Mauritius Die Octopus-Jägerinnen

Yolande rafft ihren blaukarierten Rock, Goldohrringe tänzeln neben den straffen Wangen der 50-Jährigen. Sie prüft, ob auch die Lockenwickler unter ihrem Hut fest sitzen. Ein großer Strohhut mit fröhlichem Band. Dann sticht Yolande zu. Der Metallspeer bohrt sich in die Korallenhöhle - und trifft auf weichen Widerstand. Beute! Yolandes zierlicher Körper beugt sich nach unten. Sie steht auf dem Wasser, genauer gesagt auf dem Riff, das der zurückflutende Ozean nur widerwillig freigibt. Yolande, die Tintenfischstecherin, arbeitet weit draußen im Meer. Mindestens eine Meile vom Ufer entfernt, wo in der Morgendämmerung die Inselberge von Port Sud-Est noch vor sich hinträumen. Sie schiebt den Arm tief in das dunkle Loch, tastet nach ihrem Fang.

Wolken streifen wie goldener Rauch den matten Mond. Yolande ist nicht allein. Viele Frauen wandeln über das Wasser; Boote haben sie hierher rausgefahren. Sie tragen geblümte Blusen, Halsschmuck, knielange Faltenröcke. Und die Jagdspieße. Yolande zieht den Arm aus dem Korallenblock. Tentakel in glitschigem Rot umschlingen ihre glatte dunkle Haut. Der Krake ist etwa zwei Pfund schwer. Ein paar harte Schläge auf seine Augen, und das Schlängeln erstirbt. Zzzpptt, es schmatzt wie Plastikklebeband, als Yolande die Saugnäpfe von der Haut abzieht.

Rodrigues - Insel der piqueuses d'ourites, der 800 Tintenfisch- Stecherinnen. Ein karger, von der Welt vergessener Flecken Vulkanerde, 104 Quadratkilometer klein, mitten im Indischen Ozean. Nirgendwo auf der Welt gibt es so viele Frauen, die den Octopus speeren, eine verschworene Schicksalsgemeinschaft sind sie, die Piqueuses, die auf den Riffs in Gummistiefeln ihren Mann stehen. Sie schlagen sich mit ihren Kindern allein durch: Witwen, Geschiedene, Sitzengelassene. Ihr Lächeln indessen verlässt sie nie. Der breitkrempige Strohhut ist ihr ganzer Stolz, das Wahrzeichen, mit farbigen Bändern festgeknotet unter dem Kinn. "Die Piqueuses tragen ihn wie eine Uniform", sagen die Bewohner auf Rodrigues. Sogar die Witwe Julie humpelt mit 72 Jahren Tag für Tag zum Stechen an die Küste, benutzt die rostige Pike als Krücke, dabei sanftmütig plaudernd.

Überall auf der Insel streben im Morgenlicht Frauen dem Meer entgegen. Zur stillen Bucht von Petit Gravier im Südosten oder zu den palmgesäumten Korallenbänken von Anse aux Anglais im Norden. Eine archaische Prozession, deren Speerspitzen ins Violett des Himmels ragen. Angelique, eine kokette Mittfünfzigerin, ist mit einem halben Dutzend anderer Piqueuses unterwegs. Wie jeden Morgen bilden sie eine Gruppe, wenn sie auf Octopus-Fang gehen.

Mehr als zwei Stunden brauchen sie für den Weg von dem Bergdorf Dans Bébé hinunter zur Grand Baie. 300 Höhenmeter zu Fuß durch Dschungelgrün und über kahle Hänge, um das Busgeld zu sparen. Die Straße ist leer, und die Frauen in den auffälligen Kleidern laufen in einer Reihe - nebeneinander. "Weißt du, was der Unterschied ist zwischen Mauritius und Rodrigues?", fragt Angelique und schiebt die Antwort glucksend hinterher: "Auf Rodrigues kannst du jede Straße mit geschlossenen Augen überqueren". Ihr üppiger Busen lacht mit. Angelique hat Recht. Bis auf die ächzenden Rumpelbusse und einige Pick-ups gibt es auf der Insel kaum Autos. Rodrigues kommt mit nur einer Tankstelle aus - in der Hauptstadt Port Mathurin. Sie ist eine derartige Attraktion, dass selbst Kinder den Namen "Filling Station" tragen.

Die Stimmung ist ausgelassen, obwohl das Tagwerk noch bevorsteht. Soukouss, melancholischer Inselbeat, dringt aus den Hütten am Wegesrand. Sachte windet sich die Straße bergab, unter Kichern flattern kreolische Wörter wie Schmetterlinge zwischen der Gruppe umher. Das ist la Faya, die Kunst des Fröhlichseins auf Rodrigues. Die hutzelige Rosemay pflückt beim Gehen Pflanzen und Blätter, die Kernely oder St.Darou heißen. Heilkräuter gegen Durchfall und Magenbeschwerden. Immer wieder senden Angelique und die anderen freudig überrascht spitze Rufe in die Landschaft, grüßen in den Papaya- und Bananengärten bekannte Gesichter. Die Menschen hier lieben das Grüßen. Erkannt zu werden bedeutet Wurzeln zu besitzen. Gelernt haben die Piqueuses das Handwerk meistens von ihren Müttern. Manche, wie die humpelnde Julie oder Marie Blaise mit den starken Fingern, stellen dem Tintenfisch schon seit 50 Jahren nach. Damals wurde nur für den Eigenverbrauch gestochen, wurden die toten Tiere auf Holzgestellen getrocknet, es gab keinen Strom, also auch keine Kühlschänke. Seit den neunziger Jahren ist das anders. Der Großteil des Fangs wandert inzwischen in Froster und nach Mauritius. Unersättlich ist der Hunger im Ferienparadies.

Jagen im Zickzack-Kurs

Im Zickzackkurs streunt Yolande über das Riffplateau, nimmt sich vor scharfen Korallenblöcken in Acht. Bloß nicht umknicken, eine Zerrung oder gar ein Bruch wäre das letzte. An einer Strippe zieht sie ihren Kraken wie eine porzellanfarbene Marionette hinter sich her. Das spart Gewicht. Der weite Ring der Frauen vollführt eine Bewegung wie das Meer, folgt mit wiegenden Schritten der weichenden Flut. Über Tümpel geneigt, in denen pelzige Seegurken dümpeln, suchen sie nach verräterischen Zeichen. Yolande deutet auf eine Spur kleiner Muscheln, beliebte Nahrung des Octopus. "Da, in dem Loch könnte einer sein. Aus solchen Steinchen bauen sie gern den Höhleneingang." Yolande redet arglos über ihre Fangtricks, Konkurrenz fürchtet sie nicht. "Im Grunde ist es ein Glücksspiel", sagt sie. "Heute hast vielleicht du mehr Tintenfisch erwischt und morgen dafür ich."

Sie klopft auf die vermeintliche Behausung und wartet, ob Luftblasen aufsteigen. Als die Lebenszeichen sichtbar werden, schlägt sie das weiche Eisen der Pike zu einem Widerhaken um, stochert damit in der Höhle. Vergeblich. Der Octopus zieht sich immer tiefer zurück. "Früher waren die erlegten Tintenfische mindestens doppelt so schwer", sagt Yolande, "heute ist jedes noch so kleine Exemplar wertvoll für uns." Es klingt wie eine Entschuldigung nach dieser Gewaltaktion. Beim Blick über das Riff wird klar, warum: Wie ein Geröllfeld erstrecken sich die Korallentrümmer bis zum Horizont. Erst die nächste Flut wird ihren schimmernden Jadevorhang gnädig darüber breiten. Es bleibt noch eine Stunde. Mit einem Summen auf den Lippen sucht Yolande weiter, knirschend platzt die tuffige Masse unter ihren Sohlen.

Die Frauen warten. Warten in der Mittagsglut am Riffkanal auf das Boot, das sie zurückbringen soll. Manche, die leer ausgegangen sind, bekommen einen Octopus geschenkt oder auch einen Picassofisch. Untereinander kennt man die Nöte an den kinderreichen Esstischen daheim. Gerade in diesen Tagen, da ein heftiger Zyklon fast das gesamte Obst und Gemüse von der Insel gefegt hat. Während der Meeresspiegel langsam die Waden emporkriecht, werden die Kraken rasch gesäubert: Tintenblase durchbohren, umstülpen und weit weg vom Rock austropfen lassen. Schwarz trübt die Tinte das Wasser. An der Kante des Riffs bäumt sich eine Welle über den Köpfen auf, wild und graugrün. Der Himmel verdüstert sich. Die Gefahr auf dem Stück Korallenboden ist spürbar.

Es sind nicht allein tödliche Steinfische, die zwischen Spalten lauern und Aale, die sich in den Sehnen verbeißen. Was, wenn das Boot nicht kommt? Erst neulich wurde eine Piqueuse draußen vergessen. Als man nach ihr suchte, war das Riff bereits überspült. Nur an einer Stelle ragte ein winziges Etwas aus dem Ozean: der Kopf der Frau. Sie stand auf einem Podest aus Korallen, das sie in ihrer Not aufgetürmt hatte. Doch der wortkarge Stiernacken Tico hat seine Damen nicht vergessen. In seinem Motorfährboot fällt alle Anspannung von ihnen ab. Sie ulken und feixen über das Fußballmatch im Fernsehen gestern Nacht: Liverpool gegen die Celtics. Eine Frau in blauen Schalke-Socken lacht laut. Sie alle sind Fans von Manchester United, ihrem Lieblingsteam. Manchester - auch ein beliebter Kindername.

Sie nehmen sich die Freiheit. Freiheit ist auf Rodrigues ein existenzielles Gefühl. Denn die Zeit der Unfreiheit, der Sklaverei ist nicht vergessen. "Ooiihhyoiyoiyoi" - noch heute erschallt der Freudenjauchzer, wenn Ras Natty Baby, Rodrigues' berühmtester Seggae-Musiker, von der Befreiung singt. Klänge, die auch bei Angelique manchmal aus dem Radio tönen, während sie in der schmalen Küche den Tintenfisch mit dem Beil zerteilt und die Würzmischung aus Ingwer, Knoblauch, Thymian und Safran zubereitet. Angeliques Tochter Christelle, 17, würde Rodrigues nie verlassen: "Es ist so ruhig und friedvoll hier". In den letzten Jahrzehnten sind viele Inselbewohner abgewandert, heute leben 42.000 Rodriguais auf Mauritius, 7000 mehr als auf Rodrigues selbst. Doch der Trend schwächt sich ab. Christelle will auf jeden Fall bleiben, obwohl Octopus sie allenfalls auf dem Teller interessiert. Sie liest viel, "Tartuffe" von Molière. Es gibt fünf Inselbibliotheken. Ihre vier Geschwister sind da anders. Christelle verdreht die großen hübschen Augen und flüstert: "Sie haben ja auch andere Väter." Unterdessen schiebt die Mutter das Abendessen für den derzeitigen Lebensgefährten aufs Feuer.

Auch Yolande nimmt sich ihre Freiheiten. Egal, was die Nachbarn denken, wenn wieder ein neuer Hausfreund auftaucht: "Ich kann tun, was ich will." Die Frau mit der leisen energischen Art und dem jugendlichen Teint ist seit 14 Jahren Witwe. Fünf Kinder hat sie großgezogen, jetzt lebt sie in einem Dreizimmerhaus mit Garten, hat 24 Hühner und zwei Schweine als Fleischreserve für Familienfeste. Der Alltag auf Rodrigues ist simpel und geruhsam geblieben. Satellitenwecker und Handys funktionieren hier nicht. Die Freundlichkeit der Insulaner geht auf Besucher verschwenderisch nieder wie ein warmer Monsunregen. Es gibt nur zwei Hotels der Drei-Sterne-Kategorie, Fernseher laufen erst seit 1987. Rodrigues ist frei von Steuerberatern und Kreditkartenwerbung. Diebstahl ist praktisch unbekannt. Selbst das Gefängnis ist eigentlich überflüssig. Aus Mangel an Gefangenen mussten die Wärter Regierungsaufträge ausführen und neuen Stacheldraht biegen. Wer die Gegend kennt, erzählt, so wie auf Rodrigues sei das Leben auf Mauritius vor 50 Jahren gewesen.

Yolande, Angelique und die anderen Piqueuses halten das mehr als 600 Kilometer entfernte Mauritius für einen Moloch. Statt zu High-Life und Cocktailpartys gehen sie lieber zur Kirche nach St. Gabriel. 97 Prozent der Rodriguais sind bekennende Katholiken. Sogar der Papst war überwältigt und küsste 1989 die Erde der Insel. Mehr als tausend herausgeputzte Inselbewohner strömen jeden Sonntag früh um sieben in das geräumige Gotteshaus, sauber gescheitelte Jungs mit blütenweißen gebügelten Hemden genauso wie dicke Matronen in lila Satinröcken. Die Frauen zeigen sich keineswegs prüde auf der sangesfreudig zelebrierten Messe, transparente Blusen und knallenge Tops werden gern zur Schau gestellt. Yolande trägt am liebsten das kleine Schwarze. Der Sonntagnachmittag gehört den Familienausflügen. Im Kasuarinenhain bei Rivière Cocos läuft die Musik voll aufgedreht, es gibt Rum oder Bier, für die Kleinen Tamarindenlutscher.

Alles könnte so einfach sein. Fast ließe sich vergessen, wie arm die Piqueuses eigentlich sind, in Geld ausgedrückt. Nur halb so hoch wie der Durchschnittsverdienst ist ihr Einkommen: 2000 Rupien, rund 60 Euro im Monat. Weil aber lediglich an Tagen mit niedriger Tide gefischt werden kann und das auch nur bei gutem Wetter, zahlt der Staat als Ausgleich Schlechtwettergeld - 125 Rupien für jeden ausgefallenen Fangtag. Das reicht gerade für einen Karton Mineralwasser am Kiosk. Um das Schlechtwettergeld zu erhalten, müssen sich die Piqueuses jeden Tag an der Fishlanding Station registrieren lassen. Wer nicht schreiben kann, stempelt mit seinem Daumen. Auch wenn die soziale Absicherung noch so minimal ist, hat sie seit den siebziger Jahren immer mehr Frauen auf die Korallenbänke gelockt. Nun zertreten sie dort ihre Zukunft.

Der Octopus macht sich rar, weil er keinen intakten Lebensraum mehr findet. Aus Mangel an Beute werden selbst Jungtiere aufgespießt, bevor sie sich vermehren können. Binnen fünf Jahren ist die Fangmasse um die Hälfte geschrumpft. Auf Dauer kann das nicht gut gehen. Viele der Frauen fürchten, die Piqueuses könnten selbst zur aussterbenden Gattung werden. Doch was sollen sie tun? Gelebt wird in der Gegenwart.

Ein weiterer Tag neigt sich dem Ende zu. Dunkel ragen die Umrisse der Speerfischerinnen aus dem Riff. Der volle Mond geht auf, die Sonne schmilzt am Horizont. Ein feuchtwarmer Wind hebt an, die Piqueuses schultern ihren Fang. Umhüllt von grandioser Stille.

Autor:
Thomas Worm