Asien Unterwegs mit der Eisenbahn

Kein Chaos, kein Dreck, nicht mal übermäßiger Krach ist zu hören, als ich mein Hotel verlasse, um durch Singapur zu streifen. Alles wirkt sauber. Asien hatte ich mir anders vorgestellt. Auf meiner Heimreise von Australien bin ich im luxuriösen Stadtstaat Singapur gestrandet. Von hier werde ich drei Wochen lang mit dem Zug bis nach Bangkok reisen.

Höher, weiter, exklusiver. Das scheint das Motto der Insel zu sein. In Singapur gibt es endlose Flaniermeilen, Shoppingmalls und Luxushotels, die vor mir in die Höhe ragen. In zahlreichen Prospekten werden Freizeitparks und Clubs beworben. Es ist ein einziger großer Spielplatz. Ich möchte eigentlich gar nicht einkaufen - und dennoch lande ich in den Einkaufzentren der Stadt. Immer wieder scheint der vermeintlich kürzeste Weg einmal quer hindurch zu führen. Manchmal ist es auch die einzige Möglichkeit, um eine Straße zu überqueren.

Hinter den Schaufenstern hängen Pullover, Taschen, Hosen von Gucci, Prada und Tom Tailor. Fast alle westlichen Vertreter der Bekleidungsindustrie suchen in Schaufenstern nach Käufern, während ich noch immer nach dem Ausgang suche. Rechts? Nein, da bin ich hergekommen. Links? Nein, da ist ein Laden. Ein riesiges Labyrinth aus Geschäften. An mir schlendern verschleierte Frauen mit ihren Einkaufstüten vorbei. Nur die dunklen Augen blitzen durch das Fenster ihrer schwarzen Burka. An ihren Handgelenken baumeln Tüten von einschlägigen Designern. Es ist ein skurriles Bild, wie sie zwischen knappen Bikinis und bunten Sommerkleidern stehen. Es scheint eine Ewigkeit vergangen zu sein, bis ich den Ausgang finde. Die Sonne blendet mich, und eine gnadenlose Hitze schlägt mir entgegen. Erst jetzt merke ich, wie kalt es drinnen war.

Inmitten dieser modernen architektonischen Meisterwerke stehen noch Bauten der Kolonialzeit. Sie wirken wie Dinosaurier zwischen all dem Fortschritt. Kontraste, die es überall in der Stadt gibt. Wie auch die strikten Regeln in Singapur. So ist es zum Beispiel verboten, Kaugummi in den Inselstaat einzuführen. Es gibt ihn nur - gegen Aufnahme der Personalien - in der Apotheke zu kaufen. Und wer einen auf den Boden spuckt, riskiert hohe Strafen. So langsam wird mir klar, warum die Straßen der Stadt so sauber sind. 

Reisen mit dem Zug einmalige Ausblicke inklusive

Gegen Mittag steige ich in den Zug, der mich an eine gut erhaltene Regionalbahn erinnert. Die zweite Klasse ist schlicht gehalten. Alles ist grau oder schwarz, nur an den Fenstern hängen blaue Vorhänge. Auf den glatten lederbezogenen Sitzplätzen sitzt man sich gegenüber, und es ist angenehm kühl. Der Zug setzt sich langsam mit leisem Rattern in Bewegung. Die Stadt fliegt vorbei, und nach kurzer Fahrt überqueren wir den Johor-Singapore-Causeway. Einen Kilometer lang ist dieser künstlich aufgeschüttete Damm, der die Meerenge nach Malaysia überbrückt. Draußen am Horizont wird die Küste Malaysias sichtbar. Im diesigen Licht erscheinen die Hochhäuser von Johor Bahru.

Wir zuckeln weiter, raus aus den urbanen Gebieten. Hier nimmt der Zug Fahrt auf, und wir brausen vorbei an Palmen, kleinen Dörfern und Wasserbüffeln. Nach sechs Stunden und einigen Stopps erreicht der Zug Kuala Lumpur, die Hauptstadt Malaysias. Wer möchte, verlässt hier für einige Stunden oder Tage seinen Beobachtungsposten auf den Gleisen und tauscht die vorbeiziehenden Bilder gegen Gerüche, Menschen und Erfahrungen in einer Stadt, die vor Leben nur so strotzt.

Die Petronas Towers, das Wahrzeichen Kuala Lumpurs
Konstanze Kaffka
Die Petronas Towers in Kuala Lumpur.
Ich bleibe und schwebe mit der Hochbahn über die Dächer in die Stadt. Vor mir ragt das Wahrzeichen Kuala Lumpurs, die Petronas Towers, empor - lange Zeit die höchsten Türme der Welt. Der kühle Stahl blitzt, und in den Glasfenstern spiegeln sich die vorbeigehenden Passanten. Ich schaue nach oben. Augenblicklich dreht sich alles, mir wird flau im Magen. Ich fühle mich wie eine Ameise neben dem 44-stöckigen Gebäude mit seinen 452 Metern Höhe.

Am Abend erwacht die multikulturelle Stadt zum Leben. Bereits um 19 Uhr wird es dunkel, das Nachtleben beginnt. Wie pulsierende Adern ziehen sich von Ständen gesäumte kleine Straßen durch den Stadtteil Chinatown. An einer Ecke riecht es nach Koriander, gebratener Ente und Curry, nur ein paar Meter weiter erfüllt eine Mischung aus Urin und faulen Eiern die Luft. Der Übeltäter ist Durian: eine Stinkfrucht, die nahezu jeder Gemüsehändler als Delikatesse anpreist. Es gibt getrocknete Seepferdchen und nebenan ganze Kataloge mit gefälschten Uhren. Wer Zeit hat, kann sich das Modell seiner Wahl sogar bestellen. Es wird gehandelt und gefeilscht, doch es fällt nie ein böses Wort. Ich bin beeindruckt, wie freundlich alle miteinander umgehen.

Schlaf auf Schienen

Ich verlasse Kuala Lumpur und setze meine Zugfahrt fort. Ich nehme den Schlafwagen, denn es ist bereits abends, und die Reise dauert bis in die frühen Morgenstunden. Draußen ist es schon lange dunkel. Die Lichter der Stadt ziehen an mir vorbei, und bald starre ich in die Dunkelheit. Mein Gesicht spiegelt sich im Fenster. Nur ein paar Minuten später geht ein Bahnangestellter zügig durch die Reihen. Wir sollen aufstehen. Mit geübten Griffen klappt er die Bänke zu einem Bett, legt eine Matratze drauf und streift Bettbezüge über Decke und Kopfkissen. So wird für jeden Reisenden ein Bett vorbereitet - überraschend groß und bequem.

Ich schlafe auf dem unteren Bett mit Fenster und Leselampe. Hier kann ich sogar sitzen, ohne mit dem Kopf an die Decke zu stoßen. Aus Angst um mein Gepäck teile ich mir die Schlafnische mit meinem Rucksack. Ein kleiner Vorhang sorgt für etwas Privatsphäre. Zwischen den Waggons stehen ein paar Männer, sie reden und rauchen. Bald geht das Licht im Gang aus. Es kehrt Ruhe ein. Nur noch leises Rattern und Quietschen erfüllt den Raum. Der Waggon schaukelt sanft hin und her, mich überfällt sofort der Schlaf.

Sandstrand auf der Insel Ko Phangan
Tourism Authority of Thailand
Sandstrand auf Ko Phangan.
Als ich am nächsten Morgen aufwache bin ich in Thailand. Draußen ist es grün, Nebelschwaden hängen in der Luft, hin und wieder fährt der Zug durch bergige Landstriche. Vom Bahnhof in Surat Thani sind die Inseln Koh Samui, Ko Phangan und Ko Tao mit dem Bus und der Fähre zu erreichen. Genau richtig, um ein paar Tage abzuschalten und in der Hängematte zu liegen.

Einblick in eine fremde Welt

Auf der letzten Etappe geht es schließlich nach Bangkok. Noch ein letztes Mal alles zusammenpacken, noch einmal Frühstück im Zug, noch ein letzter Blick auf die Landschaft. Und schon rollen wir in die Stadt. Der Zug fährt vorbei an den Armenvierteln. Kleine Baracken stehen so dicht an den Schienen, dass man sehen kann, was im Inneren vor sich geht. Kinder spielen auf dem Fußboden, Frauen hängen Wäsche auf. Wer Glück hat, kann noch ein paar Planken aus Holz vor die Tür legen, um der Enge der Hütte zu entkommen. Dort sitzen Männer mit wettergegerbter Haut. Sie spielen Karten und rauchen. Hinter den Scheiben des Fensters sieht man etwas Neues, etwas Anderes. Man saust vorbei an dem Elend in eine Stadt, so widersprüchlich wie sie nur sein kann.

Motorräder im Verkehr von Bangkok
Konstanze Kaffka
Halsbrecherisch schlängeln sich Motorräder durch das Verkehrschaos.
Bangkok ist chaotisch, laut und bunt. Der Verkehr ist die Hölle und mein Taxifahrer haut mich gleich übers Ohr. Und doch bin ich fasziniert: von den goldenen Tempeln, den exotischen Märkten, den Menschen und den vielen Gegensätzen, die sich hier treffen. Es ist atemberaubend, abenteuerlich und traurig zugleich. Auf meinem Weg zu einer der exklusiven Bars der Stadt komme ich durch lebhafte Straßen, hier stehen kleine Stände mit Essen. Und plötzlich glaube ich zu träumen. Vor mir steht ein Elefant - inmitten von Häusern, Autos und Fußgängern. Mit traurigen Augen starrt er mich an und streckt mir den Rüssel entgegen. Es ist kein großer Dickhäuter, vielleicht eineinhalb Meter hoch. Ich schätze, er ist nicht älter als drei Jahre. Und schon rennt ein Mann auf mich zu. Mit der einen Hand streckt er mir eine Banane entgegen, die andere hält er offen hin. Aber ich winke ab und gehe weiter. Diese Stadt ist fesselnd und abstoßend zugleich. Aber auch so mitreißend, dass ich noch ein paar Tage bleibe.
Autor:
Konstanze Kaffka