Marokko Yves Saint Laurent in Marrakesch

Yves Saint Laurent muss das gemocht haben: die ganze Welt an einem Ort. So hat er es auf dem Laufsteg gehalten, hat seine Kollektionen osteuropäischen Bauerntrachten gewidmet, hat sich an den fließenden Linien orientalischer Gewänder orientiert oder den russischen Schiwago-Look stadtfein gemacht. Zudem war der französische Couturier bekannt dafür, mit Vorliebe Models unterschiedlicher ethnischer Herkunft zu buchen. United Colors of YSL.

Die Idee dieses Gartens wird Yves Saint Laurent demnach sehr berührt haben: 1924 von seinem Landsmann Jacques Majorelle vor den Toren der Altstadt von Marrakesch angelegt, mit Pflanzen, die der Maler auf seinen Reisen um die Welt gesammelt hatte. Kakteen, Palmen, Bananenstauden, Bambus, Seerosen, Farne, Bougainvilleas. Fünf Kontinente in einem Park, vereint zu einem großen Kunstwerk - und seit 1947 für Besucher geöffnet. 1962 starb Majorelle in Frankreich an den Folgen eines Verkehrsunfalls. Die Idee seines Weltgartens verwucherte, 20 lange Jahre.

"Als wir den Jardin Majorelle entdeckten, war er eine Ruine", sagt Pierre Bergé, Lebens- und Geschäftspartner von Yves Saint Laurent. 1967 besuchte das Paar Marrakesch zum ersten Mal und erwarb zunächst zwei Häuser in der Medina. 1980 kam dann Majorelles Anwesen mit der prächtigen Villa gleich nebenan dazu. Über vier Jahre wurde das Haus renoviert, länger noch der Park entwildert.

Seither gilt der Jardin als eine der touristischen Attraktionen Marrakeschs - und als ein unvergleichlicher Ort der Ruhe. Denn obwohl täglich Hunderte Menschen den verschlungen Wegen im Garten folgen: früh morgens und am Nachmittag ist dies eine Oase inmitten einer hyper-geschäftigen Stadt. Kein Verkehrslärm, nicht mal das urbane Rauschen dringt über die Mauern hinein.

Traumhafte Farben für Yves Saint Laurent

Im Garten wandert man andächtig durch alle Tonarten von Grün. Ganz anders etwa als durch eine klassische deutsche Parkanlage. Denn diese Kakteen-Formationen, schlank aufstrebend oder wie Riesenkürbisse am Boden liegend, diese gespreizten Blätterfächer, diese fleischigen Gewächse erinnern mehr an einen Skulpturen-Garten. An die 300 Pflanzengattungen zählt man hier heute.

Durch die Baumkronen fällt schneidendes Sonnenlicht, die Schatten gleichen Scherenschnitten exotischer Vögeln. Jeder Winkel: ein Gemälde. Yves Saint Laurent sagte einmal über seinen Jardin: "Ich träume oft von diesen Farben." Neben Grün und Licht und Schatten beherrscht eine weitere, eine besondere Farbe das Gelände: le bleu Majorelle. Eine Komposition des Künstlers, mit der er 1937 die Fassade seines Ateliers strich. Dieses besondere Blau leuchtet auch heute in dieser kräftigen Nuance, etwas heller als Kobaltblau vielleicht. So mitten im Grünen ein schöner Schock.

Bis vor kurzem beherbergte der kubistische Bau das Museum für islamische Kunst mit Werken aus der Privatsammlung von Saint Laurent und Bergé. Zurzeit ist es geschlossen, vermutlich wird es eine inhaltlich neue Ausrichtung bekommen. Aber wegen des Museums kamen ohnehin die wenigsten. Denn der Garten ist es, der seine Besucher seit jeher in eine leicht entrückte Stimmung versetzt.

Ewig alte Baumbestände neben vergänglichen Topfpflanzen. Geritzte Liebesschwüre in den grünen Stämmen des Bambus-Wäldchens. Und früher natürlich: Die verhuschte Schüchternheit des Modeschöpfers - ob Yves wohl gerade in Marrakesch ist?

Echte YSL-Fans wagten einen hoffnungsvollen Blick durch das schmiedeeiserne Tor in den privaten Teil seines Gartens. Echte Kenner wussten, dass sein Bereich über ein schweres Holztor zu erreichen - und sowieso nicht einsehbar - war.

Am 1. Juni 2008 starb Yves Saint Laurent, wenige Wochen vor seinem 72. Geburtstag, in Paris. Am 11. Juni wurde seine Asche in einer kleinen Zeremonie im privaten Rosengarten in Marrakesch verstreut. Die Liebe zu einem, seinem Ort.

Heute ist der Jardin Majorelle in guten Händen. Eine Stiftung sichert den Erhalt, ein modernes und effektives Gießsystem versorgt jede Pflanze gezielt mit der angemessenen Wasserration, 20 Gärtner kümmern sich um das üppige Grün. Wie dürr die anderen Gärten Marrakeschs dagegen wirken.

Ganz hinten, in einem kleinen Abzweig bei den Bananenstauden erinnert eine schlichte Stele - ein Beton-Block, aus dem eine antike Säule ragt - an den großen Yves Saint Laurent. Zwei junge Männer sitzen dicht beieinander. Auf einer Bank. Sie schauen ins Leere. "Silence" bittet eine Tafel.

Autor:
Dorthe Hansen