Philippinen Das Manila-Hotel war Hauptquartier des Generals

Kein anderes Land in Südostasien blickt auf eine so umfangreiche Kolonialvergangenheit zurück wie die Philippinen. Es scheint, als sei jeder mal dagewesen: Die Spanier bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, dann die Amerikaner, im Zweiten Weltkrieg die Japaner, dann wieder Amerikaner - als Befreier, nicht als Besatzer - und immer mal wieder Chinesen. Die Philippinen sind ein Schmelztiegel - das gilt insbesondere für ihre Hauptstadt Manila. Das Symbol all dessen könnte das Manila Hotel sein. Nichts anderes in der Stadt verkörpert die bewegte Vergangenheit wie das fast quadratische Gebäude an der Bucht.

"Eine Geschichte ist gut, wenn sie wie das Manila Hotel ist", soll Ernest Hemingway über die Luxusabsteige gesagt haben. Der brillante Autor war aber nicht der einzige, der das Hotel mitgeprägt hat. Der amerikanische Präsident John F. Kennedy hat hier übernachtet, der erste Mann auf dem Mond Neil Armstrong war zu Besuch. Königinnen und Könige haben in der Präsidentensuite im 18. Stock genächtigt. Und der King of Pop, Michael Jackson. Die Hotelbediensteten erzählen sich, dass er beim Verlassen der Suite eine Nachricht an das Hotelpersonal hinterlassen habe: "I love you" sei mit einem Lippenstift auf den Spiegel geschrieben gewesen.

Das Hotel südlich des Geschäftsviertels von Manila zu erbauen, entsprach 1912 dem Zeitgeist. Immer mehr Zugezogene entdeckten den Südteil der Stadt, Siedlungen entstanden. Das Manila Hotel wurde in Sichtweite von Intramuros, dem historischen Stadtkern Manilas gebaut, ins Meer sozusagen. Der Boden, auf dem das Hotel errichtet wurde, musste erst aufgeschüttet werden. Auch wenn Intramuros als der eigentliche Stadtkern gilt, war das Zentrum des Geschäftslebens Binondo. Auf der anderen Seite des Passig-Flusses wurde gehandelt: Briten, Franzosen und Amerikaner tauschten hier Waren mit den Chinesen. Heute ist dieser Stadtteil Chinatown. Anfang des 20. Jahrhunderts begann die Stadt in Richtung Süden zu wachsen. Hotel Oriente, das erste Haus am Platz, lag bald nicht mehr perfekt.

Ein öffentliches Nahverkehrssystem mit Cable Cars erschloss weite Teile der Stadt. Das machte es für die Amerikaner, die das Land zu Beginn des 20. Jahrhunderts kolonialisierten, einfacher sich in anderen Stadtteilen anzusiedeln - die Südstadt wird amerikanisiert. Ein größerer Hafen wird südlich des Passig-Flusses gebaut. Direkt daneben entsteht 1912 das Manila Hotel, bald die beste Adresse des Landes. Die Verkehrsanbindung ist perfekt, das Cable Car fährt direkt vor der der Hoteltüre los. Neben dem Hotel wird der Luneta-Park angelegt. An dessen Kopfende im Norden steht das Hotel, im Süden die amerikanische Botschaft.

In den folgenden Jahren wuchs die Stadt mehr und mehr gen Süden. Die Straßenbahn wurde ausgebaut, und das Hotel stand im Zentrum des amerikanischen Lebens der Stadt. Die 1920er und 1930er Jahre verliefen friedlich, doch mit dem Zweiten Weltkrieg veränderte sich die Stadt dramatisch. Aufgrund ihrer strategisch wichtigen Lage gehörten die Philippinen zu den am stärksten umkämpften Orten des gesamten Krieges: Die Schäden, die Manila im Zweiten Weltkrieg davontrug, sind mit denen Warschaus vergleichbar.

"Ich komme wieder"

General Douglas MacArthur, der Herr über die amerikanischen Truppen in der Region, hatte sein Hauptquartier im Hotel. Zeitweise leitete er es sogar. Weil man ihm aber kein entsprechendes Gehalt zahlen konnte, wurde ihm eine Suite im 17. Stock überlassen - heute trägt sie seinen Namen. Hier wurden Entscheidungen getroffen, die ganz Asien beeinflussen sollten. Als die Japaner die Philippinen einnahmen, musste auch MacArthur das Land verlassen. Von der kleinen Insel Corregidor, die in der Manila Bay liegt und die bei sehr gutem Wetter vom Dach des Hotels sichtbar ist, verließ er am 12. März 1942 die Philippinen Richtung Australien. Dort sprach er den Satz, den jeder Philippiner auswendig kann: "I shall return". Auf die Philippinen kehrte er 1945 zurück, nachdem die Japaner besiegt waren. Nur in das von ihm so geliebte Hotel nicht. Auch das Manila Hotel hatte unter dem Krieg gelitten. Mit der Stadt wurde aber auch das Hotel wieder aufgebaut.

Unter Marcos' Diktatur begann auf den Philippinen eine neue Ära. Der Präsident machte das Land zu einem der wohlhabendsten Ländern Asiens, ausgestochen nur von Japan. Ferdinand Marcos herrschte mit Notstandsgesetzen und eiserner Hand über die Philippinen, während seine Frau Empfänge und Feste im Manila Hotel gab. Imelda Marcos war Stammgast in der Champagne Lounge, die nur in Abendkleidung betreten werden durfte. Die Frau, von der es heißt, sie habe 3.500 Schuhpaare, hing an dem Hotel. Gala-Dinner, Geburtstage und Staatsempfänge fanden in dem Fünf-Sterne-Palast statt.

Und auch als sich die Marcos-Diktatur auf den Philippinen dem Ende zuneigte, spielte das Manila Hotel wieder eine Rolle. Dort wo der Diktator und seine Frau feierten, formte sich auch die Opposition. Doch mit der Demokratisierung der Philippinen 1986 begann eine schwere Zeit für das Traditionsgästehaus. Die 1990er Jahre sind das dunkle Jahrzehnt des Hotels. Manila veränderte abermals sein Gesicht. Der Finanzdistrikt wanderte nach Makati, südöstlich des Hotels, aber alles andere als in Laufdistanz.

Andere Hotels begannen Manila Hotel den Rang abzulaufen. Zwar ist es für die Konkurrenten bis heute kaum möglich mit der Tradition und der Geschichte des Hauses mitzuhalten, doch im Manila Hotel konnte man mit dem modernen Angebot der Konkurrenz nicht mithalten. Langsam blätterte im Wortsinn der Lack ab.

Im kommenden Jahr steht die 100-Jahr-Feier an, seit 2008 wird geplant und umgebaut. Das Manila Hotel spielt mittlerweile wieder in einer eigenen Liga. Denn an keinem anderen Ort auf den Philippinen verbinden sich Geschichte und Moderne so wie hier. Selbst ein Blick in die Küche zeigt das. Konrad Walter, der Schweizer Küchenchef des Hauses, legt den Fokus auf traditionelle philippinische Küche. Gerichte wie Reisfeldschnecken in Kokossoße. Walter sagt, er wolle den Philippinern, die gar nichts mehr von Rezepten wie diesem wüssten, etwas von ihrer Tradition zurückgeben. Keine bescheidene Aufgabe.

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Autor:
Malte E. Kollenberg