Moskau Dynamische Hauptstadt Europas

Beim Anflug auf Moskaus Flughafen Scheremetjewo sieht man zwischen Wäldern und Wiesen die Ausläufer der Moskwa, die hier fast wie ein See wirken. Im Sommer ist es ein Segelparadies mit etlichen Yachthäfen, die in den letzten Jahren ebenso entstanden sind wie Villen für die neuen Reichen.

Die Fahrt vom Flughafen ins Zentrum begleitet ein dichtes Spalier großflächiger Werbespots. Wo in der Sowjetzeit triste Dunkelheit herrschte, machen nun grelle Neonreklamen und strahlend angeleuchtete Gebäude die Moskauer Nächte bunt und schrill. Moskau funkelt und leuchtet. In der einst grauen Stadt sind die Farben explodiert.

Seither wird Russlands Metropole auch von einem unbeschreiblichen Bauboom erfasst. Neben gründlich restaurierten Adelspalästen und Kirchen ragen nun postmoderne Prunkbauten in den Himmel: mächtige Wolkenkratzer, mit Apartments für den neuen Mittelstand.

Moskaus Panorama verändert sich rasant. Schon in den neunziger Jahren erhielt die Stadtsilhouette mit der wieder aufgebauten Christi-Erlöser-Kathedrale neue Goldkuppeln, die mit den Kreml-Kirchen um Glanz und Pracht konkurrieren.

Begonnen hatte alles mit Fürst Jurij Dolgoruki, dem ein beeindruckendes Denkmal an der Twerskaja gegenüber dem Bürgermeisteramt gesetzt worden ist. Er gründete im 12. Jahrhundert eine Holzfestung, an der Stelle, wo sich heute der Kreml befindet. Kreml heißt Burg oder Festung, und einen Kreml hatte jede altrussische Stadt. Das Moskauer Kremlgelände ist oft Schauplatz von Konflikten, Brandschatzungen und Bedrohungen gewesen, lange bevor die Sowjets auf den Hügel über der Moskwa einzogen und der Kreml das Symbol für die Weltmacht wurde.

"Über der Stadt ist der Kreml, über dem Kreml ist nur Gott", so lautet ein russisches Sprichwort. Auch nach der Oktoberrevolution, als kein Gott mehr über dem Kreml sein sollte und die Glocken der vielen Kathedralen innerhalb und außerhalb der Kremlmauern schweigen mussten, blieb er Machtzentrale. Wo einst Iwan der Schreckliche von seinem Elfenbeinthron das russische Reich beherrschte und später eine deutsche Prinzessin in prächtiger Robe zur Krönung schritt, um als Zarin Katharina II. neue Länder zu erobern, da wehte mehr als 70 Jahre lang die rote Fahne mit Hammer und Sichel, und die über zwei Kilometer lange Rote Mauer schien noch höher geworden zu sein.

Wie die Zarenmacht, so verging auch die Macht der Kommunisten, ein neuer Präsident zog zur Jahrtausendwende als Hausherr in den Kreml ein, der wie keiner vor ihm "der neue Zar" genannt wurde: Wladimir Putin, der Mann, der Judo kann und deutsch spricht, der Russland stabilisiert hat und mit dem einstigen deutschen Bundeskanzler Schröder befreundet ist, der sich mit den Oligarchen seines neuen Reiches anlegte und die Pressefreiheit einschränkte.

Als Wohnsitz zogen alle Kremlherrscher nach Lenin jedoch noble Villen als Wohnsitze außerhalb des Kreml an der Peripherie der Megametropole vor. "Der Präsident fährt in seinem gepanzerten Mercedes in den Kreml", schimpfen die Moskauer, wenn sie mittags gegen 12 Uhr im Taxi oder Bus festsitzen, weil im Zentrum nichts mehr geht. Dann fühlen sie sich womöglich in schlimmste Breschnew-Zeiten versetzt. Aber ändern können sie es nicht: Der übrige Verkehr steht still. Doch mit Putin ging es in Russland endlich wieder bergauf. Das Land erlebt seither ein Wirtschaftswunder wie noch nie.

Neben dem Kreml erstreckt sich der Rote Platz - weit, windig und den Russen fast heilig. Hier ruht im pompösen Mausoleum seit mehr als 80 Jahren Lenin, und immer noch gibt es Schlangen von Menschen, die an seinem Glassarg vorbeidefilieren. Doch es wird öffentlich heftig diskutiert, ob das Mausoleum geschlossen werden sollte. Der Rote Platz bleibt nach wie vor der symbolreichste Ort Moskaus. Zeremonien werden heute auf dem Platz ebenso begangen wie in der Sowjetzeit, doch zunehmend finden auch Feste und Events statt, etwa in der Silvesternacht, wenn Tausende dort tanzen und mit Champagner anstoßen. Modeschauen und Mode-Shootings oder Pop-Konzerte sind ebenso selbstverständlich wie seit dem Winter 2006/07 die Eisbahn.

Peters Traum und 200 Jahre im Schatten von St. Petersburg

Ringförmig um den Kreml herum entwickelte sich die Stadt, deren Anlage an die Jahresringe eines riesigen Baumes erinnert. Diese Jahrhunderte, die Moskau gestaltet haben, sieht man der Stadt an. Bei Spaziergängen trifft man teilweise noch auf Mittelalterliches. Moskau ist die vorpetrinische altrussische Metropole und dann wieder das nachrevolutionäre sowjetische Zentrum. Peters Traum, die Hauptstadt des russischen Reiches an die Ostsee zu verlegen, wurde auf Kosten Moskaus verwirklicht. 200 Jahre, bis 1918, war Moskau zur Provinzstadt degradiert und erlebte eine ganze Epoche im Schatten der Hauptstadt Petersburg.

Im Krieg mit Napoleon verbrannten in der Stadt 1812 drei Viertel aller Häuser und die Hälfte der Kirchen. Alexander I. ließ Moskau im russischen Empire-Stil wieder aufbauen.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts prägten reiche Kaufleute das Bild der Stadt: Zweistöckige Wohnhäuser und Villen entstanden. Um die Jahrhundertwende - Moskau wuchs und prosperierte - wurden zahlreiche Jugendstilbauten (Stil Modern) gebaut, erstmals auch mehrstöckige Wohnhäuser. Man findet sie vor allem am Kusnezki Most, in den Seitenstraßen des Arbat, in Kitai-Gorod und in der Pretschistenka.

In Sowjetzeiten ließ Stalin Mitte der 30er-Jahre einen "Generalplan zur Rekonstruktion Moskaus" erstellen. Der Plan sollte den Bedürfnissen der schnell wachsenden Stadt entsprechen. Holzhäuser und enge Gassen verschwanden weitgehend im Zentrum, und die Twerskaja wurde auf 42 Meter verbreitert. Doch vieles wurde nicht verwirklicht, weil durch den Zweiten Weltkrieg andere Prioritäten gesetzt wurden. Danach wuchsen markante Bauten in den Himmel: Stalins sieben Hochhäuser, die der Stadt bis heute eine sichtbare Struktur geben. Sie sind das Markenzeichen Moskaus und zugleich Symbol von Macht und Größe. Die heutige Metropole imitiert sie nun und ist aber doch noch auf der Suche nach seinem neuen Stil. Die neuen Bauten verwandeln Moskau in eine Kulisse, die sich zur Phantasmagorie einer ebenso neuen wie traditionalistischen Wohlstandswelt zusammenfügt.

Russlands Wirtschaft hat sich erholt, und das ist in Moskau allerorts sichtbar. Heute ist der Großteil des Landes privatisiert, das Staatseigentum geplündert. Mehr als zehn Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und einem leidvollen schwierigen Transformationsprozess wurde Russland der offizielle Status einer Marktwirtschaft zuerkannt. Kein Ort in diesem riesigen Land bündelt den Aufbruch und das neue Lebensgefühl so wie Moskau, die teuerste Stadt Europas. Die Moskauer Börse boomt, der Haushalt ist im Plus, und die Chancen scheinen grenzenlos. Während Putins Regierungszeit wurde ein starker Staat propagiert und eine Verwaltungsreform durchgesetzt. Das "gierige Moskau", wie Russlands großer Poet Alexander Puschkin es nannte, ist eine Megametropole. Trendige Restaurants, schräge Clubs, edle Designershops und sinnlich dampfende Banjas machen Lenins Metropole der Weltrevolution zu einem Mekka der Glückssucher. Die Wirklichkeit überholte die kühnsten Visionen, die in den frühen Neunzigern nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion entstanden.

Keine Stadt konzentriert das neue russische Selbstbewusstsein so wie Moskau. Hier träumt keiner mehr vom Westen. Das war Anfang der Neunziger noch anders, als die Armee das Parlament in Brand setzte und der Raubtierkapitalismus Einzug hielt. Seitdem ist nichts mehr, wie es war. Wenn damals ein Land einen annähernd demokratischen Prozess bewusst erlebt hat, dann war es Russland. Der Sieg der Marktwirtschaft über den Kommunismus ist nirgendwo sonst so sichtbar wie in der ehemals sprichwörtlichen Höhle des Löwen. Moskau verändert sich rasend schnell. Die Stadt ist bunt und bizarr, wild und maßlos, doch lebendiger als je zuvor.

Auch die Menschen haben sich verändert: Eine jüngere Generation ist zum Zuge gekommen. Eine völlig neue Schicht ist entstanden: "swetskije Ljudi" nennen die Moskauer sie, Menschen im Licht. Es sind die "happy few" der russischen Metropole, die in den letzten Jahren unglaubliche Karrieren gemacht haben - elitär, reich und selbstbewusst. Sie streben mit großer Energie nach einem westlichen Lebensstil. Doch das Klischee, dass es in Russland nur ganz Reiche und ganz Arme gibt, stimmt nicht. In Russland - und speziell in Moskau - wächst eine Mittelschicht, die vom Aufschwung der letzten Jahre profitiert, dazu gehören schon etwa 30 Prozent der Moskauer. Wer daran zweifelt, muss nur einmal am Wochenende zu Ikea fahren und die sich drängelnden einkaufenden Massen beobachten, und alle Zweifel schwinden. Oder man setzt sich in eines der Cafés an der Twerskaja, in denen 20 verschiedene Sorten Kaffee angeboten werden und die immer voll sind mit jungen Moskauern.

Keine Angst vor dem Moskauer Winter! Im Winter sind die Tage zwar kurz, aber nicht atemlos. Denn in der kalten trockenen Luft lässt es sich leichter atmen, die Moskauer Kälte lässt sich besser ertragen - auch bei minus 20 Grad - als weniger Minusgrade anderswo. Und neben den goldenen Kuppeln, die schwere weiße Schneemützen tragen, bieten Moskaus Winter mancherlei Vergnügungen: Skilaufen auf den Sperlingsbergen, Eisschwimmen in der Moskwa, Schlittenfahren in den Parks, Schlittschuhlaufen im Gorki-Park und auf dem Roten Platz. Der Zauber des verschneiten Moskaus ist kaum zu beschreiben, selbst auf den viel befahrenen Straßen bildet sich dann eine dicke Schneedecke, die allen Lärm erstickt. Das weiße Moskau glitzert bei Sonne im Licht, wirkt rein, weich und fast weiblich. So wie Lew Tolstoi die Stadt in "Krieg und Frieden" beschrieb: "Jeder Russe fühlt beim Anblick Moskaus, dass er auf eine Mutter blickt. Und wenn der Fremde dies nicht versteht, so muss ihn dennoch ein starkes Gefühl vom weiblichen Charakter Moskaus ergreifen."