Marrakesch Der tosende Marktplatz Djemaa el-Fna

Fragen Sie einen Bewohner Marrakeschs nach seinem liebsten Flecken in der Stadt, er wird antworten: Djemaa el-Fna. Das ist in etwa so originell, als würde ein Kölner Ihnen den Dom nennen. Denn ein Geheimtipp ist der große Platz am Rande der Altstadt Marrakeschs nicht. Er ist das genaue Gegenteil davon.

Einst Platz der Geköpften, seit Jahrhunderten Markt, Arena, Restaurant unter freiem Himmel. Seit Jahrzehnten von Touristen belagert. In den Abendstunden irren hier die Fremden umher auf der Suche nach einer Garküche ihres Vertrauens, die Einheimischen aber steuern gezielt ihren Stamm-Stand an. Warum die Treue? "An Nummer 26 gibt es richtig guten Fisch." "Bei der 55 ist es am lustigsten." "Meine Familie geht, seit ich denken kann, zu Stand 43." Der Djemaa el-Fna, sagen die Leute, sei die Lunge der Stadt.

Heute morgen rasselt sie nur. Kein Stand in Sicht, die kommen erst mit der Dämmerung. Jetzt knattern Mofas übers Gelände, ein paar Taxis sind unterwegs, da hinten werden Mandeln, Datteln und Orangensaft verkauft. Wir beobachten das von oben, von der Terrasse des Café Glacier, trinken dazu einen kleinen Milchkaffee und zählen die Satellitenschüsseln auf den Dächern gegenüber (etwa 76). Ein schönes Panorama sieht anders aus. Aber schön, das können ja viele öffentliche Plätze dieser Welt.

Das Besondere des Djemaa el-Fna bei Tageslicht - seine Weite, die wuseligen Wege der Menschen und Fahrzeuge - erschließt sich erst später. Etwa wenn man durch die engen Marktwege der Suks schlendern möchte, aber wie ein Kaninchen Zickzack schlagen muss: Achtung, Mofa von hinten! Schnell weiter, aufdringlicher Verkäufer von rechts! Dann wünscht man sich die relative Ruhe des großen Platzes zurück.

Immer mit der Ruhe. Man soll sich treiben lassen durch das Wirrwarr der Medina, heißt es immer - wenn sie einen nur ließen! Verkäufer wollen verkaufen, Europäer wollen erst mal nur schauen. "Come in have a look. I'll make you a good price." Glaubt man natürlich nicht, weil man das gesamte Angebot noch nicht blickt und außerdem weiß, dass man nicht mal auf dem Flohmarkt in Quickborn einen guten Preis aushandelt. Wie also hier, bei diesen Profis?

Ein älterer Herr, hager und flink, lotst mich in seinen Laden: Schneckenmuster in Marmor, Silberschmuck mit und ohne Stein, schöne Fliesen. "Hübsch", sage ich, "die da mit dem grünen Kamel." Und er sagt: "120 und die mit der Palme dazu!" Zwölf Euro für zwei kleine Kacheln. Er sagt: "Jetzt du! Handeln!" Ich sage, ich weiß gar nicht, ob ich die will. "Aber ja", sagt er. Und ich tue so, als hätte ich das überhört.

Abseits des Platzes - bestimmte Unfreundlichkeit

Wir versuchen es weiter mit dem Schlendern, lächeln hierhin, sagen "hello", tun aber grundsätzlich so desinteressiert wie möglich, damit wir vorankommen. Und schielen verhalten auf die reichhaltig getürmten und gehängten Waren: Gürtel, Puschen, Gewürze, Teppiche, Lampen, Holzschachteln, Tücher, Trommeln, Spiegel, Taschen. Die Gassen werden breiter und wieder schmaler, führen ins Helle auf kleine Marktplätze und durch Torbögen hindurch ins Dunkle. Come in have a look.

Vor dem Musée de Marrakech, in dem archäologische Funde, traditionelle Kostüme und Keramik gezeigt werden, aber auch zeitgenössische marokkanische Kunst, blendet die Sonne. Eine Frau kommt auf uns zu. Sie ist klein, kompakt, komplett in Schwarz gehüllt, nur ihre Augen sind zu sehen, schwarz umrandet. Sie hält uns einen Stoß silberner Armreifen hin: "I'll make you a good price", sagt sie. Und wir sagen: "Yes, we know." Da müssen wir alle drei lachen. Sie sagt: "You know! I like that!" und geht glucksend weiter.

Aus einer Seitengasse drängt eine Gruppe von Schülern auf unseren Weg. Sie rempeln und kreischen. Die Jungs tragen dunkelblaue Trainingsjacken, die Mädchen Quietschrosa. Sie zerren sich gegenseitig an den Ranzen in die Knie, rennen um uns herum, da gehen wir einfach mal mit. Ein Junge, vielleicht acht Jahre, schwingt mit einem Stück Kreide immer wieder dasselbe arabische Wort an Türen und Wände. Bei uns zu Hause machen sie so was mit Edding.

Die Stimmung ist friedlich und doch befremdlich

Auf einmal sind die Kinder weg. Kein Gedrängel, kein Zickzack. Niemand spricht uns mehr an. Aber man nimmt sehr wohl Notiz von uns. Die drei Jungs, die Mofas reparieren. Der Mann, der Holzstäbe drechselt. Der Mann, der ein Huhn zerlegt. Nur die Frauen schauen durch uns hindurch. Die Stimmung ist friedlich und doch befremdlich. Vielleicht sollten wir umkehren? Aber es ist so schön hier - und so ein touristisches Begehren, das echte und pure Leben sehen zu wollen.

In den nächsten Minuten werden wir immer mal wieder angesprochen, recht hilfsbereit: "Zum großen Platz müsst ihr da lang." Ja, wissen wir. Dann aber stellt sich uns ein junger Mann in den Weg: "Ihr könnt hier nicht weiter, it's closed." Wir wollen an ihm vorbei, aber der lässt uns nicht. Wir wissen nicht, ob er einfach mal vor seinen Kumpels Autorität demonstrieren will. Oder ob es ihm ein dringendes Bedürfnis ist, sein Viertel frei von Ungläubigen zu halten. Wir drehen ab und verstehen: Ein Wohngebiet ist kein Zoo.

Uns zieht es nach Europa, und das finden wir auf der Dachterrasse des Café des Epices, am Rahba Lakdima. Wir essen Sandwiches mit Tomaten und Avocado, trinken Cola. Gegen die Sonne helfen Bastschirme und Strohhüte.

Rashid verkauft uns schwarze Kügelchen

Auf unserem Weg zurück zum großen Platz sind wir immer noch ernüchtert vom Anlocken und Verscheuchen, come in have a look, go away, it's closed. Da treffen wir Rashid. Er trägt einen weißen Kittel, sieht aus wie ein junger Stationsarzt und beginnt zu reden, in korrektem, rasend schnellem Deutsch: "Hallo, guten Tag, besuchen Sie mich in meiner Apotheke. Sie müssen nichts kaufen, ich erzähle Ihnen einfach etwas." Wir folgen ermattet in einen dieser Verkaufsräume, bis unter die Decke stapeln sich bunte Schraubgläser und Tütchen voller Kräuter, Pasten und Gewürze.

Rashid füllt einige schwarze Kügelchen in ein schwarzes Tuch, schnürt dieses zusammen, hält es mir ans rechte Nasenloch und sagt: "Tief einziehen." Soll wirken gegen: "Kopfschmerzen, Migräne, Husten, Heuschnupfen, Asthma …" Es beißt ein bisschen scharf in den Nebenhöhlen, macht aber Stimmung. Was gibt es noch? Natürlich Orangenblütenöl, nach dem es in ganz Marrakesch duftet: "Entspannend, gegen Stress und Schlafstörungen, einfach ein paar Tropfen in Wasser auflösen." Rashid beschleunigt: "Kennen Sie Arganöl? Gegen Falten, Pigmentstörungen, Neurodermitis. Gegen rheumatische Beschwerden, Muskel- und Sehnenbeschwerden." Er verreibt es auf dem Unterarm, es riecht nach Kaffee: "Sehen Sie, zieht sofort ein, hilft auch gegen Haarausfall, Schuppen …" Rashid beteuert, er sei bereits 43, sehe aber - dank Arganöl - aus wie 27. Wir nehmen alles, auch ein paar Gramm von den schwarzen Kaufrausch-Kügelchen.

Es schiebt uns hinaus aus den Suks. Endlich sind wir wieder auf dem großen Platz. Djemaa el-Fna. Aber wie anders er jetzt aussieht, gerammelt voll, und wie anders ist sein Sound: überall Bands mit Trommeln und Lauten, überall das Nonstop-Gequengel der Mizmars, die Schlangen und Tänzer begleiten. Der große Platz leuchtet. An den Ständen wird gearbeitet, es raucht und qualmt, es riecht nach frisch Gegrilltem. Davor: junge Männer, wieder in weißen Kitteln, die uns zum Mitkommen bewegen wollen, diesmal also zum Essen. "Du kommst aus Deutschland? Ich bin Alfred Biolek!" Na, so ein Zufall. Wir versprechen, dass wir gleich ganz bestimmt zurückkommen werden, erst mal schauen. Sollen wir Lammwürste oder doch Schneckensuppe bestellen? Wir können kaum überlegen, denn jeder will uns haben. Wir brauchen wieder etwas Abstand, verziehen uns wie heute früh auf die Terrasse des Café Glacier. Von hier oben sieht der große Platz aus wie der Nürnberger Christkindlmarkt im Vollrausch. Ganz ohne Glühwein.

Autor:
Dorthe Hansen