Vietnam Reisebericht aus dem Mekong-Delta

Im Mekongdelta bewegen sich die Bewohner mit ihren Booten auf Wasserstraßen

Mit jedem Kilometer, der wegführt von Saigon, wird die Luft klarer, reißt der Himmel auf, leuchten rechts und links der Straße die Reisfelder. Die wuchernde Metropole mit ihren Wolkenkratzern ist nur noch zu erahnen. Es duftet nach Holzkohle, Jasmin, Meer. Radfahrer tauchen auf neben dem Bus, anmutig dahingleitende Schulmädchen in weißen Seidenkleidern, Männer mit ganzen Schweinen auf dem Gepäckträger. Schon dämmert es in Vinh Long, der alten Marktstadt am Ufer des Mekong. Als ich das blaue Boot besteige, das mich nach An Binh bringt, der "Insel des Wohlgedeihens", ist es, als würde ich davontreiben mit dem braunen Strom, der in der Ferne mit dem Himmel zu verschwimmen scheint. Der mit sich nimmt, was er bekommt: Inseln aus zusammengewachsenen Wasserhyazinthen, totes Getier, Palmenwedel, Plastiktüten.

Auf seiner 4500 Kilometer langen Reise aus dem Hochland von Tibet, durchs Goldene Dreieck bei Burma, als Grenzfluss zwischen Thailand und Laos, durch Kambodscha bis ins Südchinesische Meer vor Vietnam. "In der gewaltigen Strömung betrachte ich den letzten Augenblick meines Lebens. Die Strömung ist so stark, dass sie alles mitreißen würde, Gestein, eine Kathedrale, eine Stadt", beschrieb Marguerite Duras in ihrem Roman "Der Liebhaber" die Zeit von vor rund 80 Jahren.

Damals lebte sie in der Stadt Sadec, ein paar Kilometer von hier entfernt, dort leitete ihre Mutter eine französische Mädchenschule. Es scheint, als hätte sich nicht viel geändert seitdem. Am Elefantenfuß-Kanal, einem schmalen Seitenarm, schaukelt Nguyen Tai in der Hängematte auf der Terrasse seines Stelzenhauses. Seine Tochter Cuong, Studentin am Musikkonservatorium, übt Liebeslieder auf dem Keyboard, seine Frau Trang hockt auf dem Steg im Wasser und schrubbt Wäsche. Später werden sie das Abendessen servieren - knusprigen Elefantenkopffisch, eingerollt in Reispapier. Dann scheint der Strom zur Ruhe zu kommen, wird das Tuckern der vorbeiziehenden Kähne seltener, sind in der Finsternis die Kapitäne nur noch an ihren glühenden Zigaretten auszumachen. Der Mond spiegelt sich im Wasser und wirft tanzende Schatten auf mein Moskitonetz, unter den Holzbohlen gurgelt der Fluss.Als könne er die wundersame Stille nicht ertragen, setzt sich der Nachbar vor seinen Fernseher, hält ein Mikro in der Hand und singt Karaoke.

Frühmorgens, nach Sonnenaufgang, weckt mich lautes Reden. Meine Gastgeberin Frau Trang feilscht mit den Händlerinnen am Steg. Die stehen mit geraden Rücken in sampans, kleinen Booten, ein Lächeln unter dem Reishut, und verkaufen, was ihnen der Fluss beschert: Drachenfrucht, Papaya, Litschi, Zuckerrohr, Kokosnuss, glibberige Aale,Wasserschlangen. Die Menschen leben mit dem Fluss und von ihm, er ist ihre Lebensader. Sie passen sich seinen Gezeiten an, wässern die Reisfelder, legen Reusen und Netze aus. Im 18. Jahrhundert, als das Delta noch ein Dschungel war, kamen sie aus den Bergen Vietnams hierher, aus China, Kambodscha. Zum Fischen und Jagen, und weil sie damals schon wussten, dass der Flussschlick fruchtbarer ist als jeder andere Dünger.

Heute leben 17 Millionen Vietnamesen im Mekong-Delta, auf einer Fläche so groß wie die Niederlande. Sie haben sich ins Dickicht am Rand der Kanäle zurückgezogen, ihre Häuser auf Mangrovenpfählen gebaut. Autos gibt es hier kaum. Weil immer mehr Reisende erfahren wollen, wie es sich lebt mit dem legendären Strom, gibt es staatseigene Agenturen, die Übernachtungen bei Familien im Delta vermitteln. "Cuu Long" heißt eine, nach dem Strom, den sie hier Song Cuu Long nennen - "Fluss der neun Drachen", nach der in der chinesischen Mythologie heiligen Zahl neun.Auch wenn es tatsächlich nur acht Flussarme sind. Die Reiseagenturen schicken meist Führer mit, damit sich die Gäste nicht in den Kanälen verirren.

Meiner heißt Nam, 25, blaue Uniform, Baseballkappe, freches Grinsen. Er ist Student des Leninismus, Marxismus und - darauf ist er besonders stolz - des "Ho-Chi-Minhismus". Nach dem Frühstück - Espresso mit süßer Kondensmilch und französischem Baguette - steuert Nam das Boot zu den schwimmenden Märkten von Cai Be. Dort ankern Lastkähne; an den Bug sind ihnen große, böse Augen gemalt: Krokodilsaugen, die vor den kleineren Süßwasserkrokodilen schützen sollten, die es hier einst gegeben haben soll. An den Masten hängen Ananas,Wassermelonen, Süßkartoffeln - ein Auszug aus dem Warenangebot. Wir legen am Hausboot der Familie Nguyen an. Heute war ein guter Tag, sie haben zehn Tonnen Kürbisse an die Händler verkauft. Zur Feier gibt es Cola, wird die Nudelsuppe mit Kürbis angereichert. Nach dem Essen döst man auf Bambusmatten, schaut Telenovelas aus Hongkong an. "Nein", sagen alle in der Familie, an Land könnten sie nicht leben. "Wir würden eingehen wie Reispflanzen zur Trockenzeit."

Neben der Bootstankstelle im Fluss liegt eine Gärtnerei. Sie gehört dem ehemaligen Vietcong Tam Ho, auch er bietet Reisenden Logis. Seine 87 Jahre sieht man ihm nicht an, so wie er zwischen seinen Bonsaibäumchen steht - nackter Oberkörper, Ho-Chi-Minh- Bärtchen, die Zähne schwarz von Betelnuss. Tam erzählt, wie er sich damals versteckt hat in den Mangroven, ihn amerikanische Soldaten gefangen nahmen. "Was wollt ihr von mir, ich bin bloß ein armer Bauer", hat er ihnen jedes Mal erzählt, und sie ließen ihn jedes Mal wieder laufen. Wenn er damals so kämpfte, wie er heute trinkt, ahnt man, warum die Vietcong den Krieg gewonnen haben. Er gießt seinen selbst gebrannten Schnaps in fingerhutgroße Porzellanbecher. "Jooo!" ruft er, Prost, kippt ihn runter, schenkt nach. Der Schnaps schmeckt nach Zimt und frischen Limonen und rauscht direkt in die Blutbahn.

Unser Boot bahnt sich Schneisen durchs Dickicht, vorbei an Reismühlen und Ziegelbrennereien, deren Öfen aussehen wie riesige Bienenkörbe. Befeuert werden sie mit Reisspelzen. Heute übernachte ich bei Truong Phan und seiner Familie im Dorf Long Phuoc. Gerade haben sie Duschen gebaut und Schlafkoben, ich bin ihr erster Gast. Sie führen mich an den Fischteich, durch ihre Reisfelder, zur Pagode Tien Chau.Tee wird im Wohnzimmer serviert, zwischen chinesischen Möbeln aus Teak, verziert mit Perlmutt-Intarsien. Zur Dämmerung werden Räucherstäbe angezündet, und Familie Truong verbeugt sich vor den Ahnen: Laut ihrem Glauben weilen die noch unter ihnen, müssen bei Laune gehalten werden mit Jasmintee und Wohlgerüchen. "Unsere Vorfahren waren Feudalherren", so der Hausherr. Die bauten das stattlichste Haus in Long Phuoc - alles musste vornehm sein, chinesisch. Im Krieg wurden Phan und sein Bruder von der südvietnamesischen Armee rekrutiert, am Ende steckte man beide ins Umerziehungslager.Da sie aber während des Krieges dem Vietcong Ersatzteile für Waffen zugesteckt hatten, ließ man ihnen die Ländereien. Nach ihrer Freilassung begannen sie von neuem - bauten Reis an, fischten. Eine Schwester floh, arbeitet heute als Friseuse in den USA.

Nach einer Nacht voller Geschichten fragt Diep, die schöne Tochter und Englischlehrerin: "Mögen Sie unser Land? Warum wollen Sie alles über den Krieg wissen? Wir erinnern uns kaum,Vietnam ist heute modern!" Es ist Sonntag und schulfrei, Diep nimmt das Boot zum Markt in Vinh Long. Sie trägt einen weißen Seidenanzug, ihr lackschwarzes Haar ist hochgesteckt. Sie zeigt mir die Stelle, wo sie früher badete, solange sich das für ein Mädchen noch schickte, und übersetzt die Parolen auf den Schildern entlang der Kanäle. "Esst mehr Jodsalz!", befiehlt die Partei, "schützt den Fluss und die Umwelt!", "zwei Kinder pro Familie sind genug!" Auf dem Markt probiert sie Schuhe made in China - laut Etikett von Chanel oder Gucci und kauft ein paar cremefarbene Pumps. Würde ihr ein Leben in Saigon nicht besser gefallen? Diep lächelt:"Zu laut, zu groß, zu schnell! Ich vermute, wir würden sterben." Beim Abschied winkt sie mit ihrer Familie vom Steg.

Ein letztes Mal setzt das Boot über nach Sadec. Dort überquerte Marguerite Duras damals den Mekong. Sie war fünfzehneinhalb.Auf der Fähre traf sie ihren Liebhaber, einen wohlhabenden Chinesen mit goldgelber Haut. Sein Haus steht bis heute, das Bett, wo sie sich geliebt haben sollen, der Bonsaibaum, dem sie Wasser gab. Viele Jahre lang war das Haus eine Polizeiwache, seit ein paar Monaten ist es Museum.Der gelb gestrichene Palast, in dem sie den Film nach dem Buch drehten, liegt gegenüber, auf der anderen Seite des Flusses. Er gehört der Kommunistischen Partei, die Beamten haben nichts übrig für spätkolonialistische Sentimentalitäten - sie werfen die Fremden hinaus. "In diesem unabsehbaren Flachland strömen die Flüsse rasch, sie schießen dahin, als wäre die Erde abschüssig," schrieb Marguerite Duras. "Ich betrachte den Fluss. Meine Mutter sagt mir manches Mal, nie mehr im Leben würde ich so schöne Flüsse sehen wie diese hier, so groß, so wild, wie den Mekong und seine Nebenarme."

Schlagworte:
Autor:
Fiona Ehlers