München Großes Bussi-Bussi für alle

Es kommt auf die Perspektive an. Für die einen ist München die Hauptstadt der Kultur, für andere die Hauptstadt der Biergärten. Die einen vergöttern den FC Bayern, die anderen den TSV 1860 München. Viele halten München immer noch für den Inbegriff der Bussi-Bussi-Gesellschaft, andere haben das subversive Potenzial einer unabhängigen Kunst- und Kulturszene erkannt.

Manche glauben, München sei ein Millionendorf, andere halten die Stadt für die nördlichste Metropole Italiens. Die einen sehen in ihr die unrühmliche "Hauptstadt der Bewegung", in der Adolf Hitlers politischer Aufstieg begann. Die anderen erinnern sich an den Widerstand der "Weißen Rose", jener Studentengruppe um die Geschwister Scholl, die ihren Einsatz gegen das nationalsozialistische Regime mit dem Leben bezahlten. Kurzum: München hat viele Gesichter.

Es kommen einige hinzu, wenn man sich aus dem Altstadtkern aufmacht, um das westliche, nördliche und östliche Umfeld Münchens zu erkunden. Dort liegen Städte wie etwa Fürstenfeldbruck, Dachau, Freising, Erding und Ebersberg - historisch gewachsene, kulturell äußerst lebendige Hochburgen, in denen nicht nur die Kleinkunstszene eine attraktive Bühne findet. Wer nach München reist, sollte sich daher die Zeit nehmen und Ausflüge in das Umland der bayerischen Landeshauptstadt einplanen. Diese nennt im Pro-Kopf- Vergleich mehr Opernhäuser, Orchester, Museen, Theater, Galerien und Veranstaltungen ihr Eigen als alle anderen deutschen Großstädte.

Ohnehin bekannt sind touristische Attraktionen wie etwa das Glockenspiel des Rathauses, der Viktualienmarkt, der Alte Peter - der Turm der ältesten Pfarrkirche Münchens -, das Siegestor und die Ludwigstraße, die Prachtstraße Ludwigs I. Doch nur wer diese Attraktionen in Beziehung setzen kann zu den Klöstern im Dachauer Hinterland, zum Dom St. Maria und St. Korbinian in Freising, Bayerns ältester Stadt, oder zu den weltlichen und sakralen Sehenswürdigkeiten von Erding und Ebersberg - nur der wird die Vielfalt der Stadt München richtig sehen können.

Die Bäckerliesl hört nimmer auf

Elisabeth Forstner ist ein Unikum. Seit 1950 steht sie auf dem Münchner Viktualienmarkt - so lange wie kein anderer. Als sie begann, war sie "das kleinste, frechste und jüngste Marktweib ". Gewachsen ist sie nicht, frech ist sie geblieben, nur aus der jüngsten ist die älteste Standlbesitzerin geworden: Elisabeth Forstner ist 84 Jahre alt. Auf dem Viktualienmarkt kennt sie kaum jemand unter ihrem bürgerlichen Namen. Hier ist sie seit eh und je "die Bäckerliesl".

1958 übernahm sie den Bäckerstand, in dem sie zuvor schon verkaufte. Seitdem war sie fünf Tage die Woche von halb fünf bis 18 Uhr auf dem Markt. Zehn Jahre lang führte sie ihren Stand allein, bis sie ihren Mann Josef als Verkäufer einstellte. Erst vor einem Jahr hat sich das Ehepaar entschieden, eine Verkäuferin zu beschäftigen. Freilich, sagt die Bäckerliesl, "hat sich viel verändert in all den Jahren". Nein, es sei nicht alles schlechter geworden, "anders halt". Vor allem hektischer.

Früher sei immer Zeit gewesen, um mit den Kunden zu ratschen. "Heute pressiert's jedem. Darum muss es immer zack, zack gehen." Den letzten Satz ruft Elisabeth Forstner ihrem Mann und ihrer Verkäuferin zu. Nicht streng, eher selbstironisch. Und doch bestimmt. Denn die Bäckerliesl ist und bleibt die Chefin. Für die vielen Touristen, die an ihrem Stand einkaufen, hat Elisabeth Forstner sogar noch ein bisschen Englisch gelernt - um ihnen die Kuchen und ihre Ingredienzien erklären zu können.

Alle möglichen Früchte und Zutaten zählt sie auf, mit unverkennbar bayerischem Akzent. "Ich weiß nicht, ob ich es ganz richtig ausspreche. Aber die Menschen verstehen mich dann schon." Das Arbeiten mache ihr auch im Alter nichts aus, sagt sie. "Grantig werde ich erst, wenn mal nichts los ist." Denn ihr Stand auf dem Viktualienmarkt ist für die Münchnerin "einfach alles". Sie könne sich nichts vorstellen, was sie lieber tun würde. "In einem Geschäft zu arbeiten, das wäre nichts für mich. So eingesperrt sein. Um Gottes willen - nein!" Ans Aufhören denkt die Bäckerliesl sowieso nicht.

Des Künstlers spröde Geliebte

Natürlich gibt es nicht nur Schwarz und Weiß. "Vor allem aber gibt es nicht nur Weiß", sagt Norbert Göttler. Der Schriftsteller, Publizist und Fernsehregisseur sieht in der Auseinandersetzung mit ihren negativen Seiten die einzige Möglichkeit überhaupt, ein Bewusstsein für Heimat zu entwickeln. Das sei wie in einer Beziehung: "Der nostalgische Blick verklärt die Tatsachen. Man muss auch die Schattenseiten sehen." Als Dachauer ist Göttler, dessen Familie seit Generationen in der Stadt lebt, natürlich ein gebranntes Kind. Denn dort, wo bereits 1933 eines der ersten Konzentrationslager des Dritten Reiches errichtet wurde, ist das Schöne schwieriger darzustellen als an anderen Orten. Die meisten Gäste kommen nach Dachau, um die KZ-Gedenkstätte zu besuchen.

Während viele Einheimische dies als belastend empfinden, verweist Kreisheimatpfleger Göttler auf den positiven Effekt: "Hier wird die Vergangenheit aufgearbeitet wie kaum irgendwo sonst. Dachau ist ein Lernort." Außerdem bietet die Aufmerksamkeit, die Dachau gewährt wird, eine Chance. Den vielen Besuchern könne man auch die schönen Seiten Dachaus zeigen. Darunter fällt für Göttler zum Beispiel das vielfältige Kulturleben der Stadt. Dachau sei stets eine Künstlerstadt gewesen. Zudem sei ihr Hinterland von besonderer Schönheit. Doch bedarf es Geduld und Hartnäckigkeit, dies zu erkennen: "Das Dachauer Land teilt seine Reize nicht sofort mit. Man muss das Sehen auf den zweiten Blick üben."

In seinen Werken setzt sich Göttler auf vielerlei Arten mit Dachau und seiner Geschichte auseinander. Dabei hütet er sich, Stereotypen zu entwerfen und Klischees zu bedienen, die "hinten und vorne nicht der Realität entsprechen". Mit seinen Büchern, die er als Mitglied der Literatenvereinigung "Münchner Turmschreiber" in öffentlichen Lesungen präsentiert, will er die Menschen dazu bringen, sich mit der Realität auseinanderzusetzen. Diese sei spannend genug. Gerade in Dachau, seiner "spröden Geliebten".

Beils Bierkrieg

Es gibt nicht mehr viele von seiner Sorte. Menschen, die hundertprozentig für eine Sache leben. Und sich ehrenamtlich dafür einsetzen. Wie Sepp Beil für das Theater. "Wenn du etwas richtig machen willst, dann gibt es nichts anderes nebenbei." Unter der Leitung Beils wurde die Volksspielgruppe Altenerding weit über die Region hinaus bekannt. Heute engagiert sich der 74-Jährige als Regisseur des historischen Festspiels "Bierkrieg in Dorfen", das 2010 erneut auf die Bühne kommen wird. Bereits 1995 und 1999 begeisterte es viele tausend Besucher.

Mit seiner Arbeit im Theater will Beil mehr als unterhalten. "Wir spielen nicht nur zum Vergnügen. Wir zeigen die Geschichte unseres Ortes, unserer Umgebung." So erzählen die umjubelten "Schwedenspiele" vom Dreißigjährigen Krieg. "Die halbseidenen Jahre" dagegen spielen in der letzten Nachkriegszeit. Beil ist davon überzeugt, dass man nur in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit die Gegenwart bewusster und vor allem positiver wahrnehmen kann. "Dann begreifen die Menschen, wie schön wir es heute doch haben."

Die historischen Ereignisse setzt der langjährige Chefrequisiteur am Münchner Gärtnerplatztheater, gelernte Bühnentechniker und Pyrotechniker durch Effekte, Kostüme und aufwendige Bühnenbilder um. Das Theater habe ihm immer die Möglichkeit gegeben, sagt Beil, "Menschen zusammenzubringen ". Für seinen Einsatz wurde er mit der Goldenen Stadtmedaille, der höchsten Ehrung Erdings, ausgezeichnet. Heute kennt man "den Beil", und das erfüllt ihn mit Stolz. Egal, ob auf oder hinter der Bühne.

 

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Autor:
Katharina Bromberger