Nordrhein-Westfalen Münsters Stadthafen glänzt wieder

Es regnet, aus dem Irokesenkamm von Henning Wöhler läuft das Gel. Seine Haare stehen grün und rot und in spitzen Zacken von seinem rasierten Schädel ab, die Springerstiefel schmatzen im Matsch. "Mistwetter", sagt der Neopunk und verschwindet im Zelt.

Drinnen liegt seine Freundin unter einer Decke, daneben der Köter Matze, dazwischen Walkman, Magazine und ein Stapel Platten.

Die beiden haben sich fürs Wochenende hier eingenistet. Unten an einem winzigen Hafenarm, neben einem verlassenen Kanalbecken, in dem der Wind das schmutzig-grüne Wasser zu kleinen Rippen aufwühlt. Dahinter liegt der große Verladeplatz eines alten Industriegebiets.

Zu Schrotthaufen heruntergekommene Autos stehen herum, Löwenzahn wuchert zwischen den Steinplatten. Weiter hinten ragen zusammengeschweißte Eisenkreuze in den Himmel. Skulpturen aus Altmetall, Dosen und Drähten. Noch weiter hinten zerschundene, mit Graffiti besprühte Lagerhallen, in denen Poetry-Slams stattfinden und wo in Ateliers und Druckereien moderne Kunst entsteht.

 

Draußen hängen Typen in zerfetzten Karohosen rum, sie stehen um Pfützen, in denen sich brennende Ölfässer spiegeln. "Ziemlich krass, die Ecke", sagt Henning, "aber hier passiert wenigstens was. Heute Abend gehen wir rüber in die Clubs, ins 'Favela', ins 'Fusion', Platten auflegen." Die Clubs: das bedeutet knüppelharte Musik bis zum Morgengrauen, dazu reichlich Bier und Kurze und über allem der Geschmack von echtem Underground.

Das Stadtzentrum liegt nur wenige Kilometer entfernt. Aber vom Hafenviertel aus scheinen es Lichtjahre zu sein. Der "Hawerkamp", wie die Gegend hier heißt, ist der abgelegenere Teil des Stadthafens im Süden. Auch "die Bronx von Münster" genannt. Eine aus Baracken, Ziegelsteinhaufen, maroden Docks entstandene Gegenwelt zum adretten Verwaltungsstädtchen. Seine metallraue Bühne. Hier ist die Zeit der Clubs und Flyer, der Punkpoeten und verjazzten Anglizismen angebrochen. Der Sound ist hart und laut, klingt nicht nach friedlicher Studentenstadt.

Das neue Münster entsteht ausgerechnet an den beiden Stadthäfen - der Hauptteil unweit des Zentrums, der andere etwas weiter südlich. Bis in die siebziger Jahre wurden hier noch Baustoffe, Holz und Getreide über den Dortmund-Ems-Kanal herangeschippert und umgeschlagen. Vor den Speichern und Silos machten früher die Schleppdampfer und Kanalfrachter fest, dröhnten Getreidebänder und Ansaugpumpen um die Wette, kamen die Hafenarbeiter in Schichten.

Doch die Binnenschifffahrt erlitt Rückschläge. Betriebe wanderten ab, Firmen gingen bankrott, alle Revitalisierungsversuche des Hafengebiets scheiterten. Um 1980 war Schluss, die Hallen verrotteten, aus den Kaianlagen wurde Industriebrache. Ein Geisterviertel am Kanal, in dem sich Penner verkrochen und Jugendliche die letzten Fensterscheiben zerbolzten.

Die Stadt schämte sich ein wenig ihres Hafenbesitzes, Investoren winkten ab, die Mietpreise gingen in den Keller. Wer wollte hier schon mieten, etwas auf die Beine stellen? Das Viertel wurde vergessen.

Es dauerte eine Weile, bis schließlich ein sonderbarer Prozess einsetzte. Einer, der sich selbst befeuert, der eigenen Mechanismen gehorcht. Nach Regeln, die kein Stadtplanungsamt ersinnen kann. Man hat diese kuriose Metamorphose von Stadtvierteln schon an großen Vorbildern beobachten können - dem Meatpacking District in New York etwa, man kann es am Beispiel Harlem sehen, auch im Hamburger Schanzenviertel: Schmuddelige Industrieareale oder Gegenden der Unterschicht mutieren plötzlich zu hippen Szene-Vierteln, in denen sich zuerst Fotografen, Maler, kreative Köpfe ansiedeln, sich eine Zeitlang die Avantgarde tummelt, anschließend die Preise explodieren und sich am Ende der schicke Mainstream breit macht. Es ist fast wie eine chemische Reaktion, die aber eher an Alchemie grenzt: Aus Nutzlosem wird Gold.

 

Oben, am "Stadthafen eins" im Norden, glänzt die Gegend schon: Aus Schutt und baufälligen Speichern sind Denkfabriken enstanden. Im durchdesignten Café Med werden unter einst vergammelten Rohren heute Meeresfrüchte serviert, am früher schummrigen Kai vor dem Hafenbecken spielen progressive Bands im Hot Jazz Club. Und wo früher die Getreideschaufler schufteten, später das Gebälk zu brechen drohte, blickt Anton Markus Pasing, 44, aus seinem blitzeblank renovierten Atelier auf den Hafenkanal und arbeitet, so der klassische Künstler- Duktus, an virtuellen Projektionen. Bewegt sich in den "Schwellenräumen zwischen Architektur und bildender Kunst".

Grundzutaten dieser Alchemie sind Kunst, Musik und die Menschen, die sie machen. Die Improvisateure und Phantasten, die sich trauen, Rost für schön zu erklären. Die sich an verrotteten Schienen begeistern und "hurra" schreien, wenn sie auf dieser Welt unfertiges, noch nicht durchstrukturiertes Terrain erblicken. Freiräume ersticken im Fertigen. Um zu atmen, brauchen sie Luft.

Ein wenig gilt dies auch für Wandlung und Werden einer Stadt. Hätte es für Münster keinen besseren Platz geben können als ausgerechnet den alten Stadthafen? Pitti Duyster, 37, der heute das Heaven betreibt, eine temporär installierte Mixtur aus Restaurant und Nightclub im ehemaligen Sägewerk, sagt: "In gewisser Weise ist der Hafen eine vogelfreie Zone. Hier können Ideen noch gedeihen."

Und Anton Markus Pasing, einst ein Meisterschüler der Kunstakademie Düsseldorf, heute Gastprofessor und Gewinner mehrerer Kunstpreise, erinnert sich, dass man hier am Anfang noch die toten Tauben wegfegen musste. "Inzwischen ist dies ein stadtnahes Gebiet, wo man Gestaltungsraum auf vielen Ebenen findet."

Die ersten Mutigen waren Christof Bernard und Thomas Pieper, musikvernarrte Mittzwanziger, die 1995 das "Dockland" am Nordufer eröffneten. In einer der derben Lagerhallen, einer rostigen Wellblechbude, legten bald DJs aus den USA auf, strömten Houseund Rap-Freaks aus Köln, Düsseldorf, Hamburg und Holland, zappelte das Publikum die Nächte durch. Die Initialzündung war das "Dockland". Es zeigte: Das Marode hat Flair.

Prompt fanden die nächsten Gefallen am Verfallenen. Architekten und vor allem Künstler, die sich in den ausgedienten Speichern Lofts einrichteten und Ausstellungen planten.

"Ziemlich krass, die Ecke, aber hier passiert wenigstens was!"

Als wichtigster Motor für den Wandel des Hafens gilt Wolfgang Hölker, Grafiker,Verleger, Tausendsassa in einer Person und in Münster so etwas wie ein Möglichmacher des Undenkbaren. Hölker wurde reich - erst mit Kochbüchern, dann mit Dutzenden Kinderbüchern in seinem Coppenrath-Verlag, vor allem mit "Hase Felix" und "Prinzessin Lillifee". Doch Bücher sind ihm nicht genug. Hölker liebäugelt mit so ziemlich allem - nur nicht mit Stillstand.

Zu seinen Projekten gehörten auch der Kauf und die Restaurierung zweier Kornspeicherhäuser in der vordersten Front. Mit der Vision, am Hafen seinen Verlag unterzubringen und das andere Gebäude an die Stadt zu verpachten - im Sinne der Kunst: Im "Speicher II", einem jetzt wieder schönen Ziegelsteinbau mit Glasfronten und Stahlbalkonen, stehen Malern, Bildhauern, Skulpteuren 32 Ateliers zur Verfügung, in denen sie kreativ arbeiten können. Mit Blick über den Hafen, den Dortmund-Ems-Kanal und die neue bunte Meile.

 

Die Stadtplaner hatten das Potential schnell erkannt. Ihre Masterpläne geben für die Zielkonzeption das Jahr 2015 an. Geplant sind Zonen für Wohnen, Arbeiten, Dienstleistungsbereiche. Aber auch solche für Kultur, Kunst und Freizeitgestaltung. Irgendwann kam dann dieser Begriff auf, an dessen Beiklang sich viele reiben und in dem andere die große Rettung sehen. Aus dem einstigen Geisterviertel soll der "Kreativkai" erwachsen - das neue Gesicht des Hafens, das "das Herz der Westfalenmetropole mit neuem Leben füllen soll", so eine Broschüre der Stadt Münster. Mit Agenturen, Verlagen, Druckereien, Architekten und einer "Gastronomie der gehobenen Kategorie".

Es ist alles wahr geworden. Das früher darbende Gewerbegebiet hat sich zu einer munteren Szene-Ecke gemausert. Münster sonnt sich wieder im Ruf seines Hafens. Mehr noch: Der Hafen ist Vorzeigeobjekt, Symbol für den gelungenen Aufbruch in die hippe Moderne.

Entlang der Uferzone haben Möbelläden wie "Sitzart" eröffnet, ein Gitarrenbauer und ein Fahrradschrauber bieten ihre Dienste in alten Schuppen an, vorn am Wasser stellen die Cafés ihre Tische und Stühle raus. Ein schnieker Harley-Davidson-Store verkauft chromglänzende Pötte samt aller nötigen Lederwesten, Käppis und Stiefel, und hinter den Glasfronten der Neubauten, die anstelle der nicht mehr zu rettenden Speicher errichtet wurden, sitzen Werber und Promoter vor ihren Flachbildschirmen.

Die Grundstückspreise sind kräftig gestiegen, bis auf 250 Euro pro Quadratmeter, und die ersten Künstler und Pioniere rümpfen bereits die Nase. "Der Charme des Ungeleckten sollte nicht ganz verschwinden", sagt Markus Josten vom Wolfgang-Borchert-Theater, das auch am Kanal liegt. "Zur Zeit ist der Hafen in einem halbfertigen Zustand, aber genau das macht den Reiz aus. Noch mehr Glanz, und es wird too much."

Es ist ein sonderbarer Prozess, den niemand aufhalten kann - der Weg vom Rohen zum Perfekten, vom Derben zum Glatten, diesen Prozess nennt die soziologische Stadtforschung "Gentrification".

An warmen Sommertagen wird der Hafen zur großen Spaßfläche. Die Leute hopsen juchzend ins Hafenbecken, die Bars kochen über, Party bis zum Morgen, und im Coconut Beachclub tanzen sie zu Lounge-Musik unter Palmen im Sand. In den feucht rottigen Osmo-Hallen wird Fußball auf Großbildschirmen gefeiert, und wo sich früher Furniere und Überseehölzer stapelten, finden Stabhochsprung-Events mit Würstchenverkauf und reichlich Tamtam statt. "

An heißen Wochenenden ist es hier fast wie an der Côte d'Azur", sagt Andreas Heupel, der sein Architektenbüro am Südufer des Nordhafens hat, in einem Ex-Lager für Lebensmittel. Da, wo noch altes Gewerbegebiet ist und die Mieten bei 1,50 Euro pro Quadratmeter liegen. Noch.

Heupel guckt ein wenig traurig, als er rüberschaut zur gegenüberliegenden Promenade, wo in Boutiquen die Krokotäschchen für 4000 Euro das Stück weggehen. Heupel scheint sich auszukennen - mit der Architektur, den Menschen, der Kunst und auch mit diesem merkwürdigen Prozess, der aus Schutt Gold werden lässt. "Der Hafen ist eine Charakterfläche", sagt der Mann im Rollkragenpulli. "Alle wollen den alten rauen Industriecharme bewahren. Aber ob sie wollen oder nicht - sie alle werden Teil des Umkehrprozesses."

Heupel, 45, schaut ruhig und mit klaren Augen. Er kennt Künstler, die, sobald die Pachtverträge für ihre Ateliers hier auslaufen, weiterziehen wollen. Vielleicht in den südlichen Teil des Hafens. Oder in ein stillgelegtes Zechengebiet im Ruhrpott - irgendwohin, wo es nach Neuland schmeckt und die Kellnerinnen noch keine Red-Bull-T-Shirts tragen. Auf jeden Fall dahin, wo sie wieder atmen können. Wo Luft ist, Punkrock und Rost.

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Marc Bielefeld