Wurmberg Nachwuchs-Skispringer

Wenn klobige Kunststoffschuhe an den Füßen hängen, ist der Weg nach oben anstrengend. Erst muss Noah über dicke Wurzeln steigen, dann schrundige Felsbrocken umgehen. Die langen Latten muss er dabei so auf der rechten Schulter balancieren, dass er andere nicht verletzt. Und jetzt noch die Stufen, Dutzende von Stufen. Noah keucht. Aber als er oben steht, erholt er sich schnell. Konzentriert bereitet er sich jetzt auf den schönen Teil seines Sports vor. Eines ist sicher: Runter kommt er deutlich schneller als rauf.

Noah, der Neunjährige, kann nämlich fliegen. Er ruckelt den Helm zurecht und dehnt das Band der Brille. So verpackt sieht der Spök schulteraufwärts richtig erwachsen aus. Der schmächtige Körper will allerdings nicht zu dem riesigen Helm passen. Junge Skispringer wirken ein bisschen wie Außerirdische.

Es ist ein herrlicher Herbsttag, das Thermometer zeigt noch 19 Grad. Auf der Braunlager Brockenwegschanze liegt nicht etwa Schnee - auf Matten rattern die Skisportler ins Tal. Die Veranstaltung zählt zur Nordwestdeutschen Mattenschanzentournee; weitere Stationen sind Wernigerode, Meinerzhagen, Winterberg und Willingen. Auf derartigen Talentschauen sucht Deutschland den Star, der irgendwann die Hannawalds und Schmitts ablöst.

"Mittelgebirge wie der Harz sind nicht schneesicher", erzählt Helmut Reichertz, "also werden Skispringer mittlerweile im Sommer geboren." Reichertz ist Trainer im Wintersportverein Braunlage von 1892, außerdem im Niedersächsischen Skiverband.

Er rechnet: "Zwischen Mai und November kommen wir auf 30, im Winter höchstens auf sechs Springen." Der Anlauf vom Turm ist aus Edelstahl, die Matten sind aus Kunststoff. "Das Besondere an der Matte ist, dass sie gleich bleibende Bedingungen garantiert", erklärt Reichertz. "Schnee kann körnig, feucht oder eisig sein." Und die Kinder können begabt oder untalentiert zum Springen sein. "Die Kinder müssen sportmotorisch fähig sein, also bestimmte Bewegungen schnell umsetzen können", sagt Trainer Reichertz. Der 64-Jährige gehört dem Springerzirkus seit mehr als fünf Jahrzehnten an, erst als Aktiver, dann als Trainer. "Das wird mich auch nicht mehr loslassen", weiß er. Jede freie Minute pusselt er an der Schanze herum.

Der Sender RTL hat den Sport mit aller Medienmacht in die Schlagzeilen gedrückt. Mit Martin Schmitt und Sven Hannawald sind zwei Schwarzwaldjungs - Letzterer eigentlich aus dem Erzgebirge - zu Stars aufgestiegen. Selbst die Kleinsten stechen auf der Braunlager Brockenwegschanze nach gelungenen Hüpfern beide Zeigefinger in die Luft, wie Hannawald das nach großen Siegen macht. "Der Boom flaut aber schon wieder ein bisschen ab", sagt Trainer Reichertz.

Noah steht oben und schaut kilometerweit über den Harz. Grün glänzen die Matten in der Sonne. Und das Ziel liegt weit unten, wo die Autos aussehen, als seien sie von Matchbox gebaut.

Er konzentriert sich und imaginiert den perfekten Sprung. Im Anlauf ist wenig zu tun. Der Springer kauert sich zusammen, um maximales Tempo aufzunehmen. Erst der Schanzentisch trennt Mittelmaß von Siegern. Hier entscheidet Gefühl für die Millisekunde, in der ein Springer hochschnellen muss, ein Gefühl das sich nur allmählich einstellt, beim Üben und Üben und nochmals Üben, das schnell wieder verloren gehen kann.

Noah hat den Absprung sicher erwischt. Nach dem Absprung nutzt er den Wind; weit spreizt er die Skispitzen nach außen, das "V" der Ski produziert vor seinem Oberkörper ein Luftkissen. Der Sportler ist beim Sprung eigentlich gar nicht so weit vom Boden entfernt. "Maximal zweieinhalb Meter", schätzt Trainer Reichertz. Dieses Wissen mindert aber nicht die Mutprobe. Die Landung sollte im Telemark-Stil erfolgen. Der geht so: Ein Fuß landet ein paar Zentimeter vor dem anderen. Ist allerdings eine wacklige Angelegenheit.

Geben die Knie zu sehr nach, rodelt der Springer auf dem Hosenboden nach unten. Steht er den Sprung, ist der Rest Schau-Laufen: Entweder der Springer schreit seinen Frust über Fehler raus oder aber er streckt die Zeigefinger zum doppelten "Hanni". So weit wie die Schanzenstars ist Noah noch lange nicht. Jetzt kommt er angesprungen, eine Böe bringt ihn in Schieflage. Aber die widrigen Winde machen ihn nicht bange, souverän zieht er den Sprung durch, wenn auch am Schluss eine breitbeinige Notlandung steht.

Immer noch besser, als nach dem Aufsetzen das Gleichgewicht zu verlieren und einfach umzukippen. Dann dringen schon mal Schluchzer unter dem Helm hervor und Papa oder Mama eilen zum Trösten herbei. Richtig fliegen können sie eben doch nicht, die jungen Skispringer von Braunlage, und manche Landung misslingt.

Große Flicken auf dem Hosenboden überdecken aufgerissene Stellen. Unten im Auslauf lümmeln sich die, die schon gesprungen sind, auf der grasgrünen Matte. In der einen Hand Lakritz, in der anderen eine Cola. Ihre Anzüge haben sie bis zu den Hüften herabgerollt. Sie schauen nach oben zur Schanze, die in den blauen Harzhimmel ragt und kommentieren die anderen Springer: "Tja, Absprung verpennt!" oder "Junge, Junge, was für 'n Flattermann!"

Während sich Noah die Ski abschnallt, erzählt Helmut Vogel: "Ich trainiere mit ihm, mache aber auch den Chauffeur." Noah ist kein echtes Harzkind, er wohnt in Göttingen. Fast jeden Freitag setzt er sich in den Zug nach Herzberg, wo ihn sein Ziehvater Helmut Vogel pünktlich um 14.27 Uhr abholt. Das Wochenende ist randvoll mit Training, Training, Training. "Der kann gar nicht genug kriegen", sagt Vogel. Noah zählt im norddeutschen Raum zu den besten Skispringern seines Alters. Nach längerem Überlegen kommt er auf immerhin 19 Pokale, die daheim im Kinderzimmer stehen. "18 davon", sagt er, "sind für erste Plätze." Dann hat er aber schon keine Zeit mehr, will wieder rauf auf den Turm.

Patrick Surmann bügelt. Nimmt einen Wachsstift, tupft ihn auf die Ski und geht dann mit einem Bügeleisen drüber. Schräg lehnen seine Ski an einer Balustrade. "Die Ski müssen waagerecht liegen, wenn du sie wachst", ruft ihm Helmut Reichertz im Vorübergehen zu. Also packt Patrick die Sportgeräte auf zwei Böcke. Im Gras ringelt sich die Verlängerungsschnur für das zweckentfremdete Bügeleisen.

Der 14-jährige Patrick Surmann ist "schon auf der Grenze vom Hüpfen zum Springen", erklärt Helmut Reichertz. Wie Noah gehört er zu den Assen seines Alters. Bei der Mattenschanzentournee ist er im vergangenen Jahr Zweiter geworden. Vier Punkte hinter einem Christof aus Willingen. Seinem Bügelschwung ist anzusehen, dass ihn das mächtig fuchst. Mit acht Jahren ist er über ein "Schnupperskispringen" zu diesem Sport gekommen. 7,5 und 8 Meter weit waren seine ersten Sprünge. Man kann das nachschlagen in den beiden dicken Ordnern, die sein Vater Manfred Surmann säuberlich angelegt hat: Ergebnislisten, Urkunden, Zeitungsausschnitte.

Ziemlich einsilbig werden die jungen Hüpfer, wenn man sie darauf anspricht, ob sie denn gar keine Angst haben vor ihren Luft-Reisen. Patrick will viel lieber erzählen, dass "das Freisein zwischen Schanzentisch und Landung einfach geil" ist. Man muss sich das wohl so vorstellen: Bei den allerersten Sprüngen sind die Kinder aufgeregt, kriegen aber schnell mit, dass nicht viel passieren kann.

Ab jetzt ist ein Sprung für sie nichts anderes als ein komplizierter Fallrückzieher beim Fußball. "Die Trainer achten außerdem darauf, dass die Kinder behutsam von einer Schanze zur nächst größeren geleitet werden", sagt Manfred Surmann.

Patrick macht sich fertig für den Sprung. Er trägt einen gelb-grauen Carrera-Helm. "Sieht cool aus", sagt er. Der Heizungsbauer, der auf dem Sprunganzug wirbt, ist sein Onkel. Patrick schnappt sich die gelben 2,22- Meter-Sprunglatten. "Die stellt der Verein", sagt Vater Surmann. Insgesamt kostet eine Ausrüstung etwa tausend Euro.

Patrick gleitet in die Anlaufspur. "Nicht nach oben, nach vorne springen!", wird er jetzt denken. Mit kritischem Blick verfolgt der Vater den Sohn. Patrick landet bei 55,5 Metern. Er weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass ihm das den Tagessieg einbringen wird. "Bei der Landung hat er ein bisschen gemogelt", mäkelt Manfred Surmann. "Das war kein richtiger Telemark."

Ein paar Jahre hat Patrick Surmann noch Zeit. Wer weiß, was die Pubertät mit dem Skispringer macht? Sein nächstes Ziel hat er allerdings immer vor Augen. Wer aus dem Wohnzimmer der Surmanns über die Terrasse in den Harz schaut, sieht die Wurmbergschanze aufragen - wenn sich die Diva nicht gerade dramatisch in Nebel hüllt. Die Schanze ist was für Große, der Rekord liegt jenseits der 100-Meter-Marke. "Ich wollte da schon im letzten Jahr runter", sagt Patrick, Ungeduld in der Stimme. "Ich muss meine Trainer überzeugen, dass ich jetzt reif bin für den Wurmberg."

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Autor:
Arne Boecker