Vietnam Das rastlos wirbelnde Saigon

Ausblick über Ho-Chi-Minh-Stadt

Manchmal dachte er, es wäre immer sieben Uhr abends und Zeit für einen Cocktail auf dem Dach des "Majestic". Vom Saigon-Fluss würde ein sanfter Wind wehen…

So der Traum von Thomas Fowler, dem Helden in Graham Greenes Roman "Der stille Amerikaner". Fowler, der alternde britische Reporter, verfällt dem Charme des kolonialen Saigon und einer jungen Vietnamesin namens Phuong, deren Haut wie Opium duftet und die er empfindet wie "das Zischen des Dampfs im Teekessel, das Klirren einer Tasse, eine bestimmte Stunde der Nacht und das Versprechen von Ruhe".

Es ist 19 Uhr und Zeit für einen Cocktail. Am Hafen schlafen die Schiffe, und die Dämmerung hat immer noch jenen magischen Zauber, den Greene beschrieb.Auch wenn ich sie nicht vom "Majestic" aus betrachte, sondern von der Bar "Saigon Saigon" im neunten Stock des Hotels Caravelle. Und obwohl Saigon längst Ho-Chi-Minh-Stadt heißt, die Place Garnier unten vor dem Opernhaus in Lam Son umbenannt wurde und die Rue Catinat um die Ecke in Dong Khoi. Leuchtreklamen prangen an den Hochhäusern - Sanyo, Citibank, Vietnam Tourist. Während die philippinische Band "Black Magic Woman" von Santana spielt, kommt sie an die Bar.

"Darf ich mich setzen?"

"Bitte."

"Was machen?"

"Notizen über das Nachtleben."

"Gutes Nachtleben, schöne Mädchen."

Sie hatte immer ein gutes Nachtleben und schöne Mädchen, diese Stadt, die gern die Kokotte Vietnams genannt wird, die Geliebte, der alle verfielen - Franzosen, Amerikaner. Und neuerdings die Besucher aus aller Welt. Früher saßen auf dem Dach des Caravelle die Korrespondenten aus aller Welt, blickten in das Mündungsfeuer über dem Mekong-Delta und brüsteten sich, es sei der einzige Krieg, über den man vom Barhocker aus berichten könne. Nun sitzen reiche Geschäftsleute am Tresen, vor sich haben sie Drinks, die "B 52" oder "Good Morning Vietnam" heißen.

Die junge Dame bestellt "Miss Saigon" - Brandy, Curaçao, Ananas- und Orangensaft. Ein Sonnenuntergang im Glas. Sie heißt Hoa, riecht nicht nach Opium und gibt mir ungefragt einen handbeschriebenen Zettel mit ihrer Mobilnummer.Von schönen, schmalen Gestalten schrieb Greene, und über seine Phuong: "Mon enfant, ma soeur - bernsteinfarbene Haut. Sa douce langue natale." Hoa lehnt sich nach vorn, bernsteinfarbenes Dekolleté, sie blickt mich aus tiefschwarzen Augen an. Die Band spielt "With or Without You" von U2. Hoa sagt: "Ruf mich an, ich kann dich glücklich machen."

Wenn es Nacht wird, legt sich erst ein violetter Schimmer über Fluss und Häuser, dann fällt die Dunkelheit über die Stadt. Nichts ist mehr zu spüren von der feuchten Hitze des Tages, in der alles zerfließt im Dunst aus Staub und Auspuffgasen. Dann sitzen die Einheimischen vor kleinen Restaurants auf dem Gehsteig. Dann trotten die Händlerinnen mit ihren Körben an Bambusstangen durch den Feierabendverkehr.

Ruhe kehrt trotzdem noch lange nicht ein in dieser Stadt, die immer schon geschäftiger war als jede andere Vietnams, offener allem Fremden gegenüber, experimentierfreudiger. Und so brechen die Menschen nach dem Abendessen auf in Karaoke-Bars, wo sie Lieder singen mit Titeln wie "Vi yeu" (Weil ich liebe) oder "Kong can hua phai hua dau em" (Du willst mir kein Versprechen geben). Die Liebe. Worüber sollte man sonst singen? Die Bänke der Parks sind voller Paare; Bewegung und Menschenansammlungen an jeder Straßenecke, Neonlicht glüht über Clubs und Discotheken.

"Wir sind stolz auf uns", sagt Pham Quang Minh, "alles wächst." Der Sales Manager des Sheraton erzählt, Pepsico sei gerade dabei, sein Netzwerk in der Stadt auszubauen, Intel habe sein Investment erhöht. Die Börse boomt. Das Baugewerbe floriert. Brücken über den Saigon-Fluss und eine U-Bahn sind in Planung.Vietnam ist der Wachstumstiger Asiens. Phams Rechnung: "Mehr Geld, mehr Geschäfte, mehr Restaurants, mehr Bars, das bedeutet mehr Nachtleben." Jermaine St. Omer, der mit seiner kanadischen Band Saint'O im Nachtklub des Sheraton auftritt, meint: "Sie sind hungrig, sie wollen nach vorn. Sie wollen endlich die schlechten Zeiten vergessen, vor allem die Jungen."

So wie Pham, ein kleiner, lebhafter Mann im Nadelstreifenanzug, der jene Hälfte der Bevölkerung verkörpert, die nach 1975 geboren wurde. Nach dem Ende des Krieges. "Wir haben jetzt mehr Möglichkeiten", so Pham, "es gibt viele neue Jobs." Dazu gehören auch die der Mopedfahrer, die überall winken. Xe Om ("umarmende Vehikel") nennen sie ihren Service, und wer sich ihnen anvertraut, landet mitunter in lärmenden Kneipen voller Vietnamesen, wird eingeladen zu Muscheln und Flusskrebsen und erfährt, dass es auch Bia Om ("umarmende Biere") gibt. Die vietnamesische Sprache liebt bildhafte Ausdrücke. Xe Om? Weil sich die Menschen auf den Mopeds aneinander festklammern. Bia Om? Wer miteinander trinkt, schließt auch Freundschaft. Mot, hai, ba - zo! Eins, zwei, drei - Prost!

Mopedausflug mit William

Es ist wieder sieben Uhr abends, in der "Qing Bar". Gepflegte Atmosphäre. Weine aus Italien, Neuseeland, Chile. Auf der Speisekarte lese ich, qing sei ein chinesisches Wort und stünde für jene höfliche Form, einen Drink anzubieten. Ein nicht mehr ganz junger, bleicher Herr spricht mich an: "Was machst du da?" William, Geschäftsmann aus Los Angeles, verbringt sechs Monate im Jahr in Saigon. "Komm doch rüber zu uns." Drüben sitzen ein Spanier, ein Franzose, zwei Frauen, die für eine vietnamesische Hotelgruppe arbeiten. Stammgäste. Sie sind nicht mehr ganz nüchtern, laut, leutselig. Die vietnamesischen Kellnerinnen senken indigniert den Kopf und verdrehen die Augen.

Wie soll das alles passen zu diesem Land, dessen Sprache ein weicher Singsang ist, eine Symphonie von Untertönen und Nuancen, in der dieselben Worte durch unterschiedliche Betonung eine ganz andere Bedeutung bekommen? Wo direkter Augenkontakt und heftiger Handschlag als aufdringlich empfunden werden? Und, so Greene: "Man hatte den Eindruck, dass sie sich niemals nachlässig kleideten, niemals ein ungerechtes Wort sagten, niemals Opfer einer ungehörigen Leidenschaft wurden."William hat Greene nicht gelesen, er sagt: "Morgen, neun Uhr, ich hol' dich ab."

Die Luft ist lau.William wartet vor dem Hotel. Er hat sein Moped mitgebracht und elf Stationen notiert für die Reise bis ans Ende der Nacht. "Let's go." Hinein in das hupende, knatternde Gewühl, in dem alle fahren wie sie wollen und in dem Fremde kein System erkennen. William: "Sie nennen den Zeitvertreib, einfach herumzukurven' Di vong vong." Die Sehenswürdigkeiten des ersten Distrikts, der immer noch das Herz von Saigon ist, fliegen vorbei: Kathedrale. Postamt. Palast der Wiedervereinigung.

Eine Viertelstunde später sind wir in der Bar "MTV", wo hunderte Teenager "Smoothies" trinken und Fußball gucken. Sie haben sich chic gemacht. Lacoste ist die Marke der Stunde, Mädchen flitzen in knackengen Sommerkleidchen auf ihren Hondas umher. Überall Fernsehgeräte. Premier League, Bolton Wanderers gegen irgendwen. Wir gehen eine Treppe hoch. "Napoli", dunkel hübsch, romantisch. Nächste Station im selben Gebäude, selbes Stockwerk: "Aqua", das Dekor weiß wie Schnee, in den Wänden Aquarien, viele junge Vietnamesen. Sie sehen aus wie Kinder und stehen schwankend vor Tischen mit Hennessy-Cognac.

William heißt nicht William. Er sagt, ich müsse das verstehen. Er hat in West Hollywood eine koreanische Frau und einen dreijährigen Sohn, er will demnächst ein mexikanisches Restaurant in Saigon eröffnen. "Dieses Land ist reif für Tacos und Tequila", sagt er, während wir weiterziehen in einen mehrstöckigen Club namens MGM. William sagt: "Die Tomatilos für die Salsa müssen wir einfliegen, die haben sie hier nicht." Was sie haben, ist Geld. Auch auf den Tischen des MGM überall Hennessy; die billigste Flasche kostet umgerechnet 60 Euro, die teuerste 1200. Zigarren liegen in Glaskästen. Ein Arzt verdient hier rund 54 Euro im Monat.

Für William passt das durchaus zusammen. Zwischen diversen Whisky-Cola meint er, seit dem Beitritt Vietnams zur WTO habe eine neue Zeitrechnung begonnen im sozialistischen Tigerstaat. Saigons Nachtleben würde das widerspiegeln. "Die internationalen Investitionen fließen, vieles davon versickert in dunklen Kanälen und kommt dann nachts wieder zum Vorschein." Diese Gesellschaft, sagt er, ächze vor Regularien und Formalitäten. "Sie braucht ein Ventil." Wir stehen in einem Club namens "Gossip". Laserlicht schießt durch den Raum. Stroboskopblitze. Bass-Stakkato aus den Lautsprechern.William winkt zwei Mädchen. Eine heißt Trinh, die andere zeigt Bilder, die sie auf dem Mobiltelefon gespeichert hat. Von sich. Wie sie strippt.

Wir wollen weiter. William setzt sein kalifornisches Lächeln auf, lässt sich die Telefonnummer des Mädchens mit den Nacktfotos geben, steckt ihr Geld zu. Er hat die Selbstsicherheit eines Mannes, auf den Greenes Beschreibung eines US-Handelsattachés passt: "... der sich seine Freunde erhält, weil er das richtige Deodorant verwendet". Wir besuchen noch drei Bars, in denen sich die Menschen vor Enge auf die Füße treten. Auch hier Mädchen, von denen man Sätze wie Ahn yeu em, "Ich liebe dich" lernt, bevor man "Guten Tag" sagen kann. Letzte Station ist das "Apocalypse Now", die Legende. Dort leuchteten schon die roten Laternen, als die Regierung noch über die Öffnung der Ökonomie nachdachte, es noch längst kein doi moi gab. Der Regisseur des gleichnamigen Films, Francis Ford Coppola, sagte, er habe so gedreht, wie Amerika in Vietnam kämpfte: "Wir hatten viel Geld, viel Material und trotzdem keine Kontrolle über das, was im Dschungel geschah."

So in etwa mutet jetzt auch das Chaos im "Apocalypse Now" an. Jeder Tourist, der nach Saigon kommt, muss hier gewesen sein. Die Tanzfläche ist rappelvoll. Man fühlt sich wie im Tunnel von Cu Chi, wo die Vietcong sich in die Erde buddelten, nur sind die Decken hier höher. Krach wie bei einem Bombardement. Der Manager kommt, will aber nicht reden. Es ist 2.30 Uhr, aus den Lautsprechern dröhnt "We Will Rock You" von Queen. Die beiden Mädchen aus dem "Gossip" sind auch da. Zeit zu gehen.

Die Straße vor dem "Apocalypse" ist leer. Nur eine alte Frau radelt vorbei, das Paket auf dem Gepäckträger ragt über ihren konischen Hut hinaus. Die Kette des Fahrrads surrt. Stille. Ein alternder Reporter will nach Haus. Eine bestimmte Stunde der Nacht und endlich das Versprechen von Ruhe.

Am nächsten Abend sitze ich auf der Dachterrasse des Majestic. Unten der Fluss, schwarz wie Teer, auf dem Wasser spiegeln sich die Neonlichter der Reklameschilder.Die Kellner wispern, wenn sie die Drinks servieren. Ein paar ältere Paare tanzen. Sie drehen sich im weichen, warmen Wind. Und ich denke wieder an Thomas Fowler. Greene lässt ihn sagen: "Ich wollte nie wieder nach Hause."

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Autor:
Gerhard Waldherr