Tennessee Zur Elvis-Woche nach Memphis

Der King of Rock'n'Roll bleibt unvergessen: Die Elvis-Woche in Memphis - das ist eine Mischung aus Trauerfeier und Sommerkarneval.
Graceland in Memphis.

Mehr als eine halbe Million Fans pilgern jedes Jahr nach Graceland. Die meisten davon kommen in jener Woche, in der sich sein Todestag jährt. Dann ist wieder "Elvis Week". Der Unterhaltungskünstler Elvis Aaron Presley starb am 16. August 1977 im Badezimmer seiner Villa Graceland in Memphis im US-Bundestaat Tennessee. 1991 wurde Graceland in das "National Register of Historic Places" aufgenommen und 2006 wertete der US-Innenminister das gesamte Anwesen sogar zu einer historisch bedeutsamen Sehenswürdigkeit auf, denn hier hatte der King mit seinem Hofstaat – bekannt als die "Memphis Mafia" – residiert.

Pool-Room in der Graceland-Villa in Memphis.
Andrea Zucker/Memphis Convention & Visitors Bureau
Das Billiard-Zimmer in der Graceland-Villa.
Sofort nachdem sich die Nachricht von seinem Tod verbreitet hatte, kamen von überall aus den USA die Trauergäste nach Memphis und blockierten den Highway 51. Dieser Fifty-One ist eine Fernstraße, die schon mehrere Blues- und Country-Barden zu einem Song inspiriert hatte. Jenes Teilstück, das an Graceland vorbeiführt, wurde zum Elvis Presley Boulevard umbenannt. Und jedes Jahr im August wandern Tausende auf diesem Boulevard zur Hausnummer 3717, um ihrer verlorenen Jugend nachzutrauern. Oder um einfach nur Party zu machen.

Die spontane 1977er-Versammlung hat sich inzwischen zu einer perfekt organisierten Gedenkveranstaltung gemausert. Die Presley-Verehrer treffen sich vor der Graceland-Pforte mit brennenden Kerzen in der Hand zu einer Nachtwache, der stimmungsvollen "Candlelight Vigil". Gleichzeitig streiten Elvis-Nachahmer aus aller Welt darum, wem in diesem Jahr die Krone des einzig wahren King-Imitatoren gebührt. Ausgetragen wird dieser Wettkampf im altehrwürdigen Vergnügungsviertel Beale Street. Hier hatten Elvis und andere Rock'n'Roll-Bubis Anfang der 1950er-Jahre ihren afroamerikanischen Nachbarn die Grundmuster des Rhythm-and-Blues abgelauscht.

Große Eröffnung vor der Graceland-Villa

Eröffnet wird die Elvis-Woche mit einem Rock'n'Roll-Konzert vor der Graceland-Eingangspforte. Aber es wird nicht nur gerockt und gerollt zu seinen Ehren. Eine Elvis Gospel Celebration erinnert daran, dass der unanständig mit den Hüften wackelnde Star eigentlich ein frommer Junge war. Die in Europa nur wenig bekannten Presley-LPs mit Spiritual-Gesängen wurden schließlich mit drei Grammys ausgezeichnet, für seine Rock'n'Roll-Hits bekam der Schluckauf-Virtuose kein derartiges Lob von den Grammy-Juroren.

Geburtshaus von Elvis PResley.
Tupelo Convention and Visitors Bureau
Das Geburtshaus von Elvis Presley in Tupelo.
Gospel-Seligkeit spürt der Elvis-Verehrer eine Autostunde südöstlich von Memphis in der Kleinstadt Tupelo im US-Bundesstaat Mississippi. Einfach nach dem Elvis Presley Birthplace Museum fragen. In dieser beschaulich ruhigen Atmosphäre abseits vom Memphis-Trubel können seine Verehrer der Kindheit und Jugend ihres Idols nachspüren. Zu dem Museumskomplex gehört auch die kleine Holzkirche, wo er jeden Sonntag zum Lobe des Herrn genau jene Stimme erhob, die einige Jahre später die Jugend der Welt zu sündhaften Fruchtbarkeitstänzen animierte: "Whop Bop A Lula Whop Bam Boo". Heute schwören Brautpaare sich hier ewige Treue und führen anschließend garantiert eine glücklichere Ehe als Elvis und Priscilla Presley. Gleich nebenan steht sein Geburtshaus, eigentlich ist es nur eine Hütte – Schlafraum, Wohnzimmer, der einzige Luxus ist die Schaukel vor der Eingangstür.

Noch ein paar Schritte weiter sind einige Memorabilien ausgestellt, die in der pompösen Graceland-Villa kaum ihre Wirkung entfalten könnten. Zum Beispiel ein Brief, in welchem die Plattenfirma BMG/RCA seinen alten Freunden aus Tupelo 1991 mitteilte: "Die chinesische Regierung hat Elvis Presley mit sofortiger Wirkung von der Liste der verbotenen Künstler gestrichen. Seine Platten sind nun für eine Milliarde Chinesen verfügbar." Und der BMG/RCA-Mitarbeiter fügt hinzu: "Während der Jahre ihrer Isolation kannten die Chinesen nur drei westliche Namen – Jesus, Elvis, Richard Nixon."

Plymouth-Nachbau
Tupelo Convention and Visitors Bureau
Nachbau eines 1939er Plymouth mit dem die Presley-Familie 1948 nach Memphis fuhr.
Die Familie Presley zog 1948 von Tupelo nach Memphis, wo der Sohn 1953 seine erste Platte aufnahm: "That's Alright Mama". Produziert wurde die Aufnahme von Sam Phillips. Dem Label-Boss von Sun Records verdanken auch andere Lokalmatadore ihren Karrierestart – zum Beispiel Johnny Cash. Der damals noch junge wilde Country-Rocker bekam die höchste Auszeichnung verliehen, mit der ein glaubwürdiger Pop-Sänger geadelt werden kann: Johnny Cash genoss in der Countrymusic-Kathedrale Grand Ole Opry von Nashville ein Auftrittsverbot, das erst kurz vor seinem Tod aufgehoben wurde.

Weitere Zöglinge von Sam Phillips waren der Klavierzertrümmerer Jerry Lee Lewis und der Tränendrüsendrücker Roy Orbison. Und natürlich Ike Turner, der später das Geld seiner Ehefrau Tina verkiffte und verkokste. Zum Glück wurde jenes Bild, das Tina Turner von ihrem Ex später zeichnete, inzwischen von den Musik-Historikern korrigiert. Wegen "Rocket 88", das er 1951 im Sun Studio aufnahm, gilt Ike Turner als Erfinder des Rock'n'Roll.

Sun Record Company in Memphis
Dan Ball/Memphis Convention & Visitors Bureau
In den Räumen der Sun Record Company.
Die Arbeitsräume von Sam Phillips sind heute ein "Working Museum", das tagsüber besichtigt werden kann. Bei Nacht lassen sich Oldie-Bands aus aller Welt vom Spirit dieses Ortes anregen und nehmen hier Platten auf. Als Filmkulisse diente das Sun Studio für "Great Balls of Fire" (deutscher Verleihtitel: "Jerry Lee Lewis – Ein Leben für den Rock'n'Roll"), die Johnny Cash-Biographie "Walk the Line" und für den Kultfilm "Mystery Train" von Jim Jarmusch.

Die Geburtsstätte des Rock'n'Roll steht in Memphis an der Union Avenue, Ecke Sam Phillips Avenue. Jane White führt Besucher durch diese Kultstätte. "Alle Musiker fragen mich immer, wo Elvis hier gesungen hat", plaudert sie aus undzeigt auf ein Mikrophon, das da heute noch steht. "Egal ob Mick Jagger oder Elton John oder wie sie alle heißen – die stellen sich dort hin und fangen spontan an zu singen." Nur einer nicht. "Als Bob Dylan unser Studio besichtigte, war er stumm vor Ergriffenheit. Anschließend hat er an jener Stelle, wo sein Idol 'That's Alright Mama' gesungen hatte, den Boden geküsst."

Autor

Winfried Dulisch