Marokko Grüner Strom aus der Wüste

Die Vision geht so: Spätestens 2050 werden mindestens 15 Prozent des europäischen Strombedarfs durch Sonnenenergie abgedeckt. Solarthermische Kraftwerke in der Wüste Nordafrikas und im Nahen Osten sollen diesen Strom erzeugen, auf den europäischen Kontinent gelangt die Energie durch Leitungen auf dem Meeresgrund.

Das Königreich Marokko spielt in den Planungen der im Oktober 2009 in München gegründeten deutschen Desertec GmbH dabei eine nicht unwesentliche Rolle. An Desertec - genauer: der Desertec Industrial Initiative - haben sich zwölf Unternehmen beteiligt, darunter Konzerne wie Munich Re, Siemens, die Deutsche Bank, Eon und RWE. Ihr Ziel: der Aufbau von Solarkraftwerken in der nordafrikanischen Wüste. Damit ist das Desertec-Projekt die größte privatwirtschaftliche Ökostrom-Initiative der Welt.

Für ein Land wie Marokko und seine Nachbarländer ist das Zusammengehen von nordafrikanischer Sonne und europäischer Technologie in mehrfacher Hinsicht interessant. Bis dato ist Marokko beinahe vollständig auf den Import fossiler Brennstoffe angewiesen, durch den Bau von Solarkraftwerken könnte man einen doppelten Seitenwechsel vollziehen: vom Energie-Importeur zum Selbstversorger und Exporteur. Zudem ließen sich die Solarkollektoren nach Schätzungen der Entwickler von Desertec zu 90 Prozent vor Ort bauen. Damit würde der lokale Arbeitsmarkt eine deutliche Stärkung erfahren.

"Wir wollen unter den führenden Ländern in diesem Projekt sein", ließ Said Mouline, Managing Director von Marokkos "Renewable Energy Development Center" die Nachrichtenagentur Reuters im Sommer 2009 wissen. Zwar werden bereits heute Solarthermie-Kraftwerke in Marokko gebaut, allerdings ausschließlich kleinere Anlagen mit maximal 30 Megawatt Leistung - mit denen man etwa 100.000 Menschen versorgen kann. Damit ist an eine flächendeckende Versorgung nicht zu denken, geschweige denn an einen Energie-Export nach Europa. Aber das soll sich ändern.

Entsprechend hat Marokko inzwischen einen Fonds in Höhe von einer Milliarde US-Dollar für die Förderung erneuerbarer Energien und Energie-effizienter Projekte eingerichtet. "Wir können mit kleinen Projekten um 100 Megawatt starten, die um die 200 Millionen Dollar kosten würden, und dann nach und nach wachsen", behauptet Mouline.

Das deutsche Konsortium Desertec rechnet vor, dass für die Implementierung der eigenen Vorhaben - die ersten Kraftwerke sollen 2015 in den Bau gehen - zunächst die nötige Infrastruktur geschaffen werden muss. Geschätzte Kosten: 400 Milliarden Euro. Immerhin hat die schwarz-gelbe Regierung sich in ihrem Koalitionsvertrag für das Projekt Desertec ausgesprochen. Kanzlerin Angela Merkel stellte Gelder zum Ausbau der Solarenergie in Nordafrika in Aussicht. Geld, das in jedem Fall gut, weil nachhaltig angelegt ist. "Um bei weltweit weiter steigendem Energiebedarf eine globale Dekarbonisierung des Energiesektors zu schaffen, ist die Nutzung der Wüsten mit der Technologie der Solarthermie unverzichtbar", sagt Tobias Morell von der Hamburger Desertec-Geschäftsstelle.

Will man zukünftig die Vision wahr werden lassen, Nordafrika und Europa dauerhaft mit Strom zu versorgen, ist eine flächendeckende Ausrüstung der nordafrikanischen Länder Voraussetzung. Um die angepeilten 15 Prozent Stromabdeckung in Europa zu erzielen, müssten von verschiedenen Punkten Nordafrikas 20 bis 30 Leitungen nach Europa gelegt werden. Die Rohre mit je etwa fünf Gigawatt Leistungskapazität würden auf unterschiedlichen Routen durchs Mittelmeer führen, Gibraltar, Sardinien, Istanbul und Sizilien bieten sich als Brückenköpfe an.

Ob die für die Gesamtstromerzeugung notwendige grenzüberschreitende Kooperation der Maghreb-Länder funktionieren kann, kann nicht ohne Grund bezweifelt werden: Marokko, Algerien, Tunesien und Libyen geloben bereits seit über zwei Jahrzehnten vergeblich den Aufbau einer Handelsunion. Stand heute: In keiner anderen zusammenhängenden Region der Welt ist das Handelsaufkommen so gering wie hier.

"Die Bereitschaft der vielen Länder, die in einem Stromverbundsystem von der Sahara bis zur Nordsee mitspielen müssen", sei ein potenzieller Schwachpunkt, gibt auch Tobias Morell unumwunden zu. Der Desertec-Mann ist indes überzeugt: "Die marokkanische Regierung will das ihrige tun, um die rechtlichen Rahmenbedingungen zu schaffen." Man wird sehen.

Autor:
Nico Cramer