Nordrhein-Westfalen Die Pferde-Hochburg im Münsterland

Warendorf gibt sich beschaulich gediegen, ein reizendes Städtchen abseits der Autoströme. Mit einem historischen Stadtkern, dessen Zentrum die 600 Jahre alte Urpfarre St. Laurentius ist. Nur zur Wallfahrt an Mariä Himmelfahrt und anlässlich des Fettmarktes ein wenig sittsamer Wirbel. Doch der provinzielle Kreisstadt-Schein trügt.

Warendorf, 39.000 Einwohner, ist in Wahrheit der Nabel der Welt.

Auf der Umgehungsstraße schieben sich die Pferdehänger hinter teuren Geländewagen, die Trüffelkreation "Pferdeäppel" vom Café Hülsmann wird weltweit verschickt, selbst im Supermarkt trägt man hemmungslos Reithosen, im Hotel gibt's ein Pferdebilderbüchlein als Bettlektüre, und über die Stadt verstreut weisen dezente Hinweisschilder zu den zahlreichen Regierungsgebäuden jener geschlossenen Gesellschaft, die hier residiert: Warendorf ist die Hauptstadt der deutschen Reiterei.

 

Auch wenn Ortsfremde spötteln, alle Warendorfer hätten Pferdegesichter - eindeutig sichtbares Symbol der ganzen schönen Pferdeherrlichkeit ist das Nordrhein-Westfälische Landgestüt, gegründet 1826. Eine Institution aus preußischer Zeit und wie alle zehn weiteren deutschen Landgestüte eine staatliche Einrichtung. Ein mit viel Tradition verbundener defizitärer Luxus des Landwirtschaftsministeriums, der sich rund 70 Mitarbeiter leistet - und 77 Deckhengste als vierbeinige Beamte. Dem Gestüt angeschlossen ist die Deutsche Reitschule - hier werden aus Lehrlingen Pferdewirte, aus Pferdewirten Pferdemeister, aus ambitionierten Amateuren Sieger gemacht, stiefeln 21 Auszubildende durch die Stallungen. Wird aus harter Arbeit am Ende hohe Kunst.

Etwas außerhalb des Stadtzentrums liegt das weitläufige Gelände der Sporthochschule der Bundeswehr. Ein paar hundert Meter weiter, da, wo die Fahnen wehen, residiert das Auswärtige Amt der Reiterei, das Deutsche Olympiade-Komitee für Reiterei (DOKR) und sozusagen ein Rang darüber die inzwischen gut hundertjährige Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) mit ihren 760.000 Vereinsmitgliedern. Sie eint alle, die etwas mit, über, an, unter dem Pferd zu tun haben, sie macht Gesetze, formuliert Richtlinien, stimmt: Wie lange und was beispielsweise ein Hufschmied zu lernen hat und welcher Innung er angehört, ob jedes der jährlich 3300 Turniere korrekt abläuft oder wann ein zu schlachtendes Pferd zum Verzehr geeignet ist. Die FN ist dabei der größte Pferdesport und Zuchtverband der Welt, Deutschlands Reiter-Regierung. Hier finden Kaderlehrgänge des Bundesleistungszentrums statt, trainiert das Exzellenzteam, werden Championate abgehalten - Events, die Insidern weltweit die Augen glänzen lassen. Was hat die Kleinstadt so groß gemacht?

Für Hans Günter Winkler, der seit mehr als einem halben Jahrhundert hier lebt, eine klare Sache: "Das waren Dr. Rau und das DOKR." Und dann erzählt der Held des deutschen Springsports, der 1956 in Stockholm schwerverletzt mit seinem Ritt sich und dem Team die Goldmedaillen rettete, die Geschichte über den Aufbau des Deutschen Olympiade-Komitees.

Die von Oberlandstallmeister Rau, dem Übervater der deutschen Reiterei, der vor mehr als 50 Jahren mit einer Schreibkraft in ein altes Depot für Militärpferde gleich hinter seinem Garten einzog und in einem Zimmer die FN, im anderen das DOKR leitete. Es ist die Geschichte vom erstaunlich schnellen Aufstieg und Wandel eines Sports, der bis dahin Sache des Heeres und einer meist adligen Minderheit gewesen war, von der Entwicklung vom Elite- zum Breitensport. Genau dort, wo heute die Sporthochschule der Bundeswehr 38 unterschiedliche Lehrgänge für jährlich bis zu 3000 Feldwebel und Offiziere abhält, quartierte sich 1950 eben jener Gustav Rau ein - und bis heute ist die Reiterei die einzige Sportart in Deutschland, die ein eigenes Olympia-Komitee besitzt. "Hier war der Anfang meines Seins", erzählt Hans Günter Winkler.

Ebenfalls 1950 kam HGW - so nennen ihn alle hier - mit drei geliehenen Pferden an der Hand zu einem Lehrgang in Warendorf. Seitdem ist er geblieben. Bereits drei Jahre später war Winkler der international erfolgreichste Reiter, von Warendorf aus fuhr die deutsche Equipe nach Paris, London, zu allen großen Springen.

 

Deutschland war wieder wer, man ritt im Auftrag des Auswärtigen Amtes, und endlich durfte die Nationalhymne wieder ertönen. Mit den Siegen von Winkler und Fritz Tiedemann begann auch der Aufstieg von Warendorf. Als HGW 1956 als Olympiasieger aus Stockholm zurückkam, war das kleine Warendorf schwarz vor Menschen. "Das war wie eine Bombe, die platzte!" erinnert er sich. Seine persönliche Bilanz: sieben Olympiamedaillen, fünf deutsche Meistertitel, zwei Weltmeisterschaften, eine Europameisterschaft und ungezählte Turniersiege. Noch immer ist er der erfolgreichste Springreiter der Welt.

Wenn Warendorf als Hauptstadt des Pferdesports gilt, so ist das Münsterland ihr Speckgürtel. Nur ein paar Autominuten hinaus aus der Stadt wird das Land grün, satt, glatt. Eine Galoppbahn zur Linken, Villen der Reiterprominenz hinter hohen Hecken, ein neues Bauherrenmodell verspricht "Wohnen und Leben mit Pferden". Es ist eine reiche Region. Alte Höfe in großer Dichte, die inmitten der dazugehörigen Ländereien liegen. Weideflächen, die durch erstaunlich viele Bäche und Flüsse versorgt und die das ganze Jahr über genutzt werden.

Rasante Reitkünste: Top in alten Disziplinen

Westfalen - das Münsterland - ist deshalb ideal für die Pferdezucht, 100.000 Pferde sollen hier leben: Es ist die pferdestärkste Region Deutschlands. Gut 58 000 Reitsportler sind hier aktiv, so viele wie kaum in einer anderen Gegend: Aus jeder Ecke kommt bei schönem Wetter ein Pferd angetrabt, jeder freie Flecken wird als Spring- oder Dressurplatz genutzt, über Pferdeköttel auf öffentlichen Wegen echauffiert sich hier keiner. Das Reitwegenetz ist klug vernetzt und allein im Kreis Warendorf rund 200 Kilometer lang. Es gibt viele ländliche Betriebe, die von Pensionspferden leben; auf kleineren Turnieren - zur Hauptsache von Amateuren bespielt - wird auf erstaunlich hohem Niveau geritten.

Die Züchterschaft ist bäuerlich, ihre Zuchten eher klein. Ganz und gar nicht kleinbäuerlich ist das Zentrum allen Zuchtgeschehens: das Landgestüt Warendorf, Eliteinternat der wertvollsten Vererber nordrhein-westfälischer Zucht. Im efeuumrankten Sattelmeisterhaus managt Susanne Rimkus seit 1996 ein von ihr modernisiertes Unternehmen, pflegt internationale Kundenkontakte wie Medienpräsenz.

 

Die elegante Herrin der Hengste, eine diplomierte Landwirtin mit Hang zu großen Hüten, ist deutschlandweit die einzige Frau an der Spitze eines Gestüts, und für sie ist eindeutig, was Warendorf zu seinem Ruf als Pferdehauptstadt verholfen hat: "Das Landgestüt war die Keimzelle nach dem Zweiten Weltkrieg", sagt Rimkus, die nebenbei auch Direktorin der Deutschen Reitschule ist.

Außerdem reitet die Chefin auch noch mit Bravour auf "ihren" Hengsten. "Es hat schon ganze Olympiamannschaften gegeben, die nur mit Westfalen beritten waren", sagt sie. "Aber wir züchten nicht nur für den Spitzensport." Bei fast 80 Deckhengsten ist die Auswahl für die Züchter groß. "Das Pferd ist für viele zum Therapiepartner geworden, Reiten zum Sport für jedermann. Gerade für Freizeitreiter ist unser gesundes, charakterlich einwandfreies Pferd nötig, bei dem 'Gas' und 'Bremse' funktionieren."

In Zeiten des Breitensports und knapper Landeskassen macht sie aus ihren vierbeinigen Staatsdienern auch schon mal Popstars auf den Hengstparaden. Was früher intime Hengstvorführungen für Profis waren, also ausschließlich Züchtern Entscheidungshilfen für die Anpaarung mit ihren Stuten bieten sollte, sind heute Galas für Pferdefans. Hinzu kommen Spektakel wie die "Symphonie der Hengste" und der "Familientag", bei der die erste Dame des Hauses natürlich selbst moderiert.

Für den erfolgreichen Vielseitigkeitsreiter Frank Ostholt - als Leiter des Bundesleistungszentrums auch eine Warendorfer Größe - ist die westfälische Zucht nicht entscheidend. "Für meinen Sport brauche ich ein Pferd mit hohem Vollblutanteil." Wie alle Profis sieht er über westfälische Grenzen weg. "Man reitet nicht auf einem Brandzeichen", so eine der Pferderegeln. Aber immer auf nationalen Rössern: "Bei der letzten Olympiade in Athen hab' ich überall auf dem Dressurabreitplatz nur deutsch gehört. Wenn nicht bei den Reitern, dann bei ihren Trainern. Und wenn die Reiter nicht deutsch sprachen, dann saßen sie wenigstens auf deutsch gezogenen Pferden."

Die könnten den Holsteiner, Oldenburger, Hannoveraner, westfälischen oder welchen Brand auch immer tragen. Denn egal welches Landgestüt, so der junge Spitzensportler: "Deutschland ist die erfolgreichste Pferdesportnation der Welt." "Wir waren und sind Mittelpunkt, und alles ging immer von Warendorf aus", sagt Winkler. Der Achtzigjährige ist längst Ehrenbürger seiner Stadt, eine lebende Legende des Reitsports und immer noch hyperaktiv: Er arbeitet im Springausschuss, im Olympiade- Komitee, ist Sportdirektor der Riders Tour - der höchstdotierten Turnierserie des Springsports - und betreut mit seiner Sportmarketing-GmbH etliche Turniere. Bei so viel Reitkultur müsste das Wappen Nordrhein-Westfalens dringend ergänzt werden, auf dem springenden Pferd ein Reiter sitzen. Ähnlichkeiten mit HGW wären dabei nicht ausgeschlossen. Es ist übrigens nicht wahr, dass alle Warendorfer Pferdegesichter haben.

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Charlotte von Saurma