Nordrhein-Westfalen In Münster heimisch werden

Ich bin hier nicht geboren. Das heißt: Ich selbst habe mir Münster ausgesucht - als die Stadt, in der ich gerne bleiben möchte. Und warum? Wegen der gepflegten Atmosphäre, wegen des vielen Grüns, wegen der urigen Kneipen oder wegen der vielen Fahrradwege? Sicher, ich möchte das alles nicht missen, aber an Münster schätze ich vor allem seine Größe. Nicht die historische Größe, die es durchaus hat. Und auch nicht die bloß räumliche, die man bei einer Stadttour oder bei einer Ballonfahrt erkennen könnte.

Ich meine die innere Dimension dieser Stadt. Für mich rangiert sie genau in der Mitte zwischen metropoler Anonymität und kleinstädtischer Zwangsintimität, zwischen moderner Unübersichtlichkeit und antiquarischer Beschaulichkeit. Als Münsteraner mache ich beständig die Erfahrung eines im vollkommen positiven Sinne mittleren und das heißt: menschlichen Maßes.

 

Münster ist beileibe keine kleine Stadt! Es hat immerhin 270.000 Einwohner. Aber Münster bringt das Kunststück fertig, sich bis heute als etwas Ganzes zu fühlen und zeigen zu können. Zwar bemüht es sich immer wieder mit Erfolg, seine Grenzen zu erreichen, aber nirgendwo überschreitet es das aus seiner Geschichte erwachsene Maß. Fast immer ist, was Münster tut, Arbeit an seiner Identität. Zu abstrakt? Dann begleiten Sie mich bei einem Gang durch die Innenstadt. Sehr historisch, sagen Sie? Das stimmt, aber anders, als Sie denken.

Münster wurde im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört. Man soll sogar erwogen haben, die Innenstadt nicht wieder aufzubauen, sondern ähnlich wie die eingestürzte Frauenkirche in Dresden als Mahnmal für die Schrecken des Krieges zu belassen.

Aus begreiflichen Gründen kam es anderes. Aber es kam auch anders als in vielen anderen deutschen Städten von der Größe Münsters. Tatsächlich sind die Bürgerhäuser um den Prinzipalmarkt, sowie Dom, Schloss und Kirchen gewissenhafte Rekonstruktionen. Mit Absicht hat man auch an der alten Struktur der Stadt festgehalten und auf eine Neuplanung mit autogerechter Verkehrsführung verzichtet.

Damals, Ende der vierziger und Anfang der fünfziger Jahre, wurde das vielfach als falscher Historismus kritisiert. Man solle doch, hieß es, die Chance nutzen und - zeitgemäß! - von vorne beginnen. Aber Münster besaß offenbar genug innere Konstanz, um sich noch einmal zu erschaffen. Heute profitiert es davon, seine Identität über die Katastrophe des Nazismus und der Kriegszeit hinweg bewahrt zu haben.

Man kann in Münster heute überall sehen, wie diese Stadt durch die Jahrhunderte gegangen ist. Die angenehme und komfortable Gegenwart mit Busverkehr, Kaufhäusern, Straßencafés liegt nicht undurchdringlich über der Geschichte.Andererseits sind die Zeugnisse der Vergangenheit keine isolierten Schaustücke. Münster ist vielerorts pittoresk, aber kein Freilichtmuseum. Man kann am Prinzipalmarkt eine Zeitreise unternehmen.Aber man kann hier auch einkaufen. Und nicht nur Souvenirs! Denn Münster wird nicht von Historikern oder Museumsdirektoren bestimmt und regiert.

Große Giebelpracht, aber doch kein Disney World

Hier herrschten und herrschen immer noch Kaufleute, kaufmännisches Denken. Die Stadt war und ist daher allem Rationalen und ökonomisch Gebotenen mehr als aufgeschlossen. Doch von eben diesen Kaufleuten und ihrem Sinn fürs Reale wie fürs Dauerhafte ist die Stadt auch immer wieder davor bewahrt worden, sich dem bloß Modischen zu verschreiben.

Und man sieht das wirklich. Ein Gang durch die Innenstadt ist nämlich nicht nur ein Gang durch eine lebendige Vergangenheit, es ist auch ein Gang durch über 50 Jahre Nachdenken darüber, was hier in Münster an Gegenwart und Zukunft möglich ist. Ich nenne dafür nur zwei Beispiele. Den Neubau des Theaters aus den fünfziger Jahren: ein moderner Baukörper umschließt die Ruine des Vorgängerbaus; die Freude am Neuen und der Schmerz über den Verlust des Alten sind gleichermaßen sichtbar. Und die neue Stadtbibliothek hinter der Lambertikirche aus den frühen neunziger Jahren: mit diesem großartigen Bau wurde ein beinahe schon verlorenes Terrain neu besetzt und der Innenstadt wieder zugeschlagen.

 

Das also meine ich mit Münsters Größe. Es ist Größe als ein überall gegenwärtiges Maß, in dem sich der Charakter der Stadt ausdrückt. Und nun glauben Sie mir: Eine solch ganze, aber maßvolle Stadt begegnet auch dem, der nur eine Zeit seines Lebens hier verbringen wird, allmählich mit dem unaufdringlichen Angebot, ein Teil von ihr zu werden. Münster macht Münsteraner. Ich selbst bin hier quasi unversehens heimisch geworden; und ich weiß, dass es vielen anderen Zugereisten ähnlich gegangen ist: Man hat uns als Studenten, als Auszubildende, als Wissenschaftler oder als Angehörige einer Behörde nach Münster beordert. Wir haben es hingenommen, haben uns wenig oder nichts Bestimmtes unter unserem neuen Wohnort vorgestellt - und dann irgendwann bemerkt, dass wir im Transit heimisch geworden sind. Münster ist unser aller Capua: der Ort, an dem die ursprüngliche Absicht, weiterzuziehen und demnächst die Hauptstadt zu erobern, schon ganz bedenklich ins Wanken kommt.

Und wir, die im Transit Heimischen, werden mehr und mehr. Münster ist eine alte Stadt mit vielen alteingesessenen Bewohnern. Aber seit geraumer Zeit ist es ebenso sehr eine Stadt des Zuzugs, wie auch eine Stadt derer, die gerne dableiben.

Zum Dableiben aber kann sie mit so viel Erfolg nur verführen, weil ihre Kultur des Maßes eine Kultur der Identität stiftet. Eine Kultur der Identität ist das genaue Gegenteil eines festgefügten und unbeweglichen Selbstbildes. Zusammen mit den Alteingesessenen arbeiten wir vielen Zugereisten und Dagebliebenen vielmehr daran, Münsters Eigenheiten zu unserem gemeinsamen Nenner zu machen. Wir werden Münsteraner, indem wir es prägen.

 

Aber ich will wieder konkreter werden. In meinem zweiten Jahr in Münster, 1977, fand die erste der bislang drei Skulpturen-Ausstellungen statt, die mittlerweile längst zu den bedeutendsten Versuchen mit bildender Kunst im öffentlichen Raum gehören.

Schon damals konnte ich erfahren, mit wie viel Interesse und Leidenschaft man das Projekt diskutierte. Zehn Jahre später fand ich dies alles noch gesteigert. Und deutlich war, dass es alle anging.Welches Kunstwerk wo stehen sollte oder durfte, waren Fragen, die beileibe nicht in Nischen oder von Ingroups diskutiert wurden. Vielmehr kam in den Diskussionen ein allgemeines Interesse der Bürger am ästhetischen Wohlergehen ihrer Stadt zum Ausdruck. Bei der dritten Ausstellung 1997 schien es mir schließlich, als hätten viele Münsteraner den zeitweiligen Aufenthalt von Kunst in ihrer Stadt als Sinnbild der eigenen Existenz begriffen: im Transit heimisch zu sein. Die Energie, mit der man jetzt etwa für den Erhalt mancher Kunstwerke eintrat, konnte sich nur aus einem Gefühl der Identität speisen, für das Integration nicht Vereinnahme, sondern respektvolle Anverwandlung bedeutet.

Die rechte "Größe" also und das rechte "Maß". Zugegeben, es klingt nicht sehr spektakulär,wenn ich meine Vorliebe für Münster begründe. Aber die Argumente der Hochglanzprojekte sind alle so austauschbar. Geht es nach Freizeitangeboten, Grünflächenquote oder Durchschnittsklima, dann unterscheiden sich viele Städte ähnlicher Größe in Deutschland nicht sonderlich voneinander. Und wirklich heimisch wird man nicht in Statistiken und Tabellen - sondern in einem Gefühl:zum Beispiel in dem Gefühl, in den richtigen Grenzen zu leben.

Wir müssen gerade sehr schmerzhaft lernen, dass und wie das Starren auf "Wachstum", "Umschwung" und "Fortschritt" uns blind gemacht hat für andere, sicher ebenso wesentliche Kategorien. Münster empfinde ich als eine Stadt in der Balance, als einen Ort, der sich als Ganzes entwickeln kann, ohne sich gleich zu vergessen. Die Stadt gibt auch dem raschen Wandel und dem notwendigen Transit menschliche Qualitäten. Wenn's geht, bleibe ich gern noch lange hier.

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Burkhard Spinner