Malediven Tauchen am Korallenriff

Der Abstieg in die Märchenwelt beginnt mit einem schlichten Handzeichen. Daumen nach unten. Aber noch sind wir oben. Nur unsere Köpfe lugen aus dem Meer, das Wasser warm und klar. So klar, als würden wir in einer Glaskaraffe schwimmen. Blick hinab. Unsere Flossen an den Füßen sind zu sehen. Darunter wird das Wasser hellgrün, dann dunkler, danach beginnt eine maßlose, petrolfarbene Bläue. Bündel aus Licht flackern im Wasser. Wie zuckende Laserschwerter ragen die Sonnenstrahlen in die Tiefe, bis sie sich verlieren. Dann gibt Seeneem, der Tauchlehrer auf den Malediven, das Zeichen. Sinkflug.

Aus der Tarierweste entweicht die Luft, die uns eben noch an der Oberfläche hielt. Der Kopf geht unter Wasser. Wir schweben hinab, ein Meter, zwei, drei, vier. Luftblasen steigen empor, wie Säulen aus Quecksilberkugeln. Da oben bleibt Kurumba Island jetzt in der Sonne zurück. Die weißen Strände der Malediven, die Surfer, die Palmen, die Pools, die Menschen an den Beach Bars. All jene, die nicht mit hinab wollen in die maritime Unterwelt. Dorthin, wo der große Zauber beginnt. Wo einige der irrwitzigsten Bauwerke der Evolution warten und die Fabelwesen gleich scharenweise umherschwimmen. Willkommen an den tropischen Korallenriffen.

Wie in Zeitlupe landen wir auf weißem Korallensand

Wir sinken weiter hinab, leicht, mühelos. Der Tiefenmesser zeigt sechs Meter, acht, neun, zehn. Dann landen wir wie in Zeitlupe auf weißem Korallensand. Ein gewellter Boden spreizt sich über den Grund der Lagune, Polygone aus hellem Licht zittern über den Sand. Sonst nichts als Stille. Blick nach oben. Das Wasser ist transparent, von hellem Blau durchflutet. Erst hoch oben, weit über den kleinen Wellen, schwebt der Himmel. Die Wasseroberfläche von unten. Ein Dach wie aus Silberpapier.

Seeneem gibt ein weiteres Handzeichen. Alles okay? Alles okay. Mit ein, zwei Flossenschlägen heben wir wieder ab und schweben knapp über dem Grund dahin. Das erste Anzeichen, dass wir uns einem der großen Wunder der Ozeane nähern, liegt regungslos im Sand. Es ist kaum größer als eine Erdnuss, aber bunter als jedes noch so gewagte Popartgemälde. Eine Nacktschnecke döst am Grund, mit knallgrünen Streifen überzogen. Dazwischen trägt sie gelbe Kreise auf ihrem länglichen Leib und rosafarbene Linien auf dem lila irisierenden Vorderteil. Die Farben sind die natürliche Bemalung, so kreischig, dass sie feindliche Fische, Krebse und gierige Langusten in die Flucht schlagen sollen. Hobbytaucher entzücken solche Begegnungen im Meer. Die bunten Nacktschnecken zählen längst zu den beliebtesten Fotomodellen, von Unterwasserfotografen zwischen Karibik und Tahiti tausendfach abgelichtet.

Behutsames Fliegen über den Grund. Regelmäßig strömt die ausgestoßene Luft aus dem Atemregler, ein gleichmäßiges mechanisches Rauschen. Zwei Geisterpfeifenfische ziehen des Weges, nur wenige Meter neben uns. Schräg links oben stehen vier Barrakudas regungslos im Meer, schlank und silbrig wie Düsenjäger ohne Flügel. Plötzlich, wie auf unerhörten Befehl, schießen sie davon.

Wir schweben weiter Richtung Saumriff, und nach zwanzig Metern zeichnen sich die ersten Strukturen im Blau ab. Ein verknoteter Turm steigt aus dem Boden empor, der bald aussieht wie eine von tausend Fresken verzierte Kathedralensäule. Die Säule wird breiter, nimmt Form und Gestalt an. Und schließlich dehnt sich eine ganze Wand vor uns aus, gewoben aus wilden Formen, Mustern, Konturen. Es ist der mächtige Riffsockel, der die Lagune begrenzt und wieder auf fünf, sechs Meter Wassertiefe ansteigt. Erst dahinter wird das Riff hinabkippen. Lotrecht in die blauschwarze Tiefe.

Die Natur zieht ihren Vorhang auf. Dahinter: rote Himbeerkorallen

Seeneems Augen sind durch die Maske zu sehen. Sie lächeln. Als ob er sagen wolle: "So, bist du bereit für die Hauptvorstellung?" Und dann, als wir nah herankommen, ist es, als ziehe die Natur tatsächlich einen Vorhang auf. Rote Himbeerkorallen tauchen im Großformat auf, Hirn- und Salatblattkorallen, daneben magentafarbene Menella-Gorgonien und furios gemusterte Krustenanemonen. Süßlippen huschen neben Schwärmen knallgelb gestreifter Doktorfische entlang, mitten im Getümmel verschwindet ein Mirakelfisch in einer Spalte. Aber was passiert nun? Der kuriose Fisch verfärbt sich, ändert sein Aussehen derart, dass sein Hinterteil plötzlich anmutet wie der Kopf einer angriffslustigen Netzmuräne. Ein Großmeister der Tarnung. So schreckt er hungrige Angreifer ab und kann beruhigt schlafen, der Mirakelfisch.

Ein Irrgarten ist’s hier unten. Wie mystische Skulpturen, Trolle und geköpfte Gnome wachsen Elchhornkorallen neben adrigen Fächern. Unzählige kleine und größere Fische tummeln sich. Zackenbarsche, Clownfische, spinnenfeine, durchsichtig leuchtende Shrimps. Märchenwelt.

Das Korallenriff. Eine grandiose Trickkiste der Evolution. Ein bis zu den Mikroorganismen makellos organsiertes Ökosystem, in dem mindestens ebenso viele Spezies vorkommen wie im Regenwald. Seit über 200 Millionen Jahren haben sich die Riffe entwickelt und selbst erprobt. Ohne Menschen. Ohne Computer. Nicht mehr zu verbessern. Meeresbiologen sagen, dass wir erst ein Prozent aller Rätsel des Riffs gelüftet hätten. Zu komplex die Geheimisse der Schöpfung, die sich hinter dem perfekten Zusammenleben von Korallen und all den kleinen bunten Kiemlingen hier unten verbergen.

Maritimes Kino auch durch die Schnorchelbrille

Für Taucher sind die Korallenriffe wie bunte Paradiesgärten. Pralles Leben findet, wer einmal nur wenige Meter unter die Oberfläche hinabschwebt. Korallen brauchen Sonnenlicht, darum gedeihen sie schon ab zwei, drei Meter Tiefe und wachsen selten tiefer als 30 Meter. Selbst Schnorchler, die nur mal den Kopf unter Wasser halten, kriegen maritimes Kino geboten. Nirgends ist das Spiel der Meere prächtiger, die Liste der Darsteller vielseitiger, die Kulisse bunter. "Korallenriffe sind wie Millionenstädte", sagt Jean-Michel Cousteau, Sohn des berühmten Meeresforschers Jacques Cousteau. "Wobei uns die Natur weit voraus ist, fast nirgends hat sich das Leben so gut organisiert."

Bunter Fisch
gimbok/Stock xchng
Die Unterwasserwelt grüßt farbenfroh.
Und man muss kein Forscher sein, um Zeuge zu werden. Lediglich einen Grundschein im Tauchen benötigt, wer die Zauberwelt besuchen will. Rund um die Erde erstreckt sich der Gürtel der Tropen und Subtropen, wo die Korallenbiotope vorkommen. Rotes Meer, Karibik, Thailand, Philippinen, Südsee. Und viel zu schade, seine Zeit hier nur im Reich der Luft zu verbringen. Das wahre Sein wartet unter Normal Null.

Gemächlich treiben wir weiter. Schwerelos wie Astronauten. Tauchen wird auch die Raumfahrt des kleinen Mannes genannt. Plötzlich nippt ein Spanischer Grunzer an den Luftblasen aus meinem Atemregler. Ein kleiner, grüner, runder, hübscher Fisch. Ganz nah kommt er heran, nur knapp vor der Maske führt er seinen behenden Tanz vor. Dann schwimmt er zügig davon.

Nemo taucht auf: der berühmte orangefarbene Anemonenfisch

Wir segeln weiter, langsam in der Strömung ziehend, und plötzlich taucht auch Kinostar Nemo auf dieser entrückten Leinwand auf. Gerade mal so groß wie ein Korken ist der berühmte orangefarbene Anemonenfisch mit den weißen Streifen. Jetzt versteckt er sich in den ätzenden Nesselzellen einer gelben Anemone. Steckt keck seine Schnauze hervor und blickt mit seinen schwarzen Knopfaugen auf die beiden trägen Menschengestalten, die da blubbernd vorübergleiten.

Das Riff verzweigt sich, ein zerklüfteter, mit Hart- und Weichkorallen überzogener Kamin tut sich auf. Acht Meter zeigt der Tiefenmesser, als Seeneem seine Beine streckt und jetzt kopfüber über ausladende Fächerkorallen treibt, hautnah über pockennarbige Seegurken hinweg, über Olivenschnecken und eine pinkmäulige Riesenmuschel. Überall, rund ums Riff, gestreifte, geblümte, gezackte Figuren, so fantastisch und fantasievoll, dass es einen nicht wundern würde, wenn gleich ein giftgrün gekringeltes Spanferkel um die Ecke biegen würde.

Dann verharrt Seeneem auf einmal, winkt mich heran. Wir kleben vor einem großen Korallenblock, der über und über bewachsen ist mit Muscheln, Krusten, Algen. Seeneem macht eine Handbewegung, deutet auf eine Fläche am Riff. Dann führt er Mittel- und Zeigefinger zu seinen Augen. Die Zeichensprache der Taucher. Will heißen: "Na, siehst Du es?" Ich gucke, suche. Doch Laien erkennen auf den ersten Blick nicht, welche Hexereien sich nur Zentimeter vor ihren Augen abspielen.

Ein Monster mit Glubschaugen liegt neben einer Muschel. Wie versteinert. Und so perfekt dem Hintergrund angepasst, dass ich den verschrobenen Anglerfisch direkt vor meiner Nase erst auf den dritten, vierten Blick erkenne. Aus seinem Kopf wächst eine dünne Tentakel mit einem kleinen Hautlappen am Ende. Ein meisterhaft gefälschter Köder, den vorbeischwimmende Fische von echtem Plankton nicht unterscheiden können. Dann, wie eine Explosion, beißt der Anglerfisch zu. Blitzartig bläst sich sein Maul zu zwölffacher Größe auf, das Opfer wird in sechs Millisekunden in seinen Rachen hineingesogen wie in ein schwarzes Loch. Kein Wirbeltier der Welt – Forscher haben es gemessen – schlägt schneller zu. Dagegen ist E.T. eine Witzfigur.

Und dann, nur zwei Meter weiter, verschwindet auf einmal ein schmächtiger Blaukopfjunker im Maul eines knallbunten Papageifischs. Ein Saubermacherfisch, der dem großen Bruder durch die Mundhöhle schwimmt, ein milchiges Sekret aussondert und Parasiten frisst. Nahrung für den einen, Zähneputzen für den anderen. Verrückte Alchemisten hier unten!

Blick auf den Druckmesser: Eine Stunde können wir noch unten bleiben

Blick auf den Finimeter, den Druckmesser, der die verbleibende Atemluft in der Flasche anzeigt. Noch 160 bar. Eine Stunde können wir in dieser Tiefe verweilen. Und die Show nimmt kein Ende. Ein großer Schwamm liegt dick und fett auf dem Grund. Fragil seine Poren, ganz leicht wiegt seine Oberflächenstruktur hin und her. Bis zu 100.000 Liter Meerwasser filtert er täglich durch seinen Körper, dieser Sonderling der Biologie. An den Riffen tummeln sich uralte Wesen, Schwämme, die seit 800 Millionen Jahren auf dem Planeten vertreten sind.

Wir gleiten jetzt über die Riffkante hinweg. Mitten ins offene Wasser. Zehn Meter Tiefe. Ein, zwei Schläge mit der Flosse, und ich drehe mich. Seitwärts. Über Kopf. Bäuchlings dahinfliegend wie Supermann. Hier, hinter der Riffkante, beginnt das Reich der Großfische. Das freie Meer. Wir starren in die blaue Endlosigkeit. Dann das! Weit unten taucht ein Schatten aus der diffusen Bläue auf, riesige Schwingen. Sie kommen näher. Und dann ist er in ganzer Pracht zu sehen. Ein Mantarochen, vier Meter Spannweite, der neben dem Riff nach Norden zieht. Unbeschwert. Erhaben und im stillen Rhythmus seiner grau schlagenden Flügel. Eine göttliche Kreatur.

Schnorcheln
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Auch Schnorchler kommen auf ihre Kosten.
Etwas weiter unten trödelt plötzlich eine Karettschildkröte an uns vorbei. Wir gehen in den Sturzflug. Sehen ihren spitzen Schnabel, ihren von Seepocken bewachsenen Panzer. Die Kröte ist eines jener Kiefermäuler, die so alt sind wie die Dinosaurier und mutterseelenallein bis zu 5000 Kilometer durch den offenen Ozean migrieren, um die Brutplätze an Land zu erreichen. Seeneem dreht sich zur mir um. Große Augen. Auch er, der professionelle Fischmensch, muss sich ob solcher Momente noch immer wundern. Staunen und still genießen.

Dann, zehn Meter weiter, im perfekten Winkel, kippt die Riffkante plötzlich hinab. Noch ein kleiner Felsvorsprung, ein letzter Referenzpunkt, und die Wand bricht senkrecht nach unten in die dunkle Tiefe. Bewegungslos stehe ich im offenen Wasser. Unter meinen Flossen geht es über hundert Meter weit hinab. Hoch oben der Himmel, unter uns das große Blau. Und alles durchdrungen von dieser seltsamen, gleichmütigen Ruhe des Meeres. Beim Tauchen am Riff ist man eben nicht nur dabei. Man ist mittendrin. Im größten Aquarium der Welt.

Autor:
Marc Bielefeld