Zürich Menschen des Alltags

Des Professors täglich Brot ist Energie, aber manchmal ist es einfacher, von Schokolade zu reden. Man stelle sich vor: "Jeder von uns", sagt er, "verbrauchte täglich 200 Tafeln Schokolade. Vier davon reichen zum Leben, 196 sind Luxus." Es ist Montagmorgen, und Guzzellas Forschung ruht. Er hat Gymnasiasten zu Besuch, Berufswahlschüler. Einige tragen Wollmützen, einer einen Kopfhörer um den Hals, doch alle hängen an seinen Lippen.

Guzzella, 1957 in Zürich-Wiedikon geboren, lebt für den Fortschritt. Er studierte Maschinenbau, wurde 1999 Professor für Thermotronik an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich und 2004 Leiter des Instituts für Mess- und Regeltechnik. Dort tüftelt Guzzella an sparsamen Motoren. Zusammen mit Studenten hat er das PAC-Car II entwickelt - ein Fahrzeug, das mit einem Gramm Wasserstoff im Tank und einer 45 Kilo leichten Studentin am Steuerknüppel 20 Kilometer weit fahren kann. Rechnet man diesen Energieverbrauch auf Benzin um, so könnte die Studentin mit einem Liter 5385 Kilometer zurücklegen.Weltrekord!

Nun ist Guzzella zwar sparsam, aber kein Asket. Ein Gramm Wasserstoff in Ehren - an 200 Tafeln Schokolade findet er auch nichts Schlechtes. Das Problem mit den 196 überflüssigen Tafeln besteht darin, dass sie nur 1,5 von 7 Milliarden Menschen zu Verfügung stehen, obwohl die anderen 5,5 Milliarden den gleichen Appetit haben. Guzzella: "Inder und Chinesen wollen auch 200 Tafeln." Das scheint den Schülern einzuleuchten, aber jetzt wird es erst richtig ernst, denn Guzzella fährt fort: "Um in 50 Jahren allen ein angenehmes Leben zu garantieren, brauchen wir doppelt soviel Energie wie heute! Und dürfen weniger verbrauchen." Guzzellas Gerechtigkeitsgefühl stammt aus der Kindheit. Seine Eltern waren Italiener, der Vater ein Nachfahr venetischer Weinbauern. Als Guzzella in den sechziger Jahren in Zürich-Wiedikon zur Schule ging, waren Gastarbeiterkinder Außenseiter. Aber seine Jugend als "Secondo", als Einwanderer der zweiten Generation, erzeugte auch Spannung, setzte etwas in ihm frei - ja was wohl? Energie.

"Alles ist Energie!", ruft der Professor. Doch leider sei auch fast alles Erdöl. "Doch das Erdöl reicht nur noch 100 Jahre, die Kohle vielleicht 200. Danach müssen wir auf eigenen Füßen stehn." Dieser simple Sachzwang hält Guzzella auf Trab.Wenn seine Kinder fragen, Papa, was treibst du so an deiner Hochschule?, kann er auf ein Auto weisen, das gerade vorbeifährt - mit seiner Software. Oder das erdgasbetriebene "Clean Engine Vehicle": Es hat eine niedrigere Stickoxidkonzentration im Abgas als in der angesaugten Umgebungsluft. Auch dank solchen Erfindungen ist die Luft in Zürich besser geworden. Die Schüler horchen auf. Besser geworden? Die Luft? "Viel besser", sagt Guzzella, und da er die Gäste schon am Schlafittchen hat, führt er sie nun ins Labor, wo inmitten von Turbinen, Motoren und Katalysatoren das PAC-Car II steht, das sparsamste Fahrzeug der Welt. Sehr alltagstauglich sieht es nicht aus.

Die 5385 Kilometer seien nur ein Fanal, erklärt Guzzella. Er halte es mit Antoine de Saint-Exupérys Ratschlag: "Wenn du ein Boot bauen willst, dann trommle nicht Arbeiter zusammen, um Holz zu sammeln, sondern wecke in ihnen die Sehnsucht nach dem Meer." Die Sehnsucht ist da. Holz oder Geld waren auch nie Probleme.Wenn Lino Guzzella ein Problem hat, dann ist es der Mangel an guten Köpfen. "Das knappste aller Güter ist Intelligenz", stöhnt er und nimmt seine Gäste ins Gebet: "Studieren Sie irgendetwas an der ETH, egal was! Am besten aber ist, ihr macht alle Maschinenbau."

Da sitzt er nun, in seinem neuen Büro unweit des Zürichsees, die Sonne scheint, sein Kragen steht offen, das Telefon klingelt, die Sekretärin klopft an die Tür, und Roger Schawinski, braungebrannt wie immer, ruft freundlich, aber entschieden: "Jetzt nicht!" Fehlt nur noch, dass im Hintergrund der jamaikanische Reggaesänger Jimmy Cliff trällert, zuerst die Hammond-Orgel, dann die Bläser und dann: "You can get it if you really want, but you must try, try and try, try and try, you'll succeed at last." Du schaffst es, wenn du es wirklich willst und genug dafür tust. Es ist Schawinskis Leitgedanke. Es ist der Soundtrack seines Lebens. Denn nach Sonne, See und Sekretärin sah es nicht immer aus.Aufgewachsen ist Roger Schawinski im Zürcher Arbeiterquartier Aussersihl, der Vater war Vertreter, die Mutter Hausfrau, das Geld stets knapp.

Der junge Roger spielt lieber Fußball in Hinterhöfen, als dass er Französischvokabeln lernt, den Abschluss schafft er dennoch, mit viel Willen, "you can get it if you really want". Dann studiert er, der immer Journalist werden wollte, Wirtschaft in St. Gallen. Der Rest ist Schweizer Mediengeschichte. Es war Roger Schawinski, der das staatliche Medienmonopol durchbrach und 1983 nach langem Kampf die Lizenz für das erste Privatradio des Landes erhielt. Keine 15 Jahre später gründete er den ersten Privatfernsehsender der Schweiz. Nebenbei gab er ein Stadtmagazin heraus, versuchte sich als Filmproduzent und schrieb diverse Bücher, darunter: "Das Ego-Projekt. Lebenslust bis 100".

Roger Schawinski: "Zürich ist sehr international, sehr reich und gut organisiert"

Die Schweiz verließ er von 2003 bis 2006 und ging als Geschäftsführer von Sat.1 nach Berlin. Wo er auftritt, zelebriert er dieses "Ich gegen alle"- Gefühl. Er eckt gern an, er schwärmt von seinen Erfolgen und Kontakten, er erzählt sie immer wieder, seine Joschka-Fischer-Geschichte, wie er ihm beim Joggen davonlief, seine Begegnungen mit Bill Clinton,Tina Turner. Die Prise Selbstverliebtheit nimmt ihm kaum jemand übel. Eitelkeit steht ihm gut.

Roger Schawinski, 62 Jahre alt, ist zum dritten Mal verheiratet, hat drei Kinder und läuft Marathon in dreieinhalb Stunden. Doch er wird sich denken: "Wenn ich wirklich will, dann schaffe ich es auch unter drei."

MERIAN.de: Herr Schawinski, Sie waren fast vier Jahre nicht hier. Sehen Sie Zürich heute mit anderen Augen?

Roger Schawinski: Bevor ich nach Deutschland ging, hatte ich immer das Gefühl, Zürich sei provinziell, aber das stimmt nicht, das ist nur ein Minderwertigkeitskomplex, den viele Schweizer haben. Zürich ist sehr international, sehr reich und gut organisiert. Und die Stadt hat ihren eigenen Charme: Wenn man vom Flughafen kommt, sieht man gleich den See und die Berge, ich meine, hey, wo sonst gibt es das?

MERIAN.de: Kein aber?

Roger Schawinski: Natürlich, Zürich ist langsamer und ruhiger als eine 24-Stunden-Stadt wie Berlin. Zürich kann keine glamourösen Feste feiern, wo sich Politiker, Künstler, Journalisten treffen, hier bleibt jede Gruppe für sich. Das Gefühl, man müsse gut vernetzt sein, das kennt man hier nicht.

MERIAN.de: "Warum nicht?"

Roger Schawinski: Weil es allen so gut geht. Der Überlebenskampf ist weniger hart, das macht Zürich und das ganze Land ein wenig träge. Man muss sich nicht so recht Mühe geben, man wird bequem.

MERIAN.de: Sie aber gründen, kaum dass Sie zurück sind, mit Radio 1 einen neuen Sender. Haben Sie Angst, man könnte Sie vergessen?

Roger Schawinski: Angst vor der eigenen Bedeutungslosigkeit? Nein, ich will meine Ideen verwirklichen und Spaß haben. Schauen Sie, am Anfang war ein weißes Blatt Papier und die Vision eines neuen Radiosenders. Und heute sitzen junge Menschen in neuen Redaktionsräumen. Ist das nicht wunderbar?

MERIAN.de: Was, wenn es ein Misserfolg wird? Hören Sie dann auf oder geht es immer weiter?

Roger Schawinski: Ich bin grundsätzlich Optimist. Daher weiß ich, dass ich auch aus Niederlagen lerne.

Anna Luif: ""Ich bin keine Schweizerin, obwohl ich nie woanders lebte"

Anna Luif ist 1972 in Zürich geboren und besaß einen norwegischen Pass, bis sie 21 Jahre alt war, obwohl ihre Eltern aus Ungarn stammen. Die Frage nach der Heimat liegt also auf der Hand: Ungarn? Die Schweiz? "Ich bin keine Schweizerin, obwohl ich nie woanders lebte." Secondos und Secondas nennt man hier jemanden wie Luif, "die Generation der Zweiten", die Töchter und Söhne von Einwandererfamilien. "Natürlich kenne ich diese Zerrissenheit, dieses Zwischendrin", sagt Luif.

Wir sitzen in einem Café am Stadtrand, dessen Einrichtung sich seit 30 Jahren nicht verändert hat, die Kellnerinnen tragen gestärkte weiße Blusen, wer einen Milchkaffee will, der sagt: "Ä Schale bitte" und nicht: "Chan ich än Latte Macchiato ha?" Luif trinkt Tee. "Vielleicht klingt es ja kitschig, aber weder Ungarn noch die Schweiz ist meine Heimat, sondern das Filmemachen. Das ist meine Identität."

Bereits mit "Summertime" gelang der Regisseurin ein vielbeachteter Erfolg, ihr Kurzfilm über die erste Liebe eines 13-jährigen Mädchens ist zugleich ein präzises Porträt über die bleierne Leere Schweizer Vorstädte im Sommer, wo nichts passiert, wo Autos millimetergenau an ihrem Platz stehen, wo Unkraut zwischen Granitplatten sprießt, während Kondensstreifen am Himmel verblassen. Sie selbst wuchs so auf, in Witikon am Zürcher Stadtrand. "Oft saß ich vor dem Fernseher und hatte das Gefühl, allen anderen geht's besser." Ihre Jugend bezeichnet sie als "ruhig und langweilig." "Nach außen war ich vorlaut", erzählt Luif, "innen drin schüchtern und unsicher", und als sie das sagt, ertappt man sich beim Gedanken, dass sie heute noch so wirkt, zumindest wenn sie über sich spricht. Dann fragt sie: "Gehen wir?"

Anna Luif ist auf der Suche nach geeigneten Drehorten für ihren neuen Film "Tamilische Hochzeit", der nächstes Jahr ins Kino kommen sollte. Der Film: Ein junger Tamile, der einer Frau in Sri Lanka versprochen wurde, verliebt sich in eine Deutsche, die in Zürich lebt, was ein Chaos zur Folge hat. "Eine typische Culture-Clash-Liebesgeschichte eben." Fast 40000 Tamilen leben in der Schweiz, gemessen an der Gesamtbevölkerung mehr als irgendwo sonst in Europa, in Zürich gehören ihre kleinen Läden zum Straßenbild. "Die Sprache, das Essen, die Gerüche", sagt Luif, davon war sie schon immer fasziniert. "Ich bin ein großer Fan von indischen Filmen, drei Stunden weinen und tanzen, dazu all diese Farben." Seit vier Jahren schreibt sie am Drehbuch, natürlich hofft sie auf einen Erfolg, doch die Schweiz sei ein schwieriges Filmland: wenig Geld, wenig gute Schauspieler, und auf der Leinwand würden die Schweizer den eigenen Dialekt nicht mögen: "Er ist uns zu nah." Während andere Nationen stolz seien auf ihre Filme und ins Kino strömen, sei man hier weniger euphorisch. "Die Schweizer sind zu selbstkritisch." Vielleicht wird das bei ihrem Film ja anders.Vielleicht braucht es eine Seconda mit ungarischen Wurzeln, mit norwegischem Pass und einer Vorliebe für Tamilen, die den Schweizern ihre Filme und Sprache näher bringt.

"Grand Hotel Dolder", das war einmal. Heute thront am noblen Zürichberg "The Dolder Grand". Dass es Journalisten gibt, die das einfach nicht kapieren! "Es geht um Corporate Identity", erklärt Direktor Thomas Schmid. "Das Hotel beim alten Namen zu nennen ist wie in Rosa daherkommen, während alle andern Braun tragen." Schmid ist ein langer Mann Anfang 40, die Stimme sanft, das kurze Haar sorgfältig frisiert. Die "rosa" Periode hat er noch miterlebt. Frisch angestellt, führte er das alte Dolder durch seine letzten Tage - eine distinguierte Dame Jahrgang 1899, deren Teint schon etwas blass wirkte unter dem vielen Puder. Aber was für eine Charmeuse sie doch war! In ihren Hallen verkehrten die reichsten und wichtigsten Menschen der Welt, Leute wie Winston Churchill, Thomas Mann oder Herbert von Karajan.

Es war die Zeit, als die Portiers aussahen wie Löwen-Dompteure und das Gepäck der Gäste ungefragt ins Zimmer tragen ließen. Mit solchen Gewissheiten ist es vorbei. Selbst ein Profi wie Schmid sieht einem Gast nicht sofort an, wie er begrüßt werden will. Dabei hat er das Dienstleisten im Blut. Als Kind war er Handlanger, wenn der Vater, ein Berner Tierarzt, auf Hausbesuch ging; ohne Murren hielt der Junge die Katze auf dem Tisch fest oder holte Salben aus dem Auto. Teil der Landkinder-Jugend war auch das eigene Pferd, der Springreiter Schmid kämpfte in der höchsten Kategorie. Zur Ausbildung ging er nach Lausanne, an die Hotelfachschule. Danach diente er von der Pike auf in Bad Ragaz, wobei er sich nebenbei einen Namen als Porsche- Fahrer machte, und arbeitete sich hoch bis ins Zürcher "Baur au Lac" und ins "Cipriani" in Venedig. Über den Empfang von Gästen muss man Schmid also nichts erzählen. Eine Kasse programmieren kann er auch. Zudem ist er eine Art Trendscout.

Die Lifestyle-Fibel "Wallpaper" ist Pflichtlektüre, für den Chef und seine engsten Mitarbeiter; dazu kommt eine Reisediplomatie, die ihn mit 50 Top-Hotels in Kontakt hält. Hier, bei den Konkurrenten, wittert Schmid Generaltrends. Nicht dass er etwa Ideen klauen würde - wenn ihm irgendwo ein Zahnglas gefällt, muss er es nicht gleich im Dolder haben. Nein, Schmid sammelt Eindrücke, die sich allmählich zu Erkenntnissen verfestigen. Plötzlich ist klar: Krawatten sind unzeitgemäss. Schmid beschließt, sie im neuen Dolder abzuschaffen, nur er selbst trägt noch eine.

Nun ist Thomas Schmid Herr über 400 Krawattenlose und einen Lifestyle-Palast. Als solchen darf man das umgebaute Hotel ruhig bezeichnen, denn zwischen dem "Grand Hotel Dolder" und "The Dolder Grand" liegt nichts Bescheideneres als der Versuch, eine urzürcherische, dem Zoo oder dem Opernhaus vergleichbare Institution um ein paar weitere Meter anzuheben und "die Stadt Zürich als solche einen Zacken interessanter zu machen". Allein die Baustelle ist in vier Jahren von 12000 Zaungästen besucht worden. Sie wollten sich nicht entgehen lassen, wie 440 Millionen Franken aus der Tasche des Investors Urs E. Schwarzenbach nach den Plänen des britischen Stararchitekten Norman Foster in Stein und Eisen flossen. Seit Frühling 2008 steht alles bereit. Ein "City Resort" mit Ballsaal, Spa und Boutique. Die Fläche ist auf 40.000 Quadratmeter verdoppelt worden; zwei rund geschwungene Flügel flankieren den schlossartigen Altbau, aus dem unverändert das charakteristische Türmchen ragt. Ins Hotel integriert sind zwei aus allerfeinsten Materialien komponierte Restaurants, und dass die Wände in den Duschen von Perlmutt glänzen, ist schon beinahe Ehrensache. In den Genuss diese Luxus kommt man zum Mindestübernachtungspreis von 850 Franken. Die 400 Quadratmeter große "Maestro-Suite" im Turm kostet aber immerhin 14000 Franken.

"In New York könnten wir 20.000 Franken dafür verlangen", meint Schmid, doch Zürich - "das steht in jedem Survey" - zähle nun einmal nicht zu den Top-Reisedestinationen. Beirren lässt er sich dadurch nicht. "The Dolder Grand will zu den führenden Hotels der Welt gehören", sagt er feierlich - und eilt zum nächsten Termin. So geht das sieben Tage die Woche. Sollte sich Schmid zwischendurch aus dem Hotel verabschieden, für eine Stunde Krafttraining vielleicht, hat er einen Notizblock dabei, in welchem er alles, was ihm noch nachträglich einfällt, festhält - erst danach fühlt er sich leicht und frei.

Franziska Schläpfer: ""Wir waren nicht abgefuckt und kaputt, sondern kreativ und politisch"

Sie war 16, da kam sie nach Zürich, ohne Geld und ohne Pläne, das war 1992, sie zog in die Wohlgroth hinter dem Bahnhof, in das, wie sie sagt, "größte besetzte Areal ganz Europas". Ein Teenager, aufgewachsen im beschaulichen Winterthur, auf der Suche nach mehr. Zürich war im Umbruch, die wenigen Clubs in der Innenstadt waren zu banal,man traf sich auf illegalen Partys oder in besetzten Häusern, wo alles nur für den Moment eingerichtet wurde und alles möglich schien. Man tanzte in finsteren Kellern, wo das Bier nie richtig kalt war und sich die Discokugel nur drehte, wenn man sie anschubste. Franziska Schläpfers Geschichte spielt in diesem anderen Zürich, fern der funkelnden Bahnhofstrasse, fern der Uferpromenade, wo man gespritzten Weißwein unter weißen Sonnenschirmen trinkt. Als das Wohlgroth- Areal geräumt wurde, zog sie mit ihren Freunden von einem leerstehenden Haus ins nächste, bis die Polizei kam. Und die kam. "Wir besaßen wenig, doch wir brauchten nicht mehr, Matratzen vielleicht, Decken, Teller, Besteck, Dinge, die man in einem reichen Land wie der Schweiz auch auf der Straße findet."

Es war Haltung, nie Notwendigkeit. "Wir waren nicht abgefuckt und kaputt, sondern kreativ und politisch, wir waren gegen Verschwendung und Konsum." Nach zwei, drei Jahren als urbane Nomadin, ein bisschen Pippi Langstrumpf und viel Punk, als sie es leid war, ihre Matratze zusammenzurollen und wieder weiterzuziehen, kamen erste Zukunftsängste: "Und wie soll das jetzt weitergehen?" Sie versuchte sich als Bäuerin, lebte mit Kühen und Schweinen im Tessin, ließ sich als Zimmerin ausbilden, verdiente wenig Geld und baute Dachstöcke um. Ihr war, als ob sie auf einem Berg säße: "Ich schaute zu, wie die Welt untergeht." Doch die ging nicht unter. Franziska, noch immer auf der Suche, rutschte in die Zürcher Rapszene. Sie tanzten, sprayten, reimten und sangen und aus Franziska Schläpfer wurde eine Kunstfigur, Big Zis (www.bigzis.com), die mit den spitzen Reimen. Sie mischte Disco, Punk und HipHop-Beats, sie irritierte und ironisierte - und wurde über Nacht stadtbekannt."Keini So" hieß ihr erstes Album 2002, keine so wie sie, entschied auch die Stadt Zürich und verlieh ihr einen Förderpreis.

Vor Jahren hatte man sie noch aus den Häusern gejagt. Heute ist Big Zis die bekannteste Rapperin der Stadt, Liebling der Kritiker, weil ihre Musik kräftig ist und kracht, ohne dass sie dafür Muskeln braucht. Neben den Konzerten holte sie sämtliche Schulen nach, die sie in ihrer Jugend verpasst hatte, und liest Bücher von John Locke und David Hume für ihr Philosophiestudium an der Universität Zürich. "Ich mag es,Texte zu analysieren und zu sezieren, wie eine Medizinstudentin Leichen." Um sich das Studium zu finanzieren, arbeitet sie in Teilzeit in einem Kino, sitzt am Empfang eines Werbebüros und nimmt Telefonate bei einem asiatischen Schnellimbiss entgegen. Dabei denkt sie womöglich an John Lockes Erkenntnistheorie, hat Reime im Kopf und einen Beat im Bauch. Zürcherinnen sind nüchterner als Pariserinnen. Sie sind protestantischer als Mailänderinnen, ernsthafter als Londonerinnen und zurückhaltender als New Yorkerinnen. "Die Absätze ihrer Schuhe dürfen nie allzu hoch sein", sagt Laurence Antiglio mit leisem Bedauern.

Dass Zürcherinnen und Zürcher demnächst die Welt der Mode revolutionieren, ist eher nicht zu erwarten. Trotzdem liebt Laurence Antiglio Zürich. Sie ist im sinnlicheren (da katholischen) Kanton Freiburg aufgewachsen, hat in Paris das "Institut Français de la Mode" besucht und im Modehaus "Le Printemps" gearbeitet, bevor sie in Zürich ihre Boutique "Vestibule" an der Spiegelgasse eröffnete, um ihre frohe Mode-Botschaft unter ein Volk von Tiefstaplern zu bringen. Dabei ist höchste Behutsamkeit gefragt! Verglichen mit Pariserinnen sind Zürichs Frauen Hasenfüße. Zu Spontankäufen lassen sie sich selten hinreißen, alles muss vernünftig, muss bequem sein. Antiglio ist klug genug, nicht mit der Tür ins Haus zu fallen. Die Schuhe, die sie trägt, sind schick, aber schlicht, ihre Strickjacke fast bieder. Nur der Onyx an ihrem Hals blitzt frech. Auch der Name "Vestibule" (Vorplatz,Vorhof, Vorhalle) deutet an, dass in der Boutique nichts überstürzt wird.

Kundinnen, die die luftig-weißen, stuckverzierten Räume betreten, sollen sich sich erst einmal frühlingshaft umfangen fühlen. Die Hausherrin reicht Tee. Von der Auslage grüßen eine Holzente und eine Art Osterhase aus Kunststoff; Spielereien, die Schwellenängste mildern. "Der Hase kann mit den Ohren wackeln und E-Mails vorlesen. Seinetwegen kommen auch viele Männer hierher", sagt Antiglio und lacht aus großen Augen. Das Stil-Problem der Zürcher Männer - eine Spur zu schäbige Jacken, zu billige Anzüge - ist damit zwar nicht gelöst, aber mit Anstand verschoben. Sind die Herren einmal ins Studium des Hasen oder der Kreditkarten-Etuis in der "Männer-Ecke" vertieft, kann sich Antiglio in Ruhe den Frauen und ihrer aufkeimenden Lust an der Mode widmen. "Ich erlebe Zürcherinnen offener, als man sie sich vielleicht vorstellen kann", sagt sie. Zur Wahl stehen Trouvaillen aus Paris und New York, Trendmarken, die man an der protzigen Bahnhofstrasse kaum findet.

Farben und Formen zitieren Stil- Geschichte. Goldene Zwanzigerjahre, blumenselige Siebziger: Hier werden Traditionslinien in die Zukunft verlängert. Etwas Ahnungsvolles liegt in der Luft, Hände greifen nach Bügeln, prüfen Oberflächen; zögern. Das ist der Moment, in dem Antiglio eingreift. Genau: Mehr Mut wäre gut! Mut zu Kleidern, die auch einmal etwas verdeutlichen - statt immer alles herunterzuspielen. So zaubert sie Stücke hervor, die auch scheuen Rehen Charakter verleihen. Die Zürcherinnen lassen sich's gefallen. Laurence Antiglios Kundschaft wächst. Auch die Stilsicherheit der Kundinnen nimmt zu, ihre Entschlussfreudigkeit. Kurz vor Ladenschluss ist auch die zögerlichste Kundin soweit und steht frisch gewandet vor dem Spiegel. Glücklich der Mann, der in diesem Moment von seinem Hasenspielzeug auf- und zu seiner Begleiterin schaut - ihm brandet eine Charme-Welle entgegen. Soll noch ein Zürcher behaupten, Mode sei oberflächlich!

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Autor:
Martin Helg und Sacha Batthyany