München Bayrische Biergarten-Kultur

Gemütlich, gesellig, gastfreundlich - nirgendwo spiegelt sich die bayerische Selbstdefinition besser als in den Biergärten der Stadt, den schattigen Oasen der Bierseligkeit. Ob am Chinesischen Turm, im Augustiner oder im Max Emanuel, die Kultur des Biergartens - wo die Studentin neben dem Klempner sitzt, und am Nachbartisch der Konzernchef - ist so lebendig wie eh und je und das Prinzip denkbar einfach: Bierbänke und -tische unter dem Dach alter Kastanien, dazu ein Ausschank, an dem pausenlos frischer Gerstensaft in mächtige Maßkrüge gezapft wird - mehr braucht der Münchner nicht für sein gold-gelbes Sommerglück.

Sobald der Föhn den Frühling über die Alpen bläst, werden die Biergärten zu den zweiten Wohnzimmern der Städter. Morgens ab 10 Uhr kommen die ersten Gäste, zur Mittagszeit werden die Plätze rar, bis um 10 Uhr abends, wenn die letzte Maß über den Tresen geht. Obwohl die einheitliche Sperrstunde an der Isar längst gefallen ist, die Biergärten schließen pünktlich um 23 Uhr. 1995 hatten Anwohner der Waldwirtschaft in Großhesselohe wegen Lärmbelästigung geklagt und Recht bekommen: Um 21 Uhr ist Zapfenstreich und um 21.30 Uhr Kehraus, so das Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichts, das einen Volksaufstand provozierte.

Die Münchner gingen auf die Barrikaden. Rasch wurde ein "Verein zur Erhaltung der Biergartentradition e.V." gegründet, 25.000 Menschen demonstrierten, Ho-Ho-Hoch die Maß, auf dem Marienplatz gegen die neue Verordnung, mit weiß-blauen Transparenten und Slogans wie "Ja spinnts Ihr denn?". Die wohl unpolitischste Revolution aller Zeiten war siegreich: Eilig hob die Landesregierung den Richterspruch auf - nachdem sie sich selber noch rasch an die Spitze der Bewegung gestellt hatte.

Tatsächlich aber ist der Biergarten eine friedvolle Idylle: Anders als im Hofbräuhaus oder auf dem Oktoberfest landet hier das Kleingeld niemals im Ausschnitt der Tischnachbarin, sondern in der Kasse, für eine neue Maß. Raufereien gibt es genauso wenig wie fliegende Bierkrüge, nur der Zigarettenrauch schwebt friedlich in Richtung Baumkronen. Kinder spielen zwischen den Tischen, während ihre Eltern sich auf Bänke pressen, die nur so breit sind wie ein Bierkrug hoch.

27 Zentimeter misst eine Maß, genau ein Liter passt in die gläsernen Krüge. Und im Schnitt trinkt jeder Bayer mehr als 170 davon im Jahr, das sind 50 Liter mehr als im Rest Deutschlands.

Es geht im Biergarten aber auch um Essen: Hendl, Steckerlfisch oder Obazda mit Breze - das ist typisch. Noch typischer ist es, die eigene Brotzeit mitzubringen. Das ist Brauch, seit im 19. Jahrhundert in München die Biergärten entstanden. Damals konnte das frisch gebraute Bier nur in Bierkellern an den Hängen der Isar gekühlt werden. Da erlaubte König Ludwig I. den direkten Verkauf des Biers in und vor den Kellern, nicht aber das Servieren von Speisen. Die brachte man mit. Immer wieder gibt es Gerüchte, der Verzehr der mitgebrachten Brotzeit werde verboten - aber das wird nicht passieren. Die Brotzeit im Biergarten ist Tradition, von der sich die Münchner nur ungern trennen. Sonst droht die Brotzeitrevolution.

Wo die Resi mit dem Radi ... In vielen Biergärten werden heute auch Speisen serviert. Doch meist ist das Mitbringen erlaubt.

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Autor:
Jan Kirsten Biener