Marokko Das Palasthotel La Mamounia

Wenn es schlecht gelaufen wäre, hätte dieses Haus seine Seele verloren. Und der Schuldige wäre bekannt: Jacques Garcia, weltberühmter Innenarchitekt, der bereits das Pariser Hotel Côstes und das berühmte Kaffeehaus Ladurée auf den Champs-Elysées mit Pomp und Eleganz versehen hat.

Drei Jahre wütete dieser Mann durch Marrakeschs Palasthotel La Mamounia, ließ Wände versetzen, ganze Fluchten neu schlagen. Nein, Monsieur Garcia hat keine halben Sachen gemacht. Er hat sehr gründlich gearbeitet, zum Beispiel das alte Art-déco-Interieur herausgerissen. Es wurde meistbietend versteigert. Drei Millionen Euro hat das gebracht. Geschichte unterm Hammer.

Im 18. Jahrhundert vermachte Sultan Sidi Mohammed Ben Abdellah seinen vier Söhnen je einen Garten als Hochzeitsmitgift. Prinz Moulay Mamoun erhielt einen drei Hektar großen Park - außerhalb der befestigten Altstadt Kasbah, mit Blick auf den Atlas -, in dem der Letztgeborene fortan prächtige Feste feierte. 1923 wurde, auf Geheiß der französischen Besatzung, aus dem Palast im Park das Hotel La Mamounia.

Von Beginn an kamen namhafte Besucher: Winston Churchill verbrachte hier viele Winter, malte die Landschaft und schrieb Teile seiner Memoiren. Alfred Hitchcock nutzte das Mamounia 1956 als Kulisse für "Der Mann, der zu viel wusste". Und Graham Nash schrieb den Song , der 1969 auf dem Debüt-Album von Crosby, Stills & Nash erschien. Manche Gäste kamen immer wieder, manche brachten sogar ihr eigenes Mobiliar mit. Über die Jahrzehnte wurde das Haus in Etappen erweitert und mehrfach renoviert. Der Glanz der alten Tage hing irgendwo dazwischen. Jacques Garcia musste kräftig polieren.

Nun öffnen sich die Flügeltüren, ein paar Stufen geht es aufwärts, und dort steht Khalid Dibani, einer von insgesamt 770 Hotelangestellten, sein Spezialgebiet: Relations Clientèle. Bedeutet: Gäste auffangen, persönlich und herzlich, denn in der prächtigen Marmorlobby, unter den strahlenden Kronleuchtern könnte ihnen schwindelig werden. Es ist Abend, und Khalid führt die letzten Ankömmlinge durch das Haus. Vorbei an der alten Bronzestatue, die schon früher in einer Ecke des Mamounia stand - ein Afrikaner im Kampf mit einer Raubkatze, die sich in die Flanken seines Kamels krallt. Garcia hat diese Statue in den Mittelpunkt gerückt und mutig in knackigem Weiß getüncht.

Weiter geht es über die glänzenden Marmorstufen, über dicke Berberteppiche in die Galerie Majorelle, rote Polster und Vorhänge und goldenes Licht geben dem langen Raum eine elegante Schwere. Khalid weist in Richtung Süden: "Dort beginnt der Garten." Doch hinter den hohen Glastüren ist nur tiefes Blau. Khalid, 28 Jahre, runde Wangen, adrette Erscheinung, arbeitet seit zwei Monaten im La Mamounia. Er sagt: "Ich bin in Marrakesch aufgewachsen, dieses Haus kenne ich seit Kindheitstagen, natürlich nur aus Erzählungen. Für mich ist ein Traum wahr geworden."

Morgens um 4:45 Uhr endet der Traum. Der Muezzin ruft zum ersten Gebet, wahrscheinlich sogar vom Minarett der nahen Koutoubia-Moschee. Es klingt, als stünde der Mann auf dem Balkon des Zimmers. Also: raus aus dem King-Size-Bett, runter von der halbmeterdicken Matratze, Vorhang auf. Und da ist er: der Garten. Die Kronen der Dattelpalmen auf Augenhöhe, dazwischen Olivenbäume, die an die 500 Jahre alt sein sollen.

Der Muezzin stoppt, der Verstärker knackt, die Vögel kommen ins Spiel. Ein paar Amseln trällern sich wach. Angeblich soll Hitchcock hier die Idee zu "Die Vögel" gehabt haben. Jetzt gerade klingt das Gezwitscher alles andere als bedrohlich. Zurück im Zimmer, unter den samtig weichen Laken, mit beachtlichen Kissen im Rücken, umgeben von so viel Schönem, fühlt man sich plötzlich als Teil der Veranstaltung: stimmig, richtig glücklich.

Der zarte Duft frischer Dattelfrüchte

Ein Rundgang bei Tageslicht. Wie hat Jacques Garcia es geschafft, die Mamounia-Magie zu bewahren? Er hat Marokko wieder ins Haus geholt - sich an alten Aufnahmen des Hotels orientiert und sich getraut, traditionelles Handwerk neuartig zu arrangieren. Filigran aufgefächertes Gipsrelief an Tür-Bögen und Säulen, Deckenmalereien und überall Fliesenmosaik. Farblich dezent, was dann wieder vollkommen unmarokkanisch ist.

Doch bei aller stringenten Klarheit, die Garcia an den Tag gelegt hat, hat er doch Wärme erzeugt. Er beherrscht die Kunst verhaltener Opulenz. Und setzt auf bewährte Methoden: "Marokko ist wahrscheinlich der einzige Ort der Welt, an dem Kunsthandwerker eine Decke noch genauso bemalen können, wie es im 16. Jahrhundert gemacht wurde."

Bei allem Respekt vor der Geschichte des Hauses: Wer Bilder aus der jüngeren Vergangenheit zu sehen bekommt, muss zugeben: Die Pracht des alten La Mamounia wirkte rumpelig, zu viel Muster, zu viel Brokat, ein Durcheinander aus Orient und Belle Époche. Süß und schwer wie ein aufdringliches Parfum. Nun duftet es im Eingangsbereich zart, ganz zart nach frischer Dattelfrucht.

Im neuen La Mamounia geht es nicht allein um Optik, sondern um das Betören aller Sinne. Es geht darum, ein Hotel der Extraklasse wieder auf den Stand zu bringen. Auch mit einer außerordentlichen Küche, heute in den Händen der drei Küchenchefs Fabrice Lasnon, Don Alfonso und Jean-Pierre Vigato sowie Chef-Pâtissier Richard Bourlon. Sie sind zuständig für drei exzellente Restaurants (Le Marocain, L'Italien und Le Francais), den Pavillon de la Piscine (Frühstücks- und Lunchbuffets) sowie den Gartenpavillon Le Menzeh, in dem man sich Makronengebäck und Pralinen quasi im Spaziergang pflücken kann.

Für das gesamte kulinarische Konzept steht Fabrice Lasnon, der sich um die halbe Welt gekocht hat, letzte Station: Adlon, Berlin. Von dort brachte er Dominik Ambros mit, 34 Jahre, aus Böblingen stammend, der schon bei Johann Lafer und Thomas Keller am Herd stand. Meist ist der Sous Chef Exécutif in den unterirdischen Gängen zwischen den Restaurants und dem Pavillon am Außenpool unterwegs.

Ambros redet mit Leidenschaft vom Kochen, aber wirklich angetan ist er, als er im südlichsten Winkel des Parks in die Hocke geht und im hauseigenen Gemüsegarten gelbe, weiße und orangefarbene Möhren aus der Erde zieht: "Normalerweise bekommen wir alles, was wir benötigen, aus jeder Ecke der Welt in einer Kiste geliefert. Da hatten die Küchenchefs die Idee, die Dinge mal wieder wachsen zu sehen." Und wie es hier wächst: 40 Kilo Tomaten wurden an einem Morgen schon einmal geerntet. "Dafür ist uns der Salat in die Höhe geschossen, dem wurde es zu heiß."

Irgendwo im Hotel soll noch eine Privat-Bar der Königsfamilie existieren (ihr und der staatlichen Eisenbahngesellschaft gehört das La Mamounia), nicht für die Öffentlichkeit zugänglich. Ist sie unter einem der Bassins, die zum 2500 Quadratmeter großen Spa-Bereich gehören? Die Frage ist sofort wieder vergessen, wenn man hinab ins Reich von Marianne Nielsen steigt. Innenarchitekt Garcia hat hier unten eine urige Hamam-Welt hineingebaut, sehr verwinkelt, sehr stylisch: in Nachtblau und Grau. Und technisch auf dem neuesten Stand. Spa-Managerin Nielsen, eine Dänin, die die vergangenen 18 Jahre in New York gelebt hat, führt durch alle Räume: "Die Ausstattung ist das Beste, was man heute finden kann, gepaart mit der ursprünglichen Atmosphäre eines Hamams." Sie erklärt die Möglichkeiten und wirkt kein bisschen überheblich, weil sie sich selbst freut wie ein Kind.

Das ist es vielleicht, was alle hier vereint: dieser kindliche Stolz, diese große Freude, endlich wieder Gäste begrüßen zu können. 230 der 770 Mitarbeiter haben bereits vor dem großen Umbau im La Mamounia gearbeitet. Mohamed Ennassiri etwa begann als sehr junger Mann vor 23 Jahren. Heute ist er Director of Reservations. Er nimmt sich ein paar Minuten Zeit, sitzt an seinem Lieblingsplatz, dem einstigen Haupteingang des Hotels. "Stellen Sie sich vor, wer hier alles entlanggegangen ist!", sagt er. "Dies ist ein unvergleichlicher Ort." Er wird es wissen, er kennt das Vorher und das Nachher. Die Geschichte, sie ist immer noch da. Denn dieses Haus ist voller guter Seelen.

Autor:
Dorthe Hansen