Nordrhein-Westfalen Auf dem Rad durchs Münsterland

"Was wollen Sie denn hier?", fragt Norbert Papenbrock und schaut nach oben zum Dach seiner Radstation. Dichter Landregen trommelt darauf. Papenbrock kräuselt mitleidig seinen Schnauzer. "Die nächsten zehn Tage gibt's Scheißwetter."

Westfälisch herb der Empfang in Warendorf, am unteren Ende des Emsauenwegs. Die nächsten Tage soll es nordwestlich gehen, gut hundert Kilometer entlang der Ems bis nach Rheine. Mit dem Fahrrad, das Leeze heißt und wovon ein Münsterländer mindestens zwei besitzt, wie Herr Papenbrock sagt: eines für gut, und das zweite als "Bierrad" - für Situationen, in denen Sturzgefahr droht auf den Radwegen. Die heißen im Münsterland Pättkes. "Bei uns werden die Kinder mit Fahrrädern geboren", belehrt mich Papenbrock. Er verleiht trotzdem, lächelt breit, wünscht mir Glück und peng - sind die Wolken weg. Der Himmel strahlt bilderbuchblau wie bestellt.

 

1. Tag: Warendorf -Schleife gen Süden-Warendorf


Der Wind treibt sein Spiel mit den Radlern. Er will mal hierhin, mal dorthin. Er hat das Sagen im flachen Land und drängt mich zunächst ein Stück die Ems runter, zu den Dünen bei Vohren.

Das Rad surrt über gelbe Kiesel am braungrünen Fluss entlang. Der Rückenwind drischt die Pappeln, schiebt mich vorbei an Hasen und Störchen, die durch handgroße Maispflänzchen staksen. Gerstenfelder schimmern in der Sonne wie ein wogender, grüner Pelz. Nach einer knappen Stunde führt ein Sandweg in den Wald hin zu den Dünen. Bis zu zwölf Meter hoch türmen sie sich über der Ems-Aue, zusammengeschoben vom Wind. Obenauf liegen ineinander verhakte dicke Baumwurzeln - als wäre ein Krake vor Schreck erstarrt.

Der Wind ist mein mächtiger Begleiter. Zu Beginn, in Warendorf, ist er nur wenig zu spüren. Er fängt sich in den Gesichtern, Muscheln, Fresken der Giebel der mittelalterlichen Backsteinhäuser. Die Gassen sind mitunter so schmal, dass sich rechts und links gut abstützen könnte, wer mal einen Korn zuviel getrunken hat.Vor der Bäckerei Schulte am kopfsteingepflasterten Kirchplatz schaut die Verkäuferin einem Jungen zu, der Tauben um den Brunnen jagt. Wirte spannen Sonnenschirme auf. Der Angler hinter dem tosenden Wehr zieht einen Spiegelkarpfen aus der Ems. Wenige Handgriffe später färbt sich das Wasser blutrot, der Fisch landet im Gras. "Der kommt mit Kräuterbutter und Kartoffeln in den Ofen", freut sich der Angler und gerät ins Schwärmen. "Hechte, Zander, Aale, Karpfen - die ganze Ems entlang!" Und haut seinen Haken zurück ins gurgelnde Wasser.

2. Tag: Warendorf -Telgte


Der nächste Morgen schlägt mir grau und kalt ins Gesicht. Hinter dem Wehr verengt sich die Ems zu einem schnurgeraden, von Schafgarben gesäumten Kanal. Gut 70 Kilometer haben die Menschen der heute 371 Kilometer langen Ems in den vergangenen hundert Jahren gestohlen. Sie waren die jährlichen Hochwasser leid, haben den Fluss begradigt, so dass sein Wasser heute schneller fließt. Vielerorts wächst Getreide im ehemaligem Schwemmland.

Mit Glockengeläut im Rücken und Regenböen von vorn kämpfe ich mich auf einem buckligen Pfad an Kleingärten und kläffenden Kötern vorbei durch satte, tropfnasse Wiesen. Später schlängelt sich der Asphaltweg vorbei an Gestalten in flatternden Regenmänteln, die tiefgebeugt zu beiden Seiten Spargel stechen. Der landet im Hofladen von Austermann nebenan, dem Gehöft inmitten der Anbaufläche, das so heißt wie der Bauer, der dort lebt. Nebenan liegt Drügemöller, auch sein Hof beschattet von riesigen Eichen. "Alles sehr bodenständige Leute", sagt Priester Gregor Kauling, der bei Austermann ein Päckchen Spargel kauft.

Robert Austermann erntet Kohl, Erdbeeren, Gurken, Salat - sein Laden ist voll mit münsterländischen Bodenschätzen. Und im Winter jagt er Fasane. "Wir machen alles selbst", erklärt der 45-jährige Bauer. Er komme "von hier weg" und sein Familienstammbaum reiche bis ins 16. Jahrhundert, sagt er. "Es geht uns gut.Wir fangen morgens an und hören abends auf. Das war schon immer so." Den Betrieb soll mal sein Sohn übernehmen. "So einen Hof kriegen Sie nicht zum Verprassen. Ich bin hier nur ein kleines Teilchen im großen Zeitgeschehen." Dann muss Austermann los: "Ich hab' noch 300 Sauen auf dem Hänger."

 

Ich strample über die Felder. Der Rückenwind schubst mich vorbei an Dillfeldern und Flecken wie Afhüppe-Piepenhorst, hinüber über die träge mäandernde Ems. Vögel singen vielstimmig an gegen die Maikälte und das Regengeprassel. In der Ortschaft Einen suche ich Schutz unter der dicken Kastanie vor der katholischen Dorfkirche. "Viel zu klein ist die", meint der Pfarrer, der mitleidig erst den Himmel und dann mich betrachtet. "Am Sonntag kommen 300 Leute zum Gottesdienst." Deshalb haben sie jüngst an seiner Kirche angebaut. "Nein", lacht er, "ich kann mich nicht beklagen. Und kommen Sie gut voran!"

Dafür hätte ich wohl statt des alten Postwegs durch den Märchenwald die bequemere Landstraße nach Telgte wählen sollen. So aber trete ich mich durch handtiefen, sandigen Modder, schiebe, fluche, schwitze, werde von außen und von innen nass. Doch offenbar mit gutem Draht nach oben - als ich durch die dunkelgrünen Auen direkt am Fluss auf Telgte zuradle, reißt der Wind den Himmel auf und die Sonne zeichnet einen Regenbogen über das Lourdes des Münsterlandes.

Jedes Jahr reisen bis zu 80.000 Pilger in das Städtchen, strömen in die achteckige Wallfahrtskapelle, um das Gnadenbild der "schmerzhaften Muttergottes" anzubeten. Grauhaarige Damen lehnen ihre Stöcke an die Wand, nehmen Platz auf den Holzbänken. Sie singen "Maria, meine Königin", ihre Stimmen hell und klar, auf ihren Gesichtern strahlt Zuversicht. Nach der Andacht dann gehen sie einkaufen, gegenüber bei Albers, dem Devotionalienhändler in dritter Generation. "Rosenkränze, Weihwasserbecken, Kreuze, das läuft", sagt er. Der Trend gehe zum Bronzekreuz, "aber ohne Körper, also ohne Jesus obendrauf". Devotionalienhandel ist ein internationales Geschäft. "Wir bekamen mal Jesus-Figuren aus Taiwan, die hatten asiatische Gesichter. Das ging gar nicht!" Der gläubige Katholik könne sich auch Kreuze in schrillen Farben im Sortiment vorstellen, "aber die würden hier wohl niemand haben wollen". Die Telgter selbst kaufen derweil auf dem kleinen Marktplatz bei Herrn Lütjen ihren Fisch, bei Reckermann das Fleisch, in Meckis Käseparadies den Aufschnitt. Ein Hündchen pinkelt gegen den Maibaum, in dessen Krone der Wind zaust. Die Abendsonne stülpt eine Glocke aus Goldlicht über Mauern und Menschen.

Sattes Grün, frische Luft und Ruhe

3. Tag: Telgte- Emsdetten


"Moin", ruft mir ein Mann mit Gartenhacke zu, als ich gut ausgeschlafen die Klatenberge nördlich von Telgte in Angriff nehme, eine kiefernbewachsene, mit Brombeergebüsch überwucherte Düne. Im niedrigsten Gang strample ich aufwärts, zur Heide auf dem Dünensattel. Oben wedeln kratzige Wacholderbüsche, als wollten sie kleine Kinder erschrecken. Hinter dem Wald schneidet der Hohlweg tief in die Felder. Auf Augenhöhe links Mais, rechts Gerstenähren - Wolkenfetzen jagen Schatten darüber.

Auf der anderen Seite der Fernstraße dann der grüne Traum: Rund um das Pforthaus der ehemaligen Wasserburg Haus Langen von 1754 strecken sich die Auen wie anno dazumal. Windet sich der Ems-Nebenfluss Bever wie eine wildgewordene Schlange. Wie viele Schattierungen gibt es von der Farbe Grün? Egal, hier scheinen sie nicht zu reichen. Hinzu kommt das Gelb und Weiß der Blumen, das Silber der Pappeln, das Rot der Gräser, das Grau der Wildpferde und das Braun der Auerochsen, die als natürliche Rasenmäher den Wildwuchs in Schach halten. Mittendrin ein alter Kotten, ein einfaches Backsteinhaus. Davor sein Bewohner mit Schiebermütze auf dem Kopf und drei Ponys zugleich an der Hand. Vor 50 Jahren hat er das Haus gekauft. "Nein, einsam ist es hier nicht", meint er, "da drüben sind doch meine Nachbarn". Deren Hof liegt gut einen halben Kilometer entfernt.

 

Schließlich rolle ich über Asphalt unter Eichen durch welliges Land. Durch Felder. Durch Auen. Selten durchschneiden Stromleitungen das Blaugrau des Himmels. Kein Auto. Kein Mensch. Nur sattes Grün, frische Luft und Ruhe. Bis der Ems-Auen-Weg auf den Dortmund-Ems-Kanal trifft. Dort hat Harry Brcvak mit der blauen Schürze das Sagen. In Harrys holzgetäfelter Kneipe der Marina "Alte Fahrt Fuestrup" treffen sich die Süßwasserkapitäne und essen "das beste Zwiebelschnitzel weit und breit". Ihre Boote schunkeln im Wasser. "Das ist doch ein bisschen wie in Monaco hier, oder?" fragt Harry und packt mir zwei Stückchen Apfelkuchen auf den Teller, obwohl ich nur eines bestellt hatte. "Das passt schon", meint er.

Es geht hart auf Greven zu, als ich völlig unerwartet am Meer ankomme: Wasser bis in die Ferne, Schaumkronen darauf, die Möwen kreischen, Schwäne schwingen sich auf, Schilf raschelt im Wind, darin krakeelen und stolzieren langschnäbelige Wasservögel. Das "Meer" ist die frühere Kloake von Münster, bis in die siebziger Jahre versickerten hier die Abwässer der Stadt. Heute sind die Rieselfelder ein wohlriechendes Paradies für Vögel.

Leicht verliert man sich in den feuchten Feldern. Doch der Wind pustet grau-mächtige Regenwolken heran, und ich muss durchhalten: bis Rheine sind es immerhin noch mehr als 40 Kilometer. Ich halte mich ran, die Böen schieben mich schnell durch das Land. An dösenden Kühen und süß duftenden Rapsfeldern vorbei. Über den Grevener Deich dicht an der Ems mit ihren Stromschnellen. Auf dem Acker zwischen Fluss und Deich hat ein Bauer mit seinem Trecker Achten in die Erde geschrieben.

Hinter Greven fällt Regen aus allen Wolken. Herrn Winkelmann, der im Winkelhoek am Ems-Auen-Weg wohnt, kommt das sehr gelegen."Blumen zum Selberpflücken", verkündet sein Schild, und das Nass belebt die Rosen, Goldruten und den Salbei vor seinem Haus. Seit fünf Jahren schneiden die Grevener hier Blumen ab und werfen ihr Geld in die kleine Blechkasse am hölzernen Unterstand. "Ich bin zufrieden mit der Zahlungsmoral", sagt Franz Winkelmann. Landwirt war er, "Schweine und Getreide". Vor zwei Jahren hat sein Sohn den Betrieb übernommen, jetzt macht Herr Winkelmann in Blumen. Ich rase unter dem prasselnden Regen durch Wald und Feld und an einem mächtigen Schwein vorbei bis nach Emsdetten. Die letzte Übernachtung, endlich im Trockenen.

4. Tag: Emsdetten-Rheine


Am Morgen verabschiedet mich Emsdetten mit einem außergewöhnlichen Duft: Der Weg führt am ehemaligen Klärwerk vorbei - daraus haben die Emsdettener einen Park mit Seerosen und Entenflott gemacht. Die Vögel singen, es herrscht Windstille, von erstaunlicher Sanftheit sind die von Efeu verdunkelten Wälder und Auen. Auf der letzten Etappe nach Rheine nimmt die Ems den Radler noch einmal fest in ihren Arm. Breit wird sie und träge. An der Bockholter Fähre überschwemmt sie den Steg - Hochwasser! Das gelbgrüne Bötchen pendelt in der Strömung, der Fährbetrieb ist bis auf weiteres eingestellt. Für Wirtin Andrea Dölling heißt das dieser Tage: weniger Kunden, weniger Umsatz: "Mit der Fähre spart man gut sieben Kilometer bis nach Emsdetten. Das nutzen die Leute gern, wenn sie zwei Schoppen Wein zu viel getrunken haben."

Rechts Gerste, links Mais. Links Gerste, rechts Kühe. Plötzlich, als wollte die Ems es allen noch einmal zeigen, entfaltet sie kilometerweit ihre ganze Auenpracht. Der Weg führt mittenrein ins hüfthohe Gras. Zu blaugrauen Tümpeln mit Seerosen und tanzenden Libellen; über allem liegt der Duft von frischem Gras. Und auf den letzten Kilometern vorm Zentrum von Rheine lässt sie den Radler so dicht an sich heran, dass er ihr zum Abschied noch einmal über die kühle, nasse Haut streicheln darf.

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Autor:
Christian Sywottek