München Die Hausberge von München

So richtig viele Weltstädte gibt es nicht, die respektable Hausberge vor der Tür haben. Kapstadt und derTafelberg - pittoresk und nah und doch ein bisschen unnahbar. Rio de Janeiro und der Zuckerhut - ein Solitär inmitten von Favelas. Paris und der Montmartre - das "mont" ist wohl das einzig Hohe an dem Hügel. Berlin, New York und Peking - Fehlanzeige.

Aber München hat, wie der Bayer sagen würde, ordentlich Holz vor der Hütt'n. Nicht nur einen Hausberg hat die Stadt, sondern eine ganze Reihe. Wer bei föhnklarem Wetter auf den Hügel beim Olympiastadion stiefelt und sich, oben angekommen, südwärts wendet, sieht sie zum Greifen nah: die Hausberge Münchens. Im Osten beginnen sie mit dem Wendelstein in den Schlierseer Bergen, dann zacken die Tegernseer am Horizont. Die Benediktenwand ist deutlich zu erkennen als kühner Felsvorbau der Alpen.

Ein Stückerl weiter der Herzogstand und dicht daneben der Heimgarten. Der Blick wandert zu der markanten Spitze des Ettaler Manndls, den sanften Rundungen des Hörnles, rechts schließen sich, als graue Silhouetten, im Hintergrund die höheren Gipfel der Ammergauer Alpen an. Noch ein wenig weiter westlich, und man schaut auf die Allgäuer Alpen. Aber die zählen eigentlich nicht mehr zu den Münchner Hausbergen - wenn man es denn Ernst meint. Und der Münchner meint es Ernst, wenn es um seine Stadt geht, er weiß, wie er seine Hausberge zu behandeln hat.

Wie gute Spezl nämlich. Denn irgendwann findet der aktive Mensch aus der Stadt hinaus in die alpine Welt, müht sich schnaufend Meter um Meter nach oben. Bis er am Gipfelkreuz ist. Er packt die Brotzeit aus und lässt die Beine ins Tal baumeln.Wenn er Glück hat, kann er bis in die Stadt sehen, im Vordergrund die Seen, die Ortschaften und Städtchen, im Hintergrund die City als ein Ensemble von grauer Urbanität. Und der Bergsteiger wird sich erhaben und ein bisschen kühn fühlen. Mit dem Berg als Kumpel an seiner Seite.

Der Hausberg ist auch eine kleine Flucht. Nicht, dass München die Stadt wäre, vor der man partout Reißaus nehmen müsste. Aber manchmal geht selbst einem Münchner seine Heimat auf den Wecker. Wenn am zweiten Wiesn-Wochenende die Italiener über die Stadt hereinbrechen, wenn im Winter der Matsch knöcheltief im Englischen Garten liegt, wenn im Herbst die Nebel so dicht hängen, dass man nicht mehr von der Frauenkirche zum Rathaus gucken kann - dann muss man raus. In die Berge, wo garantiert keine Italiener grölen, wo der Schnee beim Rodeln oder auf der Skitour puderzuckerweiß stäubt, wo man oberhalb von 1000 Metern in einer seelenerwärmenden Herbstsonne wandert.

Was ein rechter Münchner ist, der hat seinen Lieblings-Hausberg. Ein ganz großer Favorit zum Beispiel ist der Pürschling oberhalb von Unterammergau. Kein spektakulärer Berg. Der Gipfel versteckt sich in einer Kette von anderen Erhöhungen, in der Nähe ist auch noch der Teufelstättkopf (erheblich beeindruckender). Aber der Teufelstättkopf ist nur ein trutziger Felssporn, der Pürschling mit seiner Alpenvereinshütte ist eine Institution. Jeder, der einigermaßen bei Puste ist, kann ihn zu Fuß erklimmen; seit Jahrzehnten ist die Gastronomie als makellos bekannt, und - Pürschling ist eben Pürschling. Manchmal ist die Hütte arg überlaufen. Aber das stört die Leute nicht. Sie kommen immer wieder - als ob sie einem Zwang gehorchten.

Warum? Es ist das Gefühl von Freiheit, Lebenslust, praller Freude am drallen Leben. So ein Ausflug auf den Pürschling kann dann folgendermaßen aussehen: Nehmen wir einmal an, es ist Oktober, ein Samstag, und in der Stadt schafft es die Sonne nicht ganz durch die niedere Wolkendecke. Es ist grau in München und kühl und unwirtlich.

"Wir gehen auf den Berg" heißt der Beschluss. Die Wanderschuhe werden geschnürt, der Rucksack mit einer Brotzeit und Wechselwäsche als Inhalt geschultert. Die Tram bringt die Familie zum Hauptbahnhof,wo jede Stunde ein Zug in Richtung Garmisch abfährt. In Murnau steigen wir in die Bahn nach Oberammergau, in Unterammergau ist Endstation. Wir marschieren durch den Ort in Richtung Süden, vorbei am Gasthof "Stern", vorbei am Friedhof, wir sind auf dem Weg zum Pürschling.

Das Steigen fällt nicht allzu schwer. Anfangs ist der Weg steil, dann wird es flacher, dann mühen wir uns eine jähe Steigung hinauf. Rechterhand fällt der Hang ab, in der Tiefe rauscht ein wilder Bach. Wir erreichen das Lange Tal, eine angenehme Flachpassage. Die Kühe, die hier den Sommer über auf der Alm stehen, sind schon hinunter getrieben worden. Am Ende des Langen Tals setzen wir uns auf ein Paar Baumstümpfe und machen Brotzeit. Wir haben die letzten Wolken unter uns gelassen, es ist bacherlwarm hier oben. Die Berge gleißen im Sonnenlicht. Speck und Spezi schmecken doppelt gut.Wir schnaufen tief durch. Ist das Leben nicht schön?

Vom Gipfel bis zur Sohle

Es folgen 50 Minuten stoischen Stapfens. Man redet nicht mehr viel, denn das Steigen ist nun ein wenig anstrengend. Nicht so sehr freilich, dass man nicht ab und zu nach oben blicken würde, wo die Pürschlinghäuser auf dem Kamm wie kleine Trutzburgen stehen. Verlockend nah sind sie. Noch eine letzte Rechtskurve, noch die letzten 150 Meter, dann sind wir da. Wir wischen mit einem Handtuch den Schweiß vom Gesicht, wechseln das Hemd und betreten die Terrasse.

Ach, wie oft haben wir hier schon gesessen. Wenn es das Wetter erlaubte, waren wir natürlich draußen auf der Terrasse. Hielten die Nase ins Licht und genossen die Aussicht. Unten das Tal mit Schloss Linderhof, dahinter die höheren Berge der Ammergauer, die Kreuzspitze, der Frieder, die Geierköpfe. Und hinter der Kreuzspitze der breite Buckel der Zugspitze.

Wir waren aber auch schon auf dem Pürschling, da hätte man keinen Hund vor die Tür geschickt. Draußen tobte der Sturm und rüttelte an der Hütte. Wir tranken Kaffee und dachten mit Grausen an den Rückweg ins Tal. Einmal brach ein Gewitter über den Berg herein. Es war, als würde gleich die Welt untergehen. Aber in der Hütte waren wir ja gut aufgehoben. Wir sahen hinaus in das blitzend-donnernde Inferno und sagten: "Wenn es aufhört, gehen wir wieder runter. Wenn nicht, bleiben wir heroben und machen uns einen schönen Abend."

Nach Unterammergau sind wir immer wieder zur rechten Zeit zurück gekommen. Mal waren wir nass oder völlig durchfroren, mal kamen wir schwitzend und im T-Shirt unten an. Aber jedes Mal waren wir - ja wie fühlten wir uns eigentlich?

Der Besuch eines Münchner Hausbergs ist ja keine alpinistische Glanzleistung. Er bringt nicht den großen Rausch der Gefühle. Ob der Münchner nun in Lenggries Ski fährt, am Pürschling rodelt oder auf den Heimgarten wandert: Er will keine Superlative, sondern eine verlässliche Zufriedenheit. Und die bekommt er. In Lenggries sind die Hänge steil oder angenehm - je nach Können des Fahrers - und auf den Schnee ist Verlass. Der Skifahrer verbringt einen Tag an der frischen Luft und mit gutem Sport. Wer auf den Pürschling geht, kann die Natur pur genießen, ohne sich den Widrigkeiten zu sehr auszusetzen. Am Ende des Tages ist er wohltuend müde und mit seinem Tun zufrieden.

Und der Wanderer auf den Heimgarten hat einen recht langen Weg vor sich (von Ohlstadt bis zur Hütte braucht er gut und gerne drei Stunden), aber er weiß: Er wird ein paar wundervolle Blicke ins Oberland mit nach Hause nehmen. Auf dem Heimgarten fühlt sich der Bergsteiger wie auf einer sicheren Kanzel. Er blickt auf den nahen Staffelsee, dahinter den Starnberger See, den Ammersee und am Horizont die große Stadt, in die er am Ende des Tages zurückkehren wird.

Die Münchner Hausberge sind wunderbare Gefährten des Stadtmenschen. Wenn er sie denn haben möchte. Es gibt natürlich die Münchner, und das sind nicht wenige, denen die Gipfel im Süden wurscht sind. Doch die wissen gar nicht, was ihnen entgeht. Denn so ein Hausberg steckt voller Überraschungen. Kein Besuch gleicht einem anderen. Es gibt Ausflüge, bei denen alles wie nach Fahrplan abläuft: Abfahrt mit dem Auto, der Parkplatz, die Tour mit Rast in der Hütte oder Brotzeit unterm Gipfelkreuz, Abstieg, Rückfahrt, ein wundervolles heißes Bad. Dann die Stau-Variante: Ganz München scheint in die Berge zu wollen, und die Autobahnen sind dicht. Stau auf dem Hinweg, Stau auf der Rückfahrt; trotzdem gute Laune nach der Tour. Oder die Abenteuer-Version: Das Wetter ist scheußlich, der Schnee ist gräuslig, die Hütte hatte wider Erwarten geschlossen - nun ja, auch das kann es geben, Schwamm drüber.

Wer seinen Hausberg besucht, kommt, so scheint es, mit allen Widrigkeiten zurecht. Er weiß ja, dass beim nächsten Mal alles wieder mit rechten Dingen zugehen wird. Er weiß, dass ein Hausberg das Recht hat, sich im schlechten Licht zu präsentieren. Von der guten Seite ist er ja bekannt. Und wichtig ist ja unter anderem das Runterkommen. Wer oben gewesen ist, steigt in aller Ruhe ab. Wie zum Beispiel beim Exkurs auf den Pürschling. Wir trinken den letzten Schluck Radler, greifen uns die Rucksäcke und schlendern zu Tal.

Es redet sich gut bei dieser Art von Fortbewegung, es wird viel gelacht. Kurz bevor wir unten sind, machen wir noch einen Abstecher durch die Klamm, die sich mit Urgewalt in die Felsen gefräst hat. Es rauscht und tobt und gurgelt. Dann sind wir am Ausgang dieses Engpasses, marschieren am Friedhof vorbei ins Dorf. Mittlerweile hat sich die Sonne durch die Wolken gekämpft, das Tal zeigt sich in den prachtvollsten Herbstfarben.

Wir kommen zum "Stern". Haben wir nicht noch Zeit bis zum nächsten Zug nach Murnau? Freilich. Wir kehren ein. Die Männer am Stammtisch sehen uns mit einem lächelnden Wissen an. Einer fragt: "Schee war's scho, oder?" Schön war es schon? Schön ist es immer, wenn man seinem Hausberg einen Besuch abstattet.

Autor:
Detlef Vetten