Zypern Die antike Stadt Salamis

Ach, könnten die Steine reden! Sie würden von einem Königreich aus alter Zeit erzählen, von Helden und Vertriebenen, von verheerenden Erdbeben, von den 1800 Jahren einer immer wieder auf- und umgebauten Stadt, die im 7. Jahrhundert dann doch aufgegeben wurde; sie würden erzählen von schäumender Gischt, feinem Flugsand und Bäumen und Pflanzen, die sich das ihnen von Menschenhand entrissene Terrain langsam zurückerobern. Aber die Steine schweigen, sonst würden sie auch von Vassos Karageorghis erzählen, der sie zum Reden bringen könnte und das nicht darf in einem geteilten Land.

Sandstrand, so weit man sehen kann. Von einem Holzsteg stürzen sich junge Leute ins blaugrün schimmernde Wasser. Würden sie zwei Kilometer weiter südlich baden, könnten sie unter sich die Kaimauern eines römischen Hafens erkennen. Hier, irgendwo hier, ging Teukros mit seinen Leuten an Land, beladen mit der Schuld am Tod seines Halbbruders Ajax und dem Befehl des delphischen Orakels: Kehre nicht nach Hause zurück, sondern segle in die Fremde nach Zypern. Der Krieg war vorüber, Ajax, der Held vor Troja, hatte sich das Leben genommen und Teukros hätte es verhindern können. Er hat es nicht getan. Seine Heimat, die Insel Salamis in der Athener Bucht, über die sein Vater als König herrschte, sah er nie wieder.

Stattdessen errichtete er die Stadt, die fast tausend Jahre lang die bedeutendste Zyperns werden sollte, und nannte sie Salamis. So jedenfalls erzählt es der Tragödiendichter Euripides und wie so oft in alten griechischen Legenden, könnte er die Wahrheit gesagt haben. Um 1200 v. Chr. fiel Troja, aus dem 11. Jahrhundert stammen die ersten Siedlungsspuren in Salamis. War Teukros tatsächlich der erste König der Stadt? Um das herauszufinden, müsste in Salamis systematisch geforscht werden, wie in den Jahren vor 1974. Was bis dahin ans Licht gekommen war, ist heute schon fast wieder überwuchert. Das kaum beschilderte Ruinengelände erstreckt sich über mehrere Quadratkilometer zwischen der Bucht von Famagusta und der Küstenstraße östlich von Egkomi.

Einiges von dem, was Archäologen in mehr als 20-jähriger Arbeit freigelegt haben, lässt den großen Wohlstand der einstigen Handelsmetropole Salamis erahnen. Das monumentale Theater etwa, eines der größten im östlichen Mittelmeerraum, bestand einmal aus 50 Sitzreihen, ragte 20 Meter in die Höhe und bot mindestens 15.000 Menschen Platz. Es widerstand sogar Erdbeben. Experten haben knapp die Hälfte der Ränge restauriert.

Mit dem römischen Sport- und Erholungszentrum kam ein weiteres imposantes Bauwerk ans Licht. Im Gymnasium, eine Art öffentliche Schule, trainierten die Römer Körper und Geist. Es bestand aus einem Wandelgang (xystos) und einem großen, von Marmorsäulen begrenzten Übungsplatz (palästra). Die Wände der Thermen, acht Meter hoch, schmückten Malereien und zum Teil noch erhaltene Mosaiken.Aber:All dies sind Zeugen aus der Zeit, als Salamis kein selbständiges Königreich mehr war, sondern eine, wenn auch bedeutende Hafenstadt unter römischer Verwaltung wie etliche andere auch.

Weltberühmt ist Salamis hingegen für seine Königsgräber, die aus der Mitte des 8. Jahrhunderts v. Chr. stammen, aus jenen Jahren, als der blinde Sänger Homer die Geschichte von Troja erzählte und vor allem wegen der Gräber aus dem 11. Jahrhundert. Kein Reiseführer, der der archäologischen Stätte nicht mehrere Seiten widmet. Auch das türkisch-zyprische Amt für Altertümer und Museen gibt ein zehnseitiges Faltblatt über Salamis heraus, verschweigt aber, wer hier bis 1974 aktiv war. In den unzähligen Broschüren der staatlichen Tourismusorganisation CTO findet sich kein einziger Hinweis, nicht mal auf die Nekropolis im Westen von Salamis mit ihren 150 Grabstätten und den berühmten Königsgräbern. Denn das Verschweigen der griechischen Verdienste hat System und verhindert seit Jahrzehnten den wissenschaftlichen Disput, hier wurde seriöse Altertumsforschung zum Opfer der Politik. Nicht nur Professor Vassos Karageorghis, der bekannteste Archäologe Zyperns, weigert sich kategorisch, auch nur einen Fuß auf seine frühere Wirkungsstätte zu setzen, "solange das politische Problem ungelöst bleibt".

Dabei ist der spannendste Teil der salamitischen Geschichte auch der am wenigsten erforschte: In den wenigen Grabkammern, die nicht schon in der Antike geplündert worden waren, fand man vor allem erdbestattete Leichname, in einem Grab allerdings auch einen verbrannten Körper. Außerdem Beigaben: Throne, Möbel, Bronzekessel, Streitwagen und Pferde. Es war eine Sternstunde, als die Archäologen zwischen diesen Funden und dem von Homer beschriebenen Trojanischen Krieg eine Verbindung herstellen konnten. Auch die ersten Königsgräber stammen aus der von Homer beschriebenen Zeit. In der "Ilias" hatte er das Begräbnis des Achill-Freundes Patroklos und dessen feierliche Verbrennung sowie Grabbeigaben beschrieben. Nun lag der historische Kern seiner Lieder zutage.

1964 bis 1974 legten Archäologen des Instituts F. Courby der Universität von Lyon im südlichen Teil von Salamis unter anderem ein archaisches Heiligtum frei. Aufschlussreicher aber waren ein Grab aus dem 11. Jahrhundert v. Chr. sowie Teile der ältesten Stadtmauer: Hinweise auf den wahren Kern der mythologischen Gründungsgeschichte. Vassos Karageorghis, der damalige Chefausgräber, ließe Salamis am liebsten zu einem "europäischen Archäologiepark" herrichten, um den Kulturtourismus nach Zypern zu fördern. Da das gesamte Gebiet der Regierung gehöre, würde sich zudem die exzellente Möglichkeit bieten, die Ausgrabungen fortzusetzen. Sein Wort in der Götter Ohr und ein Königreich für eine Schaufel, mag man angesichts der wenigen Wochen im Juni und Juli denken, wenn türkische Archäologen, Studenten und Arbeiter hierher kommen. Einen Fußabdruck aus dem zweiten Jahrhundert haben sie bislang gefunden und einen Weg zwischen Stadtmauer und Eingang zum römischen Bad.

In diesem Jahr hoffen die Forscher auf eine vermutete Wegkreuzung zu stoßen, die zum Amphitheater führt, das zwischen Sandhügeln und wuchernden Büschen kaum noch zu erkennen ist. Überhaupt müsste mal eine Gärtnerkolonne anrücken.Wenn die Steine von Salamis schon schweigen, dann wollen wir sie wenigstens betrachten können, um uns auszumalen, wie die Menschen hier gelebt haben. In dieser Stadt, die fast tausend Jahre lang die wichtigste Zyperns war.

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Autor:
Frank Hartmann