Nordrhein-Westfalen Beliebte Universitätsstadt Münster

Der Reihe nach: Die postalische Anschrift lautet "Schlossplatz 2". Doch in dem Universitätsschloss sind nur das Rektorat, die Verwaltung und einige Hörsäle untergebracht. Die meisten Professoren und Studenten findet man anderswo: die Mediziner an der Domagkstraße, die Mathematiker an der Einsteinstraße, die Musiker am Ludgeriplatz.

Der fehlende Überblick kommt nicht von ungefähr. Die knapp 520.00 Menschen, die an der Westfälischen Wilhelms-Universität studieren, lehren, forschen und arbeiten, verteilen sich auf 285 Gebäude im Stadtgebiet. Während die Theologen beim Blick aus dem Fenster des Hörsaals 2 im Fürstenberghaus das historische Rathaus sehen, sind die Psychologen fast schon vor den Toren der Stadt anzutreffen, an der Fliednerstraße.

Die dezentrale Struktur der Uni ist auch der profane Grund für ein viel beachtetes Phänomen - die Dauerpräsenz radelnder Studenten. "Wie die Fliegen", schimpfen die Taxifahrer. Der Sportmediziner Klaus Völker hat errechnet, dass Münsters Durchschnittsstudent pro Tag fünf Wege je 2,4 Kilometer zurücklegen muss, um zwischen Hörsälen und Seminarräumen, zwischen Bibliothek und Mensa zu pendeln. Da die meisten Studenten diese Strecken gewöhnlich per Rad zurücklegen, kommen sie auf 39 Minuten Bewegung am Tag und senken so ihr Herzinfarktrisiko um 50 Prozent.

Die Universität ist die mit weitem Abstand größte Hochschule in Münster. Aber nicht die einzige. Jede undifferenzierte Frage nach einem akademischen Lehrbetrieb überfordert sogar gut informierte Münsteraner. Ist etwa die Fachhochschule mit Sitz an der Hüfferstraße gemeint oder die Katholische Fachhochschule an der Piusallee, die sich wiederum von der Philosophisch-Theologischen Hochschule am Hohenzollernring unterscheidet? Damit nicht genug: Es gibt auch noch die Kunstakademie auf dem Leonardo-Campus sowie drei Fachhochschulen, die sich auf die Ausbildung von Beamten spezialisiert haben. Eine Hochschule des Bundes im Stadtteil Gievenbeck, eine des Landes NRW im Zentrum Nord sowie eine für Polizisten im Stadtteil Hiltrup.

Spätestens hier zeigt sich, dass die Bildungsstadt Münster ein Gemischtwarenladen ist. Das Sortiment ist groß, die damit verbundene Chance auch: Welche Stadt, wenn nicht Münster, kann die viel zitierte "Vernetzung der Wissenschaften" vorantreiben? Der Genforscher hat es nicht weit, wenn er sich mit einem Moraltheologen unterhalten möchte. Der Künstler kann mit dem Kirchenhistoriker diskutieren, der Publizist mit dem Medienrechtler, der Soziologe mit dem Epidemiologen. Der Pharmazeut tauscht sich mit dem Ernährungswissenschaftler aus, der Architekt mit dem Bauingenieur.

Aber die ungeheure Vielfalt kann auch einschränken. Wie soll ein Hochschul-Marketing aussehen, das gleichermaßen Anglisten und Archäologen gerecht wird? Wie kann man das Zentrum für Nanotechnologie nach vorne bringen, ohne gleichzeitig das Mineralogische Museum zu vergrätzen?

Die Fallstricke der Eitelkeiten sind eng gespannt. Für Rektoren und Dekane ist die Kunst des Kompromisses überlebenswichtig, damit die auf Eigenständigkeit bedachten Fachbereiche und Institute zumindest einen Rest an Zusammengehörigkeitsgefühl bewahren. Auch der Siegeszug der "Fit für die Zukunft"-Rhetoriker nagt am universitären Selbstverständnis Münsters. Denn in der Stadt leben viele Geisteswissenschaftler und Lehramtskandidaten.

Philosophen, Germanisten und Historiker müssen sich gegenüber einem Zeitgeist behaupten, der wissenschaftlichen Erfolg fast nur noch daran messen möchte, mit welcher Geschwindigkeit die Speicherkapazität von Computerchips wächst.

Selbst Hochschulpolitiker schauen desinteressiert weg, wenn Forscher ihren Ehrgeiz darauf verwenden, eine Spezialbibliothek "Frauen in den Religionen" aufzubauen oder die Briefe des Universalgelehrten Friedrich Wilhelm Leibniz (1646 bis 1716) auszuwerten. Doch Zeitgeist hin, Eitelkeit her: Das eigentliche Problem im Verhältnis der Stadt zu ihren Hochschulen ist ein personelles. Bis in die 80er Jahre hinein präsentierte sich Münsters Professorenschaft als Teil des klassischen Bildungsbürgertums.

Klassische Lehre und Studentenleben

Die nachwachsende Wissenschaftlergeneration hingegen ist hochmobil und hat teilweise nur wenig Berührungspunkte zu einer Stadt, in der Lokalpolitiker und Wirtschaftsvertreter zwar die ökonomischen Vorzüge einer Nachbarschaft zu den Hochschulen zu schätzen wissen, ansonsten aber die vielen Akademiker eher als beunruhigend empfinden. Wie so oft im Leben macht erst eine Niederlage stark. 2004 scheiterte Münster gleich in der ersten Runde, als es um die Wahl der europäischen Kulturhauptstadt 2010 ging. Die NRW-Landesregierung setzte lieber auf die Ruhrgebietsstadt Essen, die später auch das Rennen machte.

Gleichwohl war der Bewerbungsprozess für Münster ein großer Gewinn, da zum ersten Mal Wissenschaftler, Kulturschaffende, Tourismusexperten, Kaufleute, Journalisten und Politiker an einem gemeinsamen Bewerbungspaket arbeiteten. Die Bewerbung hat sich erledigt, das Paket indes ist geblieben. Genauer gesagt die Erkenntnis, dass in Münster nur Paketlösungen funktionieren.

Das Geheimnis: Gegensätze ziehen sich an. So hat der barocke Erbdrostenhof sein Publikum. Aber nicht zuletzt deshalb, weil keine 200 Meter weiter die moderne Stadtbücherei steht. Ein Besuch im Picasso-Museum lohnt sich. Dies um so mehr, als die Mittelalterabteilung des Landesmuseums nebenan das Kontrastprogramm liefert. Selbst einem behäbigen Beamten beim Kaffeetrinken auf dem Domplatz zuzusehen, kann seinen Reiz haben - wenn sich am Nachbartisch zehn lärmende BWL-Studenten breit machen.

Als Universitätsstadt in einer ländlich geprägten Region ist Münster ein Widerspruch in sich. Eine Stadt mit vielen Kneipen, aber wenig Gewaltkriminalität. (Letzteres freut insbesondere die Eltern der Studenten). Eine Stadt, die auf Intellektuelle wirkt wie ein großes Dorf, in der aber 84 Prozent aller Studenten auch über das Studium hinaus gerne bleiben möchten. Eine Stadt, deren touristische Strahlkraft gerade einmal von der Nordseeküste bis zum Sauerland reicht, die aber zugleich über einen Besucher-Magneten erster Güte verfügt: die Studenten-WG. 18 Mal pro Jahr, fand der Siedlungsforschers Ulrich van Suntum heraus, sind bei Münsters Studierenden Gäste aus der Heimat angesagt: acht Mal die Freunde, sechs Mal die Eltern, vier Mal die Geschwister.

Kein Wunder also, dass in Münster das bundesweit einmalige Projekt "Elternalarm - Münsters Studierende bekommen Besuch" entwickelt wurde, konzipiert natürlich als Paketlösung: Die Stadt, die Hochschulen, die Tageszeitung "Westfälische Nachrichten", das Studentenwerk, studentische Kulturgruppen, Kinos, Museen und Theater bieten einmal im Jahr ein Besuchswochenende zum Studententarif an - mit Eltern-Uni, Mensa-Brunch und einer Prise Selbstironie.

Der "Elternalarm" ist nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass Münsters Hochschulen die Ankerpunkte eines weit gespannten Kommunikationsnetzes aus Studenten, Ex-Studenten, Freunden und Eltern sind. Dieses Netz bewahrt Münster davor, im Loch der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Stadt und Hochschulen bilden eine Schicksalsgemeinschaft. Oder wie es der Juraprofessor Thomas Hoeren, unermüdlicher "Brückenbauer" zwischen Uni-Schloss und Rathaus, ausdrückt: "Wenn der eine untergeht, geht der andere mit."

Nach 1213 Jahren Stadt- und 126 Jahren Universitätsgeschichte ist das nicht zu erwarten. Wahrscheinlicher ist, dass Stadt und Uni noch enger zusammenwachsen - weil die eine ohne die andere nicht sein kann.

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Autor:
Klaus Baumeister