München Ein Fußball-Tag in der Allianz-Arena

Hier guckt bald die Welt rein, sagt Andreas. Also dürfen wir auch mal, aber nicht zu lange. Wir stehen auf den steilen Rängen, 70 Meter weg vom Rasen, und schauen in den Stolz des deutschen Fußballs, wie Andreas schwärmt. Ein paar Milliarden werden das da sehen, haucht er ergeben, zeigt auf das Spielfeld und flüstert uns zu: Wenn die dort unten kämpfen, kannst du sie bis oben keuchen hören. Nichts entgeht dir, kein Schimpfwort von Olli Kahn und jeder falsche Ton bei einer Nationalhymne sowieso. Ein Wahnsinn, diese Akustik! Du glotzt beeindruckt in den tiefen, grünen Schlund und stellst dir vor, wie die Zuschauer in dieser brodelnden Enge vielleicht bis auf den letzten Platz vernehmen werden, wenn einem fahrigen Kicker im WM-Eröffnungsspiel Deutschland gegen Costa Rica ein lautes Darmgeräusch entfährt.

Na ja, sagt Andreas, so weit geht es nun doch nicht, dabei lacht er und zieht sich seine Kappe in die Stirn. Er führt uns für acht Euro durch das schönste Stadion, das es gibt. Daran glaubt er ganz fest, sonst würde er woanders arbeiten. Dann steht er da und erzählt dir aufgeregt, dass Uli Hoeneß in Schrobenhausen, wo sonst nur guter Spargel wächst, drei Stunden lang in Stollenschuhen über den angepflanzten Rasen lief, bevor der mit 20 Fernlastzügen in die Allianz-Arena verlegt werden durfte. Oder seht ihr die beiden Videotafeln unter dem Dach? Sie sind hundert Quadratmeter groß, haben eine aktive Matrixanzeigenfläche, versteht sich, einen LED-Pixelaufbau und wurden mittig mit sieben Grad Neigung und hoch-auflösender Verkabelung über den Toren installiert. Das ist doch was, oder?, fragt er zufrieden, während du dich sehnsüchtig daran erinnerst, wie du vor ein paar Tagen St.-Pauli-Bruno zugejubelt hast. Das ist der, der am Hamburger Millerntor eine gelochte Sperrholzplatte mit einer 1 drauf über eine Schraube hängt, wenn das erste Tor fällt.

Aber das kannst du gleich vergessen, wenn du hierher kommst. Diese schiefe Romantik, dieser eifrige Glaube, Fußball habe noch was mit elf Freunden zu tun, weil der Ball rund ist und so. Fußball ist mittlerweile ein knallhartes Geschäft und nirgendwo wird dir das in den Zeiten der Weltmeisterschaft deutlicher als in dem 340 Millionen teuren Stadion am Stadtrand von München. In diesem riesigen Raumschiff, das so wirkt, als wäre es mit seinen weichen Kissen direkt und fertig aus dem Himmel auf die Fröttmaninger Wiese geplumpst.

Es zieht dich an, je näher du herangehst, du willst rein, und wenn du drin bist, zieht es dich weiter unweigerlich in seinen kalten Bann, weil es vor Technik nur so protzt und trotzdem noch nach Schweiß und Bratwurst riecht. Du staunst dich durch die vielen Sehenswürdigkeiten und wunderst dich, was alles drum herum passiert, damit ein paar hoch bezahlte Männer gegen einen Ball treten können. 22.000 Tonnen Stahl, 350 schräg stehende Stützen, 100 Kilometer Kabel, 232 Scheinwerfer, 132.000 Bohrlöcher für die Sitze, 54 Kassen, ein frei tragendes, 5300 Tonnen schweres Dach in 50 Meter Höhe, und selbst die zwölf beleuchtbaren Buchstaben der Allianz-Arena sind so gewaltig, dass sie um die 60 Zentner wiegen.

Aber es gibt auch Bier, Currywurst und Leberkäse in der Semmel, sogar an Tagen, an denen keine Spiele stattfinden, und trotzdem Hunderte von Besuchern hineinströmen, um sich die neue Kultstätte anzuschauen. Außerdem kriegt man eine "FC-Bayern-München-Fruchtgummi-Meister-Mischung" in Form von Schalen und Pokalen für 3,95 Euro, und einige streifen sich sogar das neueste T-Shirt aus dem Fanshop über, auf dem "65.999 und ich" prangt, während die Lakritze "Naschen wie die Champions" und die Dose mit dem "Samen fürs Power-Green" leider nicht so gut laufen.

Sie schlendern an Schildern vorbei, auf denen Welcome Zone Ost steht, und manche halten ehrfürchtig bunte Prospekte in der Hand, worauf sie lesen können, dass die 25.344 Leuchtstofflampen über eine Lebensdauer von 8000 Stunden verfügen oder die Stromversorgung ein flächendeckendes W-LAN-Netz mit den Standards a/b/g besitzt. Aha, stöhnen die Väter und kommen sich bei den Fragen ihrer Kinder ziemlich blöd vor. Aber da sie einem Führer wie Andreas folgen, begreifen sie auch, dass so ein kühles Stadion eine Seele haben kann.

Wo die Membran leise vibriert

Fasst bloß mal diese Haut an, sagt Andreas, nachdem wir 106 Stufen bis in die Kuppel hinaufgestiegen sind, dort, wo man dem Gerippe vor zwei Jahren sein weiches Kleid übergestülpt hat. Könnt ihr fühlen, wie sich die Kissen bewegen? Wir legen unsere Hände darauf, die Haut schaukelt leicht im Wind und fast glaubst du, den Puls dieses steifen Betonklotzes zu spüren. Alles ist wie auf einer Wolke, ein sanfter, heller Himmel, der über kurzen Hosen schwebt. Jetzt müsste nur noch irgendwo ein Fußballgott hocken, mit einem Bart wie Paul Breitner und dem gütigen Lächeln seiner ewigen Allwissenheit. Doch stattdessen plustert sich ein Vogel vor uns auf und macht für kleine Spatzen. Andreas klatscht in die Hände, hau ab, du Vieh, als habe er Angst, dass mit einem Spatzenschnabelhieb ein Vermögen platzen könnte.

Keiner hat eine größere Membran, ruft er, nicht mal die Amis! Sie wird mit 350 Pascal aufgeblasen, das ist viel weniger als bei einem Autoreifen. Unglaublich, was? Wir schauen hinaus, der Blick bleibt verschwommen, ein Blinzeln gegen den Tag, aber hinter den Kissen können wir die vielen Lichtröhren entdecken, die der Hülle am Spieltag ihr farbiges Leben einhauchen. Rot für Bayern München. Blau für 1860 München. Weiß für die deutsche Nationalmannschaft. Ein glühendes Raumschiff, das jeden heiß auf Fußball machen soll, weil es so verlockend dasteht und sich einfach nur ereignet. Auf der Autobahn nebenan hat es schon einige Auffahrunfälle gegeben.

Kurz danach schlendern wir in den Bauch des Raumschiffes. Auf den Weg dorthin zeigt Andreas auf eine lange Reihe von Fenstern, deren blanke Gläser in der Sonne blitzen. Das sind unsere Logen, sagt er, sie kosten bis zu 240.000 Euro pro Jahr, na klar, irgendwie muss das Baugeld ja wieder reinkommen. Dafür können sie zu jeder Zeit benutzt werden, man kann darin wohnen, und, unter uns Klosterbrüdern, raunt Andreas, so mancher Chef hat darin mit seiner Tippse auch schon Überstunden gemacht. Selbst bei einem Spiel verpasst man nichts, weil auf dem Klo Fernseher stehen, und wenn der feine Fan mit einer Hand am warmen Buffett auf seinem Lederstuhl sitzt, hat er mit seiner 270-Grad-Sicht oft einen besseren Durchblick als die meisten Spieler auf dem Platz. Jeder,wie er es braucht, sagt Andreas und schließt eine schwere Stahltür auf, hinter der sich die Arbeitsräume der Presse befinden.

Da haben die alles, kriegen gutes Essen, freies Parken und zwischen den Zeilen oft ein Weißbier, und trotzdem schreiben sie immer so einen Mist, stöhnt Andreas und grinst. Er führt uns durch einen gelb gestrichenen Gang, heißt doch schließlich Yellow Press (ha, ha!), und bleibt vor acht überlebensgroßen Bildern von Bayern-Stars stehen. Die müssen sofort runter, sagt er, wenn die Löwen spielen, wie ein echter Münchner seine Sechziger nennt. Beiden Vereinen gehört zu gleichen Teilen die Allianz-Arena, für ihre Spiele muss ständig umgerüstet werden. Zur Weltmeisterschaft wird es im Stadion 1000 Schreibtische und 600 Kommentatorenplätze geben, sie sollen sich bei uns wohlfühlen, sagt Andreas, damit sie sich gefälligst nur mit Fußball beschäftigen. Und nicht wieder mit diesem widerlichen Bauskandal, auf den ihn die Besucher regelmäßig ansprechen.

Das mit dem Schmiergeld und dem Sohn des ehemaligen Löwen-Präsidenten Karl-Heinz Wildmoser, der wegen Untreue zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Oder dass man das erste Spiel in diesem Stadion am 30. Mai 2005 gegen Nürnberg angeblich nur wegen Bestechung gewann. Paah, jetzt kommt die Welt, sagt Andreas, keiner will diese alten Geschichten mehr hören. Schon gar nicht er!

In der Umkleide sieht es aus wie in einem Museum, vor den gekachelten Räumen sind dicke Kordeln gespannt. Bis hierher und nicht weiter! Bloß keine Dusche betreten, in der später Oliver Kahn in Badeschlappen herumschlurfen wird.

Wir schleichen durch die heiligen Hallen, in denen plötzlich alle Shampooflaschen wichtig werden. Es stinkt nach Ruhm und alten Socken, über jedem Spind hängt ein Bild des jeweiligen Spielers.Weil sie nicht lesen können, ruft Andreas, doch keiner lacht. Er lupft das Seil, ein kleiner Junge aus unserer Gruppe darf dort sitzen, wo sich Michael Ballack gewöhnlich sein Höschen abstreift. Seine Mutter macht Fotos und sieht sehr glücklich aus. Einige Türen weiter ziehen sich die Gäste um, die Wände sind grau, es ist kalt wie im Eisschrank. Unsere Gegner sollen sich nicht wie zu Hause fühlen, sondern drei Punkte lassen, sagt Andreas. Auch das Entmüdungsbecken wird selten gefüllt. Manchmal kommt Champagner rein, wenn Bayern Meister wird, meint Andreas, also eigentlich jedes Jahr. Er ist ein Roter, seit dem er denken kann.

Doch jetzt auf zur großen Klappe! Die kennt ja jeder bei den Bayern (hat einer gelacht?), aber in ihrem Stadion ist sie völlig neu. Eine Klappe wie im alten Rom, aus der man die Gladiatoren zum Kampf in die Arena stieß, und auch heute ist das nicht viel anders. Wenn draußen erwartungsvoll 66.000 Menschen brüllen und du stehst drinnen und sollst raus. Vor allem junge Spieler müssen schon mal sanft herausgeschoben werden, erst die Treppe runter, dann die Treppe rauf, bei diesem Blick ins Nichts, bevor sich vor ihnen zu den dumpfen Bässen von Enterprise ein ganz normaler Samstagnachmittag auftut. Das ist nichts für schwache Nerven, sagt Andreas, er hat das Dröhnen schon selbst erlebt, ich sage euch, da zittern die Wände, und was noch besser ist: Wenn die Jungs wirklich weiche Knie kriegen, können sie sehr angenehm die Bank drücken. Ihre Sitze werden beheizt.

Die Führung geht langsam zu Ende, doch eine Geschichte muss er noch loswerden. Unbedingt! Er drängt uns in die Mixed-Zone, wo sich die Reporter hinter Zäunen anstellen und sich nach einem Spiel um die Wortfetzen der Herren Spieler streiten. Früher war die Tür zum diesem Raum giftgrün, keine Ahnung, welcher Trottel darauf kam. Jedenfalls war sie so grün, dass Manager Hoeneß rot anlief, als er in seinem Stadion die Vereinsfarbe des Erzfeindes Werder Bremen erblickte. Er fluchte,wie das nur echte Bayern können, dann nahm er einen Pinsel in die Hand und malte alles weiß. Er malte und malte und malte, bis ihm der Arm schmerzte.

Da, sagt Andreas, ein bisschen Grün kann man noch sehen. Wir sehen nichts und nicken freundlich. So kann man sich das Trinkgeld sparen.

Autor:
Michael Schophaus