Vietnam Die heilige Stadt der Cham

Die Tempelruinen von My Son

In zwei lang gezogenen Meditationshallen finden sich auch einige wenige Götterstatuen inmitten eines Sammelsuriums von Skulpturen und Artefakten. Die meisten von ihnen aber wurden längst in die Museen von Da Nang, Saigon oder in ferne Länder verfrachtet. Auch schon vor den westlichen Kolonialherren hatten in My Son Khmer, Javaner, Chinesen, Vietnamesen geplündert. Und auch wenn heute Kunsthistoriker entsetzt sind angesichts der unsachgemäßen Lagerung der verbliebenen Skulpturen, so erweckt gerade diese ungeordnete Sammlung eine Vorstellung des geistlichen Lebens, das sich vor Jahrhunderten in My Son abgespielt hat: Reliefs zeigen den mehrarmigen Shiva, bilden Tänzerinnen, Krieger und Priester beim Meditieren ab. Inmitten von Brahma- und Ganesha-Figuren fällt ein Fabelwesen mit Löwenkörper und Elefantenkopf auf: Es ist das Symbol der Vereinigung der Cham-Könige mit den Göttern.

Irgendwo hinter Altarornamenten steht plötzlich eine amerikanische Bombenhülse. Sie ist nicht das einzige Kriegssouvenir - einige der Bauten in My Son befinden sich in einem jämmerlichen Zustand: Weil sich die Vietcong in dem geschützten Tal versteckten, zerbombten die Amerikaner die einzigartigen Relikte ohne Rücksicht auf Verluste. Der A-Komplex zum Beispiel, der bei seiner Entdeckung durch französische Wissenschaftler im Jahre 1885 als wichtigster Bestandteil der Anlage galt und 1937 mühsam restauriert worden war, ist heute nur noch von Gras überwuchertes Steingerümpel. Von weitem fügt es sich genauso unauffällig in die hügelige Landschaft ein wie die vielen Bombenkrater, heute kleine Teiche, in denen sich die Ruinen spiegeln.

Doch Verfall und Zerstörung haben der mystischen Ausstrahlung My Sons wenig anhaben können. Nach den einst so mächtigen Cham, die im 15. Jahrhundert im ständigen Konflikt mit Khmer und Vietnamesen endgültig ihre Selbständigkeit verloren, baute niemand mehr in dem Tal. Bis 1832 existierte Champa noch als Vasallenstaat - aber der Hinduismus und somit My Son spielten keine Rolle mehr. Die heute rund 80.000 Cham sind zum größten Teil zum Islam übergetreten. Die Kultstätte blieb über Jahrhunderte unberührt, die Natur hat von den Bauten längst Besitz ergriffen. Einen Touristen, so die Einheimischen, soll die Atmosphäre in My Son so sehr in den Bann gezogen haben, dass er bei Sonnenuntergang gleichsam magisch angezogen den "Schönen Berg" hinaufstieg. Erst Tage später, heißt es, habe er wieder aus dem dichten Wald herausgefunden.

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Autor:
Christina Schott