Zürich Moderne Kunst in der Kunsthalle

Nun, plötzlich, werden mehr als 20 hochkarätige Ausstellungen im Jahr eröffnet, ehrgeizige Kuratoren präsentieren Werksüberblicke und einordnende Gruppenausstellungen. Beatrix Ruf erinnert sich: "In der Nachbarschaft siedelten sich immer mehr junge Galerien an, coole, halblegale Clubs und Restaurants - und all das in einem Stadtteil, der jahrelang ein brachliegendes Zentrum der aggressiven Zürcher Drogenszene gewesen war." Fast, so meint man herauszuhören, wurde das Viertel schneller hip, als es den Kunstschaffenden lieb war.

Beatrix Ruf entspricht beinahe klischeehaft den Vorstellungen, die man von einer Kuratorin für Gegenwartskunst hat: raspelkurz geschnittene, blauschwarz gefärbte Haare, die Augen mit dunklem Lidstrich umrahmt, anthrazitfarbener Anzug, extrem kurze Fingernägel, ein würziges, schweres Parfum. Den Ruhm der Kunsthalle hat sie entscheidend mitgeprägt, immer wieder gelangen ihr die ersten Einzelausstellungen junger Künstler, die im Anschluss berühmt wurden. Ruf erstellte wegweisende Kataloge - ohne auf schnellen Erfolg zu setzen: "Oft werden die Kataloge unserer Ausstellungen erst zwei bis drei Jahre später bestellt, wenn ein Künstler für das große Publikum spannend geworden ist", berichtet sie. Was spannend wird, entscheidet sich recht häufig zwei Stockwerke tiefer, in der Galerie Hauser & Wirth. "Keiner", so schrieb das Kunstmagazin "art", "wirkt stärker darauf ein, wer demnächst auf den Ranglisten des Kunstbetriebs die oberen Plätze einnimmt."

Vom Erdgeschoss der ehemaligen Brauerei aus werden Künstler wie Gerhard Richter, Louise Bourgeois und Pipilotti Rist vertreten, Sammler vom Kaliber eines Friedrich Christian Flick beraten und Vernissagen veranstaltet, die so wichtig sind, dass viele Gäste aus den USA anreisen. Als Hauser & Wirth kurz nach Kunsthalle und Migros-Museum die Räume im Löwenbräu bezog, war es "für uns die Chance, mit den Institutionen ein Gebäude zu teilen", bekennt Florian Berktold. "Für unsere Sammler und für uns selbst wird die Szene durch diese Nähe transparent: Wer zeigt was, wer setzt welche Schwerpunkte? Um das zu erfahren muss ich keine Trendscouts engagieren, das sehe ich täglich vor unserer Haustür", sagt Berktold. Er sieht es, bewertet es und setzt es um in klingende Münze. Denn, so intellektuell, trendig und spannend der Kunsttempel in der alten Brauerei auch ist - in letzter Konsequenz treibt hier derselbe Motor das Geschehen wie ein paar Kilometer weiter im Bankenviertel: Das Geld. "Das Zürcher Kunstwunder ist vor allem ein Finanzwunder", urteilte "art" schon 2002.

Weltweit hat Zürich mittlerweile den drittgrößten Marktanteil im Handel mit Gegenwartskunst. Skeptisch sehen das nur wenige Idealisten, zum Beispiel Heike Munder, die Direktorin des Migros-Museums für Gegenwartskunst. Die 39-jährige Deutsche verbirgt ihre fast schon streberhaft anmutend steile Karriere hinter einem Girlie-Outfit: weiße Lackstiefel, lila Strumpfhose, darüber ein grauer Kostümrock, weißes T-Shirt, hellblaue Strickjacke und die dunkelblonden, seitengescheitelten Haare im strähnigen Out-of-Bed-Look. "In den Galerien an der Limmatstraße werden Millionen umgesetzt", bestätigt Heike Munder und erzählt von prominenten Kunden, die "auf die Schnelle einfliegen, ein Werk kaufen und wieder weg sind". Von diesem "fetten Kuchen", sagt sie, "wollen natürlich alle etwas ab haben und machen ihre Programme deshalb gefälliger, als es von einem intellektuellen Standpunkt her vielleicht gut wäre." Für Munder bedeutet die Präsentation zeitgenössischer Kunst dagegen vor allem eine theoretische Auseinandersetzung mit menschlich existentiellen und psychologischen Fragen - und die kommt ihr im Löwenbräu-Areal manchmal zu kurz. "Die Schweiz hat so eine Wohlfühlkultur, bloß nicht provozieren, allen soll es gut gehen, und man ist sich einig, dass es allen gut geht, wenn die Kasse stimmt." Der Zürcher Stadtverwaltung jedenfalls kommen die hohen Umsätze der Galerien zupass - schließlich fallen bei jedem Transfer Steuergelder an.

Wohl auch aus finanziellen Erwägungen hat die Stadt deshalb Ende Februar 2008 angekündigt, für 14,5 Millionen Schweizer Franken jene Fläche des Löwenbräu-Areals zu kaufen, auf dem die Kunstbetriebe angesiedelt sind. Die Eigentümerin des Löwenbräu- Areals, die PSP Swiss Property, nämlich wird das restliche Gelände umbauen, um teure Lofts und Büroräume zu schaffen. Ein Bürogebäude mit 38 Metern Höhe und ein 70-Meter-Wohnturm sind geplant, letzterer wird den denkmalgeschützten Malzsilo im Hinterhof um 40 Meter überragen. Bei aller Skepsis der Kunstschaffenden, ob der Umbau nicht die Yuppisierung des Geländes erzwingen wird, sind sich doch alle einig, dass er zumindest einen Vorteil birgt: Das Fitness- Studio im Erdgeschoss, das mit seiner schweißig-schmuddeligen Atmosphäre so gar nicht zum coolen Ambiente der Gegenwartskunst passt, wird früher oder später ausziehen müssen - seine Räume sind bereits als Vergrößerung der Museums- und Galerienräume verplant. "Die Mucki-Bude hat nie zu uns gepasst", sagt Daros-Collection-Direktor Soppelsa. Und die Künstler warten nur darauf, hier endlich intellektuelle Muskeln spielen zu lassen.

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Autor:
Anja Haegele