Vietnam Interview mit Fotograf Philip Jones Griffith

MERIAN.de: Erinnern Sie sich an Ihren ersten Tag in Vietnam?

Philip Jones Griffith: Den werde ich nie vergessen. Es war Sommer 1966. Als ich aus dem Flugzeug stieg, fühlte ich mich wie in einem warmen, weichen Schoß. Nach den ersten Eindrücken musste ich an Rudyard Kipling denken, der schwärmte von "adretteren, süßeren Mädchen in einem saubereren, grüneren Land." Sein Landsmann Graham Greene lässt den Helden in seinem Roman, den Reporter Fowler, ähnlich fabulieren und sagen: »Ich wollte nie wieder nach Hause.« Mir ging es ähnlich. Ich hatte damals ein paar Aufträge als Fotoreporter und wollte nur einige Monate bleiben. Daraus sind dann drei Jahre geworden, 1970 und 1971 kam ich wieder und wäre bestimmt geblieben, wenn mich die südvietnamesische Regierung nicht ausgewiesen hätte. Ich stand wegen meiner kritischen Berichterstattung ganz oben auf der Liste der Staatsfeinde. Erst nach dem Ende des Krieges konnte ich erneut einreisen.

MERIAN.de: Sie waren insgesamt über 30-mal in Vietnam, haben die Entwicklung des Landes bis heute dokumentiert - warum dieser Aufwand?

Griffith: Wenn man mit etwas zutiefst verbunden ist, kann man ihm nicht mehr den Rücken zukehren. Ich war in 140 Ländern, doch nur in Vietnam fühle ich mich wirklich zu Hause.Wenn ich eine Liste von Eigenschaften machen müsste, die man an Menschen schätzt - die Vietnamesen haben sie alle: Aufmerksamkeit, Freundlichkeit, Zurückhaltung, Kreativität, Stärke, Mut, Ausdauer,Treue, Gastfreundschaft, Einfühlungsvermögen, Bescheidenheit. Und das wäre erst der Anfang.

MERIAN.de: Erzählen Sie uns vom Krieg.

Griffith: Als ich durch das Land reiste, war mir schnell klar, dass hier ein Genozid passiert. Die US-Army hat ihren Erfolg am so genannten "body count" gemessen, Morden war Strategie. Sie demonstrierte dabei eine unfassbare Gleichgültigkeit gegenüber menschlichem Leid. Einmal sah ich einen Soldaten, der mit einer Frau marschierte. Er drückte ihr den Gewehrkolben in den Rücken und sagte: "Ist es nicht schön zu sehen, wie sie mit den Füßen ihren Willen zum Ausdruck bringen." Ich habe den Krieg nur drei Jahre begleitet, will hier auch nicht die grausamen Details ausbreiten. Die Statistiken sagen alles.

MERIAN.de: Fünf Millionen Tote, über Vietnam wurden acht Millionen Tonnen Bomben abgeworfen, mehr als in allen anderen Kriegen zuvor zusammen?

Griffith: ...13 Prozent der vietnamesischen Bevölkerung wurden ausgerottet, das wären auf die USA umgerechnet 28 Millionen Tote gewesen. Gestorben sind 58.000 GIs. Das War Memorial in Washington mit den Namen der Gefallenen ist 150 Meter lang. Hätten die Vietnamesen ein ähnliches Denkmal, es wäre 14 Kilometer lang.

MERIAN.de: Mit den Namen von vier Millionen Zivilisten?

Griffith: Vier Millionen Wehrlosen! Die Amerikaner verwüsteten das Land der Bauern, zerstörten ihre Häuser, vergifteten die Natur. Sie setzten Napalm und Agent Orange ein. Noch heute, drei Generationen danach, gebären Frauen missgebildete Kinder. Sie verbreiteten willkürlich Terror wie in My Lai, wo von einer US-Einheit 504 alte Männer, Frauen, Kinder und sogar Babys bestialisch ermordet worden sind, nachdem sie vorher gequält, erniedrigt und vergewaltigt wurden. Es gab viele My Lais, über die nie berichtet wurde. Die Franzosen haben wenigstens koloniale Architektur, Kathedralen, Opernhäuser, Bahnhöfe hinterlassen. Die Amerikaner haben Vietnam zu einem Horrorlabor gemacht.

MERIAN.de: ...Um das Land und Südostasien vor Ho Chi Minh und dem Kommunismus zu retten?

Griffith: Für mich war es eine Attacke des amerikanischen Konsumkapitalismus auf eine landwirtschaftliche, konfuzianische Gesellschaft, die die Vietnamesen 3 000 Jahre definiert hatte. Wenn man die Menschen umerzieht zu abhängigen Konsumenten, wenn sie sich mehr sorgen um die Stromrechnung ihres Reiskochers als um ihre Freiheit, ihre Kultur, ihre Identität, dann kann man sie kontrollieren und ausbeuten. Das hatte Amerika auch in Vietnam vor. Ein US-Diplomat sagte mir damals: "Um hier Fortschritt zu machen, muss man alles nivellieren, sie müssen zurück zu Null, ihre traditionelle Kultur verlieren, die blockiert alles." Vielleicht stößt mich jede Form von Fremdbestimmung einer Nation deswegen besonders ab, weil ich Waliser bin; mein Volk hat das unter den Engländern erlebt.

MERIAN.de: Ist das Ihrer Ansicht nach eine Respektlosigkeit vor fremden Kulturen?

Griffith: Die Amerikaner behandelten die Vietnamesen, als seien sie geistig zurückgeblieben, während sie sich selbst für intelligent hielten. Dabei hatte jeder sechsjährige Vietnamese einen höheren Intelligenzquotienten als ein durchschnittlicher GI.Was ich in den Amerikanern sah, war bloß die Arroganz der Ignoranz. Sie konnten nicht begreifen, dass die Vietnamesen nichts anfangen konnten mit ihrem System, ihren Werten, ihrem Denken, in dem die Marke wichtiger ist als der Inhalt.Als Konsequenz daraus wurde der Widerstand gegen sie immer größer.Man kann Ähnliches heute im Irak beobachten.

MERIAN.de: Haben nicht die Südvietnamesen mit den USA kooperiert?

Griffith: Die südvietnamesischen Politiker haben kooperiert, sie waren von den USA als Marionetten installiert worden. Die meisten Soldaten hingegen hatten keinen Respekt vor den GIs. Ihre Überzeugung wurde von der National Liberation Front (NLF) aus Nordvietnamesen und den Vietcong verkörpert. Viele, mit denen ich sprach, haben in den Amerikanern Eroberer gesehen, die das Land auseinanderdividieren wollten. Sie haben so wenig wie möglich gekämpft, ihre Waffen an die NLF verkauft, als Spione für sie gearbeitet. Die Amerikaner haben die Vietnamesen nie verstanden und in ihrer Ratlosigkeit mit Zerstörungswut reagiert. Sie hätten besser den Gedichtband "Kim Van Kieu" gelesen, in dem die Heroine Thuy Kieu, mit der sich die Vietnamesen identifizieren, sagt: "Es ist besser, sich zu opfern. Es bedeutet wenig, wenn die Blume fällt, sofern der Baum seine Blätter behält."

MERIAN.de: Am Schluss blühte nichts mehr. Ein US-Pilot sagte einmal: »Wir haben sogar den Schutt zum Tanzen gebracht.« Wie haben Sie das Land nach dem Krieg erlebt?

Griffith: Es war erschütternd. In den Wäldern und im Dschungel gab es keine Tiere und Vögel mehr, im Norden waren Häuser, Fabriken, Schulen, Krankenhäuser, Pagoden, Kirchen verlassen oder zerstört, Hügelketten waren platt gebombt, stattdessen Millionen Löcher. Lastwagenfahrer hörten nicht mehr auf Hupen, sie waren taub vom Bombenlärm. Man glaubt, 30 000 Kinder haben während der Bombardierung Hanois und Haiphongs an Weihnachten 1972 Hörstörungen erlitten. Nach dem Krieg war Hanoi dann die stillste Stadt Asiens. Man hörte nichts außer ab und an das Quietschen einer Fahrradkette. Es gab keine Straßenlaternen. In den Häusern herrschte der mittelalterliche Schimmer von Öllampen. Auf der Straße füllten Frauen Kugelschreiber mit Spritzen und selbst gemachter Tinte. Das Jahreseinkommen betrug 150 Dollar. Das modernste Gerät, das ich im Land sah, war eine handbetriebene Nähmaschine.

MERIAN.de: Nach dem Amerikanischen Krieg gab es militärische Konflikte mit Kambodscha und China, gefolgt von Hungersnot und Misswirtschaft. Erst seit der Öffnung der Wirtschaft 1986 geht es aufwärts.

Griffith: Das wird gern als Versagen des Sozialismus dargestellt.Aber welche Chance hatte der Sozialismus? Die Basis für Landwirtschaft war zerstört, die Nutztiere waren tot, schlechtes Wetter führte drei Jahre hintereinander zu Missernten beim Reis. Die USA hatten unter Nixon und Kissinger 3,25 Milliarden US-Dollar Aufbauhilfe versprochen als Gegenleistung für freien Abzug ihrer Truppen. Gezahlt wurde kein Cent, sie haben vielmehr 70 Millionen Dollar, die einzigen Devisenreserven des Landes, eingefroren, ein rigoroses Handelsembargo verhängt. Maggie Thatcher etwa hat die Einfuhr von EU-Milchpulver verhindert. Das war eine Politik der Rache. Letztlich wurde Vietnam unter dem Druck der Weltbank zu doi moi, zur wirtschaftlichen Öffnung gezwungen.

MERIAN.de: Fazit: Den Krieg gewonnen, wiedervereint, aber ohne wirtschaftliche und politische Unabhängigkeit?

Griffith: Man kann schon von einer großen Tragik sprechen. Mit der Öffnung des Landes kamen zwar Wohlstand und Fortschritt,Vietnam gehört längst nicht mehr zu den ärmsten Ländern der Welt. Aber die Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen Stadt und Land wächst, auch die Generationen entfernen sich voneinander. Die Traditionen, die althergebrachte Kultur werden immer mehr an den Rand gedrängt. Die Jungen verstehen nicht mehr, unter welchen Entbehrungen ihre Eltern und Großeltern um dieses Land gekämpft haben. Die Alten fragen sich, wofür sie so unbeschreiblich gelitten haben. Aber ich hoffe auf eine Eigenschaft, die die Vietnamesen neben allem anderen auszeichnet. Sie haben es immer verstanden, sich von fremden Einflüssen das Beste zu nehmen und das Schlechte zurückzuweisen. Sie nennen ihre Fähigkeit, "sich zu biegen ohne zu brechen." Sie sind wie Bambus.

Autor:
Gerhard Waldherr