Mauritius Die Suche nach Gold

Er muss irgendwo auf der Insel sein. Irgendwo an der Rivière Noire im Westen oder doch bei Souillac im Süden. Vielleicht auch gleich hinter dem Flughafen mitten in den Tomaten- und Zuckerrohrfeldern? Philippe Chevreau de Montlehu ist ihm auf der Spur, dem Schatz des Piraten Bernardin Nageon de l'Estang.

Drei Eisenfässer hat der Pirat vergraben, gefüllt mit Dublonen und Goldbarren, eine Kupferschatulle überquellend von lupenreinen Diamanten aus den indischen Minen von Vizapoure und Golconda, wo so legendäre Steine wie der Koh-i-noor und der Hope-Diamant gefunden wurden. Ein halbes Dutzend Sklaven hat ihm dabei geholfen, ihre Skelette bewachen jetzt den Schatz. 300 Millionen Rupien, mehr als neun Millionen Euro wird der Fund wert sein, wenn nicht noch mehr, und Chevreau ist so nahe dran. Ein Sechstel soll an die fünf bis sieben Finanziers gehen, die ihm geholfen haben, ein Teil an den Besitzer der Ländereien. "Für mich bleibt dann noch mehr als genug. Ich behalte ein bis zwei Millionen, den Rest spende ich", das hat er sich vorgenommen.

Philippe Chevreau de Montlehu, der ältere Herr aus wohlhabender frankomauritischer Familie, verteilt die Beute, bevor der Schatz gefunden ist. Seit mehr als 20 Jahren sucht der stets elegant gekleidete und um Contenance bemühte Chevreau nach den Reichtümern der Piraten. Sein Vermögen soll dabei draufgegangen sein sagt der Inselklatsch, er selbst spricht von gut 6000 Euro, die er bislang investiert hat. Aber hélas, gefunden hat er noch nichts. Doch das ist nur eine Frage der Zeit. Schließlich sind die Anweisungen präzise: "Folge dem Lauf des Flusses, durchquere die Schlucht und nimm den Weg nach Osten, bis du die Zeichen der Korsaren siehst."

Aufgeschrieben hat sie der Pirat Nageon selbst, als Vermächtnis für seinen Neffen Justin. Genutzt haben sie dem nichts - leider. Als er in finsterer Nacht endlich das Testament seines Onkels in den Händen hielt, traf ihn das Schicksal mit der Wucht eines Axthiebes am Strand von Mauritius. Die Leiche wurde nie gefunden. Aber die Geschichte von den sagenhaften Schätzen geistert seit mehr als 200 Jahren über die Insel.

Wie viele Schatzsucher es auf Mauritius heute gibt, weiß niemand. Von gut einer Hand voll wird gemunkelt, die Leben und Karriere der Jagd nach dem Schatz gewidmet haben, zahlreicher sind solche, die bewaffnet mit Metalldetektoren auf gut Glück durch die Basalthöhlen und über die Strände ziehen. Versiegt das Kapital für die Suche, gehen sie an die Strände der Touristenorte und spüren dort verlorene Uhren, Armbänder, Ringe und Rupien auf. Reich wird man damit nicht, aber es reicht zum Weitersuchen.

Die anderen Schätze, die wahren, stammen aus geschäftigen Zeiten: Erbittert kämpften Engländer und Franzosen im 19. Jahrhundert um die Vorherrschaft auf der Île de France, dem heutigen Mauritius. Freibeuter, mit Kaperbriefen ausgestattet, plünderten und versenkten alles, was die falsche Flagge trug. Robert Surcouf, der König der Korsaren, machte den Engländern das Leben schwer - und sich und seine Mannschaft reich.

Und irgendwo muss die Beute schließlich geblieben sein. Denn was nicht auf Kartentischen, in Rumfässern oder den Dekolletés der Hafenhuren verschwand, wurde versteckt. Vergraben in Höhlen, verbuddelt im Sand und mit geheimen Zeichen markiert. Zum Beispiel mit in den Fels geritzten Stiefeln oder Ankern, unter Piraten ein Symbol für Geld. Oder mit sonderbar geformten Steinen.

Chevreau hat so einen Stein gefunden, er sieht wie ein Stiefel aus und steht jetzt in seinem Garten, für unbedarfte Besucher eine Laune der Natur, für ihn eine Spur, ein Wink des Schicksals. Die Zuckerbarone, sagt er, hätten mit Bulldozern alles platt walzen lassen, auch die Zeichen der Korsaren. Den Fluss, dessen Lauf er folgen soll, gibt es heute nicht mehr, aber da ist noch der helle Streifen Kalkstein, der sich durch den dunklen Felsen zieht. Ein Wegweiser für Schatzsucher oder nur sedimentierter Dünger, mit dem die Plantagenbesitzer ihre Felder behandelten?

Seinen kostbarsten Fund hütet Chevreau in einer roten Blechdose mit verrostetem Deckel: Steine und ein paar Münzen, leider zu jung, um aus der Korsarenzeit am Ende des 18. Jahrhunderts zu stammen.

"Piraten sind sicherlich auf der Insel gewesen"

Mit den Schätzen ist das so eine Sache auf Mauritius. Gesehen hat sie noch niemand, aber es gibt Beispiele und Geschichten en masse, von solchen, die gefunden wurden. Da war diese senkrecht im Meer versenkte Kanone direkt vor den Korallenriffen von Flacq. 1860, in einer finsteren Nacht, so berichten die Insel-Annalen, machte ein Schiff dort fest, dunkle Gestalten buddelten sich durch einen kleinen Hügel und ließen im Morgengrauen nichts zurück, außer leeren Truhen und einem Tunnel, der zu einer Höhle führte, gerade groß genug, einen Schatz zu verbergen.

Jahrzehnte später stieß ein Plantagenarbeiter auf eine in der Erde verborgene dicke Ankerkette, er folgte ihr, ruderte aufs Meer hinaus zu den Riffen, fand einen Eisenring, zog daran und kehrte im Morgengrauen mit Schätzen beladen zurück. Heimlich, so erzählt es die Legende, schreinerte er drei Schrankkoffer mit doppeltem Boden und schiffte sich auf einem Dampfer Richtung Frankreich ein. Dort heiratete er eine Tochter aus gutem Hause, investierte in Renault-Aktien und starb 1956 irgendwo in der Bretagne.

"Piraten sind sicherlich auf der Insel gewesen", sagt der deutsche Höhlenforscher Jörg Hauchler, der seit rund 20 Jahren auf Mauritius lebt. Mehr als 200 Höhlen hat er in dieser Zeit erforscht und vermessen, drei Viertel aller existierenden. Zum Beispiel, die bei La Caverne im Westen. Geformt wurde sie durch einen Vulkanausbruch vor mindestens 30.000 Jahren, der Totenkopf auf dem Felsen nicht weit vom Höhleneingang ist mit 150 bis 350 Jahren dagegen noch jung. Echt ist er trotzdem, das hat der Höhlenforscher untersucht. Piratenschätze interessieren den Deutschen nicht. Auch wenn er auf seinen Exkursionen immer wieder blockierte Passagen streift, Felsbrocken, die von Menschenhand vor Tunnelabzweigungen gerollt wurden. Er fürchtet um die Vulkanhöhlen, die von den Schatzsuchern mit ihren großflächigen Dynamitsprengungen zum Einsturz gebracht werden.

Auch Vikash Rupear ist sicher, dass die Korsaren und ihre Schätze nicht nur ins Reich der Legende gehören. Die Beweise dafür liegen in den Vitrinen des Marinemuseums in Mahébourg, in dem Rupear als Kurator arbeitet: kleine Goldbarren, so lang wie ein Finger, eine Silberrupie aus der Zeit des Mogulherrschers Aurangzeb, dessen Vater das berühmte Taj Mahal erbauen ließ, ein Silberarmreif und eine handgeschriebene Liste aller Korsare zwischen 1793 und 1801, immerhin 23 Kapitäne, und ihrer Prisen im Gesamtwert von mehr als einer Milliarde Francs.

Schätze haben existiert, aber heute danach zu graben, hält Rupear für aussichtslos. Und dennoch ist genau das die Lebensaufgabe für Louis Hedley Guinness, seit über 40 Jahren auf der Suche nach dem Schatz des Korsaren Hodoul. Wert der Beute: mehr als hundert Millionen Euro. Niemand weiß, was aus Hodoul und seinem Schiff, der "Apollon" wurde, aber wo sein Schatz verborgen ist, das weiß Louis Hedley Guinness. Bald wird er ihn finden, im Osten der Insel, nicht weit von der Stelle,wo auch Philippe Chevreau schon mal gesucht hat - ohne Erfolg. Louis Hedley Guinness, über 70 Jahre alt und früher mal "Mister Mauritius", besitzt keine Schatzkarte.Aber ein Freund von ihm in England, der hat mal eine gehabt und die Angaben hat er sich gemerkt.Wieder geht es um einen Fluss, eine Schlucht und ein Loch im Felsen, gerade groß genug, dass sich ein Mann hineinkauern kann. Und um Reichtum, immensen Reichtum: acht Fässer mit Dublonen, eine Tonne Gold und 600 Kilogramm Diamanten.

Es ist dafür gesorgt, dass ihm niemand zuvorkommt, denn Guinness gräbt auf gut bewachtem Gebiet. Einer seiner Söhne ist Vorarbeiter beim Steinbruch La Mecque der United Basalt Products, durch ihn bekommt nur der Vater Zugang, kein Fremder darf sich über die Schotterpiste an den Rand der Steilküste quälen, die an dieser Stelle aussieht wie ein Schweizer Käse - so viele Höhlen gibt es hier: künstliche, gesprengt von Schatzsuchern, und echte, entstanden aus Vulkanausbrüchen in Urzeiten.

An vielen Orten hat Guinness bereits gegraben, mehrere Meter tief, vor allem an der windgeschützten Westseite. Im vorigen Frühjahr war er ganz nahe dran, so nahe, dass sein Herz aussetzte und er einen Schlaganfall bekam. Das hat ihn zurückgeworfen, doch er gibt nicht auf. Die Hälfte seiner monatlichen Rente von 150 Euro investiert er in die Suche, irgendwo muss der Schatz doch sein. "Die Chancen, an Land fündig zu werden, sind minimal", sagt der Kurator Rupear, "wenn überhaupt ein Schatz existiert, dann unter Wasser, immerhin haben wir mehr als 400 Wracks vor der Küste liegen."

Die Winde sind stürmisch vor der Insel. Heute, genau wie in jener Januarnacht 1702, als die "Speaker" von hohen Wellen erbarmungslos über die See geworfen wurden. Der Mast brach, der Wind schleuderte den Segler gegen die Riffe vor der Ilot des Roches. Die Speaker sank und mit ihr die Beute aus den Raubzügen. Piratenkapitän John Bowen und seine Mannschaft retteten sich mit Flößen an Land und richteten sich ein. "Sie sind bis an die Zähne bewaffnet, scheinen aber in friedlicher Absicht hier gestrandet zu sein", meldeten Einheimische am Tag nach dem Sturm an den Gouverneur. Die Holländer hielten es mit einer bewaffneten Truppe von gerade mal 50 Mann für klüger, mit der dreimal so starken Piratenmannschaft zu verhandeln statt zu kämpfen.

Drei Monate später verließ Bowen mit seinen Männern die Insel. Die "Speaker" blieb zurück am Meeresgrund und tauchte erst 1979 wieder auf: als bislang berühmtester archäologischer Piratenschatz der Insel. Erforscht hat ihn Yann von Arnim, der als Ozeanograf für das Kultusministerium des Inselstaats taucht. "Es gab vielleicht ein halbes Dutzend Schätze hier", sagt er, "aber drei wurden bestimmt schon damals gestohlen, zwei sind vielleicht durch Zufall gefunden worden. Wenn überhaupt, ist noch ein einziger übrig." Reich werde man als Schatzsucher nur damit, die Obsession der Leute auszunutzen, die an Piratenschätze glauben, spottet von Arnim. "Ich kenne ein paar", sagt er, "die es sich ganz gut gehen ließen mit dem Geld der Investoren."

Solche Verdächtigungen weist Espérance Bécherel weit von sich, auch wenn er schon in den sechziger Jahren Anteilsscheine an Geldgeber verkauft hat. Wer ihm Kapital zuschoss, sollte an der Beute beteiligt werden. Wie viel Geld sein Schatzsuch-AG eingenommen hat, will der drahtige Ingenieur nicht sagen. Aber der Schatz, den er in der Baie du Tombeau, der Grabesbucht, finden wird, soll unermesslich wertvoll sein. Bécherel, heute 78 Jahre alt, glaubt fest daran, schließlich bedeutet sein Vorname "Hoffnung".

Schon Bécherels Vater hat den Schatz des karibischen Kaperers Sir Henry Morgan gesucht, der Bécherel zufolge ums Kap Hoorn und ums Kap der Guten Hoffnung gesegelt sein soll, um seinen Schatz aus der Karibik in einer unterirdischen Festung in der Baie du Tombeau zu verbergen. Bécherel glaubt an ein geheimes System kommunizierender Röhren, sucht Symbole in den unregelmäßig gemauerten Ziegeln alter Mauern. Eine Hexe, sagt er, habe den Reichtum mit einem mächtigen Schutzzauber belegt. Bécherel hat das gespürt. "Als ich vor einem zugemauerten Tunnel stand, wurde mir schlecht, und dann war ich drei Monate krank". Aber was ist schon ein bisschen Übelkeit gegen ein bis zwei Milliarden Euro. So viel soll die Beute wert sein, die er finden wird. Er ist nahe dran. Denn irgendwo auf der Insel muss er doch sein, der Schatz der Piraten.

Autor:
Sonia Shinde