Gozo Maltas kleine Schwester

Als auf Gozo vor einigen Jahren die erste und bis heute einzige Verkehrsampel der Insel errichtet wurde, brach das Chaos aus. Zu Hunderten kamen sie aus den Dörfern, und an den folgenden Sonntagen putzten die Alten ihre Autos auf Hochglanz und fuhren mit der ganzen Familie die Straße Richtung Rabat hoch, um sich die neue Attraktion an der Abzweigung nach Xewkija mit eigenen Augen anzusehen. Auf Gozo besitzen viele der älteren Bürger keinen Führerschein, fahren aber, aufgrund eines Gewohnheitsrechts, dennoch Auto. Und viele von ihnen hatten die rot-gelb-grün leuchtenden Masten bisher nur drüben auf Malta gesehen.

Auf den Straßen rund um die legendäre Gozo-Ampel stauten sich ständig die Autos über viele Kilometer, da wurde fröhlich gehupt und munter aus den heruntergekurbelten Fenstern diskutiert. Prompt entschied die Inselregierung, die Ampel erst mal wieder abzuschalten.

Eine hübsche Anekdote, und sie vermag einiges über Gozo zu erzählen. Denn auf Maltas kleiner Schwesterinsel geht alles eine Spur altmodischer zu. Man mag es gemütlich und beschaulich, was schon an dem einen Wort zu erkennen ist, das wie ein Symbol der allgemeinen Stimmungslage alle zwei Kilometer auf die Straßen gemalt ist: Slow! Entsprechende Schilder stehen zwar auch auf Malta, aber dort ignoriert man sie. Und hier befolgt man sie von Herzen.

Gozo ist ein wenig von der Welt vergessen und liegt noch seelenruhig im blauen Mittelmeer. Sicher, zwei, drei Internetcafés haben bereits eröffnet, es wird ernsthaft über einen Waschsalon nachgedacht, und die Jugend hat die ersten Wagen tiefer gelegt und brettert mit bombastisch lautem Techno-Sound durch die Samstagnächte. Der Fortschritt, das moderne Leben, sie sollen nur kommen. Aber, bitte schön, Schritt für Schritt.

John Falucci ist 62 Jahre alt, hat eine Stimme wie ein Reibeisen und ölige, graue Haare. Der australische Bootsmann kam vor 22 Jahren an Bord eines Tankers vorbei, blieb auf Gozo hängen und verliebte sich nicht nur in die Insel. Er heiratete und nennt das Eiland seitdem sein Zuhause. "Na ja", sagt er und lehnt sich aus seinem klapprigen weißen Datsun, "alle zwei Jahre fahre ich nach Sydney und besuche Verwandte. Und jedes Mal, wenn ich nach Gozo zurückkomme, denke ich: Willkommen im Mickymausland. Hier ist eben alles klein und überschaubar. Ich mag das."

Die Insel ist ein Viertel so groß wie die Hauptinsel Malta, doch von den gut 400.000 Maltesern des gesamten Archipels leben wenig mehr als 30.000 auf Gozo. Das sind so wenige, dass man manchmal eine halbe Stunde lang keinen Menschen sieht, wenn man über die Landstraßen fährt, durch die vielen kleinen Dörfer wie Qala, Zebbug oder Munxar. Besonders im Winter und Frühjahr wirkt Gozo wie die Insel der hochgeklappten Bürgersteige und heruntergelassenen Rollos. Eine Insel, die in der Sonne schweigt.

Sechs Windstärken aus West haben die See an diesem Apriltag zur Buckelpiste aufgetürmt, und die Fähre von Cirkewwa stampft durch die Comino Channels von Malta nach Gozo. 25 Minuten dauert die fünf Kilometer lange Passage, und schnell kommt die gelbbraun zerschundene Küste näher. Gozo: auf den ersten Blick ein karges, kalksandsteinernes Gerippe, Felsen und gewaltige Klippen, die sich von Jahrmillionen zerwaschen steil ins Meer senken. Bald ist Mgarr in Sicht, Yachten und Fischerboote liegen in dem kleinen Hafen, helle Häuser ducken sich an die schroffe Küste, und dann betritt man ein anderes Reich. Kaum hat sich das Getümmel am Anleger aufgelöst, schluckt der Besucher Stille.

Doch schon auf der Straße nach Xewkija, nur wenige Kilometer im Inselinneren, offenbart sich noch ein ganz anderer Eindruck: Gozo, die Grüne, die Blühende. Auf den Terrassen werden Salat und Kohl geerntet, am Wegrand wachsen Minze,Tomaten, Basilikum und Thymian. Ziegen zuckeln über die Feldwege, und wo auf Malta vielerorts Steine und Geröll liegen, wächst hier Gras. Nicht umsonst gilt Gozo als der Garten Maltas, mit weniger Autos, ohne Fabrik, ohne einen größeren Supermarkt und mit erstaunlich wenigen Verkehrsschildern, die auch schon mal an eine schief stehende Pinie genagelt sind.

Die Dörfer dösen vor sich hin, die Plätze vor den Kirchen sind wie leergefegt, es scheint, als habe sich die Insel irgendwohin verkrochen. Nur eines gibt es im Überfluss: das Licht. Im Frühjahr ist es sehr hell, und die Schatten der Bäume, Zäune und Häuser legen sich gestochen scharf aufs Land. Aber wo ist das Leben? Wo sind die eigensinnigen Geschichten, die doch fast jede Insel zu erzählen hat?

Eine findet sich hier: in Xwieni Bay im Norden. Da gibt es ein großes Steinplateau, eine natürliche Treppe, die ins geschützte Meer führt. Und es gibt die Nonnen. Im Juli und August, wenn es so heiß wird, dass der Schweiß auf der Haut verdampft, halten es die Ordensfrauen selbst in den kühlen Klöstern nicht mehr aus und nehmen öfter ein Bad im Meer. In Hauben und voller Montur steht dann eine jauchzende Traube schwarzgewandeter Damen im glasklaren Wasser, und jedes Mal, wenn wieder die ersten kamerabewehrten Touristen hinter den Felsen auftauchen, ziehen die Nonnen leise weiter und suchen sich einen neuen Geheimplatz zum Baden. So geht das jetzt schon seit Jahren.

Eine andere Geschichte ist die mit der Krawatte. Im Gerichtsgebäude neben der Zitadelle von Rabat müssen die Herren immer mal wieder vorstellig werden, um ein paar kleine Streitigkeiten aus der Welt zu schaffen, einen Pachtvertrag zu verlängern oder ähnliches. Und vor Gericht herrscht Krawattenzwang.

Nun ist es aber so, dass Gozitaner Krawatten partout nicht mögen, weil die den Hals zuschnüren, selbst bei Hochzeiten nicht zu gebrauchen und sowieso viel zu teuer sind. Und so fand man eine Lösung à la Gozo: Die Gemeinden taten sich zusammen - und kauften vor Jahren eine Gemeinschaftskrawatte. Wenn die einer braucht, setzt er sich in sein Auto und holt sie bei Bauer Marallos ab, der sie letzten Dienstag trug oder bei Anton aus Munxar, der vor drei Tagen mal wieder wegen zu schnellem Mofafahren vorsprechen musste. Die Krawatte, sagen sie, zierte schon Hunderte Hälse.

Es sind knorrige Geschichten. Skurril, ein wenig morbide, aber liebenswert. Es sind Geschichten, geschrieben von einer kleinen Insel, die seit tausenden Jahren im Blau zwischen Sizilien und Tunesien aushält; die Eroberern trotzte und unter Piraten litt, die viel mehr Kirchen als Dörfer hat und - so sagen sie jedenfalls - den mildesten und besten Ziegenkäse der Welt herstellt.

"Gozo ist wie ein Eigenbrötler, der im Paradies ausharrt", sagt Dimitri Covales mit großer Gestik. "So ganz allein im Meer, entwickelt jede Insel irgendwann ihre Macken." Der 38-Jährige hat das Eiland erst viermal verlassen und baut jeden Tag außer sonntags seinen Marktstand auf, an der Pjazza Independenza in Rabat (oder Victoria, wie die Engländer den Hauptort nannten). Dort verkauft er Turnschuhe, Bettwäsche, Feuerzeuge und dazwischen Tinnef aus Marokko.

Paradies - damit hat Covales nicht ganz unrecht. In den vielen schmalen und verwinkelten Buchten, oben in Marsalforn oder unten in Xlendi, schwappt karibikgrünes Wasser an die Felsen. Und da sitzen die Gozitaner nicht nur an den Wochenenden in den Cafés und gucken aufs Meer, den lieben, langen Tag über.

Und das Paradies hat sich auf Gozo noch auf andere Weise offenbart, denn im Jahre 1883 erhielt die Insel Besuch von ganz oben. Es war der 22. Juni, als die Dorfbewohnerin Carmela Grima hörte, wie die Jungfrau Maria zu ihr sprach, leibhaftig und mitten in der kleinen Kapelle von Ta Pinu bei Ghammar. Auch andere wollen die Erscheinung gesehen haben. Die Gozitaner bauten zur Huldigung eine große Kirche, die bald zur Basilika geweiht wurde.

Es ist dunkel und still in der Kirche, und vor der Marienfigur sitzen noch heute die Frauen, versunken in Gebeten und im Zwiegespräch mit dem Himmel. In einem Raum nebenan hängen Krücken, Prothesen, Gedichte, Danksagungen und Kinderkleider an der Wand - alles Zeugnisse erfüllter Wünsche und auf wundersame Weise geheilter Krankheiten. Und mittendrin, grün und weiß, hängt die Zeichnung einer Alitalia-Maschine.

Als Papst Johannes Paul II. sich während eines Fluges nach Afrika an Bord des italienischen Flugzeugs befand, hatten die Piloten auf einmal technische Probleme: Die Maschine drohte gar abzustürzen. Doch der Papst begann zu beten, es war im Luftraum über Gozo - und alle überlebten. Ein Wunder! Bald darauf kam der Pontifex höchstpersönlich nach Gozo, direkt nach Ta Pinu, zu der heiligen Maria, die gut hundert Jahre zuvor in Gozo erschienen war. So die Legende. Und der feste Glaube der Gozitaner.

Allerdings sind die Einheimischen nicht immer so fromm und ergeben, so gleichmütig sie das allgegenwärtige Meer auch gemacht haben mag. Und so gibt es am Ende doch noch einen Anlass, bei dem alle Inselruhe im Nu dahin ist, bei dem es laut wird, bei dem der Alkohol in Strömen fließt, die Fäuste fliegen und Männer ins Kittchen wandern: Fußball.

In zwei Ligen zu jeweils sechs Mannschaften bolzen Gozos Dörfer gegeneinander, um Ehre und Ruhm, um Sieg oder Schande - und zwar ohne Erbarmen. Die Dorfteams trainieren abgeschirmt auf Schotterplätzen, jeweils in Kirchennähe, es gibt einen Super Cup, es wird ein Inselfußballer des Jahres gewählt, und es wird zudem nicht nur um einen Freedom-Day-Cup, sondern auch noch um einen "Unabhängigkeits-Cup" gekickt. Und wenn Teams wie der Kercem Ajax F. C. oder die Nadur Youngsters gegen die Xewkija Tigers im großen Rasenstadion von Rabat auflaufen, dann schließen sämtliche Restaurants und Cafés in der Umgebung, und dann kocht die Insel.

Auf den Rängen sitzen Polizisten, um Streithähne zu bändigen, die nicht eventuell, sondern mit Sicherheit auftauchen, vielen Fans wird regelmäßig Stadionverbot erteilt, und es soll sogar schon vorgekommen sein, dass ein unseliger Torwart vorübergehend von der Insel gejagt wurde. Ausnahmezustand, mitten im azurblauen Mittelmeer.

Beim letzten Sieg, der gegen eine Auswahl der großen Schwester Malta gelang, dauerte es übrigens drei Tage, bis das kleine Gozo endlich aufhörte zu tanzen. Und endlich wieder Stille einkehrte.

Schlagworte:
Quelle:
Autor:
Marc Bielefeld