Mongolei Reise durch Tradition und Moderne

"Habt ihr ein Glück", meinten die einen. "Ihr seid verrückt", sagten die anderen. Der Flug ist reserviert, eine Unterkunft wird gestellt. Was sollte daran verrückt sein? Dass wir verliebt sind und das Abenteuer zu zweit wagen? Zusammenleben auf engstem Raum, Arbeit und Alltag teilen ohne Fluchtmöglichkeiten. Wir beide, Beate und Harry, empfinden es als großes Glück. Wir sind aufgeregt und gespannt auf das, was uns erwartet. Unser Ziel ist kalt, leer, trocken und weit, weit weg. Die Mongolei, 7000 Kilometer und elf Flugstunden entfernt, ist fast viereinhalb Mal so groß wie Deutschland, wird aber nur von drei Millionen Menschen bevölkert. Eine Million davon lebt in Ulaanbaatar.

Ulaanbaatar klingt exotisch und vielversprechend. Werden wir es schaffen, uns dort zurecht zu finden, zu unterrichten und trotzdem noch ein wenig von dem fast menschenleeren Land kennenzulernen? Dschingis Khan nennen sie den Flugplatz von Ulaanbaatar und Ulaanbaatar "UB", sprich "You Be". Dort begrüßt uns die Mongolei bei minus 15 Grad Celsius mit orangerotem Morgenhimmel über schneebedeckten Bergen. Weniger idyllisch ist die Fahrt in unsere Unterkunft über holprige Straßen, vorbei an Bretterzäunen, hinter denen wir Slums vermuten. Es stinkt nach Braunkohle ... aber die Sonne scheint.

Im Studentenwohnheim steht uns eine einfache kleine Wohnung zur Verfügung. Auf den Gängen riecht es nach schmutziger Wäsche, verstopften WCs, verkochtem Essen. Alles scheint provisorisch, jede Tür sieht anders aus, überall hängen Kabel, von Anstrich keine Spur, dafür Gitter vor den Fenstern. Unsere erste - ausnahmsweise gemeinsame - Unterrichtsstunde: Dulguun, Nyamka, Soko, Agii … nur langsam können wir uns die Namen unserer zehn weiblichen und vier männlichen mongolischen Studenten merken. Anfänglich spüren wir eine große Zurückhaltung. Unsere Zuhörer lassen den Kurs über sich ergehen, schlafen ganz ungeniert über ihrem Pult ein. Doch als sie merken, dass wir aufgeschlossen für Fragen und kontroverse Gespräche sind, öffnen sie sich. So entwickelt sich eine Diskussionskultur im Klassenzimmer, ein Selbstbewusstsein der Studenten, das sich wohltuend abhebt von der sonst üblichen Hörigkeit und dem blinden Vertrauen in ausländische "Experten".

Für Harry und mich ist dies ebenfalls Neuland: Erstmals arbeiten wir zusammen, lernen uns als Kollegen kennen. Natürlich hätte es Konflikte geben können, denn wir bedienen durchaus die üblichen Geschlechterrollen: Einerseits der naturwissenschaftlich denkende diplomierte Wirtschaftsingenieur, andererseits die geisteswissenschaftlich geprägte Journalistin. Doch ich bewundere Harrys ruhige, überlegte und anschauliche Art zu präsentieren. Seine systematischen Tabellen und erklärenden Grafiken kommen gut an bei den Studenten. Und er versichert mir, wie sehr er meine eher emotionale und intuitive Unterrichtsweise schätzt.

An den unterrichtsfreien Wochenenden machen wir uns auf, unseren neuen Lebensraum genauer zu erforschen. UB ist eine erschreckend verschmutzte Metropole, die jedoch ein ungewöhnliches Kontrastprogramm präsentiert: halbfertige Hochhäuser neben viktorianisch anmutenden Villen, luxuriöse Boutiquen und verwahrloste Plattenbauten säumen die Straßen, viel stalinistische Architektur. Zwischen kantigen Betontürmen wirken die buddhistischen Tempel mit ihren geschwungenen Dächern wie Reste einer verlorenen Welt. Es versöhnt ein großartiges Theater mit russischem Ballett und italienischen Opern. Die neue Oberschicht demonstriert ihren Reichtum mit panzerähnlichen Vehikeln wie dem Hummer.

Das Straßenbild prägen viele junge Leute. Drei Viertel aller Mongolen sind unter 35. Es ist auffallend, dass es eher Frauen sind, die sich im Stadtleben zurechtfinden, die ihr Studium beenden, einem Job nachgehen und den Unterhalt für die Familie aufbringen, während viele Männer mit der postkommunistischen Realität nicht klarkommen und nicht wenige in den Alkohol flüchten. Der Norden der Stadt gleicht dem Szenario eines Endzeitfilms. "Ger camps" nennt man üblicherweise eine Ansammlung von Jurten, den traditionellen Zelten der Nomaden: In UB sind die "Ger camps" jedoch so heruntergekommen, dass sie als Synonym für die Slums rund um die Stadt gelten.

Müll, Bauschutt und verrostete Autoteile sammeln sich um Hunderte von Jurten. Aus den Kaminrohren jeder Behausung quillt gelber stinkender Rauch und verpestet die Luft. Die Menschen feuern in ihre Heizöfen, was billig ist und lange brennt. Besonders begehrt sind derzeit alte Autoreifen, die kostengünstig aus Japan importiert werden. Das alles vor einer grandiosen Bergkulisse im Abendrot. Beklommen schauen wir auf das apokalyptische Bild - nur 300 m entfernt vom Vier-Sterne-Luxus-Hotel Dschingis Khan …

Karaoke und Ovoo

Ulaanbaatar ist schwer erträglich für die meisten Mongoleibesucher. In jeder Hinsicht anders zeigt sich das Leben auf dem Land, in der weiten Wildnis. An vorlesungsfreien Wochenenden treibt es uns hinaus aus der Stadt, um die andere Mongolei zu entdecken. Um Lärm, Staub und Hektik von "You Be" zu tauschen gegen absolute Stille, klare Luft und wunderbare Ruhe der Steppe. Für Nomaden, so erklären uns Studenten, macht es keinen Sinn, für die Zukunft zu planen, Vorräte anzulegen oder in Kategorien wie Leistung zu denken. Werte wie Solidarität und Gemeinschaft bestimmen den Alltag und machen das Überleben in der Steppe möglich. Werte, die in der Großstadt ihre Bedeutung verloren zu haben scheinen.

Begleitet werden wir von unserer Dolmetscherin Duuya, die wie viele junge Mongolen im Spannungsfeld zwischen Tradition und westlicher Zivilisation lebt. Sie ist in Ulaanbaatar aufgewachsen und leitet eine kleine Reiseagentur. Wie alle hier trägt sie westliche Kleidung und besucht gerne Karaoke- Bars. Doch ebenso selbstverständlich spricht Duuya von Schamanen, nähert sich keinem Friedhof, um die Geister der Toten nicht zu stören und ergreift nie das Wort, wenn ältere Menschen miteinander reden. Und natürlich glaubt sie an Ovoos und befolgt die vorgeschriebenen Zeremonien.

Obwohl Harry diesen Ritualen als Naturwissenschaftler eher skeptisch bis erheitert begegnet, halten wir an einem Ovoo. Die mit blauen Tuchfetzen geschmückten Steinhaufen, Stangen oder Pfähle an Distriktgrenzen und auf Berggipfeln sollen die Seelen Verstorbener beheimaten, die sich in festgelegten Zeremonien offenbaren. Je nachdem, ob der Schamane den Ovoo als männlich oder weiblich erklärt hat, fallen die Beigaben der Gläubigen aus: Fleisch und Wodka für die Männer, Milchprodukte und Blumen für Frauen.

Traditionell umrundet jeder, der eine Reise antritt und den Schutz der guten Geister dafür erbitten möchte, den Ovoo dreimal im Uhrzeigersinn und legt bei jeder Runde dreifach etwas dazu - einen Stein, einen Geldschein, eine Haarspange, ein Bild des Dalai Lama oder mit Wodka gefüllte Plastikbecher. Harry erweist sich nicht als Spielverderber und umkreist mit mir zusammen den Steinhaufen dreimal im Uhrzeigersinn, um die Reise- und sonstigen Götter gnädig zu stimmen. Wir wünschten uns, die Nacht bei einer Nomadenfamilie zu verbringen. Duuya, die alles für uns organisiert hat, nutzt den Zwischenstopp in einem einsamen Jurtendorf, um uns die wichtigsten Verhaltensregeln zu erklären.

Plötzlich taucht eine zerbrechlich wirkende Mongolin mit zerfurchtem Antlitz auf. Sie trägt eine bunte Tracht und in den Armen hält sie ein blutjunges, neugeborenes Zicklein. Von weit her hat sie es gebracht, um es im Hof vor Wölfen, Wind und nächtlicher Kälte zu schützen.Verwundert und fasziniert betrachtet die Nomadin Harrys weißgelockte Haarpracht, so etwas hatte sie zuvor noch nie gesehen. Doch so neugierig sie ist, sie hält zunächst wie alle Mongolen höflich Abstand. Doch dann lädt sie uns, obwohl wir fremd sind, zum Tee ein. Gastfreundschaft ist hier ehernes Gesetz, es gibt keine ungeladenen Gäste, jeder ist willkommen. Serviert wird das Nationalgetränk, salziger Milchtee. An den fremdartigen Geschmack werden wir uns nur langsam gewöhnen.

Es ist schon fast Nacht, als wir in Bayangobi von der Straße abzweigen und vor der atemberaubenden Kulisse der schroffen, im Abendlicht tiefroten Berge quer durch die Wüste zu unserem Quartier fahren. Wir folgen einer Einladung des Nomaden Manal Tseden, seiner Tochter Bayarbat Manal und ihres Mannes Battsetseg Chuluundorjlade. Wie wir von Duuya gelernt haben, betreten wir ihr Zuhause wie es sich gehört: Wir achten darauf, nicht die Türschwelle zu berühren. Und Harry als offensichtlich ältester unter den Männern hat den Vortritt - ein Vorrecht, das seiner ritterlichen Haltung gegenüber dem weiblichen Geschlecht so gar nicht entspricht.

Bis ans Ende des Universums

Danach folgen der Hausherr und wir Frauen. Auf ein Zeichen der Gastgeber nehmen die Männer auf niedrigen Hockern am Tisch Platz. Während wir Frauen auf einem der beiden Betten im Hintergrund bleiben - auf der Westseite der Jurte, neben Fernseher und Tiefkühltruhe. Die Ostseite ist für die Familie reserviert, dort stehen neben dem kleinen Altar mit einer Buddha-Figur auch die Familienfotos.

Wieder wird uns gesalzener Milchtee serviert. Duuyas Anweisung folgend nehmen wir die Schale mit der rechten Hand in Empfang, genau wie die frittierten Kekse dazu. Angesichts meiner offensichtlichen Probleme beim Jonglieren mit Milchschale und Keksen hat Manal ein Einsehen und bittet auch uns zwei Frauen an den Tisch, wo uns alle eine fett- und fleischreiche Nudelsuppe erwartet.

Duuya bestreitet derweilen die Konversation. Drei Themen sind absolut tabu, erfahren wir: Man fragt nie nach der Zahl der Tiere, die eine Familie besitzt. Man spricht nie über die Beziehung zwischen Mann und Frau. Man fragt nicht nach dem Alter. Zunächst erstaunt uns das ein wenig. Doch nicht sehr lange: Bei uns käme auch niemand auf die Idee, beim Antrittsbesuch zu fragen, wie viel Geld der Gastgeber auf dem Konto habe, wie es denn um seine Ehe bestellt sei, und ob er tatsächlich so alt wäre, wie er aussähe. Dennoch sind die Unterschiede enorm: Begriffe wie Zukunft, Planung, Eigentum spielen bei den Nomaden im Vergleich zu unserer Kultur kaum eine Rolle. Im Umgang mit der Natur, schrieb die Ethnologin Amélie Schenk, gelte das Gesetz: "Nicht Dir gehört das Land, sondern Du gehörst zum Land."

Gemeinsam ist uns trotz Fremdheit und Sprachbarriere die Bewunderung des Sternenhimmels: So fernab jeder Stadt und jeglichen künstlichen Lichtes meint man, in der klaren, trockenen und eiskalten Wüstenluft bis ans Ende des Universums schauen zu können. Das Bild vom hellen Vollmond über der unendlichen Weite wird uns unvergesslich bleiben. Als das junge Nomadenpaar sich nach getaner Arbeit in der Jurte zu uns gesellt, erkennen wir die beiden zunächst nicht wieder: Statt mongolischer Tracht trägt Battsetseg ein modisches T-Shirt mit enger Hose, Bayarbar ein sportliches Hemd mit Jeans. Beide lachen, machen Spaß miteinander und mit uns. Keine Spur mehr von Förmlichkeit. Den Tisch räumen wir zur Seite, breiten einen Teppich auf dem Boden aus und erlernen das berühmte Knöchel-Spiel, eine Art Mikado mit Schafsknochen.

Schließlich wird es Zeit ins Bett zu gehen - ohne Abendtoilette, denn es gibt weder Wasser noch WC. Unsere erste gemeinsame Nacht in einer Jurte. Draußen schlägt der Sandsturm gegen die Filzwände, drinnen bullert gemütlich warm der Ofen. Wie sich herausstellt, nächtigt ein Paar selten allein in der weiten Mongolei. Meist schläft die ganze Familie zusammen, dazu gesellen sich gerne Nachbarn, Freunde und Besucher. Harald und ich dürfen eines der beiden Betten belegen. Für hiesige Verhältnisse ein Luxus, denn normalerweise schlafen Gäste zusammen mit den Kindern auf dem mit Teppichen ausgelegten Jurtenboden.

Die Nacht gestaltet sich allerdings weit weniger romantisch als erhofft. Denn es wird eisig kalt! Wir drehen und wenden uns, um zumindest eine Körperseite am anderen zu wärmen. Doch in der gleichen Zeit kühlt die andere Seite wieder empfindlich ab. Dankbar begrüßen wir nach einer halb durchwachten Nacht die ersten Lichtstrahlen, die durch das Loch im Jurtendach fallen. Der spektakuläre Sonnenaufgang draußen entschädigt uns für alles: Langsam schiebt sich die goldene Scheibe über den Horizont, erleuchtet nach und nach die weite Wüstenlandschaft. Der Panoramablick auf die unberührte Landschaft versöhnt uns mit der lausig kalten und ungemütlichen Nacht.

Die Kühe stehen bei Sonnenaufgang schon abmarschbereit. Die Schafs- und Ziegenmütter werden gemolken, die jungen Zicklein und Lämmer gesäugt, danach geht es auf zur Weide - die älteren Tiere gemäßigten Schrittes, die Jungen springend und hüpfend. Auch Herr und Frau Kamel strecken die Glieder, erheben sich und wandern stolz erhobenen Hauptes in die Weite der mongolischen Landschaft. Als wir später Arm in Arm im Auto sitzen und über die Holperpiste zurückfahren nach "You Be", durchströmt uns ein warmes Glücksgefühl - "We are".
Autor:
Beate Kuhn-Delestre