München Das Deutsche Museum sammelt Geniestreiche

Herr Füßl trägt eine feine goldgeränderte Brille, einen sorgfältig gestutzten Bart und schneeweiße Baumwollhandschuhe. Er schreitet einen stillen Flur entlang, vorbei an mannshohen Metallschränken, auf denen kein Staubkorn liegt und die beschriftet sind mit Buchstaben und Zahlen wie diesen: III S04 BA-S 00011/528 - 00012/1799. Dann holt er einen Schlüssel aus seinem Jackett, öffnet eine Tür und sagt: "In diesem Raum lagern die Rarissima." Wilhelm Füßl kann ein leises, aber sehr begeistertes Lächeln aufsetzen. Er steht nun vor einem weiteren Schrank, öffnet eine Schublade und hebt eine flache Mappe aus säurefreiem Papier heraus. Behutsam klappen seine weißen Handschuhe die Kartonage auf: Auf dem Schatz, den er gleich entblättern wird, auch nur eine Spur Fett zu hinterlassen wäre Sünde.

Und dann kommt sie zum Vorschein, aus Schrank 04, Fach 07, eine der ersten Fotografien, die in Deutschland entstand. Ein kleines Wunder, vor allem aber ein Meilenstein des technischen Fortschritts. Darauf zu sehen ist eine Münchner Straßenszene, aufgenommen vom Physiker, Astronomen und Optiker Carl August von Steinheil im Jahr 1839. Das Ur-Foto sieht aus wie ein Negativ, schwarz, weiß, dazu ein Hauch von Sepia und die Anmut der Historie. Die Augen von Herrn Füßl sehen glücklich aus. "Ich fand das Motiv vor 17 Jahren, verschüttet in einem Nachlass, aber nach einigen Recherchen war klar, was wir da in Händen hielten." Herr Füßl kennt sich mit solchen Dokumenten aus. Er ist Leiter des Archivs des .

Hüter so ziemlich aller erdenklichen Zeugnisse, die die Geschichte der Technik dokumentieren. Der gelernte Historiker und seine zehn Mitarbeiter sind zuständig für eine Bibliothek mit 900.000 Büchern. Sie kümmern sich um die Archivierung von einer Million Fotografien sowie um 4,5 Regalkilometer, gespickt mit altem, jüngerem und ständig hinzukommendem Material. Zeichnungen, Briefe, Urkunden, Kataloge, Karten, Manuskripte, Patente, Pläne. In den oberen Etagen lagern die zweidimensionalen Exponate, die das Haus in den vergangenen 106 Jahren angehäuft hat. Hier ruhen, penibel sortiert, das Ohmsche Gesetz, die Indigo-Formel und alchemistische Handschriften aus dem Jahr 1780, die beschreiben, wie man einen künstlichen Menschen erschaffen könne. Hier lagern Notizen Einsteins und Konrad Zuses Konstruktionszeichnungen der ersten programmgesteuerten Rechenmaschine der Welt.

Die Archivalien umfassen das Laborbuch von Otto Hahn, Bleistiftvermerke von der Entdeckung der Kernspaltung. In diesen Räumen lagert das Gedächtnis der Ingenieure und Erfinder. Der Werdegang der modernen Welt - in Form von Originaldokumenten. Herr Füßl lächelt wieder sein leises Lächeln. Es ist ja auch kein Wunder, badet er doch gerade wieder in seinen Schätzen, deren Wert in Geld zu bemessen etwas Lächerliches hätte. Füßl geht weiter die Gänge entlang, zeigt hierhin, dorthin, aber halt! stopp! - hier hätte er noch etwas ganz besonderes zu bieten. Zwei Minuten später knistert Pergamentpapier, die Handschuhe klappen eine Schutzhülle auseinander, ein letztes Deckblatt muss angehoben werden, dann sagt Herr Füßl: "Damit lernten wir das Fliegen."

Auf dem Tisch liegt ein großer Bogen vergilbten Papiers, darauf eine filigrane Konstruktionszeichnung, zwei Flügel, ein hölzernes Gestell, Zahlenvermerke. Es ist das Original von Otto Lilienthal aus dem Jahr 1893, Titel: "Zusammenklappbarer Flugapparat von 14 qm." Nichts geringeres als der Beginn des Menschenflugs. Das Archiv von Herrn Füßl ist eine Schatzkammer ohnegleichen - doch nur ein kleiner Teil des Deutschen Museums. Umflossen von der grünen Isar liegen die steinernen Gebäude auf der Münchner Museumsinsel: Wer durch die Eingangspforte geht, gelangt in ein Universum. Die vielen Hallen beherbergen eine der bedeutendsten Sammlungen der Welt. Neben all den Dokumenten auch Zigtausende technische Geräte, Instrumente, Apparate, phantastische Erfindungen. In den Ausstellungen des Museums wird Technik in allen Facetten erlebbar.

Wie funktioniert eine Tiefseetauchkugel? Wozu dient eine Kniehebelpresse? Und was, bitte schön, ist ein Trautonium? Der Besucher steht vor einem hölzernen Kasten mit elektronischem Innenleben, ausgestellt in der Abteilung für Musikinstrumente, erstes Obergeschoss. Auf einer Tafel liest er: "Diesem Gerät entlockte der Forscher und Musiker Oskar Sala die furchterregenden Vogelschreie im Hitchcock-Film 'Die Vögel'." Ach, was! Und schon taumelt der Besucher weiter. 17 Kilometer muss zurücklegen, wer sämtliche Ausstellungen durchschreiten will. 50 Abteilungen kann besuchen, wer es wagt, sich für alle Themengebiete zu interessieren: Bergbau, Chemie, Druckverfahren, Luftfahrt, Raumfahrt, Optik, Mikroelektronik, Planetenforschung - es nimmt gar kein Ende.

Zwischen Düsenjägern und Geistesblitzen

Fast 1,5 Millionen Besucher kommen jedes Jahr, an vollen Tagen über 5000 Gäste, manchmal tummeln sich 200 Schulklassen während der Öffnungszeiten. Sie alle wollen staunen, lesen, hören und dabei gut unterhalten werden. Viele wollen auch hinzulernen, und genau dies ist neben dem Sammeln und Bewahren der Auftrag des Museums: Technik anschaulich vermitteln - von Errungenschaften aus der Steinzeit bis zur Nanotechnologie. Allein 2000 interaktive Exponate, Experimente und Demonstrationen laden zum Mitmachen und Ausprobieren ein. "Das Museum soll neugierig machen", so nennt es Herr Füßl. "Und in unserer schnellen Zeit des Wandels Wissenslücken schließen."

Um die Besucher schlauer zu machen, leuchten Displays, Touchscreens, Hologramme, es fliegen Funken und unter Donnern und weißen Blitzen fließt Starkstrom durch einen Faradayschen Käfig, in dem einer der 425 Mitarbeiter des Museums sitzt. Kaum ein Winkel, wo man sich nicht nach Belieben in technische Details und Raffinessen vertiefen kann. Wohl auch darum ist das Deutsche Museum das meistbesuchte des Landes. Ein Mekka für all jene, die sich für die unglaublichen Erfindungen des menschlichen Geistes erwärmen können.

Es ist Montagmorgen, längst sind die ersten Gäste da. In der Halle für Luftfahrt stehen zwei Jungen mit weiten Jeans auf einem kleinen Podest und blicken in das Cockpit eines alten Starfighters, der silbrig und in ganzer Größe dort steht. Ihre Handkanten haften auf der Scheibe: "Boah, krass!" Die Jungs blicken auf einen Wust von Instrumenten, den Steuerknüppel, den Schleudersitz.

Gegen heutige Gameboys uralte Technik. Doch damit flogen Piloten schon vor mehr als 50 Jahren durch den Himmel - doppelt so schnell wie der Schall. In der Pharmazieabteilung schlendert eine Familie durch eine begehbare menschliche Zelle, begibt sich sozusagen in ihr eigenes Innerstes. Die Mitochondrien sind 350.000fach vergrößert nachgebildet, der Zellkern schwebt über dem Kopf des Besuchers, umgeben vom endoplasmatischen Retikulum. Bio-Unterricht zum Durchspazieren.

Blickt man durch das Hauptgebäude, glaubt man, sich in einem irrwitzigen Spielzeugladen zu befinden. Schiffsmodelle sind ausgestellt, U-Boote, Raketen, historische Traktoren und ein kleines Männchen mit Blasinstrument in der Rechten: ein Trompeterautomat, anno 1810. In der Astronomie-Ausstellung steht der einstige Refraktor der königlichen Sternwarte Berlin. Mit dieser etwa vier Meter langen Holzröhre wurde 1846 der Planet Neptun entdeckt.

Ein derartiges Sammelsurium an Exponaten zu verwalten und gestalten ist keine leichte Aufgabe. Zuständig dafür ist Sabine Gerber-Hirt, Biologin und eine von über 40 Kuratoren, die für die Fachbereiche verantwortlich sind. Sie entscheiden, welche Exponate das Museum aufnimmt. Sie recherchieren, tauschen sich mit wissenschaftlichen Beiräten aus, prüfen Nachlässe, stöbern in weltweiten Archiven oder müssen künstliche Herzen und historische Hörgeräte auftreiben, wenn es gilt, eine Ausstellung zur Prothetik zu konzipieren. "Das Schöne an unserer Arbeit ist die enorme Bandbreite", sagt Sabine Gerber-Hirt. "Wir müssen uns ständig mit Fachfragen befassen gleichzeitig kommen wir auch mit vielen Menschen in Kontakt."

Nicht nur Experten und Technikspezialisten will das Museum erreichen, sondern auch und vor allem Laien, die hier die Faszination der Technik entdecken sollen. Damit das gelingt, hat das Museum 23 hauseigene Meisterwerkstätten, von der Spenglerei bis zur Abteilung für Flugzeugrestaurierung. In einem Kellerraum steht an diesem Nachmittag Sabine Köhl und betrachtet kritisch ein anschaulich vergrößertes Colibakterium aus Gips, sorgfältig per Hand um einen Hasendraht geformt. Frau Köhl trägt ein blaues Flanellhemd und Turnschuhe mit weißen Farbklecksen. Als Bildhauerin muss sie alle möglichen Teile für die Schauen anfertigen. Von der Pilotenpuppe bis zum haargenau nachmodulierten Primärtrieb einer Kartoffelpflanze.

Drüben in der Restaurierungswerkstatt für wissenschaftliche Instrumente werkelt derweil Thomas Rebényi an einem astronomischen Winkelmessgerät, einem Torquetum von 1600. Der gelernte Uhrmacher besieht sich das Gerät, stellt hier an einem Schräubchen, ölt dort ein Rädchen. Rebényi bekommt regelmäßig die sonderbarsten Stücke auf den Tisch, die er für Fundus oder Ausstellungen fein säuberlich herrichten muss. "Dazu müssen wir viel recherchieren, uns zunächst in jedes Teil, in jede Erfindung hineindenken." Für die Stücke, die sie restaurieren, schreiben die Spezialisten sogar Berichte.

Jedes ausgetauschte Ventil, jedes nachgeschmiedete Scharnier wird vermerkt. Handwerk als wissenschaftliche Präzisionsarbeit, um die Geschichte der Technik exakt zu belegen. Eine Sisyphusarbeit. Jedes Jahr wächst der Bestand des Museums um etwa 1000 Objekte. Ob eine vergessene Apparatur zum Zinngießen oder ein Original-Airbus. Dabei lehnt das Museum 97 Prozent aller Angebote und Funde ab, denn in die Archive gelangt nur, was in der Technikgeschichte eine interessante oder maßgebliche Rolle spielte.

Wie ausufernd die Bestände dennoch sind, ahnt nur, wer einmal einen Spaziergang mit Manfred Spachtholz unternimmt. Seit 27 Jahren arbeitet er in der Verwaltung für die dreidimensionalen Exponate, kaum einer kennt die verwinkelten Keller der Depots so gut wie er. In den Katakomben lagern auf fast 20.000 Quadratmetern 70.000 Teile: ein labyrinthisches Kuriositätenkabinett mit sagenhaften Trouvaillen.

Das Licht ist gedämpft hier unten, die Luft ein wenig mehlig. Irgendwann haben sie es aufgegeben, mit dem Abstauben nachzukommen. Herr Spachtholz geht langsam, fährt eine Hebebühne hinab, öffnet Türen. Immer mehr Gänge tun sich auf. Ganze Fluchten voller Regale, Schränke, Truhen, Kisten.

Im Aufnahmeraum wird jedes Artefakt registriert, und schon hier türmen sich die Neuankünfte. Ein Übungskörper aus der Chirurgie wird gerade etikettiert ein alter Orgelkasten vermessen. Daneben stapeln sich Genomsequenzer, chinesische Deckelvasen, ein Plastizitätsprüfer nach Pfefferkorn nebst vietnamesischen Elefantenfiguren, die eines Tages für einen Themenschwerpunkt in der Keramikabteilung dienen könnten. Zusendungen aus aller Welt landen im Museum, aber auch Kurioses aus der Heimat. So wie ein Glaskasten, der auf einem Wägelchen jetzt seinem musealen Schicksal entgegenrollt. Darin befinden sich alte Proben, die Beschriftung gibt zu verstehen: "Lehmboden der choleraimmunen Ortshälfte von Aubing bei München." Manchmal tauchen solche Funde aus dem Nichts auf. Wochenlang wird dann recherchiert, um so ein Exponat verstehen und einordnen zu können.

Herr Spachtholz kratzt sich am Hinterkopf. Nein, ganz einfach sei es nicht, angesichts der Fülle von Museumsstücken den Überblick zu behalten."Aber ist es unsere Aufgabe, auch ausgefallene Stücke zu bewahren, sie sind nun mal Zeugen dafür, wie sich die Technik über Jahrhunderte entwickelt hat."

Weit unter der Erde der nächste Raum, die Depots sechs bis zehn: Magnetismus, Chemie, Akustik. Vielleicht scheint draußen gerade die Sonne, vielleicht ist es längst dunkel. Hier unten verliert sich jedes Gefühl für die Zeit, während man die endlosen Regale mit den technischen Wunderwerken durchtaucht, die der Mensch in den verschiedensten Epochen ersonnen hat.

Und dann begreift man. Das Deutsche Museum ist nicht nur ein Museum - vielmehr eine Hommage an die einzigartige Fähigkeit des Menschen, unermüdlich zu tüfteln und zu erfinden. Aus dem Nichts ein Ding zu erschaffen. Licht ins Dunkel zu bringen. Und ganz langsam die Welt zu erobern.

Autor:
Marc Bielefeld