Rheinland-Pfalz Was Sie über Wein aus Rheinhessen wissen müssen

Nora Breyer

Sie kennt Rheinhessens Weine wie kaum jemand in der Region. Die Sommelière Nora Breyer führt mit ihrem Lebensgefährten Sebastian Kauper das Restaurant "Kaupers Kapellenhof" in Selzen, etwa 25 Kilometer südlich von Mainz. Das Haus, ausgezeichnet mit zwei Feinschmecker-"F" und einem Stern, gehört zu den Gourmetadressen in Rheinhessen.

Die Rollen sind klar verteilt: Kauper regiert in der Küche, Breyer im Gastraum. Sie ist bekannt für  ihre erstklassigen Weinempfehlungen. Sommelière zu sein, sagt sie, lerne man nicht auf Lehrgängen, "sondern mit einer Leidenschaft für Wein und im Glauben an guten Geschmack". 

Frau Breyer, welche Rebe schmeckt nach Rheinhessen?
Weinanbaugebiet Roter Hang
Georg Knoll
Weinanbaugebiet Roter Hang
Der Riesling natürlich, die Königin der weißen Rebsorten. Nicht umsonst sind 16 Prozent der über 26.000 Hektar Fläche, die in Rheinhessen mit Reben bestockt sind, allein dem Riesling vorbehalten. Wie kein anderer kann er den Boden, auf dem er gewachsen ist, schmeckbar wiedergeben, das Würzig-Aromatische des Quarzit-Gesteins beispielsweise oder die Salzigkeit der Urmeere, die im Kalkstein zu finden ist. Und da wir im größten Weinanbaugebiet Deutschlands die unterschiedlichsten Bodentypen vorfidnen, bietet der Riesling wie kein anderer Rheinhessens Vielfalt ab. 

Ihre Empfehlung?
Mein rheinhessisches Riesling-Trio zum Kennenlernen: einer vom Binger Scharlachberg, einer "Vom Porphyr" aus Siefersheim und einer aus dem Niersteiner Pettenthal – von den Weingütern Riffel, Wagner-Stempel und Schätzel. Wer die gekostet hat, hat bereits viel von Rheinhessen geschmeckt. Aber natürlich längst noch nicht alles. 

Sind die Rotweine aus Rheinhessen eine Konkurrenz für Franzosen oder Italiener?
Es gibt mittlerweile einige Spätburgunder, die mit Kraft und Finesse ausgebaut werden und die mit denen aus Burgund mithalten können. Man sollte Rheinhessen jedoch nicht mit Franzosen vergleichen, jeder Wein sollte die Region widerspiegeln, aus der er kommt. Das gilt vor allem, wenn er zu einem regionalen Gericht passen soll. Ohnehin ist es falsch, Geschmacksbilder anderer Länder kopieren zu wollen. Drei Rotweine sollten Sie in Rheinhessen kennenlernen: einen Spätburgunder vom Weingut Keller aus Flörsheim-Dalsheim, einen vom Weingut Gutzler aus Gundheim und einen Blaufränkischen von St. Antony in Nierstein – die Rebsorte ist übrigens eine Rarität in Rheinhessen und in Kombination mit dem Niersteiner Schieferboden besonders interessant. Nicht zu vergessen: die Frühburgunder, die um Ingelheim angebaut werden.

Die richtige Weintemperatur?

Weingelee
Georg Knoll
Kreativ: Aus den Trauben werden nicht nur Weine gemacht
Als Faustregeln gelten: sieben Grad für Weißwein, 16 bis 18 Grad für Rotwein. Gerade bei Weißwein ist dies aber auch eine Geschmacksfrage. An einem heißen Sommertag kann ein junger, spritziger Wein auch bei fünf Grad sehr gut schmecken; reifere, aromatische Weine dagegen entfalten erst bei der sogenannten Kellertemperatur von zehn bis zwölf Grad ihr volles Bouquet. Im Zweifelsfall ruhig etwas kälter einschenken – warm wird der Wein ja von allein.

Was macht die Kabinett-Weine in Rheinhessen so besonders?
Es sind leichte Weine mit wenig Alkohol, die Süße und Säure perfekt ausbalancieren – wenn sie auf dem richtigen Boden und im richtigen Klima gewachsen sind, beides haben wir hier am 51. Breitengrad. Unsere besten Kabinett-Weine sind Rieslinge aus Schieferlagen. Sie stehen für Spaß und Genuss, ohne müde zu machen. Jung wehen sie wie ein sanfter Wind über unsere  Geschmacksknospen, im Alter erfreuen sie uns mit kräftigen Noten. Deutsche Kabinett-Weine sind eine Rarität, die es so weltweit kein zweites Mal gibt.

Weinsäure und Restsüße: Wie wichtig sind solche Werte?
Ganz ehrlich: Weineinsteiger sollten diese Angaben auf der Karte einfach ignorieren. Ein hoher Weinsäurewert (WS) bedeutet keinesfalls, dass der Wein sauer schmeckt, denn er gibt keinen Aufschluss darüber, wie die Säure gebunden ist, wie beispielsweise Restsüße, Alkoholgehalt oder eventuelle Fruchtaromen sie in den Hintergrund treten lassen. Sicher, erfahrene Weinkenner können aus diesen Angaben gewisse Rückschlüsse ziehen, indem sie diese mit ihren Erfahrungswerten abgleichen – ich etwa gehe davon aus, dass ein Riesling mit einer Restsüße (RS) zwischen neun und 18 Gramm hervorragend zu Salaten oder asiatischen Gerichten passt. Im Zweifelsfall probiere ich aber lieber – so, wie das jeder vernünftige Weintrinker tun sollte.

Gibt es in Rheinhessen ein Mauerblümchen, das wieder entdeckt werden will?
Die Scheurebe. Sie ist vom Sauvignon Blanc ziemlich in den Hintergrund gedrängt worden, ebenso wie der Gewürztraminer. Dabei ist die Scheurebe, trocken oder feinherb ausgebaut, als Sommerwein ein Knaller, der vor allem zu Käse hervorragend passt. Und sie hat es auch deswegen nicht verdient, bei uns ein Schattendasein zu fristen, weil sie eine rheinhessische Erfindung ist: Georg Scheu hat sie 1916 in Alzey gezüchtet.

Ihr liebstes Weinfest?

Dexheim in Rheinhessen
Georg Knoll
Weinanbau bei Dexheim in Rheinhessen
Als gemütlich und stimmungsvoll empfinde ich oft die kleineren Veranstaltungen: etwa die Präsentation am Roten Hang zwischen Nierstein und Nackenheim. Zu der laden jedes Jahr am zweiten Wochenende im Juni rund 30 Winzer ein, ihre Erzeugnisse mitten in einer der besten Weinlagen der Welt zu verkosten – inklusive "Riesling-Lounge" in der Fockenberg-Hütte, oben auf dem Kamm des Weinbergs, von dem sich ein fantastischer Rheinpanoramablick eröffnet.

Die schönste Weinwanderung?
Die Wanderung in Bechtheim zum Weinfest am Pilgerpfad, das jedes Jahr in der ersten Septemberhälfte stattfindet. Ist eine sehr schöne Strecke – und abwechslungsreich, vor allem wegen der vielen Weinstände, die unterwegs zur Rast und zum Probieren einladen. 

Und die beste Weinprobe?

Wein in Flörsheim
Georg Knoll
Wein in Flörsheim
Immer direkt beim Winzer. Sofern er über keine eigene Vinothek mit festen Öffnungszeiten verfügt, einfach fragen, wann die Möglichkeit besteht, mal in aller Ruhe seine Weine zu kosten. So lässt sich sein gesamtes Angebot durchprobieren. Zudem bietet der Besuch vor Ort einen kleinen Vorteil: Für Gäste, die eine besondere Begeisterung an den Tag legen, geht fast jeder Winzer auch mal in den Keller und zieht ein Fläschchen auf, das nicht jeder kosten darf.

Woran erkennt man eine gute Straußwirtschaft?
Hauseigene Weine, familiäre Atmosphäre, Weingutsambiente, Herzlichkeit – Authentizität halt. Und ein kulinarisches Angebot, das nicht hochtrabend sein muss, sondern einfach, aber gut. Zum Wein passt immer auch ein simpler Handkäs, wenn er fein zubereitet ist. Übrigens: "Straußwirtschaft" und "Gutsausschank" sind streng genommen zwei unterschiedliche gastronomische Betriebsformen. Die klassische "Strauwi" darf der Winzer nur maximal vier Monate im Jahr öffnen, dafür spart er Steuern und braucht keine besondere Genehmigung. Für den "Gutsausschank" benötigt er dagegen eine Gaststättenlizenz – dafür aber kann er das ganze Jahr hindurch öffnen. Im allgemeinen Sprachgebrauch nehmen wir es mit diesen Unterschieden allerdings nicht so genau – und Besucher wundern sich immer mal über die sehr unterschiedlichen und zum Teil eigenartigen Öffnungszeiten der einzelnen Betriebe.

Gibt es ein Tabu beim Besuch einer Straußwirtschaft?

Weingut Vollmer in Rheinhessen
Georg Knoll
Kult-Weine vom Weingut Eva Vollmer
Fragen Sie nicht nach einer Liebfrauenmilch! Es kommt leider immer noch vor, dass ahnungslose Fremde Rheinhessenwein damit assoziieren. Dabei ist sie bei uns schon lange verpönt, denn sie steht für ein Image, das Rheinhessen bereits vor Jahrzehnten abgelegt hat: süß und billig. Eigentlich schade um den schönen Namen! Vielleicht wär’s mal an der Zeit, dass ein ehrgeiziger junger Winzer die Liebfrauenmilch neu erfindet.

Trinkt man in Rheinhessen grundsätzlich Silvaner zum Spargel?
Na ja – ein Weißburgunder oder ein Kabinettsriesling wären zur rheinhessischen Leibspeise auch denkbar. Aber der Silvaner ist nun mal unsere zweitwichtigste Rebsorte, für den wir rund 2350 Hektar Rebfläche reservieren, was uns zu Deutschlands größtem Silvaner-Anbaugebiet macht. Auch dieser Wein kann alle Bodentypen in sich aufnehmen, ihn zu trinken, ist wie ein Flug über die rheinhessische Hügellandschaft. Allerdings ist er eigenständiger und eigenwilliger als der Riesling. Und man darf ihn auch mal drei, vier Jahre liegen lassen, dann entwickelt er eine besondere Kraft und Würze.

Auf Ihrer Karte im "Kapellenhof" steht die Selzer Zwiebel, eine besondere rheinhessische Spezialität: Welcher Wein passt dazu? 
Ein reifer, feinherber Riesling. Diese Zwiebel ist bei uns im Ort Kult: kräftig, süßlich und von sanfter Schärfe – einzigartig. Und bei uns auch deswegen so aromatisch, weil sie auf gutem Selzer Mutterboden wächst. Wir widmen der Selzer Zwiebel auf der Karte das ganze Jahr hindurch immer wieder neue Gerichte, und diese werden mehr geliebt als alle anderen. Klar, dass dazu auch der Wein passen sollte. 

Rheinhessische Lebensart – was bedeutet das für Sie?
Nicht lange nachdenken, hinhocken, probieren, schmecken – und nachschenken!

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Autor:
Eric Scherer