Mauritius Den Göttern sei Dank

Es gibt selten Kriege, die sich schlimmer anhören, als sie sind. Einer von ihnen ist der letzte mauritische Glaubenskrieg. Im Herbst 2002 tobte er an der Nordküste, genauer gesagt am Badestrand von Grand Baie. Die Regierung war in ihn verstrickt, genauso die Hindus, die Moslems und die Christen.

Monatelang wurde am beliebtesten Urlauberstrand der Insel um den Hindu-Tempel Anamanta Mandir gekämpft, im Namen Gottes wurde gewarnt, gedroht, provoziert und demonstriert. Zeitungen und Fernsehen sprachen vom "Krieg der Religionen". Frieden zog erst wieder ein, als vom Tempel kein Stein mehr auf dem anderen lag.

Zum Glück verlief die Auseinandersetzung unblutig und ohne jede Gewalt, wahrscheinlich hätte man sie in keinem anderen Land der Welt als Krieg bezeichnet. Alles begann mit ein paar Statuen, die eine Gruppe Hindus am Strand aufstellte, um zu ihnen zu beten. Immer mehr Gläubige kamen nach, brachten immer mehr Statuen mit, zogen Wände in die Höhe und umzäunten das Gelände. Fertig war Anamanta Mandir, ohne Baugenehmigung auf den Strand von Grand Baie gesetzt. Die Christen protestierten, das Parlament debattierte, die Hindus veranstalteten einen pazifistischen Demonstrationsmarsch und die Moslems setzten ein Ultimatum: Wird der Tempel nicht binnen eines Monats abgerissen, dann werde die islamische Gemeinde eine Moschee direkt daneben bauen. Und ebenfalls dort am Strand beten. Dann werde man schon sehen. Der Tempel ist längst abgetragen und andernorts wieder aufgebaut. Mauritius' religiöses Gefüge ist wieder im Lot, der Inselstaat hat sein Gleichgewicht wiedergefunden. Ein Gleichgewicht, um das ihn der Rest der Welt beneidet.

Während andernorts Glaubenskriege Menschenleben fordern, zeigt Mauritius, wie eine multikulturelle Gesellschaft funktionieren kann. Von den 1,2 Millionen Einwohnern sind über die Hälfte hinduistischen Glaubens, ein Viertel ist katholisch, 16 Prozent sind Muslime und eine kleine Minderheit von zwei Prozent Buddhisten. 87 Glaubensgemeinschaften und Konfessionen sind auf der Insel eingetragen, von Adventisten über Baptisten, Pfingstler, Tamilen, Schiiten, Sunniten bis zu den Zeugen Jehowas. Gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Religionen gibt es nicht, fundamentalistische Gruppen ebenso wenig. Mauritius präsentiert sich gerne als der friedliche Melting pot des Indischen Ozeans. Wie funktioniert hier, was andernorts scheitert?

Im Hindu-Tempel von Triolet riecht es streng nach abbrennenden Räucherstäbchen. Alles ist bunt, die Decken sind mit Ornamenten in kreischendem Rot, Gelb und Grün verziert, die Statuen behängt mit Ketten, Blumen und bunten Gewändern. Mitten im Gewirr der Farben und Formen steht Sunil und macht sauber. Seit acht Jahren ist er der Hausmeister im Tempel von Triolet, der als einer der heiligsten der Insel gilt. Er führt gerne Besucher herum, schließt die Glasvitrinen auf und nennt jede Gottheit beim Namen. Vor allem wenn er von Shiva spricht, dem Gott der Zerstörung und der Schöpfung, dann wird seine Stimme so laut und tief, dass sie durch den ganzen Tempel schallt. Nicht nur Hindus, auch Moslems, Christen, Buddhisten kämen in den Tempel, sagt er. Bei Shiva, er schreit den Namen heraus, sei jeder Besucher willkommen. Ist Mauritius' religiöse Vielfalt ein Beispiel für die Welt? "Oh ja", sagt Sunil. "Alle hier sind gläubig, auch wenn sie nicht den gleichen Gott haben. Wenn die Tamilen lieber zu Murugan beten als zu Shiva, dann sei das ihre Entscheidung, genauso mit Christus und Allah. Sunil sieht das pragmatisch: "besser zu viele Götter als zu wenig".

Shiva zu Ehren, erzählt er, werde bald das größte Fest des Landes stattfinden: Maha Shivaratree, Shivas große Nacht. Hunderttausende Gläubige pilgern jedes Jahr weiß gekleidet und oft barfuß zum See Grand Bassin, für Hindus der heiligste Ort der Insel. Shiva selbst soll den See erschaffen haben, als er mit dem heiligen Wasser des Ganges in seinen Händen über die Erde flog. Direkt über Mauritius verlor er ein paar Tropfen, die auf der Insel zum See wurden. Sunil stellt einen Gott nach dem anderen vor: Ganesh, Shivas Sohn und Gott der Weisheit und des Glücks, dem sein Vater versehentlich den Kopf abhieb und durch das Haupt eines Elefanten ersetzte, Vishnu, Erhalter des Universums, und Brahma, den Schöpfer, dessen vier Köpfe in alle Himmelsrichtungen schauen. "Glauben ist das Wichtigste im Leben", sagt Sunil. "Glauben und Gott feiern."

Anlass zum Feiern gibt es genug. Bis in die neunziger Jahre hatte Mauritius knapp 30 religiöse Feiertage, sechs Wochen im Jahr standen die Fabriken und Geschäfte still, weil die Tamilen ihr Bußfest, die Buddhisten ihr Ahnenfest oder die Christen ihren Inselheiligen Père Laval feierten. Mittlerweile sind rund die Hälfte der Feiertage fakultativ, wer will, kann Urlaub beantragen, die anderen arbeiten. Zum Opferfest Id-al Adha werden die Moslems frei nehmen. Die Moscheen rechnen mit Tausenden von Besuchern, die Straßen werden gesperrt, und in die Jummah-Moschee von Port Louis kommt das staatliche Fernsehen, um die Gebete zu übertragen. Mit dem Fest gedenkt die muslimische Gemeinde Abraham, der bereit war, Allah seinen Sohn Ismael zu opfern und dann durch Gottes Weisung davon verschont blieb.

"Ein wichtiges Fest", sagt Siddique Joosub. "Ein Fest, das uns lehrt, vollends in Allah zu vertrauen." Siddique Joosub, Nissar Ramtoola und Shahzad Joonas gehören zum Direktorium der Jummah Moschee, dem größten islamischen Gotteshaus der Insel. Auf weißen Plastikstühlen sitzen die drei bärtigen Männer in einer Reihe hinter einem breiten alten Schreibtisch am Rande der weitläufigen Halle. Es ist Freitag gegen 17 Uhr, der Muezzin hat noch nicht gerufen, doch die ersten Gläubigen sitzen bereits an einem in den Boden eingelassenen Becken und waschen sich Füße und Hände vor dem Abendgebet. Aus bunten Neonröhren leuchtet grünes und rotes Licht in die Halle, die Durchgänge zu den Gebetsräumen sind mit zierlichen hölzernen Ornamenten verziert, durch das gläserne Dach wirft die Sonne ihr Licht in den Innenhof.

Multikulturelles Mauritius

"Wir haben das Glück", sagt Nissar, "auf einer sehr gottesfürchtigen Insel zu leben." Ist Mauritius ein multikulturelles Musterland? - "Nicht alles ist perfekt, aber dennoch kann sich die Welt an Mauritius ein Beispiel nehmen." Respekt sei die Basis der Gesellschaft, "jeder hier achtet die Religion der anderen", sagt Nissar, und die beiden anderen nicken dazu. Auch nach den Anschlägen des 11. September 2001, als vielerorts Moslems angefeindet wurden, habe niemand auf der Insel Stimmung gegen die islamische Gemeinde gemacht. Kulturelle Differenzen, Vorurteile, natürlich gebe es all das, aber man versuche, Berührungsängste abzubauen, indem man über den Glauben rede, ihn erkläre. "Nehmen wir zum Beispiel die Rolle der Frau", sagt Shahzad. Christen seien oft der Ansicht, der Islam würde die Frau unterdrücken. Aber gerade das Gegenteil sei der Fall: Die Frau werde hoch geachtet, sie sei der Edelstein des Hauses. "Und einen Edelstein", sagt er, "den wirft man nicht auf die Straße, sondern verstaut ihn sicher im Safe."

200.000 Mitglieder zählt Mauritius' moslemische Gemeinde, rund 30 Moscheen gibt es auf der Insel, oft in unmittelbarer Nähe von Tempeln, Pagoden und Kirchen. Die Regierung unterstützt die moslemischen Gemeinden finanziell, ebenso die Hindus und Christen. Als "Kommunalismus" bezeichnen Soziologen das mauritische System, das darauf baut, die bestehenden Kräfte gleichmäßig zu unterstützen. Mit gleichen Chancen für alle hat das weniger zu tun als mit starkem Vertrauen auf das, was schon immer so war. Abgeordnete werden auf der Insel nach religiösen Quoten aufgestellt und das Amt des Premierministers ist traditionsgemäß mit einem Hindu besetzt. Ende 2003 soll erstmals ein Katholik das Amt übernehmen. Viele Hindus fürchten, damit zugunsten der katholischen Kreolen politischen Einfluss zu verlieren.

Père Guy Billaud interessiert sich wenig für Politik. Der katholische Priester vom Orden des Heiligen Geistes kam 1963 aus Frankreich nach Mauritius, damals war die Insel noch britische Kolonie. Offiziell ist er längst in Rente, nur ab und zu, wie an diesem Sonntag, feiert er noch die Messe in der Kirche von Sainte-Croix, nicht weit von Port Louis. Der Frühgottesdienst ist gerade vorbei, Père Billaud verabschiedet die Gläubigen mit Handschlag. Ein kleines Mädchen zieht an seinem grünen Talar, 13 Kinder wird er heute Nachmittag noch taufen.

In Père Billauds Kirche kommen nicht nur Katholiken, sondern auch Hindus und Moslems. Dabei ist das Gotteshaus von Sainte-Croix weder besonders hübsch noch imposant: ein Grünspan ansetzender Sechziger-Jahre-Bau mit asymmetrischem Grundriss und großen Glasbausteinen. Die Attraktion ist auf den ersten Blick unscheinbar. Ein flaches, weißes Gebäude mit vergitterten Fenstern, die wichtigste christliche Pilgerstätte der Insel: das Grab von Père Jacques-Désiré Laval. Priester Billaud ist gewissermaßen ein Nachfolger des Père Laval, er arbeitet im gleichen Orden am gleichen Ort. Er selbst allerdings würde das niemals so sagen, das wäre anmaßend. So, als würde sich ein einfacher Bauarbeiter mit Schöpfern von Palästen oder Pyramiden vergleichen. Père Laval, erst Arzt, später Priester, der 1841 aus der Normandie nach Mauritius zog und in 16 Jahren Zehntausende ehemalige Sklaven zum Katholizismus bekehrte, ist der heilige Held der Insel.

Aus Beton nachgebildet, liegt der Priester in einem gläsernen Sarkophag, das grauhaarige Haupt auf ein Kissen gebettet, unter ihm die Gruft, in der seine Gebeine ruhen. Eine junge Hindu-Frau legt Blumen auf seinen Sarg und zündet eine Kerze an. Rund um das Grab stehen Menschen, beten, immer wieder reckt sich einer, streicht mit der Hand über das Glas oder an der Grabplatte entlang. Selbst Papst Paul VI. bestätigte 1977, dass am Grab des Père Laval Wunder geschehen. Ein Monsieur Beaubris, so steht es in der Urkunde des Vatikan, sei hier von einem gefährlich eiternden Ekzem geheilt worden. Seitdem kommen Pilger von überall. Sie bitten um Gottes Beistand und um die Hilfe von Père Laval.

Als der Priester 1841 nach Mauritius kam, war die Insel alles andere als ein Musterbeispiel an Toleranz. Die Sklaverei, 1835 abgeschafft, existierte faktisch noch jahrelang weiter. Plantagenbesitzer bezahlten ihre ehemaligen Leibeigenen mit Geld, das nur auf ihren Plantagen akzeptiert wurde und hielten sie so in dauernder Abhängigkeit. Die ersten indischen Kulis wurden mit Versprechungen und ausbeuterischen Verträgen auf die Insel geholt und, sobald sie im Land waren, nicht besser behandelt als vor ihnen die Sklaven.

Heute, fast 170 Jahre später, haben die Plantagenbesitzer von früher noch immer das Sagen. Die rund 20.000 meist streng katholischen Franco-Mauritier besitzen 90 Prozent des Grund und Bodens und kontrollieren wichtige Wirtschaftszweige wie die Hotellerie und die Zuckerindustrie. Die Nachfahren der indischen Kulis bilden den Mittelstand, Chinesen dominieren im Handel und für die Kreolen, die Urenkel der früheren Sklaven, bleiben oft nur schlechter bezahlte Jobs als Handwerker, Taxifahrer oder Hotelangestellte.

"Nein, ein Paradies ist das hier nicht", sagt Père Billaud und reibt sich das Handgelenk, in dem die Arthritis schmerzt. "Unser Gleichgewicht ist zerbrechlich." Behüten und stärken müsse man es, durch Bildung und durch die Erziehung zur Toleranz. "Allein die Tatsache, dass Frieden herrscht, heißt noch nicht, dass man einander versteht. Wenn wir irgendwann so weit sind, dann haben wir vielleicht eine Ahnung vom Paradies."

Es ist Christine Hardys Job, Mauritius als Paradies zu inszenieren: immer sonnig, bunte Tempel, freundliche Menschen und dazu das große harmonisch arrangierte Kaleidoskop der Kulturen. Sie produziert Filme, oft für ausländische Sender, Dokumentationen über die multikulturelle Perle des Indischen Ozeans. "Das ist unser Image", sagt sie, "so etwas darf man nicht zerstören. Aber die Wirklichkeit sieht anders aus."

Christines Familie ist eine der ältesten der Insel. Noch vor der Französischen Revolution schifften ihre streng katholischen Ahnen aus Paris in Richtung der Île de France im Indischen Ozean ein. Die Eltern sind sich ihrer Wurzeln bis heute bewusst. Dass Christine einen Moslem heiratete und zum Islam übertrat, haben sie ihr niemals verziehen. Der Kontakt ist abgebrochen, seit 17 Jahren.

"Diese Insel", sagt sie, "ist sicher kein multikulturelles Paradies, aber das merkt niemand, der nicht hier lebt." Man lebe nebeneinander, nicht miteinander. Mischehen sind selten, es sei für die meisten Familien noch immer ein Drama, wenn sich ein Hindu in eine Moslemin verliebt. "Jede Gruppe hier bleibt unter sich, man respektiert die anderen, aber lebt in seiner eigenen Welt." Wer zwischen den Welten pendelt, braucht Rückgrat.

Eines Tages kam Christines Sohn Rashid aus der Schule und fragte: "Wer bin ich?" Es habe gedauert, sagt Christine, bis sie verstand, was er meinte. Sie wartete, bis ihr Mann Sultan nach Hause kam, beide nahmen den Jungen in die Mitte und erklärten ihm, dass Hautfarbe und Glauben nichts miteinander zu tun haben sollten, dass es viele Möglichkeiten gibt, ein Moslem zu sein. "Dein Vater ist der Kaffee, deine Mutter die Milch", erklärten sie ihm. "Und du bist ein wunderbarer Milchkaffee." Mittlerweile ist Rashid überzeugter Moslem, sagt seine Mutter, "vor allem an islamischen Feiertagen, an denen er nicht zur Schule muss."

Als wir uns verabschieden, sagt sie: "Trotz aller Fehler ist diese Insel ein tolerantes Land.Wir sind viel zu wenige Menschen, um uns wegen unseres Glaubens gegenseitig die Köpfe einzuschlagen. Wir lassen einander in Ruhe, vielleicht ist das ja der Anfang vom Paradies?"

Draußen spannen sich rote Wimpel über die Straßen, es ist der Tag vor Maha Shivaratri, Shivas großer Nacht. Die ersten Pilger sind unterwegs, sie tragen Geschenke für Shiva: Bananen wegen des süßen Geschmacks und Kokosnüsse, deren weiße Milch Sinnbild dafür ist, dass auch der Mensch im Inneren rein sein soll.

Einer von den Hunderttausenden, die am Abend am Grand Bassin eintreffen werden, ist Narish, Mitte 40, von Beruf Chauffeur bei einer Reiseagentur. Zusammen mit seiner Frau und drei Kindern wandert er zum heiligen See. Dort werden sie sich ein paar Flaschen des heiligen Wassers abfüllen und mit nach Hause nehmen. Sie wollen nur kurz am See bleiben, "zu viel Trubel", sagt Narish, "keine wirkliche Ruhe".

Autor:
Kathrin Sander