Münster Das Central Hotel - ein kleines Museum

Horst Heiringhoff sieht fröhlich aus. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches, denn der Hotellier mit weißem Bart, runder Brille und Apfelbäckchen hat ein lachendes Gesicht. Sein Pendant ist Gattin Gabriele: Apfelbäckchen, runde Brille, Lächelmund. Zusammen wirken die beiden wie Bilderbuchgroßeltern vom Bauernhof.

Doch der provinzielle Schein trügt. Die Augen der beiden fangen nämlich erst dann richtig zu glänzen an, wenn es um zeitgenössische Kunst geht. Besonders Horst Heiringhoff, der im Frühstücksraum des kleinen, postmodern verwinkelten Central Hotels in Münster am Holztisch hockt, kommt dabei schnell in Fahrt. "Der Joseph, der Claes, der Christo und Jeanne-Claude - die haben immer gerne hier gewohnt." erzählt er und wirft eine weite Geste über den Brotkorb.

Gemeint sind keine Geringeren als Beuys, Oldenburg und das Künstlerpaar, das 1995 den Reichstag verhüllte. "Die ersten Künstler kamen 1977, zur Premiere der Skulptur Projekte hier in der Stadt. Das Landesmuseum ist ja gleich gegenüber, also ließ man die Teilnehmer hier übernachten." Von da an spazierten Richard Serra, Donald Judd, Nam June Paik oder Ilya und Emilia Kabakoff durch den kleinen Windfang, um sich am Empfangsfensterchen zu melden.

Heiringhoff öffnet den Wandschrank, holt das Gästebuch hervor, blättert vor und zurück. Die Liste der Berühmtheiten ist lang. Fast jeder hat etwas hineingeschrieben, mit Liebe signiert, gemalt oder gezeichnet. "Good food nite and day thanks" kritzelte Serra. Ulrich Rückriem philosophierte: "Kunst ist Kunst. Alles andere ist alles andere", während Roman Opalka in Minischrift mehrere Zeilen Unentzifferbares notierte. Und Paik hinterließ auf zwei Seiten einen Vogel, der aus einem Fernseher fliegt. Er hatte ein Lieblingszimmer, die Nummer 16.

"Für ihn waren wir das schönste Hotel der Welt, da er um 11 Uhr vormittags noch ein 'Spiegelei katholisch', also von beiden Seiten gebraten bekam", freut sich Horst Heiringhoff und zeigt auf eine farbbekleckste Fernbedienung, die in einer Sitznische angebracht ist: Eine der vielen Editionen, die den Frühstücksraum schmücken - darunter auch einiges von jüngeren Künstlerinnen wie Karin Kneffel oder Tatjana Doll.

Das Hauptaugenmerk jedoch gilt eindeutig Heiringhoffs großem Helden Joseph Beuys: Zahllose Zeichnungen, Drucke und Postkarten hängen hier, die der gelernte Ingenieur damals bei einer Galerie um die Ecke für wenig Geld erwarb. Heute sind es Klassiker, wie etwa der Pappteller, versehen mit Beuys'scher Krakelschrift "Ich ernähre mich durch Kraftvergeudung". Der habe damals 50 D-Mark gekostet. "Mit Beuys fing alles an!" Heiringhoff grinst. Ein bisschen stolz darf man schließlich sein, wenn man da eingestiegen ist, wo für andere Münsteraner der Spaß aufhörte.

"Ich mal dir was für 1000 Euro!"

Auch wenn sich viele längst an den Anblick zeitgenössischer Kunst im Stadtraum gewöhnt haben: Bis heute sorgen die Skulptur Projekte, die hier alle zehn Jahre stattfinden, immer wieder für Furore. Und weil Münster seitdem auch jenseits dieser Großausstellung auf der internationalen Kunstlandkarte existiert, beherbergten die Heiringhoffs schon Ikonen wie Ellsworth Kelly, der im Gästebuch ein "Portrait von Herrn Horst" hinterlassen hat, oder den Polit-Provokateur Olaf Metzel, der "Herr Horst immer mit Weste" zeichnete. Nebenbei gewährten sie auch anderen Prominenten Unterschlupf, etwa Gunter Gabriel, dem Schauspieler Dietmar Schönherr oder Alfred Biolek, der das gute Essen lobte.

Als es das Hotelrestaurant noch gab, saß die Kunstszene hier gerne beisammen - besonders zu Stoßzeiten, etwa während der Vorbereitungen zu einer Ausstellung. Und Heiringhoff mittendrin. Bis heute kann er gut mit Künstlern. "Nur einmal habe ich mich vertan", sagt er kopfschüttelnd, als könne er sich das noch immer nicht erklären. "Da saß einer irgendwann völlig betrunken am Tresen und sagte, er könne nicht zahlen. 'Aber ich mal dir was für 1000 Euro!' meinte er. Das wollte ich aber nicht." Womit in Heiringhoffs Ahnengalerie ein echter Martin Kippenberger fehlt.

Das fällt allerdings kaum auf. Die schmalen Gänge und modern eingerichteten Zimmer des Hotels, das sich seit 1993 auch auf einen kreativ restaurierten Altbau von 1563 erstreckt, sind gespickt mit Drucken, Editionen und Originalwerken, darunter sogar eines von Andy Warhol - auch wenn der nicht hier wohnte.

Besonders Heiringhoffs Lieblinge Christo und Jeanne-Claude sind vertreten, die ihnen wie viele andere eine Arbeit schenkten. 2005 luden sie ihre Gastgeber sogar nach New York zur Eröffnung der großen Installation "The Gates" aus gelben Stoffbahnen im Central Park ein. "Da öffnete mir ein Mann im Frack die Taxitür. So etwas hatte ich noch nie erlebt!" strahlt Heiringhoff und deutet auf ein gerahmtes Stück Stoff, den sich die Verpackungskünstler für ihr Werk extra aus Emsdetten anliefern ließen. In der Suite, die sie im Central Hotel immer buchten, hängen ihre eigenen Papierarbeiten sowie weitere von Claes Oldenburg, den Kabakoffs und - natürlich - Beuys.

Ob er nicht fürchte, die Sonne könnte all das eines Tages ausbleichen? Horst Heiringhoff zuckt mit den Schultern. "Was weg ist, ist weg! Ich lasse den Dingen ihren Lauf." Würde ihn der Geldwert der Werke interessieren, dächte er vielleicht anders. "Aber Geld interessiert mich nicht." Begeistert bleibt er vor der Zeichnung eines Münsteraner Lokalkünstlers stehen. Vielleicht ist es genau das, was die Künstler an ihm mögen: Heiringhoffs naive Freude und der Respekt vor jedem von ihnen, egal welchen Ranges.

Und so hängt in einem Zimmer auch ein früher Druck von Georg Baselitz aus dem Jahr 1972, der Zeit, als er begann, auf dem Kopf zu malen . "Sein damaliger Galerist in Düsseldorf konnte mit diesem Bild vom umgedrehten Bauernhof nichts anfangen!" Heiringhoff lacht lauthals auf. "Wie kann man nur so dumm sein! Die ganze Schublade voller Drucke, die er nicht mehr haben wollte." Heiringhoff schlug zu, bevor die Galerie am Rhein ihre Pforten dicht machen musste. Der Hotellier kichert in seinen Bart. Wenn schon Bauernhof, so merkt man ihm an, dann bitte einen von Baselitz.

Autor:
Gesine Borcherdt