Mexiko Kunst aus Santa Fe

Es ist kurz vor acht, gleich beginnt in Santa Fe de la Laguna die indianische Ehrenmesse für Bischof Vasco de Quiroga.Wie jeden Samstag. Zwei Purhépecha-Frauen kommen mir entgegen, die blau gestreiften rebozos, Schultertücher, eng geschlungen. Ihre Röcke, meterlange Stoffbahnen, sind in akkurate Falten um die Hüften gelegt, gehalten von einer faja, einem Stoffgürtel, und einer bestickten Schürze. "Donde está el hospital, por favor? Bitte, ich muß zum hospital".

Das Hospital ist das Gemeinschaftszentrum von Santa Fe de la Laguna, 1533 von Vasco de Quiroga gegründet, einem Spanier aus Kastilien. Es nahm Witwen, Waisen und Alte auf, heilte Kranke und war zugleich christliches Zentrum. Gemeinschaftlich wurde es von den Purhépecha bewirtschaftet. Durch ein enges Tor trete ich in den von Lehmmauern umgebenen Innenhof. In der Mitte eine gewaltige Zypresse. An einem abgestorbenen Ast hängt eine Bronzeglocke aus dem Jahre 1609. Doch das einzige, was sich bei meiner Ankunft regt, ist ein graues Erdhörnchen, das erschrocken den Baumstamm hochflitzt.

Links eine Skulptur des alten Bischofs, keinen Meter weiter unter den Holzarkaden des Innenhofes liegt ein Mann auf seiner petate, einer geflochtenen Schilfgrasmatte, und schnarcht dem Geistlichen respektlos ins steinerne Ohr. Drei Frauen sitzen auf der anderen Hofseite um eine Feuerstelle. Die Kapelle ist leer. "Und die Messe?", frage ich eine der Frauen. Sie lächelt verschämt. "Fällt aus. Der Padre ist böse, weil ihn gestern Abend niemand um die Ehrenmesse für Don Vasco gebeten hat."

Padre Isidro Huacuz ist Purhépecha, wie alle in Santa Fe. Seine schmalen Augen blicken ernst hinter der dicken Brille. "Früher war es anders." Er schüttelt den Kopf. "Aber wenigstens gibt es noch die semaneros", sagt er, Purhépecha, die das Hospital betreuen. Jeweils von Sonntag bis Sonntag halten zwei Familien aus Santa Fe das Zentrum sauber, schmücken freitags die Heiligenfiguren der Kapelle und richten abends im Innenhof ein Dorffest aus. Sie müssen den Padre freitagabends um die Ehrenmesse bitten. "Aber wenn keiner kommt…" Padre Huacuz zuckt die Achseln.

"Vielleicht liegt den Menschen nicht mehr so viel an dem alten Bischof", werfe ich ein. "Doch!", der Pater richtet sich noch ein bisschen mehr auf, "der Geist Quirogas ist hier, in uns Purhépecha. Papst Johannes Paul II. hat bei seinem letzten Mexiko-Besuch angekündigt, von Vasco selig zu sprechen. Aber für uns ist er auch so ein Santo! Er hat uns unsere Würde zurückgegeben." Als Quiroga 1533 nach Michoacán kam, lebten die Purhépecha verstreut in den Bergen.

Nuño de Guzmán, ein habgieriger spanischer Eroberer, hatte ihren letzten König Tangaxuan II. an den Schwanz eines Pferdes binden und zu Tode schleifen lassen, als dieser kein Gold mehr rausrückte. Lokale Indio- Führer ließ er von Jagdhunden in Stücke reißen, gefangene Purhépecha auf der Wange brandmarken und für einen Peso als Sklaven verkaufen. Bis Quiroga als oidor, als Oberrichter der"Segunda Audiencia" - eine Art Gerichtshof der neuen Kolonien - anreiste, um Guzmán abzulösen. Damit er, ein Laie, die neue Diözese leiten konnte,wurde er kurzerhand am selben Tag zum Priester und Bischof geweiht.

Schon vor Ankunft der Spanier waren die Purhépecha gute Handwerker. Es war jedoch Quirogas Idee, jedem Dorf um den Pátzcuaro-See ein spezielles Handwerk zuzuweisen. So konnten die Purhépecha ihre Produkte auf den Märkten tauschen: schwarze Keramik gegen grüne Keramik, Kupferkessel gegen geflochtene Matten, Holzmasken gegen Tortillas. Mehr als 90 hospitales gründete Vasco de Quiroga innerhalb von 30 Jahren. Dabei ließ er sich von dem englischen Humanisten Thomas Morus und dessen Buch "Utopia" leiten.

Purhépecha leben nach den Regeln einer idealen Gesellschaft

Ähnlich wie die Bewohner der fiktiven Insel Utopia lebten auch die Purhépecha nach den Regeln einer idealen Gesellschaft: Ländereien wurden im Turnus bearbeitet, die Ernten gerecht aufgeteilt, alte oder kranke Menschen mitversorgt. Bischof Quiroga starb 1565 im hohen Alter von 95 Jahren in Uruapán. Bis heute hat sich die von ihm initiierte Spezialisierung in den Dörfern erhalten. Santa Fe,Tzintzuntzan und Cápula sind reine Töpferdörfer, jedes hat seinen eigenen Keramikstil. In Santa Clara del Cobre hämmern und schmieden Kupfermacher. Holzmasken und Möbel kommen aus Tócuaro. Ihuatzio ist bekannt für seine Strohmatten, Körbe und Figuren aus Schilfgras. Doch was ursprünglich die Dorfgemeinschaft stärkte, hat sich heute ins Gegenteil verkehrt.

Die Konkurrenz unter den Handwerkern wächst. Zwischenhändler drücken die Preise so sehr, dass viele Handwerker ihre Produkte lieber auf den Märkten der nördlichen mexikanischen Bundesstaaten verkaufen, wo nicht jeder Nachbar das Gleiche anbietet. Dadurch leben sie viele Wochen im Jahr fern ihres Dorfes. "Ich fürchte, wir sind dabei,unsere Identität zu verlieren," sagt Padre Huacuz sorgenvoll. Eine kopfsteingepflasterte Straße führt hinter dem Hospital den Berg hinauf, gesäumt von fensterlosen Adobehäusern.

Vor einem Haus liegen derbe Kunststoffsäcke, bedeckt mit Tonklumpen. Ein Lastwagen mit Coca-Cola- Kisten knattert die Straße hoch. Knirschend mahlen seine schweren Räder über die Säcke, mahlen die Klumpen zu Puder. Eine Tür geht auf. "Hóla", grüßt eine junge Frau. Sie grinst, weil ich in die Tonerde gegriffen und braune Hände habe. "Wir legen den Ton immer auf die Straße, so sparen wir das Geld für die Mühle", erklärt Olga Fabián. Im Hinterhof kneten ihr Mann Santiago und Schwiegermutter María Ton. Hinten im Garten steht ein runder Brennofen.

Señora María reicht mir ihre vom nassen Lehm rissige Hand. Sie hat nur noch zwei Eckzähne, und wenn sie lacht, sieht sie aus wie ein liebenswerter, faltiger Vampir. Santiagos Armmuskeln spannen, als er den vier Kilo schweren Tonklumpen auf den Holzblock vor sich sausen lässt. Klatsch, immer wieder schlägt er die Masse auf den Klotz, damit sie geschmeidig wird. Dann rollt er eine dicke Wurst und schneidet mit einem Stück Blech eine Scheibe davon ab. Plong, plong, saust sein Handballen darauf nieder, bis ein dünner Fladen entstanden ist, den er vor Olgas Strohmatte wirft. Sie drückt den dünnen Tonfladen in eine Tassenform.

Neben dem Brennofen steht der comal, eine große Tonscheibe über einer offenen Feuerstelle, auf der Olga einmal am Tag Tortillas backt. "Wenn ich Geld hätte", schwärmt sie, "würde ich mir eine richtige Kochstelle einrichten. Santiago träumt von einem Hochtemperaturofen. Dann könnte er mit Gas feuern und müsste nicht mehr die schweren Holzbündel auf dem Buckel aus dem Wald holen. Doch das Geld reicht gerade für Tortillas und Bohnen.

Jeden Tag töpfern sie eine gruesa, das sind zwölfmal ein Dutzend Tassen. 25 Pesos, keine fünf Mark, zahlt ihnen die Zwischenhändlerin für die 144 Tassen. Glasierte Tassen brächten das Doppelte ein. Doch Glasur ist zu teuer. "Pero nos animamos", lacht Santiago, "wir schaffen's schon!" Auf der Ostseite des Pátzcuaro-Sees liegt das Dorf Tzintzuntzan. Putz bröckelt von den Fassaden der Häuser.

Im Atrium der San-Francisco-Kirche lächelt Vasco de Quiroga von seinem Sockel herunter. Im ehemaligen hospital von Tzintzuntzan, gleich hinter der Kirche, hat Manuel Morales seine Töpferwerkstatt. "Natürlich ist Don Vasco noch wichtig", sagt er. "Wir Purhépecha sagen Tata Vasco, Vater Vasco, zu ihm. Welch größere Ehre kann man jemandem erweisen?" Bedächtig tunkt der 37-Jährige den Pinsel in einen Glasurtopf und zieht die Linie eines Fisches auf den Boden einer Schale.

Manuel ist berühmt. Seine Kunstwerke stehen in den Edelboutiquen Mexikos und der USA. Als er klein war, gab es in Tzintzuntzan nur Töpfer. Heute töpfert noch die Hälfte: "Der Markt hat sich verändert. Wer holt noch Wasser in Tongefäßen? Plastikeimer sind praktischer. Und Bohnen kochen in Metalltöpfen schneller." Mitte der neunziger Jahre habe die Regierung außerdem ein Gesetz zur Kennzeichnung von bleihaltiger Keramik erlassen, erzählt Manuel. "Seither muss unten auf den Tellern stehen: Achtung, dieses Produkt enthält Blei und ist gesundheitsschädlich. Wie bei Zigaretten!"

Er runzelt die Stirn: "Das ist absurd! Nie haben wir von anderen Tellern gegessen." Jetzt nehmen amerikanische Zöllner den Reisenden die Töpfersachen aus Michoacán ab und bohren Löcher durch bleiverdächtige Tassen und Teller, damit man sie nicht mehr benutzen kann. "Und die Gringos kaufen immer weniger." Manuel Morales ist einer von nur drei Töpfern in Tzintzuntzan, die einen mit Gas betriebenen Hochtemperaturofen besitzen. Durch die höheren Brenntemperaturen - 400 Grad mehr als im Lehmofen - kann er bleifreie Glasuren verwenden. Die Farben leuchten trotzdem.

Zwei ältere Amerikanerinnen kommen rein. "Señor Manuel?", fragen sie in breitem Akzent. Im Reiseführer hätten sie über ihn gelesen. Nach zehn Minuten kaufen beide eine Schale für 400 Pesos - fast 80 Mark. "Klar, das könnte hier niemand zahlen", gesteht Manuel später, "aber für euch sind das doch normale Preise, oder?" Der Pátzcuaro-See liegt wie ein blanker Spiegel da, sein Ufer bewachsen mit Agaven, Nopal-Kakteen, Schilfgras und Mais. Eine Idylle. Doch der See leidet unter den Handwerksdörfern.

52000 Kubikmeter Holz landen jährlich in den gierigen Schlünden der Tonbrennöfen. Wo früher auf der fruchtbaren Vulkanerde Wälder wuchsen, werden die Hänge kahl, rutscht die Erde in den See, 750000 Kubikmeter Erde jedes Jahr. Immerhin, mancher Spezies bekommt das gut, beispielsweise dem Schilfgras chuspata, das sich stark ausbreitete.

Die Holzschnitzer machens ich den billigen Rohstoff zu Eigen

Jaime Horta, ein Holzschnitzer aus Tócuaro, hat sich den billigen Rohstoff zu Eigen gemacht. Schrapp, schrapp, fährt sein Messer über ein zusammengeschnürtes Schilfgrasbündel. Blitzschnell schnitzt er einen Entenkörper. Würziger Geruch strömt aus den angeschnittenen Stellen. Wie alle in dem auf der Westseite des Sees gelegenen Dorf lebte Jaime früher nur von der Holzschnitzerei. Sicher, er war nicht so berühmt wie sein Onkel Juan, der rituelle Holzmasken für das mexikanische Nationalballett schnitzt, doch von seinen Vögeln aus Copalillo-Holz konnte er leben.

Als er vor neun Jahren von seinem Zwischenhändler einen Riesenauftrag bekam, bat er zwei Freunde, für ihn zu arbeiten. Doch die machten sich zwei Monate später mit Jaimes Idee selbstständig. Entmutigt ging er mit seinen beiden Söhnen zum Seeufer: "Während sie im Schilf spielten, schnitzte ich gedankenverloren einen Entenkopf aus Holz. Plötzlich ein Gedanke: ,Junge, bring mir eine Handvoll chuspata', rief ich meinem Ältesten zu. Ich schnürte das Gras zum Bündel zusammen, schnitzte einen Vogelkörper aus dem gepressten Schilf und setzte darauf den Entenkopf aus Holz."

Die Idee zündete: Jaimes Schilfgras- Vögel sind gefragt. Er hat keine Mühe, Käufer zu finden. Und das soll auch so bleiben! Die Grübchen in seinen Wangen vertiefen sich. "Ich werde nie wieder jemanden über meine Schulter gucken lassen, das ist sicher."

Wieder ein Samstagmorgen in Santa Fe de la Laguna: Das Dorf erwacht. In der Kapelle des Hospital bereitet die 40-jährige Rosa Huacuz die Ehrenmesse für Vasco de Quiroga vor. Sie kniet vor dem Altar und zündet copal, Zypressenweihrauch an. Harzgeruch mischt sich mit dem Duft von Gladiolen, Nelken und Löwenmäulchen, die kunstvoll an die Prozessionstische der Heiligen von Guadalupe und der Jungfrau des Rosenkranzes gesteckt sind.

Rosa und ihr Mann Federico haben lange gezögert, semaneros zu werden. Den Ausschlag, so Rosa, gaben zwei Evangelisten, die im April nach Santa Fe kamen: "Sie wollten mir weismachen, dass die Jungfrau des Rosenkranzes nur eine hohle Gipsfigur ist! Sogar Geld boten sie, wenn ich Evangelist werde." Rosa wirft ihre dicken schwarzen Zöpfe nach hinten. "Da hab' ich zu meinem Mann gesagt: "Kümmern wir uns um das hospital!" Als Rosa 15 Jahre war, ließ ihr Großvater sie und ihre Kusinen einmal im Halbkreis um ihn herum sitzen. "Er erzählte, wie Tata Vasco uns unsere Handwerksberufe gelehrt hat." Rosa lächelt scheu. Nun ist es an ihr, Tata Vascos Ansehen lebendig zu halten. Ein Jahr werden sie und ihr Mann das hospital hüten: alle zwei Monate eine Woche lang. Zeit, in der sie keinen Peso mit Töpfern verdienen können. In der sie viel Geld für Blumen, Weihrauch, Kerzen und vor allem für das Freitagsfest ausgeben, zu dem es traditionell Fisch in roter Chilisauce, Maisbrei und Tortillas gibt.

Federico seufzt: "Danach haben wir wenigstens für immer unsere Pflicht erfüllt", tröstet er sich. Und sie werden Zeit ihres Lebens angesehene Leute im Dorf sein. Die kleine Kapelle füllt sich. Manche Purhépecha stehen, andere sitzen auf ihren Strohmatten. Padre Huacuz schreitet aufrecht in seiner weißen Soutane herein. Etwas dissonant zuerst, doch dann klar und warm singen sie das alte Tata-Vasco-Lied auf Purhépecha: "Káni k'eri ambe, Tata Vasco, jindescare t'u - Ehre und Ruhm dir, Tata Vasco, du hast unserem Volk Ehre und Stärke zurückgegeben."

Quelle:
Autor:
Claudia Ulferts