbauteile im Münsterland, montiert sie in Spanien oder Litauen. Zudem appelliert die Firma an ihre Kunden, bei Investitionen auch die Folgekosten zu bedenken: Der hohe Anschaffungspreis werde durch bessere Qualität, längere Lebensdauer, zuverlässigen Service wieder hereingeholt.Wohl dem, der es schafft, seine Kunden so zu erziehen.

titus AG: Der wilde Mann und das Board

Titus Dittmann spinnt. Das denkt mancher, aber keiner sagt es offen. Denn Dittmann ist ein respektabler Unternehmer: 150 Mitarbeiter, so einen braucht die Wirtschaft. 2001 wurde er zum "Entrepreneur des Jahres" gekürt, die Stadt Münster verlieh ihm ihren Wirtschaftspreis. Denn: Der 57-Jährige ist "titus". Und titus ist Europas größte Marke für Skateboards und alles, was dazugehört. Der wilde, feurige Schriftzug erinnert an die ausufernden Buchstaben der Grafitti-Sprayer, so aufgeregt wie die ganze Branche. Normalmenschen sagen Bretter, Hemden, Schuhe; Skater sagen "fette Boards", "coole Shirts", "slicke Shoes". Man hängt nicht rum, sondern "chillt", Marken sind"Brands", Wettkämpfe "Contests". Was man braucht, um angesagt zu sein, steht im 210 Seiten starken "Magalog" - diese Erfindung von Dittmann ist eine Mischung aus Magazin und Katalog.

Ein echtes Kunststück: Dittmann hat die Branche kommerzialisiert und wahrt doch den Anschein, alles sei unglaublich individuell und unangepasst. Wie kriegt man das hin? Er habe immer das gemacht, was ihm Spaß macht, sagt Dittmann und grinst sein Ich-bin-doch-nur-ein-netter-Junge- Lächeln. Als angehender Lehrer schrieb er seine Examensarbeit über "Skateboarding im Schulsportunterricht". So was gab es damals, 1980, noch überhaupt nicht; selbst vom "Rollbrett" hatte noch kaum jemand gehört. Das brachte Dittman eigenhändig aus Kalifornien mit und eröffnete mit Freunden ein Kellergeschäft, einen der ersten Skaterladen Europas.

Positives Denken plus Vermarktungsgenie plus Bauernschläue plus kreative Unruhe ließen das Unternehmen wachsen; heute gibt es 35 Läden von Augsburg bis Zweibrücken und eine florierende Mailorder-Abteilung. Dittmann hat Münster zur Skateboard- Hochburg gemacht: Im ehemaligen Apollo-Theater eröffnete er 2001 ein Jugend-Lifestyle-Kaufhaus, die Erfindung der "Münster Monster Mastership", einer der wichtigsten Skateboardwettbewerbe,machte Münster gleich weltweit bekannt. Leider fiel das große Skater-Fest zum 25. Jubiläum im Jahr 2006 aus.Wegen der Fußball-WM. Es gibt halt immer welche, die noch größer sind.

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Autor:
Martin Rasper