Vietnam Reisebericht vom Traumstrand

Hon Mun ist eine Insel bei Nah Trang

Die Inseln im grauen Dunst. Das Meer stahlblau mit einem Hauch von Türkis. Mit röhrendem Motor kämpft sich das Boot durch die Wellen, während Loc Ho Tan die Geschichte seiner Familie erzählt. Sein Großvater zog nach Nha Trang, als die Franzosen sich hier ein Stück Riviera weitab von Nizza und Cannes bastelten. Wir passieren blauweiß lackierte Kähne vor Hon Mieu, die im Morgenlicht schaukeln. "Großvater war ein berühmter Schneider", sagt Loc, ein junger, schmaler Mann mit einem strahlenden Lächeln, "er machte Anzüge für feine Herren." Locs Vater war auch Schneider, nicht so berühmt. Denn inzwischen waren die Franzosen weg, kam mit den Amerikanern der Krieg. Anzüge waren nicht mehr gefragt.

Hon Mieu liegt rechts hinter uns. Schon naht das Ufer von Hon Tam. Hon heißt Insel. Tam heißt Seidenraupe, und tatsächlich hat sie die Form einer Seidenraupe. Nicht mehr weit bis Hon Mun. Grünes, wildes Gewucher über dunklen, kantigen Felsbrocken. Mun heißt schwarz. "Eine Vulkaninsel", sagt Loc und lächelt, "eine guter Ort zum Tauchen und Schnorcheln: 350 Korallenarten, kleine Fische, bunte Fische, große Fische." Sein Vater sei früher jeden Tag von Nha Trang nach Hon Tre, der Bambusinsel, geschwommen, sechs Kilometer hin und zurück. Bis er eines Tages diesen Fisch sah. "Mein Vater sagt, seine Augen waren so groß wie ein Menschenkopf." Nie wieder sei er danach schwimmen gegangen.

Loc fährt den Motor herunter, wirft den Anker aus. "Fertig für einen Tauchgang?" Vietnam auf der Karte betrachtet ist ein handtuchschmales Land, das oben und unten dramatisch anschwillt: Man sagt, es erinnere an eine Bambusstange, an deren Enden Körbe hängen, wie sie die Marktfrauen benutzen. Aus dem Norden und dem Mekong-Delta kommen die meisten Nahrungsmittel, vor allem Reis. Andere sagen, man erkenne im Umriss des Landes den Drachen der chinesischen Mythologie, der so betört sei von diesem Teil der Welt, dass er sich hier schlafen gelegt habe. Sein Rücken würde die fast 3500 Kilometer lange Küste formen, geprägt von fast unberührter, dramatischer Natur, von zerklüfteten Felsabschnitten. Weite und imposante, kleine und beschauliche Buchten voll glitzerndem, weißem Sand im steten Wechsel. Und davor immer wieder Inseln wie Phu Quoc im äußersten Südwesten an der kambodschanischen Grenze, kaum bevölkert, mit unberührten Stränden und undurchdringlichen Wäldern, bis hin zu den majestätischen Karstkegeln der Ha-Long-Bucht ganz im Nordosten.

Die Küste Vietnams gibt genug grandiose Bilder her, doch kaum irgendwo hat die Natur so ausgelassen herumgespielt wie in der Gegend um Nha Trang. Die Hauptstadt der Provinz Khanh Hoa ist eingebettet zwischen gebirgigem Hinterland, Meer und 71 Eilanden, die je nach Witterung anders und stets faszinierend aussehen. Kein Wunder, dass sich schon zu Kolonialzeiten die Franzosen unter die Einheimischen mischten, die hier noch immer traditionell ihre Wochenenden verbringen mit Ausflügen zu den Inseln, mit Strandspaziergängen und damit, ihre Kinder im Wasser planschen zu lassen.

Inzwischen ist Nha Trang das Mallorca Vietnams,Touristen in neonfarbenen Badelatschen schlendern über die Boulevards, bräunen in der Sonne und machen nachts aus den kleinen Kneipen ein turbulentes Discoland. Doch wer hierher kommt, meint Duncan MacLean, Manager des "Sunrise Beach Resort", "muss unbedingt ins Wasser gehen, sowas kriegt man in Asien kaum noch zu sehen." Auch wenn das Meer ruppig ist und eher zum Tauchen als zum Schwimmen einlädt. Und das tut man dann mit dem jungen Herrn Loc, der dabei die für Taucher üblichen Gruselgeschichten erzählt - von Kugelfischen, die tödliches Tetrodotoxin speichern; oder von Steinfischen, die Gift in Stacheln und Schwanzflosse haben, weshalb man besser nicht auf sie treten sollte. Ich tauche ab, um mich herum blitzende, gleißende Fischschwärme, die wie ein Feuerwerk zwischen den Korallen auftauchen und verschwinden.

Der Reisende erreicht Nha Trang über den Flughafen von Cam Ranh; die Straße in die freundliche Stadt führt durch Dünen wie Schneewälle, deren Sand nach Japan zur Glasherstellung exportiert wird. Dahinter Steilküste. Unten tanzen Boote im fluoreszierenden Licht der Sonne. Vor Dutzenden von Fischfarmen stehen Stangengerüste, als würde im Wasser Mikado gespielt. Kurz vor Nha Trang passiert man eine halbfertige Ferienanlage, dann geht es auf die Tran Phu, die fünf Kilometer lange Uferpromenade, gesäumt von Palmen und gestutzten Pinien am Strand. Der Ort selbst ist ein kafkaeskes Gewirr von Minihotels, Bars, Cafés, Restaurants. "Bald", sagt Long Thanh, "kann Nha Trang das führende Badeurlaubsziel Asiens sein."

Long Thanh sitzt im "Seafood House", nicht weit von der Promenade. Er hat Haifischsuppe,Riesengarnelen, gebratenen Fisch und Seegurke in einer bittersüßen Sauce bestellt. Er kommt oft hierher, jeder kennt ihn in Nha Trang, den berühmtesten vietnamesischen Fotografen, der mit seinen Bildern die Seele des Landes und seiner Menschen einfängt. Es sind archaisch anmutende Szenen in Schwarzweiß. Ein Junge auf dem Rücken seines Wasserbüffels im Reisfeld.Alte Frauen mit runzliger Haut. Mädchen, die Salz ernten. Fischer, die Netze auswerfen. "Ich zeige das einfache, harte Leben", sagt Long Thanh, "manchmal weine ich, wenn ich meine Aufnahmen sehe."

Dieses Leben ist seltener geworden in Nha Trang. Gäste aus aller Welt bevölkern nun tagsüber den langen, sanft geschwungenen Sandstrand. Ein Patchwork aus Badehandtüchern, Sonnenschirmen, in der Luft der Duft von Sonnencreme. Händlerinnen rösten Süßkartoffeln am Straßenrand; ein altes Ehepaar schlendert unter Palmen; eine Gruppe von Männern kauert vor einem Brettspiel, einen Karton mit Muscheln und Büchsenbier neben sich. Im Vergnügungspark Phu Dong sitzen vor Freude kreischende Kinder im Riesenrad, in Karussells und scheppernden Autoscootern. Mopedlärm. Tauchshops. Souvenirläden. Die Parolen auf den Wandgemälden der Kommunistischen Partei nebenan wirken wie Relikte einer versunkenen Zeit. Fotograf Long Thanh: "Die Welt ändert sich." Eine halbe Stunde mit dem Boot entfernt, Richtung Norden, hat die Welt sich aufs Schönste verändert.

Dort befindet sich an einer stillen Bucht der Halbinsel Heo das "Evason Hideaway", eine luxuriöse Anlage mit Villen und Bungalows, harmonisch eingebettet in das steile Ufer. Kein Quadratmeter Natur, so Manager Jean-Paul Riby, sei dabei zerstört worden. Alles wurde mit natürlichen Materialien aus der Region errichtet, mit Holz, Bambus, Bast, Granit, dazu eine biologische Kläranlage. "Wenn wir hier morgen abbauen würden, sähe man keinen Unterschied zu vorher." Das entspricht dem Konzept des Unternehmens Six Senses, das hinter dem "Evason" steht. Umweltverträglichkeit gehört genauso dazu wie landestypische Massagen, lokale Küche,Wireless Network und ein Weinkeller mit 3000 Flaschen. Auf die Idee, ihr Ressort genau hier in diese einsame Bucht zu bauen, kamen die Investoren, weil der romantische Strand früher ein beliebtes Ausflugsziel für Hochzeitspaare war. Six Senses versucht mit seinen Anlagen, lokale Kultur mit modernem Komfort zu verbinden.Was auch im "Ana Mandara Resort" in Nha Trang gelingt, dem einzigen Hotel am Ort mit direktem Zugang zum Strand. "Ana Mandara" heißt "schönes Zuhause": in der Lobby Harfenklänge, im Dampfbad duftet es nach Zitronengras, Grapefruit, Guaven.

Morgens um halb sechs fährt mich Chefkoch David Thai über die schwarze See zum Fischmarkt, wo silbern der Fang der Nacht glänzt. Stunden später, abends auf der Terrasse des Restaurants, wird mir das Menü serviert, der Fisch ist delikat, und mein Blick geht übers Wasser zur Bambusinsel, wo die Lichter des "Vinpearl Resort" strahlen, einer riesigen Anlage, die unaufhaltsam wächst. Das "Vinpearl" rühmt sich des größten Swimmingpools Südostasiens und sieht von weitem aus wie ein Karpfen, der mit einer Axt tranchiert wurde. Am Berg prangt der Hotelname in metergroßen Lettern wie der Schriftzug über Hollywood. Demnächst soll eine drei Kilometer lange Gondelbahn vom Festland zum Resort in Betrieb genommen werden. Die Gäste sind überwiegend Russen - Vietnamesen würden sich ohnehin nicht im Badeanzug im Sand räkeln. Das verbietet der Anstand. Der Leiter des Spas im Ana Mandara, Bo Tornslev, sagt: "Dieser Ort wird boomen ohne Ende, ich habe die Entwicklungspläne gesehen." Long Thanh, der Fotograf, sagt, ihn störe das wenig. Man müsse nur eine Tour ins Hinterland machen, dort könne man immer noch das alte Vietnam seiner Kindheit erleben. Also fahren wir im Morgengrauen auf dem Highway 1 die Küste hoch Richtung Norden und biegen nach 50 Kilometern rechts ab. Eine schmale Halbinsel Hon Gom. Haushohe Sanddünen, Kasuarinen, umtost vom stürmischen Meer. Frauen mit Körben an Bambusstangen suchen nicht weit von der Straße nach Meersalz.

Wir fahren zum Fischerort Dam Mon an der Van-Phong-Bucht, wo Jacques Cousteau 1933 beschloss, fasziniert von den klaren Gewässern, sein Leben dem Meer zu widmen. Fischer flicken Netze. Frauen schleppen Fische und Gemüse. Bilder, wie Long Thanh sie sucht, das einfache, harte Leben. Ein Boot bringt uns zu einer Perlenfarm vor einer kleinen Insel. Danach weiter zu einer noch kleineren, unbewohnten, wo ein gewisser Herr Ly ein Restaurant an den Sandstrand gestellt hat. Die Gäste können sich die Langusten für das Mittagessen aus den Käfigen der schwimmenden Fischfarmen angeln.Herr Ly sagt, das Geschäft gehe gut, er habe viele Gäste: "Die sind gern ungestört, sie essen, sie trinken, sie baden." Natürlich gebe es auch hier Haifische." Wir haben ein Sprichwort", sagt Herr Ly, "es heißt: Kämpfe nicht gegen den Haifisch, schwimme mit ihm."

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Autor:
Gerhard Waldherr