Vietnam Die Geschichte der Stadt Hue

Hue in Vietnam

Am Rande der Grabanlage, nicht weit vom Gedenktempel, wuchert der Dschungel. Tropische Bäume ragen in den Himmel, Lianen schlängeln sich um Torbögen und Türme, Flechten fressen sich in zerbröckelndes Gestein, Mauerblumen sprießen aus Fugen. Und über allem wächst Moos, dicht und dunkel wie Pelz. Man steht inmitten einer zugewachsenen Vergangenheit.

Was heute Dschungel ist, wild und verwunschen, war einst der Palast der Konkubinen des vietnamesischen Kaisers Tu Duc. Ein paar der Grundmauern erkennt man noch, die Eingänge unter den Torbögen, die winzigen Zimmer, einen Brunnen, einen Tempel. Den Rest hat sich die Natur zurückerobert. Das Holz ist von Termiten zerfressen, die Steinfliesen sind herausgebrochen und gestohlen, der Geruch von Fäulnis liegt in der Luft. Heute sieht es hier wieder so aus wie damals, bevor die Herrscher der Nguyen-Dynastie für gerade mal 150 Jahre Klein-Peking im Kaiserreich Viet Nam spielten. Bevor sie in ihrer Hauptstadt Hue die Verbotene Purpurstadt und an den Ufern des Parfümflusses Huong Giang ihre Grabanlagen errichten ließen. Alles ist umsonst, lehrt dieser Ort, und alles ist vergänglich.

Kaiser Tu Duc war der vierte von 13 vietnamesischen Herrschern, er regierte so lange wie kein anderer, von 1847 bis 1883. 103 Konkubinen soll er gehabt haben, sagt Tran Duc Anh Son, Doktor der Archäologie und Direktor des Königlichen Kunstmuseums von Hue. Und eine Ehefrau, Kaiserin Le Thien Anh. Nachkommen? Keinen einzigen. Tu Duc, so erzählen es die Touristenführer bis heute hinter vorgehaltener Hand, sei zeugungsunfähig gewesen, vielleicht weil er sich als junger Mann die Pocken geholt hatte. Ein unglückseliger, ein schwermütiger Herrscher, sagt Anh Son, der Museumsdirektor.

Anh Son ist ein Mann von 40 Jahren, akkurater Scheitel, schneller Schritt. Es beginnt zu nieseln wie so oft in Vietnams regenreichster Stadt. Er klappt den Kragen seiner Windjacke hoch, stapft durch Pfützen und erzählt atemberaubende Geschichten über Mandarine, Eunuchen und das Leben der Konkubinen. Wie sie mit ihrem Gebieter Tu Duc, einem 1,43 Meter kleinen Mann mit weichem, ausgeglichenem Wesen und schönen Händen, im Pavillon am See gesessen haben, seinen Gedichten lauschten und ihm Tee reichten aus Tu Duc liebte seine Grabanlage, die Sommer verbrachte er hier, ging auf Hasenjagd und ließ sich durch den Mondschein rudern. Die Konkubinen mussten ihm ihr Leben opfern, nach seinem Tod zogen sie aus der Verbotenen Stadt hierher, trauerten und beteten, bis man sie begrub.

Mit seinem "Suzuki"-Moped fährt Museumsdirektor Anh Son oft hinaus an diese Orte am Parfümfluss, die so viel erzählen über die leidvolle Geschichte Vietnams. Er schätzt die Ruinenromantik und findet, dass nicht alles, was hinüber ist, künstlich wiederaufgebaut werden sollte. Anh Son ist gegen eine Total-Restaurierung, vor allem hier, in den Grabanlagen, die schon von den Kaisern als eine Symbiose von Menschenwerk und Natur gedacht waren. Aber er kämpft auch gegen Verfall und Vergessen. Durch 30 Jahre Indochinakriege sind viele Bauten beschädigt, dann fehlte das Geld, das tropisch- feuchte Klima tut ein Übriges. Seit 1993 ist Hue Unesco-Weltkulturerbe, gewissenhaft muss die Restaurierung geschehen, sagt Anh Son, und professionell.

Mit dieser Einstellung ist er nicht immer auf Parteilinie. Zu schnell planen die heutigen Machthaber Vietnams, sie wollen die Ruinen niederreißen und originalgetreu wieder aufbauen. Neulich, sagt Anh Son, wollten sie ein Ferienressort bauen, inmitten der heiligen Stätten. Und das, obwohl in Hue zurzeit gleich mehrere Hotel-Kästen in die Höhe schießen. Anh Son konnte es gerade noch verhindern. Sie sind halt Bauern, keine Intellektuellen, sagt er und lächelt müde.

In Hue liegen die wahren Schätze im Verborgenen. Man muss sich abseits der Touristenströme bewegen, zu den Grabanlagen von Kaiser Duc Duc fahren, der 1883 nur drei Tage lang regierte und vermutlich vergiftet wurde. Dort sitzen die Pförtner in den Gedenktempeln und schauen Daily Soaps, die im längst versunkenen China zur Kaiserzeit spielen, schlürfen Nudelsuppe, und Regen prasselt auf die mit Wellblech notdürftig ausgebesserten Ziegeldächer. Man muss sie nur bitten, meist führen sie einen durch den Park - wild und verwunschen wie die Tempelanlagen von Angkor Wat.Wissenschaftler wie Anh Son tun ihr Bestes, dass das noch eine Weile so bleibt.

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Autor:
Fiona Ehlers