München Schwabing-Gefühl als Exportschlager

Nach landläufiger Meinung ist Schwabing ein Stadtteil Münchens. Ob das stimmt, soll zunächst offenbleiben; denkbar wäre auch das Gegenteil. Halten wir uns an die Fakten. So ist Schwabing, zum Beispiel, viel älter als München. Als an der Stelle der späteren "Isarmetropole" noch der Flussregenpfeifer über den Kiesstrand stolperte, wehte zehn Kilometer weiter nördlich längst der Mantel der Geschichte. Ein zugereister Schwabe hatte sich niedergelassen und dem Ort seinen Namen gegeben; dann war er pleite gegangen, sein Nachfolger hatte den verschuldeten Besitz listig dem Kloster Schäftlarn geschenkt, gegen die ausdrückliche Erwartung, dafür bitteschön vom Fegefeuer verschont zu werden; spätere Nachkommen bauten eine kleine Burg, die bald zusammenkrachte - und das alles, bevor in München der erste Sack Salz umgefallen war.

Was also soll das eigentlich sein, dieses Schwabing? Eine "Traumstadt", wie der Schriftsteller Peter Paul Althaus meinte? Ein "Weltvorort", wie der Philosoph Ludwig Klages, gar "ein abenteuerlicher Weltteil", wie der Buchautor Kurt Seeberger schrieb? Oder überhaupt kein Ort, sondern, nach Erich Mühsam, ein "Zustand"? Beziehungsweise noch nicht einmal ein Zustand, sondern "Zustände", wie die Lebedame Franziska zu Reventlow befand? Die übrigens, um das Namedropping damit zu beenden, auch die ewig gültige Chiffre für Schwabing geprägt hat: "Wahnmoching".

Ein bisschen Verrücktheit gehört also offenbar dazu, wenn man Schwabing fassen will, etwas Abgehobenes, Spielerisches, Ungeplantes. Schwabing, das ist der swingende Klang des Namens, mit dieser Endung, die nur hier so luftig und federnd klingt, im Gegensatz zu, sagen wir: Zorneding. Schwabing, das ist "ein heiteres Pleinair", das sich "um alle Gedanken und Wünsche schmiegt", wie Rilke schwärmte, der immer mal vorbeischaute und den Winter 1918/19 in der Ainmillerstraße in einer heißen Liebesaffäre mit der Schriftstellerin Claire Studer verbrachte.

Schwabing, das ist der heldenhafte Mut zum Scheitern, verbunden mit großstädtischer Bauernschläue, denn auch der "Schlawiner" ist ein Schwabinger, entstanden angesichts der zahlreichen Slawen in der Bohème der Jahrhundertwende. Schwabing, das ist der berühmte Satz des Monaco-Franze: "A bissl was geht immer" - und wenn Besserwisser anmerken, dass es auf gut Bayerisch "oiwei" (allweil) heißen muss statt "immer", dann ist das zwar vordergründig richtig, zeigt aber genau den Unterschied: Schwabing ist nicht Bayern. Und Schwabing ist schließlich, um dieses Missverständnis auch zu beseitigen, zwar manchmal, aber nicht unbedingt: Stil.

Definieren wir also Schwabing vorläufig als eine Art Gefühl - vielleicht so ähnlich wie man sich das auf dem Planeten Ursa Minor Beta aus dem Science-Fiction-Klassiker "Per Anhalter durch die Galaxis" vorstellen muss, wo aufgrund "einer Laune der zeitlichen Relastatik" fast immer Samstagnachmittag ist, "kurz bevor die Strandbars schließen". Machen wir einfach die Probe aufs Exempel. Nehmen wir eine beliebige Jahreszeit: vielleicht den Frühsommer, wenn die Bäume schon im Saft stehen. Dazu eine Tageszeit: am besten den frühen Abend, wenn die Banalität des Tages verblasst ist und die Verheißungen der Nacht noch intakt sind. Einen typischen Ort: die Leopoldstraße, dort wo der Verkehr rauscht, aber auch die riesigen Pappeln.

Und dann noch eine Sitzgelegenheit, die nach all dem natürlich nur ein Caféhausstuhl sein kann. Lehnen wir uns also zurück und lassen flanieren. Wir sehen: Ostwestfälische Hausfrauen in bunten Sweatshirts mit dem festen Willen, sich zu amüsieren; trinkfeste Jugendliche aus Holzkirchen oder Altomünster, die sich hier warmlaufen, weil es noch zu früh ist für den Kunstpark Ost; staksende Inline-Skater, die so unauffällig wie möglich die Kurve vom Radweg ins Café zu kriegen versuchen; junge Frauen, deren Sonnenbrillen im Haar so festgesteckt scheinen wie der betont gelangweilte Ausdruck im Gesicht; Designer-Sakkos und Billig-T-Shirts, hochgebirgsfeste Treter und Spaghetti-Tops, Strass und Kaschmir, Wolle und Leder, Filz und Lack, H&M & C&A & D&G; Strings, die sich sichtbar über Hüften spannen, und Jeansränder, die erkennbar an den Schamhaaren kitzeln würden, wenn diese nicht selbstverständlich wegrasiert wären.

Ach ja, man hatte ganz vergessen, dass Schwabing irgendwie auch Erotik bedeutet(e). Anfang der Siebziger zum Beispiel gab es mal eine Zeit, da wurden in Deutschland praktisch nur Sexfilme gedreht. Und zwar wo? Genau.

Dass das überhaupt so ist; dass Schwabing immer noch diesen Klang hat und diese Anziehungskraft, die ein gerüttelt Maß beiträgt zu dem ganzen Weltstadt-mit-Herz-Getue und heimliche-Hauptstadt-Gewese; dass sich so ein Image derartig hartnäckig hält - das liegt natürlich an Schwabings großen Zeiten, Anfang des 20. Jahrhunderts und dann noch mal, wie ein ironischer Nachhall, in den sechziger Jahren. Wobei man nicht weiß, worüber man sich mehr wundern soll: darüber, dass die große Zeit der Schwabinger Bohème auch hundert Jahre danach noch so stark wirkt, oder darüber, dass es sie überhaupt gegeben hat.

Damals war Schwabing zwei Jahrzehnte lang, von den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts bis zum ersten Weltkrieg, ein kreativer Schmelztiegel, wie es ihn in Deutschland weder zuvor noch danach je gegeben hat. Ein riesiges Gebiet, der ganze Bereich nördlich des Univiertels und westlich der Leopoldstraße war zur Gründerzeit innerhalb kurzer Zeit bebaut worden, mit schnell hoch gezogenen Neubaugebieten, die manchmal ebenso schnell wieder zusammenkrachten. Überdies eröffnete 1884 die Kunstakademie neben dem Siegestor, und es entstand eine ganz neue Szene: Geschäfte mit Künstlerbedarf sprossen hervor, private Kunstschulen wurden gegründet, Kunststudenten mieteten Zimmer und brauchten Cafés, in denen sie sitzen und schauen konnten.

Schwabing - Ort der unbegrenzten Möglichkeiten

Schnell sprach sich herum, dass in München erschwinglicher Wohnraum vorhanden und das politische Klima liberaler war als in Berlin. Schwabing wurde zum Ort der unbegrenzten Möglichkeiten. "Maler, Bildhauer, Dichter, Modelle, Nichtstuer, Philosophen, Religionsstifter, Umstürzler, Erneuerer", zählte der Schriftsteller und anarchistische Politiker Erich Mühsam auf, "Sexualethiker, Psychoanalytiker, Musiker, Architekten, Kunstgewerblerinnen, entlaufene Höhere Töchter, ewige Studenten, Fleißige und Faule, Lebensgierige und Lebensmüde, Wildgelockte und adrett Gescheitelte" - alle vereint "in einer unsichtbaren Loge des Widerstands gegen die Autorität der herkömmlichen Sitten."

Was für eine Zusammenballung kreativer Kräfte! Als gäbe es kein Morgen, rührte der Weltgeist zusammen, was nicht zusammengehört: den späteren Dadaisten Hugo Ball und den späteren DDR-Kulturminister Johannes R. Becher, Franziska zu Reventlow und Ricarda Huch, Ludwig Thoma und Rainer Maria Rilke, Olaf Gulbransson und Thomas Mann. Ständig entstanden neue Zirkel und Salons,Vereinigungen und Zeitschriften. Anarchisten-, Feministinnen- und Lebensreformer-Vereine bastelten an der Vision vom neuen Menschen. Die Zeitschrift "Jugend" schuf einen völlig neuen Stil, der sich weltweit verbreitete; der 1896 fast gleichzeitig gegründete "Simplicissimus" erneuerte die politische Satire.

Alexej Jawlensky und Mariane Werefkin,Wassily Kandinsky und Gabriele Münter schufen die Kunst des Blauen Reiter; zwei Häuser weiter wirkte Paul Klee. Ein russischer Exilant, der sich Lenin nannte, gründete mit seiner Frau Nadeschda Krupskaja und einigen Getreuen die Zeitschrift "Iskra" und trieb die Weltrevolution voran. Joachim Ringelnatz deklamierte Verse in Cafés, Frank Wedekind sang zur Gitarre und Stefan George pflegte mit seinen Jüngern eine mystisch-esoterische Selbstinszenierung der abgehobensten Art, bis ihn die Reventlow auf Normalmaß zurechtstutzte, indem sie ihn "Weihen-Stefan" nannte. In dieser Zeit war München, pardon: Schwabing, wirklich Weltstadt.

Vorbei. Ein letztes Mal Avantgarde war Schwabing 1962 mit den Krawallen, als ein paar ordnungswidrig musizierende Leute die ganze Härte der Staatsmacht zu spüren bekamen und berittene Polizei besinnungslos in die Straßencafés preschte.

Tagelange Tumulte waren die Folge, ein frühes Fanal der Studentenbewegung. Deren große Bühne aber wurde dann eher Berlin. Der Kommunarde Rainer Langhans, der Politkrawallo Dieter Kunzelmann, der Szene-Cartoonist Gerhard Seyfried - sie alle entstammten dem Biotop Schwabing, konnten aber erst in Berlin so richtig ihre Wirkung entfalten.

Schwabing ist tot: Das Lamento durchzieht seither wie ein basso continuo den München-Diskurs für Fortgeschrittene. "Jede Zeit hat ihr besonderes Gesicht. Schwabing hat zur Zeit eine Visage", schimpfte 1961 Peter Paul Althaus, Schriftsteller und Urgestein der Schwabinger Szene; und der Flaneur Sigi Sommer, Kolumnist der "Abendzeitung", stellte später ebenso apodiktisch fest, Schwabing sei nicht mehr das Herz Münchens, sondern nur noch sein Unterleib. Bei diesem Thema verdreht Brigitta Rambeck, Malerin, Bildhauerin und Autorin, genervt die Augen: "Ich kann es nicht mehr hören, dieses Gerede, dass Schwabing tot ist. Wir leben doch noch! Und arbeiten und machen unsere Kunst wie immer!" Natürlich, sagt sie, "manche Leute sterben, Dinge verändern sich. Und heute gibt es eben mehr diese Event-Kultur. Aber so ist es halt. Da entwickelt sich auch Neues."

Das stimmt, aber das kostet auch. Die Mieten sind brutal; überall hört man von Fällen, in denen alteingesessene Läden weichen müssen, weil der Hausbesitzer an eine Kette vermietet. Wenn überhaupt etwas, dann ist es diese Entwicklung, die Schwabing irgendwann tatsächlich bis zur Unkenntlichkeit verändern wird. Aber noch gibt es das alte. Die Läden, die mit ihren Inhabern verwachsen sind, die Institutionen des Alltäglichen, ohne die kein lebendiges Viertel auskommt: Geschäfte wie den Blumenladen der alten Frau Faltermeier in der Türkenstraße, die in dem grünen Dschungel selber wirkt wie eine seltene Blüte; oder Läden wie die Kunstoase in der Hohenzollernstraße, ein unbeschreibliches Kelleruniversum aus Tausenden von Lampen, Möbeln und Bildern, in der man offenen Mundes am Eingang stehenbleibt wie ein Kind vor einer Schatzhöhle.

Es gibt sie noch, die Antiquariate der abgebrochenen Kunstmaler und ausgestiegenen Anwälte, den Eisenwarenladen, in dem man Schrauben noch einzeln kaufen kann, die Öko-Kosmetikerin in ihrem uralten Salon, die einen, wenn man nicht aufpasst, in ein Gespräch über Tierschutz verwickelt; es gibt noch den Alten Simpl, das Café Jasmin und den Atzinger, das Lustspielhaus und die Lach- und Schießgesellschaft, das Theater am Sozialamt und das Heppel & Ettlich. Man muss nur nach ihnen Ausschau halten zwischen den Burger-Bratern und den standardisierten Coffeeshops.

Und es gibt die Frau Faltermeiers von morgen, Leute wie die Hutmacherin Nicki Marquardt oder die Modedesignerin Kiki Haupt. Die fertigt handgearbeitete Handtaschen und Accessoires, die sich in den letzten Jahren eine eigene Fangemeinde erobert haben, sitzt mit ihrer Werkstatt und ihrem Laden in der Herzogstraße und kann sich einen anderen Standort überhaupt nicht vorstellen: "Ich brauche die Schwabinger Luft", sagt sie, "diese Inspiration, diese Mischung aus Bodenständigkeit und Kreativität.

Das geht in keinem anderen Stadtteil. Für mich gibt es ein spezielles Schwabing-Gefühl. Das hat was mit Identität zu tun, mit Authentizität; deshalb muss es auch Handarbeit sein. Dieses Gefühl tragen die Frauen mit meinen Taschen in die Welt - und wenn die Welt nur Nordrhein-Westfalen ist."

Sie hat tatsächlich "Schwabing-Gefühl" gesagt!

In Carl Amerys apokalyptischer Novelle "Der Untergang der Stadt Passau" sieht man nach dem Untergang der Zivilisation dort, wo einmal München war, die Menschen der Zukunft "wie aufgescheuchte Wildschweine durch die Distelsteppe des überwachsenen Mittleren Rings galoppieren, auf der Flucht vor dem Brand und den Jägern". Aber, und das hat Amery nicht verraten: Dort, wo einst Schwabing war, werden die Disteln weniger stark stechen als anderswo; und es wird ein Geruch in der Luft sein von würzigen Kräutern; und die Steppe wird in der Abenddämmerung geheimnisvoll leuchten. Irgendwann wird es einer bemerken. Und dann geht alles wieder von vorn los.

Autor:
Martin Rasper