Mongolei Hart im Nehmen: Mongolenpferde

Die große mongolische Geschichte ist ohne sie nicht denkbar - Reiche wären nicht zerborsten, Dynastien nicht zerbrochen, Städte nicht dem Erdboden gleichgemacht - hätte Dschingis Khan nicht seine Pferde gehabt. Sie trugen ihn von seinen zentralasiatischen, kargen Weidegründen bis zum Aralsee und seine Horden bis in die reichen, satten Länder Mitteleuropas, unvorstellbare 100 bis 130 Kilometer am Tag. Ihnen hat Dschingis Khan seinen furchtbaren Ruf zu verdanken - sie sollen, so russische Geschichtsschreiber, seine Feinde sogar gebissen haben. Nur mit ihrer Hilfe konnte er seinen Blitzkrieg führen - 750 Jahre vor Erfindung von Panzern und Jagdflugzeugen. Dann drehte er mit seinen Truppen um, diszipliniert und gut organisiert, wie er gekommen war. Was blieb, waren Angst und Schrecken.

Was aber ist aus den galoppierenden Wunderwaffen Dschingis Khans geworden? Was macht sie zum großen Traum eines jeden Freizeitreiters?

Da stehen sie nun auf einer Bergsteppe im Terelj-Park, die direkten Nachkommen jener sagenhaften Pferde, die ihre Hufabdrücke auf der halben Welt hinterlassen hatten. Drei apathisch wirkende Tierlein - zwei Füchse, ein Fuchsschecke -, für unser Empfinden bestialisch an einem Stück quer gespannten Draht per Strick aufgehängt, oben festgezurrt, unten mit Fußfesseln, so wie es in der Mongolei schon immer gewesen ist. Sie schauen aus wie die hässlichen armen Verwandten, derer sich die große elegante Equidenfamilie schämen muss: stämmige, kleinwüchsige, zottelige Tiere zwischen 1,25 und 1,45 Meter Widerristhöhe. Also Ponygröße.

Halb wild - kaum, dass ich mich ihnen nähere, drehen sie mir ihr Hinterteil zu. Der Kopf im Verhältnis viel zu groß, zu grob. Die Ohren zu klein, der Hals zu untersetzt, die Brust zu breit. Im Rücken viel zu mager, zu schlecht bemuskelt die Hinterhand, die Beine wie Säulen. Ihre Erscheinung ungepflegt - die Mähne ratzfatz abgeschnitten, der Schweif abgetreten, die Hufe ohne Eisen, glanzlos das Fell, nicht einmal einen Namen haben sie. Ich bin enttäuscht.

Doch die hässlichen Zottel sind in Wahrheit Helden. Denn das, wofür wir die Mongolei lieben und woran sich seit 800 Jahren nichts geändert hat - die große, wunderbar leere Landschaft -, konnten die Nomaden bis heute nur mit Hilfe eben dieser Pferde bewältigen. Auf die 2,4 Millionen Einwohner kommen noch immer zwei Millionen Pferde; in keinem anderen Land der Welt gibt es so viele Pferde proportional zur Bevölkerung.

Und noch ein Superlativ: Die Mongolenpferde sind die härteste Pferderasse von allen. Denn im natürlichsten Langzeittest der Welt entwickelten sie sich seit 4000 Jahren - die ältesten Aufzeichnungen über Pferde findet man hier bereits 2000 v. Chr. - zu extrem zähen Burschen. Eine Rasse also, entstanden aus jahrtausendelanger, gnadenlos harter Selektion. Dieser Langzeittest ist der neunmonatige Winter in einer Höhensteppe, in der es bis zu minus 40 Grad kalt werden kann. In der Wölfe und Stürme die Pferde massiv bedrohen und eine dünne, nährstoffarme Grasnarbe unter der Schneedecke die einzige Nahrung bietet. In der Steppe braucht es weder Schönheit noch Eleganz oder Springvermögen, sondern die Fähigkeit, zu überleben. Was die kleinen unansehnlichen Tiere unter diesen Extrembedingungen schaffen, sind Spitzenleistungen.

Mongolen gelten als begnadete Reiter

Wir reiten. Sanjaa, der o-beinige, rotwangige Nomade in seinem del, dem wattierten Mantel, immer voran. Bequem lümmelt er sich in den emeel, den traditionellen Holzsattel, der für Matthieu und mich ein Martyrium wäre - ein hohes, beinhartes Holzgestell, dessen viel zu enge Sitzfläche zusätzlich noch durch erhabene Metallknöpfe irritiert. Beim schogschoo, dem Trab, steht man in den viel zu kurzen Bügeln, alchaa und davja, Schritt und Galopp, hingegen werden ausgesessen. Nomade Sanjaa summt ein Lied, zockelt voraus, ich hinterher, nur keine Experimente, gegen die abertausend Jahre alte Reitweise kommst du nicht an!

Fotograf Matthieu ist unbelasteter, macht eine flotte Bewegung, raschelt mit seiner Plastikdaunenjacke und - wusch, ab geht die Post in die Steppe. Das ist der Moment, wo die berauschende Weite Angst machen kann! Matthieus flotter Feger ist eine Rennmaus, die sich nun mal nicht wie ein Motorrad bremsen lässt.

Mongolenpferde können auch erstaunlich sensibel sein. Nomaden akzeptieren ihre Pferde als halb wilde Tiere, die nicht zahm zu sein haben. Entsprechend rau ist auch ihr Umgang mit ihnen. "Tschu", brüllt Sanjaa, um in den nächsthöheren Gang zu schalten, und nutzt als Motivationshilfe ausgiebig einen taschur. Dieser Knüppel baumelt immer vorn am Sattel.

Ob ein Gebiss passt oder nicht, die Trense schlackert, der enge Sattelgurt ins Fell einschneidet, ist den Nomaden schnurzpiepegal. Zum Bremsen ziehen sie heftig an den Zügeln, Links- wie Rechtswendungen werden durch Gewichtsverlagerung eingeleitet, basta. Viele Pferde haben Satteldruckstellen, denn selbst unter den russischen Militärsätteln, die eher zum Schein mit Leder bezogen sind, sitzen nackte Holzbretter. Und die scheuern nun mal.

Aber das sind Probleme, die für die Mongolen keine sind. Schwierige Pferde landen im Topf, Reitpferde ebenfalls, sobald sie ausgedient haben; als besondere Leckerei gelten vierjährige Stuten.Wen's jetzt schaudert, der gehört zur Spezies der gefühlsduseligen Stadtneurotiker.

Etwa die Hälfte der zwei Millionen Pferde gehört den Zuchtrichtungen Darkhat, Galshiir und Mianggad an, sie sind Reit-, Fleisch- und Milchpferde. Im Gegensatz zur Zuchtrichtung Tes, den Rennpferden, sind diese drei reine Nutztiere: Als Alltagspferde liefern sie Fleisch, und im Sommer ist vor allem Stutenmilch eine wichtige Einkommensquelle der malachid,der Viehhalter. Aus der fermentierten Milch gewinnt man airag, den traditionellen Stoff, der bis zu zwölf Prozent Alkohol enthält. Oder die Milch wird mit der von Schafen, Ziegen und Kühen zu Hartkäse oder Joghurt verarbeitet.

Eine optimale Ausbeute. Genau so sind die Enkel Dschingis Khans mit ihren Pferden umgegangen; sie brauchten sie zum Reiten wie auch als Speise, als sie im 13. Jahrhundert fast das gesamte russische Reich eroberten. Denn das Nachschubproblem - die Achillesferse großer Eroberungszüge - lösten die Mongolen typisch mongolisch: Jeder Soldat führte neben seinen zwei Reittieren über ein Dutzend weitere Tiere im Tross, die er reihum als Spender für eine nährstoffreiche Flüssignahrung nutzte. Blut, Stutenmilch, Pferdekäse und Fohlenfleisch waren die tägliche Marschverpflegung - stets frisch und in Reichweite.

Wir reiten durch eine windzerzauste Landschaft, der Winterbeginn hatte alle Farben zerrinnen lassen. Die gewellte Ebene ist leer, die hellen sibirischen Kiefern, die wenigen Birkenblätter strahlen in der Sonne, staubig graues Edelweiß duckt sich im Gras, der blassblaue Himmel ist wie sauber gefegt. Tief unten im Tal zwei Jurten, Frauen bücken sich neben Pferden - sie melken die an Fußfesseln festgezurrten Stuten, ihre Fohlen sind aufgereiht an eine Schnur gebunden.

Wir klettern einen Berg hoch, so steil, dass die Pferde schweißnass und zitternd auf 1800 Metern Höhe ankommen. Oben umkreisen wir, wie es Sitte ist, dreimal einen ovoo, den heiligen Steinhaufen: für eine gute Reise. Mitten zwischen dem Geröll, neben leeren Wodkaflaschen, blauen Gebetstüchern, Alltagsgerümpel liegt das Skelett eines Pferdekopfes. Es wird ein Tes, ein Rennpferd, gewesen sein - sie haben das höchste Prestige, sie bringen Geld ein, bekommen deshalb einen Namen, dürfen eines natürlichen Todes sterben und gelten als heilige Opfergaben.

Weiter unten treiben wir die Pferde durch das mäandernde Bett des Terelj-Flusses mit seinen vielen Armen. Die Wasseroberfläche ist Ende Oktober bereits gefroren, aber niemand sorgt sich um die Fesselsehnen der Pferde. Sie müssen rund ums Jahr den Jeep ersetzen. Am anderen Ufer, da, wo das Tal sich weitet und drei Jurten stehen, halten wir an, lösen die Sattelgurte, binden unsere Pferde an den Zaun, treten ein.

Der heiße, salzige Tee tut gut. Die grandiose Natur, ihre unendliche Weite, eine Reise scheinbar ohne Weg und Ziel und nur bestimmt vom Pferd unter mir, um dann doch irgendwann anzukommen: Das ist der Traum von der grenzenlosen Freiheit des Reiters. Er war auch das Ziel meiner Reise. Reisen in der Mongolei ist Reiten, Reiten, Reiten.

Doch die Mongolen, die als Kinder erst reiten und dann laufen lernen und ihre Pferde einst mit ins Jenseits nahmen, haben es nie geschafft, die ältesten all ihrer Pferde zu zähmen: die Przewalski-Pferde,Wildpferde, 1877 so benannt nach ihrem russischen Entdecker. Im Gegenteil - sie jagten, verkauften, töteten sie. 1960 schienen die letzten Urpferde der Welt (in der Mongolei Takhi genannt) für immer verschwunden zu sein. Wenn nicht einige in europäischen Zoos als Kuriosität überlebt hätten. Jetzt sind sie zurückgekehrt.

Das erfolgreichste der drei mongolischen Auswilderungsprogramme ist das Projekt im Khulstayn Nationalpark, zwei Autostunden westlich von Ulan Bator. 170 der Steppenwildpferde haben hier gelernt, sich mit den langen Wintern, mit wenig Futter, unbekannter Konkurrenz und ihren ärgsten Feinden, den Wölfen, zu arrangieren.Da stehen sie auf frostüberkrustetem Grasland, ein Hengst mit seiner Stutenherde, zwölf völlig identisch aussehende falbfarbene Pferde, gezeichnet ähnlich wie Fjordpferde und kaum zu unterscheiden von den steinzeitlichen Bildern in der Höhle von Lascaux. Nur die Stromleitungen stören.

Ruhig grast die Gruppe, bis der Hengst uns wittert, in unsere Richtung droht und dann mitsamt seiner Herde davongaloppiert. Ein gelbbrauner Strich in einer gelbbraunen Landschaft, gespenstisch einfarbig, unreitbar und schön wie zu Dschingis Khans Zeiten.

Autor:
Charlotte von Saurma