Florida Miami und seine netten Nachbarn

Miami, die wohl tropischste Stadt Nordamerikas, zeigt sich facettenreich: Weiße Sandstrände und Art déco-Architektur locken nach South Beach, eine lebendige Graffiti-Szene blüht in Wynwood und in den Everglades tummeln sich die Alligatoren.
Miami Beach

Wie ein Gitter durchziehen die Fahrbahnen die Stadt: Fein säuberlich übereinander gelegte Querstraßen, in denen das Leben pulsiert. Überall sind Menschen - trotz der Hitze, trotz der Schwüle, trotz der hohen Luftfeuchtigkeit. Auf den Gehwegen schieben sich die Fußgänger oft dicht aneinander vorbei, auf der Hauptstraße kommen die Autos nur langsam voran. Doch keiner verzieht eine Miene. Ganz im Gegenteil! Wahrscheinlich ist es dem strahlend blauen Himmel zu verdanken, dass gute Laune sich der Stadt bemächtigt hat. Sie artikuliert sich im Lachen und den gestenreichen Unterhaltungen der Passanten genauso wie in der laut aufgedrehten Musik einiger tiefergelegter Wagen, die mit schepperndem Bass gemächlich vorwärts rollen.

In South Beach spielt sich das Leben draußen ab, so viel steht fest. Miamis In-Viertel gelangte in den 1980er-Jahren zu Ruhm und Ehre, als die populäre Fernsehserie "Miami Vice" es zum Aushängeschild der Metropole an der Südspitze Floridas machte. Vor ihrer Ausstrahlung war die Gegend als Umschlagplatz für Kokain aus Lateinamerika bekannt, sie hatte mit einer erhöhten Kriminalitätsrate zu kämpfen und viele Häuser standen leer. Inzwischen ist "SoBe" - wie seine Bewohner den Stadtteil liebevoll nennen - ein Touristenmagnet. Lange, weiße Sandstrände und ein Art déco-Distrikt mit rund 800 gut erhaltenen Gebäuden aus den 1930er- und 1940er-Jahren locken jährlich mehr als sieben Millionen Besucher aus aller Welt heran.

Collins Avenue
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Von der Collins Avenue ist es nur ein Katzensprung bis zum Ocean Drive.
Mit dem Fahrrad lässt sich das Szeneviertel besonders gut erkunden. Seit 2011 stehen an rund 60 Stationen etwa 500 "DecoBikes" zum Ausleihen bereit. Für ein paar Dollar von der Kreditkarte kann es sofort losgehen. Der Fahrtwind kühlt die schweißfeuchte Haut und wenn man sich zwischen den vielen Autos und dem vollen Gehweg hindurchschlängelt, kommt man schnell voran. So schnell es eben sein muss, denn auf der Collins Avenue verleiten rosa-, lila-, pfirsich- und türkisfarbene Art déco-Gebäude immer wieder zu kurzen Fotopausen. Ihre klangvollen Namen verheißen Fernweh - "Tropics", "Geneva" und "Parisian Hotel" - prangen als große Buchstaben an der Front. Und auch die schrill-bunt bekleideten Bewohner South Beachs sind häufig ein Blickfang. Ganz nach dem Motto "weniger ist mehr" zeigen sich die Herren in kurzen Hosen und Muskelshirt, während Röckchen und Bikinioberteil für Damen die normale Straßenkleidung sind. Sehen und gesehen werden.

Ocean Drive
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Der berühmte Ocean Drive am Abend.
Von der geschäftigen Collins Avenue ist es nur noch ein Katzensprung bis zum berühmten Ocean Drive. Die schnurgerade Straße verläuft parallel zum Atlantischen Ozean. Hier reihen sich die pastellfarbenen Hotels im Art déco-Stil aneinander, hier recken sich schlanke Palmen gen Himmel. Schwarze, Weiße und Latinos sitzen schwatzend in Cafés mit Blick zur Straße oder spazieren durch den Lummus Park, einen schmalen, palmenbestandenen Grünstreifen, der sich dicht an den Atlantik schmiegt.

Eine Dragqueen im hautengen überquert die Straße

Vor der stadtbekannten "Palace Bar" scharen sich am frühen Abend die Menschen. Die Musik ist laut, jemand singt Karaoke: Donna Summers "On The Radio" schallt durch die Luft. Plötzlich öffnet sich eine Gasse zwischen den Zuschauern und die Sängerin - eine schokoladenbraune Dragqueen im hautengen, silbern glitzernden Bodysuit - überquert auf zentimeterhohen Riemchensandalen die Straße. Neckisch wirft sie das hochtoupierte Haar zurück. Nach einem lasziven Blick in die Runde steigt sie auf die hintere Stoßstange eines parkenden Autos, nur um nach ein paar Takten der Musik mit wogenden Hüften zurück zur Bar zu wallen und dort ihr Lied zu beenden - die Menge tobt. Auch das ist Miami: immer für eine Überraschung zu haben. 

Linkin Road
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Eine Cafeteria In South Beach in der Linkin Road.
Fünfeinhalb Millionen Menschen leben in der gesamten Metropolregion, davon rund 40.000 in South Beach. Mehr als zwei Drittel der Bevölkerung sprechen Spanisch, denn nach der kubanischen Revolution 1959 emigrierten viele der Inselbewohner nach Florida. Sie machen etwa 34 Prozent der Bevölkerung aus. So verwundert es nicht, dass man bei einem abendlichen Spaziergang über die Lincoln Road, eine Fußgängerzone voll angesagter Restaurants, Läden und Kunstgalerien, immer wieder spanische Wortfetzen hört.

James Royal Palm
The James Royal Palm
Das Hotel "James Royal Palm".
Zur fortgeschrittenen Stunde verwandelt sich die Promenade in eine quirlige Ausgehmeile. Unter weit ausladenden Sonnenschirmen rücken Tische und Menschen eng aneinander. Trotz der großen Auswahl an Bars und Restaurants ist es oft schwer, einen Sitzplatz zu ergattern: Nach Einbruch der Dunkelheit drängt ganz "SoBe" in die belebte Straße. Shisha rauchend und Mojitos schlürfend beäugt man die nächtlichen Spaziergänger, die Filmstars gleich in gewagten Outfits über den Boulevard flanieren. Wer es etwas eleganter mag, sollte die Bar eines der zahlreichen Art déco-Hotels besuchen. Häuser wie das "James Royal Palm" oder das renommierte "Raleigh Hotel" faszinieren nicht nur mit denkmalgeschützten Fassaden, sondern auch mit einem stilgetreuen Interieur.

Wynwood
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Straßenkunst in Wynwood.
Miami - mehr als nur Glitzer

Doch Miami bietet nicht nur Glitzer und Glamour: Die Stadt ist ein Potpourri aus vielen Kulturen, ein Konglomerat verschiedener Gesellschaftsschichten und ein Ort der vielen Gesichter. Denn während sich in South Beach Touristen und Einheimische ins Nachtleben stürzen, die Freunde lateinamerikanischer Küche im kubanisch geprägten Stadtteil Little Havanna nach Gaumenfreunden suchen und Wassersportler sich auf der Insel Key Biscayne beim Surfen, Kajakfahren oder Stehpaddeln vergnügen, trifft sich die Künstlerszene Südfloridas in Wynwood. Das dynamische Viertel nördlich von Downtown Miami beherbergt zahlreiche Galerien und Boutiquen. In ihnen kann man die kontemporären Werke junger Kunstschaffender aus der ganzen Welt entdecken. Das Herzstück Wynwoods sind jedoch die Wynwood Walls im sogenannten "Arts District" des Viertels – ein Freilichtmuseum für Graffiti und Straßenkunst, das der Immobilienhändler Tony Goldman und der Kurator Jeffrey Deitch 2009 ins Leben riefen.

Annual Art Basel Internationale Kunstmesse
Joe Raedle/Getty Images
Die Annual Art Basel in Miami.
Schon auf dem Weg zu dem öffentlichen Kunstpark glaubt man, sich in einer überdimensionalen Pinakothek zu befinden: Viele Häuser in Wynwood sind bunt bemalt, oftmals dienten ganze Straßenzüge den Graffitikünstlern als Leinwand. Stundenlang kann man durch den Stadtteil schlendern und meterhohe Wandmalereien sowie das Innenleben der Galerien bewundern, nur um schließlich unter einem kupfernen Bogen mit dem Schriftzug "Wynwood Walls" hindurch zu treten. Namhafte Streetart-Künstler wie die japanische Aiko, der New Yorker Futura oder die deutschen Zwillinge Raoul und Davide Perre sprayten hier an vormals weiß getünchte Wände - jeder in seinem ganz eigenen Stil. So prangen auf dem Areal abstrakte Muster und Gebilde neben kunstvoll gearbeiteten Comicszenen oder realitätsnahen Porträts und Mauern voll farbenreicher Zeichnungen grenzen an schwarz-weiße Wände.

Everglades
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Sumpfiges Gebiet: die Everglades.
Von einer völlig anderen Seite zeigt sich Miami etwa 70 Kilometer von Downtown entfernt im Landesinneren: Dort erstrecken sich die sumpfigen Everglades. Mit rund 6110 Quadratkilometern geschützter Fläche sind sie der drittgrößte Nationalpark in den USA. Schon während der 1920er-Jahre setzte sich eine Gruppe Frauen dafür ein, die artenreiche Landschaft zum Nationalpark zu erklären - diesen Titel bekam das tropische Marschland aber erst 1947 zugesprochen. Seit 1979 ist es dazu auch Unesco-Weltnaturerbe. Erkunden kann man die Sümpfe und Prärien, Kanäle und Mangrovenwälder der Everglades auf geführten Kajak-Touren,mit dem Fahrrad, per Boot oder ganz profan zu Fuß. Einer der befestigten Wege im Nationalparkgebiet ist der Anhinga Trail. Der etwa 1,2 Kilometer lange Rundgang nimmt seinen Anfang am Royal Palm Visitor Center. Mit seinen gepflasterten Wegen und den ebenen Holzbrücken können ihn auch Rollstuhlfahrer problemlos bewältigen.

Oft hat man schon nach wenigen Metern das Glück, einen Alligator im flachen Sumpfland zu entdecken. Die großen, schwärzlichen Tiere treiben tagsüber meist faul an der Wasseroberfläche und machen sich so zur leichten Beute für Amateur- und Profi-Fotografen. Aber auch Wasserschildkröten, Fische und große Vögel wie Kormorane oder Reiher bekommt man hier häufig dicht vor die Linse. Der Sumpf bietet vielen Tierarten ein wertvolles Rückzugsgebiet: Die Liste reicht von Flussottern und Blesshühnern bis hin zu Seekühen und Schwarzbären im Hinterland der Everglades.

anhinga
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Sonnenuntergang am Anhinga Trail.
Am Anhinga Trail staut sich in der prallen Mittagssonne die Hitze über dem moosgrünen Wasser. Dickbauschige Wolken spiegeln sich auf seiner Oberfläche, die stellenweise von einer Myriade Seerosenblätter bedeckt ist. Im dichten Schilfgras hört man Frösche quaken, Zikaden zirpen monoton ihr endlos gleiches Lied. Libellen schwirren über den Kanälen und ab und zu fliegt ein Schlangenhalsvogel - der Anhinga - von einem Baum zum nächsten. Die grüne Wasserlandschaft reicht bis zum Horizont und schon bald gewöhnt man sich an den Anblick der lederhäutigen Alligatoren, die mal hier, mal dort im Wasser dümpeln. Es ist eine andere Welt, die sich dem Besucher in den Everglades eröffnet - eine Welt fernab der Stadt, in der Zeit keine Rolle spielt, sondern nur als stetig wiederkehrender Zyklus die Abfolge von Regen- und Trockenzeit bestimmt.

Autor

Melanie Maier